Lade Inhalt...

Das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) und dessen Folgen für die Instrumentalpädagogik

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 30 Seiten

Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Vorwort

1. Allgemeine Grundlagen zu AD(H)S

2. Medizinische Grundlagen zu AD(H)S
2.1. Diagnostik von AD(H)S
2.2. Symptomatik von AD(H)S
2.3. Behandlungsmöglichkeiten bei AD(H)S
2.3.1. Psychotherapie bei AD(H)S
2.3.2. Nährstofftherapie bei AD(H)S
2.3.3. Pharmakotherapie bei AD(H)S
2.3.4. Behandlungsbegleitende Maßnahmen bei AD(H)S
2.4.Komorbiditäten

3. Positive Aspekte zu AD(H)S

4. Musikerziehung mit AD(H)S-Kindern
4.1. Handreichungen zum Umgang mit AD(H)S-Kindern
4.1.1. Verhaltensmodifikation im Instrumentalunterricht

5. Aus der Theorie in die Praxis – Instrumentalpädagogen berichten
5.1. Zusammenfassung der Fragebögen
5.2. Rückschlüsse aus den Fragebögen

6. Fazit

Quellenverzeichnis

Internetquellen

Anhang

0. Vorwort

»Ob der Philipp heute still

wohl bei Tische sitzen will?«

Also sprach in ernstem Ton

der Papa zu seinem Sohn,

und die Mutter blickte stumm

auf dem ganzen Tisch herum.

Doch der Philipp hörte nicht,

was zu ihm der Vater spricht.

Er gaukelt

und schaukelt,

er trappelt

und zappelt

auf dem Stuhle hin und her.

»Philipp, das mißfällt mir sehr!«

Seht, ihr lieben Kinder, seht,

wie’s dem Philipp weiter geht!

Oben steht es auf dem Bild.

Seht! Er schaukelt gar zu wild,

bis der Stuhl nach hinten fällt.

Da ist nichts mehr, was ihn hält.

Nach dem Tischtuch greift er, schreit.

Doch was hilft’s? Zu gleicher Zeit

fallen Teller, Flasch und Brot.

Vater ist in großer Not,

und die Mutter blicket stumm

auf dem ganzen Tisch herum.

Nun ist Philipp ganz versteckt,

und der Tisch ist abgedeckt.

Was der Vater essen wollt’,

unten auf der Erde rollt.

Suppe, Brot und alle Bissen,

alles ist herabgerissen.

Suppenschüssel ist entzwei,

und die Eltern stehn dabei.

Beide sind gar zornig sehr,

haben nichts zu essen mehr.

Heinrich Hoffmann[1]

Als Heinrich Hoffmann 1844 diese kleine Geschichte zusammen mit anderen Geschichten dieser Art im weltbekannten „Der Struwwelpeter“ seinem Sohn zu Weihachten schenkte und diese im folgenden Jahr erstmalig veröffentlicht wurden, ahnte er sicher nicht, dass die Symptome die er dort indirekt beschrieb zu einer Krankheit gehören, die noch bis in unsere Zeit bestehen würde.

Heute, im Jahr 2011 trägt diese Krankheit den Namen „ Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom mit Hinweis auf Hyper- bzw. Hypoaktivität“ und wird landläufig mit AD(H)S abgekürzt. Sie wird bei vielen Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten vermutet und vor allem bei Jungen oft diagnostiziert.

Der Boom sein Kind auf AD(H)S untersuchen zu lassen, kam dabei allerdings erst in den letzten Jahren auf.

Die Diagnose der Krankheit stellt die Ärzte jedoch vor diverse Schwierigkeiten. Zum einen sind die Symptome in der „normalen“ Entwicklung des Kindes vorübergehend vorzufinden, zum anderen zeigen Mädchen andere Symptome als Jungen auf; sie fallen vor allem weniger durch negative Verhaltensmuster auf und wirken auf ihr Umfeld eher verträumt als aggressiv.

Die vorliegende Arbeit möchte sich der Frage stellen, in wie weit die Instrumentalpädagogik vermag mit von AD(H)S betroffenen Kindern umzugehen, und welche Strategien dabei zur Hilfe genommen werden. Dafür wird erst ein Einblick in die allgemeinen wie medizinischen Grundlagen der Krankheit gegeben, wobei dieses recht an der Oberfläche stattfinden muss, da dieses Thema alleine schon den Rahmen einer Hausarbeit sprenge. Daraufhin folgend sollen die positiven Aspekte, die die Musikerziehung auf ein von AD(H)S betroffenes Kind haben kann Erwähnung finden sowie Lösungsstrategien für die auftretenden Probleme im Instrumentalunterricht aufgezeigt und mit den Erfahrungen von Instrumentalpädagogen aus der Praxis heraus verglichen werden.

Dafür habe ich Instrumentalpädagogen aus ganz Deutschland kontaktiert und ihnen einen Fragebogen zukommen lassen, den sie mir bis zu einem vorgegebenen Stichtag zurückschicken sollten. Von den 25 angeschriebenen Instrumentalpädagogen haben sich vier zurückgemeldet. Es ist durchaus so, dass es sich dabei um keine repräsentative Umfrage handeln kann, vielmehr soll hier eine Stichprobe gegeben werden. Außerdem kann man an den wenigen Antworten sehen, dass dieses ein Thema zu sein scheint, welches nicht gerne angegangen wird. Allerdings behalte ich mir vor zu sagen, dass die Antworten, die ich bekommen habe durchaus qualitativ hochwertig sind.

Des Weiteren möchte ich hier kurz erwähnen, dass ich in dieser Arbeit immer das männlichen Geschlechte benutze. Die soll keine Diskriminierung darstellen sondern nur der Einfachheit dienen. Außerdem benutze ich der Einfachheit halber immer die Abkürzung AD(H)S für die Krankheit.

1. Allgemeine Grundlagen zu AD(H)S

AD(H)S steht als Abkürzung für das so genannte Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom mit Hinweis auf Hyper- bzw. Hypoaktivität. Es handelt sich dabei um eine psychische Störung, die bei Kindern auftritt und, die nach neusten Erkenntnissen auch bis ins Erwachsenenalter anhält. Ein typisches Symptom für diese Störung ist die Impulsivität, welche das plötzliche Handeln ohne Überlegung darstellt und dadurch entsteht, dass Kinder ihre Bedürfnisse nicht aufschieben können. Ein weiterer Aspekt ist die Störung der Aufmerksamkeit; Aufgaben werden dabei oft nicht beendet.

Auch kommt das AD(H)S mit einer Hyperaktivität einher. Wie der Name schon sagt, sind die Kinder hyperaktiv, also rastlos, zappeln ständig, können nicht still sitzen und laufen durch den Raum, obwohl z.B. eigentlich gerade eine Ruhephase stattfindet.[2]

Die Medizin hat in den letzten 30 Jahren des letzten Jahrtausend herausgefunden, dass AD(H)S multifaktoriell begründet ist. Psychologische, biologische als auch soziologische Aspekte spielen in das Krankheitsbild hinein und beeinflussen den Betroffenen maßgeblich im Verlauf der Krankheit, daher kommt es auch, dass die Störung und so vielfältigen Erscheinungsformen auftritt.

Bei der Häufigkeit der Krankheit unter den Kindern von 3-17 Jahren in Deutschland – 5 % der Kinder in Deutschland sind erkrankt – lässt sich erkennen, dass Jungen etwa viermal so oft betroffen sind wie Mädchen. Weltweit sind ca. 9,2 % der Jungen und 2,9 % der Mädchen betroffen.[3]

Wie bereits geschrieben, kann die Krankheit bis ins Erwachsenenalter bestehen und wächst nicht immer, wie noch bis vor Kurzen angenommen, in der Pubertät aus. Somit sind 60 % der Erwachsenen noch betroffen.[4] Das Krankheitsbild des Erwachsenen zeichnet sich eher durch eine gefühlte „innere Unruhe“ denn z.B. aggressiven Verhalten Mitmenschen gegenüber aus. vgl.[5]

Nach dem DSM IV – dem Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (Diagnostisches und Statistisches Handbuch Psychischer Störungen) – wird das Krankheitsbild wie folgt klassifiziert.[6]

Es gibt dabei drei Typen:

- Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder Predominantly Inattentive Type
- Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder Combined Type
- Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder Predominantly hyperactive-Impulsive Type

Dabei ist zu beobachten, dass betroffene Jungen in der Regel mehr unter den

vorwiegend hyperaktiven-impulsiven Typus fallen, wohingegen Mädchen eher dem vorwiegend unaufmerksamen Typus zugezählt werden und zu Tagträumen neigen.[7]

2. Medizinische Grundlagen zu AD(H)S

Medizinisch betrachtet handelt es sich bei AD(H)S um eine Störung in den neuronalen Regelkreisen für Motivation, Kognition, Emotion und Bewegungsverhalten. Diese Regelkreise sind im Frontalhirn, dem so genannten Striatum, angelegt. Somit kann man auch von einer striatofrontalen Dysfunktion sprechen.

Zu ca. 50 % ist diese Dysfunktion erblich dispositioniert, jedoch gibt es auch pränatale Risikofaktoren, die eine Ausbildung der Störung hervortreten lassen können. Die Risikofaktoren sind vor allen Dingen Infektionen während der Schwangerschaft als auch bei der Geburt, sonstige Komplikationen bei der Geburt, beispielsweise eine unterbrochene Sauerstoffzufuhr wegen einer Strangulierung des Säuglings durch die Nabelschnur.

Des Weiteren können Schadstoffe z.B. durch einen Alkohol- sowie Tabakmissbrauch der Mutter oder eine etwaige Bleivergiftung während der Schwangerschaft ausschlaggebend sein für die Erkrankung des Kindes. Außerdem können weitere Erkrankungen des zentralen Nervensystems für ein AD(H)S ursächlich sein.[8]

2.1. Diagnostik von AD(H)S

Die Diagnostik von AD(H)S ist grundsätzlich schwer, da die Kernsymptome der Krankheit in der Entwicklung im Kindesalter vollkommen normal auftreten können ohne, dass ein AD(H)S vorliegen muss.

Zur Diagnostik muss also mehrdimensional vorgegangen werden. Fragebögen, z.B. in Form von Checklisten sollen helfen das vermutlich betroffene Kind und dessen soziale Umfeld zu untersuchen und somit die Erkrankung festzustellen. Auch psychologische und neurologische Tests werden für die Diagnostik herangezogen.

Des Weiteren wird das Verhalten des Kindes im vertrauten Umfeld untersucht und bewertet. Professor Günter Esser, ein deutscher Kinder und Jugendpsychotherapeut und Psychologe der Universität Potsdam entwickelte den bp-Konzentrationstest der bei der Diagnose helfen soll.[9] Auch Prof. Dr. Manfred Döpfner von der Universitätsklinik Köln aus dem Fachbereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie entwickelte zusammen mit Kollegen Checklisten in Form von Fragebögen, die das selbe Ziel verfolgen.

In seltenen Fällen wird auch die Magnetresonanztomographie (MRT) oder die Elektroenzephalographie (EEG) herangezogen um etwaige andere Störungen, beispielsweise Epilepsie, auszuschließen.

Äußerst wichtig bei der Diagnose von AD(H)S ist, dass andere psychische Schäden, wie z.B. Schizophrenie oder Depressionen ausgeschlossen werden.

Für die Diagnose von AD(H)S bei Jungen ist notwendig festzustellen, ob die Symptome seit mindestens 6 Monaten, in mindestens zwei relevanten Lebensbereichen des vermutlich betroffenen Kindes, z.B. im Kindergarten oder der Schule, sowie zu Hause bestehen, als auch vor dem siebenten Lebensjahr das erste mal auftreten.[10]

2.2. Symptomatik von AD(H)S

Wie jede Krankheit wird die Aufmerksamkeitsdefizitstörung durch multiple Symptome begleitet und charakterisiert.

Eine geringe Dauer spontaner Aktivität und eine mangelnde Ausdauer beim Spielen sind nur zwei erste Anzeichen eines AD(H)S. Die betroffenen Kinder sind nicht in der Lage sich lange auf etwas zu fixieren und sich in eine Sache ausdauernd einzudenken. Das führt zu einem überhäufigen Wechseln zwischen Aktivitäten, was immer eine erneute Reizung der Aufmerksamkeit mit sich zieht und somit das Bedürfnis nach immer neuen Impulsen befriedigt.[11]

Gerade von Fremden gestellte Aufgaben, also solche, die für das Kind eine extrinsische Motivation darstellen, bereiten häufig Schwierigkeiten. Daher ist auch eine ungewohnt hohe Ablehnung von Hausaufgaben zu begründen.[12]

Hinzukommt eine ständige motorische Unruhe; besonders bei spontanen Situationen und Aufgaben, die Ruhe abverlangen, gleichen die erkrankten Kinder die scheinbare Reizlosigkeit mit Zappeln, Aufstehen und Rumgehen-/ rennen, lautem Rufen und Sprechen, (aggressives, gewalttätiges) Ärgern der Mitschüler, etc. aus.[13]

Auch wenden sie sich extrem häufig externen Stimuli zu. Beispielsweise schauen sie häufiger aus dem Fenster, schauen in den meist reizüberfluteten Klassenräumen umher und „erforschen“ quasi ihre Umgebung um sich so neue Reize zu beschaffen.

Ein weiteres Zeichen für eine AD(H)S Erkrankung eines Kindes ist, dass es sich beim Erledigen von Aufgaben neben den externen Stimuli auch vielen Nebentätigkeiten hingibt. So werden Stifte unnötig neu angespitzt, Hände und Arme angemalt oder Schuhsenkel abgeschnitten, obwohl z.B. eigentlich nur ein paar wenige Matheaufgaben gelöst werden müssten.

[...]


[1] Hoffmann, Heinrich: Der Struwwelpeter, Schwager&Steinlein, Köln, 2007.

[2] vgl. Döpfner 1995, S. 165f

[3] vgl. http://www.adhs-deutschland.de/content.php?abt_ID=1&site_ID=168&S_ID=u6gk29i9s3ovehkqhbqhcpr7k5, 24.02.2011

[4] ebd.

[5] Döpfner 1995, S. 166

[6] http://www.dsmiv.net/categorization, 01.03.2011

[7] vgl. Ryffel 2010, S. 22

[8] vgl. http://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.de/npin/npinkrankheit/show.php3?p=1&id=110&nodeid=21, 24.02.2011

[10] vgl. Döpfner 1995, S 166ff

[11] http://www.zentrales-adhs-netz.de/i/faqs3.php?sess_id=8986a10092fab4a6c94b09f1cad1ed59&id_cat=5&site=mehr&link_id=;11;3; 24.02.2011

[12] http://www.adhs.info/fuer-paedagogen/spezielle-informationen-und-hilfen/fuer-den-arbeitsbereich-mit-kindergarten-und-vorschulkindern/symptomatik.html 24.02.2011

[13] http://www.adhs.info/fuer-paedagogen/fuer-den-arbeitsbereich-mit-grundschulkindern/symptomatik.html 24.02.2011

Details

Seiten
30
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656378600
ISBN (Buch)
9783656379249
Dateigröße
627 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v210275
Institution / Hochschule
Hochschule für Musik Detmold
Note
1,0
Schlagworte
aufmerksamkeitsdefizitsyndroms folgen instrumentalpädagogik

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) und dessen Folgen für die Instrumentalpädagogik