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Mediale Reflektionen über antijüdische Gewalt in der Weimarer Republik

Bachelorarbeit 2009 41 Seiten

Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Thema und Erkenntnisinteresse
1.2 Politische Gewalt
1.2.1 Begriffsbestimmung
1.2.2 Kriterien für die Unterscheidung verschiedener Typen von Gewalt
1.3 Die Entwicklung des Antisemitismus vom Kaiserreich bis in die Frühphase der Weimarer Republik
1.4 Politische Gewalt in der Weimarer Republik
1.5 Quellen
1.5.1 Auswahl der Quellen
1.5.2 Diejüdische Presse
1.5.2.1 Der C.V. und die C.V.-Zeitung
1.5.2.2 Die Jüdische Rundschau
1.5.2.3 Der Israelit
1.5.2.4 Die Wahrheit

2. Der Mord an Walter Rathenau und das «Scheunenviertelpogrom»
2.1 Der Mord an Walther Rathenau
2.1.1 Walther Rathenau
2.1.2 Die Hintergründe der Tat und die Reaktionen der Öffentlichkeit
2.1.3 Kategorisierung der Gewalt
2.1.4 Die Reaktion derjüdischen Presse
2.1.4.1 Die C.V.-Zeitung
2.1.4.2 Die Jüdische Rundschau
2.1.4.3 Die Wahrheit
2.2 Das «Scheunenviertelpogrom»
2.2.1 Der Verlauf des Pogroms
2.2.2 Kategorisierung der Gewalt
2.2.3 Die Reaktion derjüdischen Presse
2.2.3.1 Jüdische Rundschau, Der Israelit und C. V. - Zeitung

3. Schluss
3.1 Antisemitismus in der Wahrnehmung derjüdischen Öffentlichkeit
3.2 Antisemitische Gewalt in der Deutung derjüdischen Presse

Verzeichnis der verwendeten Literatur

Forschungsliteratur

Quellenliteratur

1. Einleitung

1.1 Thema und Erkenntnisinteresse

„Kriminelles und gewalttätiges Vorgehen gegen Juden wurde nun zu einer eigenständigen Dimension des Antisemitismus - einer Form von Judenhaß, die es im Kaiserreich noch nicht gegeben hatte.“1

Diese Aussage zum Antisemitismus in der Weimarer Republik stammt aus dem Buch Antisemitische Kriminalität und Gewalt von Dirk Walter. Anknüpfend an die Erkenntnis, dass in der Weimarer Republik Gewalt gegen Juden eine „eigenständige Dimension des Antisemitismus“ darstellte, sind in den letzten Jahren einige Arbeiten zu diesem Thema erschienen. Walter liefert einen Überblick über die Häufung von antisemitischer Gewalt und die Diskussion dieser Gewalt in der Öffentlichkeit der Weimarer Republik, während andere, wie Jacob Borut, auf der lokalen Ebene forschen, um zu zeigen, wie sich der Antisemitismus in der Weimarer Republik manifestierte.2 3 Gemeinsam ist den Bemühungen, dass nicht nur die Voraussetzungen für antisemitische Gewalt oder die Folgen für das Bestehen der Weimarer Republik untersucht werden, sondern auch und vor allem der Umgang der jüdischen und nicht-jüdischen Öffentlichkeit mit antisemitischer Gewalt. Cornelia Hecht beschäftigt sich in ihrer Studie Deutsche Juden und Antisemitismus in der Weimarer Republik ausführlich mit der Wahrnehmung und Deutung, nicht nur des gewalttätigen Antisemitismus, durch deutsche Juden.

Anknüpfend an diese Ansätze soll in dieser Arbeit die Reaktion der jüdischen Öffentlichkeit auf zwei Fälle antisemitischer Gewalt in der Frühphase der Weimarer Republik, den Mord an Walther Rathenau und das «Scheunenviertelpogrom», untersucht werden. Einerseits interessieren hierbei die unterschiedlichen Sichtweisen auf Antisemitismus, die unter den deutschen Juden der Weimarer Republik existierten, andererseits die Deutungsmuster, welche die deutschen Juden bei der Interpretation von antijüdischer Gewalt anwendeten.

1.2 Politische Gewalt

1.2.1 Begriffsbestimmung

Auch wenn in der Geschichtswissenschaft keine eigene Disziplin «Historische Gewaltforschung» besteht, so gibt es, im Anschluss an die Sozialwissenschaften, in jüngerer Zeit doch eine Hinwendung zum Themenkomplex Gewalt.4 In der Soziologie und Sozialpsychologie wiederum setzte in den 90er Jahren ein Trend ein, zuungunsten der Erforschung der Ursachen von Gewalt, in der man kein großes Potential mehr sah, den Fokus auf die Analyse von Formen und Handlungsabläufen von Gewalt zu legen. Seitdem stehen „nicht mehr die Motive für Gewalt, sondern deren Körperlichkeit, Entgrenzung, sozial produktive und gemeinschaftsbildende Potenz [...] im Zentrum der Analyse.“5 In der Geschichtswissenschaft wurde diese Wende zum Anlass genommen, nicht mehr nur die Ursachen politischer Gewalt zu erforschen, sondern komplementär die Gewalthandlungen selber genau unter die Lupe zu nehmen und zu kategorisieren sowie nach der Funktion von politischer Gewalt zu fragen.

Der Gewaltbegriff, der hierbei zur Anwendung kommt, ist kein umfassender, der auf die Behauptung abzielt, Gewalt sei überall, vielmehr ist das entscheidende Ausschlusskriterium die Anwendung von physischer Gewalt. Es findet also eine Abwendung vom Konzept der «Strukturellen Gewalt» statt, bei dem der Begriff Gewalt ausgeweitet wird auf „Unrechtsverhältnisse politisch-sozialer Art“6. Gewaltanalyse im Sinne «Struktureller Gewalt», so Schumann, sei nichts anderes als eine Form der umfassenden Gesellschaftsanalyse, des Weiteren impliziere sie eine Zwangsläufigkeit zwischen gesellschaftlichen Zwängen und dem Anwenden von physischer Gewalt und vernachlässige den Gewaltakt selbst als nebensächlich.7 Im Gegensatz dazu wird in der jüngeren Forschung mit Gewalt ganz konkret „eine absichtliche körperliche Verletzung anderer und die Anwendung von äußerem Zwang“8 verstanden.

Wenn man nun von politischer Gewalt spricht, so meint dies die Anwendung von Gewalt, oft kollektiv von mehreren Akteuren ausgehend, zum Zwecke der Verwirklichung einer politischen Absicht. Zwangsläufig wird hierbei, wenn man von politischer Gewalt in den Industriestaaten des 19. und 20. Jahrhunderts spricht, bewusst oder unbewusst das staatliche Gewaltmonopol in Frage gestellt.9

Besteht nun Interesse daran, politische Gewaltakte nach ihrem Zweck zu hinterfragen sowie sie in ihrer Bedeutung für bestimmte Gruppen der Gesellschaft einzuordnen, so ist es ratsam, anhand bestimmter Kriterien eine Kategorisierung verschiedener Typen von Gewalt vorzunehmen.

1.2.2 Kriterien für die Unterscheidung verschiedener Typen von Gewalt

Unter Rückgriff auf die schon genannten Arbeiten von Reichardt und Schumann ist die Abgrenzung einiger Unterscheidungskriterien für Formen der Gewalt möglich, welche bei der in dieser Arbeit angestrebten Kategorisierung zweier bestimmter Gewaltakte hilfreich sind. Das Ziel dieser Kategorisierung soll sein, die Bedeutung des Gewaltaktes für die Täter sowie für die verschiedenen Teile der Gesellschaft herauszuarbeiten:

1. Erfolgt die Gewalt spontan oder geht dem Ausüben von Gewalt eine Planungsphase voraus?
2. Handelt es sich um rationale oder irrationale Gewalt, d. h., ist die Gewalt auf ein Ziel gerichtet oder folgt sie keinem bestimmten Zweck?
3. Wird Gewalt rein instrumental angewendet oder wirkt der Gewaltakt kommunikativ, d. h., soll er eine Botschaft vermitteln?
4. Stellt das Ausüben von Gewalt im Bewusstsein der Täter und der Gesellschaft im konkreten Fall eine Grenzüberschreitung dar oder wird es als relativ alltäglich und normal angesehen?
5. Wie wird die Gewalt von den Tätern legitimiert?

1.3 Die Entwicklung des Antisemitismus vom Kaiserreich bis in die Frühphase der WeimarerRepublik

Der Antisemitismus hatte vom Kaiserreich zur Weimarer Republik eine radikale Entwicklung erfahren und war nach dem 1. Weltkrieg ungleich aggressiver, brutaler und gesellschaftlich verbreiteter. Im Kaiserreich verband sich der Antisemitismus „mit einer ablehnenden Haltung gegenüber Fortschritt, Modernisierung, Liberalismus und damit gegenüber einer Emanzipation der Gesamtgesellschaft.“10 Antijüdische Ressentiments waren weit verbreitet in vielen anerkannten Organisationen und Verbänden. Die Auswirkungen für die deutschen Juden waren vor allem der gesellschaftliche Ausschluss. Zum Ende des ersten Weltkrieges und in der Weimarer Republik hingegen wurde der Antisemitismus zum politischen Programm, große Teile der Gesellschaft wollten eine vollständige Entfernung der Juden aus dem deutschen Staat, brutale Übergriffe auf deutsche Juden waren an der Tagesordnung.11

Dirk Walter spricht in Antisemitische Kriminalität und Gewalt von „drei Strahlungszentren des Antisemitismus“12 im Kaiserreich. Diese seien gewesen: 1. Die Universitäten, an denen sich ein intellektuell und wissenschaftlich verbrämter Antisemitismus ausbreitete, 2. Agrarverbände und konservative, partiell katholische sowie nationalliberale Parteien, die erst seit den 1890er Jahren offen antisemitisch agierten und 3. Kleine Vereine und Splitterparteien, die sich ausschließlich der Propagierung und Verbreitung des Judenhasses widmeten.13

Diese drei Gruppen seien laut Walter nicht direkt personell oder organisatorisch verbunden gewesen, wobei ein Austausch von Ideen allerdings stattgefunden habe. Hierbei hätte sich insbesondere die dritte Gruppe der expliziten Antisemiten als Initiator von Ideen, wie der Kreation neuer antisemitischer Stereotype, hervorgetan, die die beiden größeren Gruppen dann adaptierten, als Tabubrüche inszenierten und somit einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machten.14 Lenkten die wirtschaftlich und sozial benachteiligten Gesellschaftsschichten mit ihren Radau - Aktionen auch die Aufmerksamkeit auf sich, „initiiert und gelenkt wurde die antisemitische Bewegung [...] maßgeblich von den Führungs- und Bildungsschichten“15, welche die ständisch gegliederte Gesellschaft erhalten und ihre Gruppeninteressen nach unten verteidigen wollten.16

Der moderne Antisemitismus des Kaiserreichs stellte die Emanzipation der Juden in Frage und sprach ihnen die Fähigkeit zur Anpassung an die Gesellschaft ab. Er griff nicht nur das Judentum an, sondern bestritt auch, dass ein Jude jemals dem deutschen Volk zugehören könnte. „Integration war [...] nur möglich durch Aufgabe der jüdischen Religion.“17 Passend dazu forderten viele politisch aktive Antisemiten, so beispielsweise der Leipziger Antisemit Heinrich Pudor, den Juden als Rasse den Status des deutschen Staatsbürgers zu verwehren und sie nach Palästina abzuschieben, beziehungsweise per Gesetz zur Auswanderung zu zwingen.18 Viele Juden hatten sich akkulturiert und empfanden sich als Deutsche, die rechtliche Gleichstellung gewährte ihnen die individuellen Rechte als Staatsbürger. Trotzdem war es den Juden weiterhin nicht möglich, einige Berufe auszuüben und für ihre Umwelt blieb ein Jude ein Jude, „allenfalls [ein] Deutscher auf Bewährung.“19 Die antisemitischen Ressentiments, die es in allen Gesellschaftsschichten gab, sorgten dafür, dass Juden aus vielen Vereinen, Klubs und Studentenverbindungen ausgeschlossen blieben. Jeder Jude machte individuelle Erfahrungen mit Diskriminierung und Ausgrenzung durch seine Mitmenschen, hinzu kamen antisemitische Postkarten und Karikaturen, sowie Gasthöfe und Urlaubsorte, die stolz damit warben, «judenfrei» zu sein.20

Diejenigen, die den Antisemitismus im Kaiserreich selbst vorantrieben oder sich für die Propaganda der antisemitischen Vordenker instrumentalisieren ließen, waren laut Werner Jochmann Menschen, welche sich den Anforderungen der Gegenwart nicht gewachsen sahen, da sie sich an die massiven Veränderungen, die das 19. Jahrhundert mit sich brachte, nicht anpassen konnten. Er spricht hiermit die Gruppen an, deren Wertevorstellungen nicht mehr mit der Realität in Einklang zu bringen waren, solche, die ihre wirtschaftliche Position bedroht sahen, die mit dem Prestigeverlust ihres Berufsstandes zu kämpfen hatten oder ihren Lebensstil nicht mehr aufrecht erhalten konnten. Namentlich waren dies vor allem Großagrarier, Bauern, Gewerbetreibende und Beamte. Einem gefühlten „'Verfall' aller Ordnungssysteme“21 konnten sie nur mit dem Stellvertreterkampf gegen die zersetzenden Kräfte der jüdischen Rasse begegnen. Antisemitisch zu sein, hieß zugleich auch, konservativ, nationalistisch und kulturpessimistisch zu sein.22

Zu denjenigen, die den Antisemitismus ablehnten, gehörten neben dem Kaiser, der sein Land trotz einiger Probleme in einer guten Lage sah und die meisten Veränderungen als Fortschritt interpretierte, Sozialdemokraten, das linksliberale Bürgertum und in Teilen Katholiken sowie hohe Beamte, Offiziere, Unternehmer und Wissenschaftler, wenn „sie [...] vom wirtschaftlichen Fortschritt profitierten, Repräsentanten des nationalen Machtstaates waren oder am wachsenden Ansehen der deutschen Wissenschaft und Kultur teilhatten.“23 Auch wenn sich diese sehr unterschiedlichen Gruppen auf anderen Feldern teilweise unerbittlich bekämpften, war ihnen die Opposition gegen den Antisemitismus oder sogar das aktive Vorgehen dagegen gemeinsam. Die Arbeiterschaft versprach sich vom Fortgang der Industrialisierung eine Verbesserung ihrer materiellen und sozialen Lage, wirtschaftlichen Einfluss oder politische Macht hatte sie nicht zu verlieren, der Marxismus förderte eine auf die Zukunft gerichtete Lebenseinstellung und Denkweise. Berührungspunkte mit den Führern des Reiches gab es nur wenige, hierzu gehörte allerdings der Fortschrittsglaube, welchem auch das linksliberale Bürgertum anhing, mit dem die Sozialdemokraten trotz der vielfältigen politischen Gegensätze den Antisemitismus bekämpften. Auch das Zentrum stand diesen beiden Richtungen aufgrund dessen Ablehnung des biologischen Materialismus und des kulturkritischen Pessimismus der Antisemiten partiell beim Vorgehen gegen den Antisemitismus zur Seite.24

Mit dem Ausbruch des 1. Weltkrieges schienen die Gegensätze zwischen Deutschen und Juden dann zurückzutreten oder sich sogar aufzulösen. Viele Juden zogen begeistert für Deutschland in den Krieg, selbst in zionistischen und jüdisch-nationalen Kreisen wurde vielfach die Begeisterung für den Krieg geteilt. Sogar aus offen antisemitischen Kreisen wurde am Anfang des Krieges Stimmen laut, die anerkannten, dass die Juden ihre Pflicht als Deutsche tun würden. Der Burgfrieden währte allerdings nicht lange, militante Judenhasser hatten ihn schon von Anfang des Krieges an abgelehnt, „die offene Feinseligkeit gegenüber den Juden verschärfte sich mit abnehmendem Kriegsglück.“25 26

Die führenden Antisemiten bemühten sich darum, den Antisemitismus besonders im Militär zu fördern und zu radikalisieren, war er hier doch auch vor dem Krieg schon weit verbreitet. Das Ziel dieser Bemühungen war die Systemerhaltung durch eine Stärkung des Militärs: Durch den Hass auf den Feind des deutschen Volkes sollte der Möglichkeit einer Revolution entgegen gearbeitet werden. Die Folgen für die jüdischen Soldaten waren verheerend: Sie wurden als

«Drückeberger» und schlechte Soldaten beschimpft und ihnen wurde vorgeworfen sich mit Geld und Beziehungen gefahrlose Stellen in den Schreibstuben des Militärs zu verschaffen. Der von Offiziersseite gedeckten Diskriminierung waren keine Grenzen gesetzt. Hinzu kam, dass die antisemitischen Anführer dafür sorgten, dass in den Dienststellen innerhalb und außerhalb des Heeres massenhaft Juden denunziert wurden. All dies führte schließlich dazu, dass das Kriegsministerium am 11. Oktober 1916 eine statistische Erhebung über die Dienstverhältnisse der Juden veranlasste, deren Ergebnisse jedoch nie veröffentlicht wurden, was auf antisemitischer Seite natürlich zum Nachteil der Juden ausgelegt wurde. Für Hermann Greive {Geschichte des modernen Antisemitismus in Deutschland) handelt es sich bei der «Judenstatistik» um den „zweifellos wichtigsten, d. h. destruktivsten antisemitischen Vorgang des Weltkriegs.“27 28

Bei den ersten einflussreichen antisemitischen Gruppierungen der Weimarer Republik finden sich personelle Kontinuitäten zu den im Krieg aktiven Vorläuferorganisationen. Die wichtigste dieser Gruppierungen war der Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund, der ungefähr 200.000 Mitglieder hatte, welche aus dem alten und neuen Mittelstand kamen, sich also aus kleinen Kaufleuten, Handwerkern, Angestellten und Lehrern zusammensetzten. Der Antisemitismus der Deutschvölkischen war geprägt von der Rezeption von Verschwörungsmythen wie den «Protokollen der Weisen von Zion» sowie der Forderung nach Gewalt gegen Juden und der Einführung eines «Judenparagraphen» in rechten Organisationen, der Juden die Mitgliedschaft in diesen verbieten sollte. Die deutschnationalen Antisemiten, welche sich beispielsweise in der DNVP sammelten, gerieten durch die Radikalität der Deutschvölkischen in die Defensive. Wollten sie die Richtung der antisemitischen Bewegung bestimmen, so brauchten sie ein eigenes, alternatives Thema, welches sie in der «Ostjudenfrage» mit der Agitation gegen den Zuzug weiterer jüdischer Einwanderer fanden. Ging von den Deutschnationalen auch nicht die Forderung nach Pogromen und konkreten Gewalttätigkeiten aus, so sahen sie sich von Seiten des linksliberalen Bürgertums dennoch dem Vorwurf ausgesetzt, ihre Ablehnung von Gewalt sei nur Lippenbekenntnis und sie würden gegen die Juden eine Stimmung erzeugen, die mit zu Gewalttaten anstiften würde.29

In der Argumentation deutschvölkischer Republikgegner verband sich in den ersten Jahren der Weimarer Republik antisemitische Hetze mit Propaganda gegen die Revolution und die Republik, die aus ihr entstanden war. Das Ziel war die Diskreditierung der Revolution und die Zerstörung der Republik, das Mittel dazu die Verbindung von Revolution und Entstehung der Republik mit einer angeblichen jüdischen Verschwörung. So wurde in Propagandaschriften und auf Flugblättern die Rolle, die bekannte Juden in der Revolution und in Bestrebungen für einen Friedensschluss im 1. Weltkrieg spielten, herausgestellt, um die Vorstellungen einer «Judenrepublik» sowie «Judenrevolution» zu belegen. Nicht selten wurden in diesen Schriften auch direkte Drohungen gegen prominente Juden ausgesprochen und mehr oder weniger direkt dazu aufgerufen, einflussreiche Juden zu ermorden, um die jüdische Macht einzudämmen. Das Resultat dieser systematischen Hetzjagd waren ungefähr 400 politische Morde alleine in den vier Jahren von 1918 bis 1922.30

1.4 Politische Gewalt in derWeimarer Republik

Wie schon erwähnt wurde, ging der Antisemitismus in der Weimarer Republik meist mit der Ablehnung der Revolution und der Republik einher. Oft diente der Antisemitismus gleichsam als Stellvertreter für die grundlegenden politischen Auseinandersetzungen: Wer sich gegen den Antisemitismus positionierte, verteidigte die Republik, wer Antisemit war, lehnte sie ab oder bekämpfte sie aktiv. So kann auch die Untersuchung antisemitischer Gewalt nur unter Berücksichtigung dieses politischen Spannungsfeldes fruchtbar sein.

Was die Einschätzung von Ausmaß und Entstehung von politischer Gewalt in den Anfangsjahren der Weimarer Republik insgesamt angeht, so legen jüngere Erkenntnisse nahe, dass Aussagen, welche sich hierüber treffen lassen, nicht so eindeutig sind, wie lange angenommen.

Stellvertretend für die eher auf Einheitlichkeit abzielende, «traditionelle» Deutung kann hier Weisbrod mit Gewalt in der Politik: Zur politischen Kultur zwischen den beiden Weltkriegen31 stehen. Bei Weisbrod wird die «Brutalisierung» der bürgerlichen Gesellschaft im Krieg als eines der zentralen Merkmale genannt, welches in Deutschland ein neues «Gewaltparadigma» etablierte. Außerdem betont er die Bedeutung von antibolschewistischer Propaganda und die Traumatisierung des Bürgertums durch den punktuellen Bürgerkrieg der Nachkriegsjahre für die Gewaltbereitschaft oder Tolerierung von Gewalt von bürgerlicher Seite.32 Als Agenten für die „Einübung in gewaltsamen Formen der politischen Interessenwahrnehmung“33 nennt er die Privatarmeen der Freikorps und die Einwohnerwehren, denen er eine „zentrale Rolle für die Einübung der Gewaltakzeptanz“34 zuschreibt.

Eine «Brutalisierung» durch Kriegserfahrung hält Schumann Politische Gewalt in der Weimarer Republik 1918 - 1933 nur bei einer Minderheit von Frontkämpfern für möglich. Von viel größerer Bedeutung sei die Interpretation der Kriegserfahrung im politischen Streit der Nachkriegszeit gewesen. Insgesamt lehnt Schumann die Erklärung der Gewalt durch bestimmte Merkmale der Akteure ab, auch die veraltete These, welche die rechte Gewalt als unvermeidbare Folge kommunistischer Aufstandsversuche interpretiert, verwirft er. Was die Bolschewismus-Furcht des Bürgertums angeht, so unterstellt Schumann hier eine wesentlich rationalere Einstellung als Weisbrod. Die Opposition des Bürgertums gegen die radikale Linke speiste sich demnach aus der Sorge, diese könnte den angestrebten Wiederaufstieg Deutschlands verhindern, vor allem indem sie die Einheit aller Deutschen in Gefahr brachte. Eine Vernichtung der bürgerlichen Gesellschaft und Kultur sei allerdings nicht befürchtet worden. Ein herausragendes Indiz hierfür sieht Schumann im Verhalten der Einwohnerwehren, denen er im Großen und Ganzen Passivität bescheinigt. Die Einwohnerwehren seien zwar flächendeckend organisiert und vernetzt gewesen, außerdem massiv bewaffnet, hätten jedoch, als sich die Möglichkeit geboten habe, so zum Beispiel beim Putschversuch im März 1920 in Berlin und den anschließenden Kämpfen zwischen Militär und Arbeitern in ganz Deutschland, die Möglichkeit versäumt, mit den Linken „abzurechnen.“ Die These „von einer tiefsitzenden, hochemotionalen und ihr politisches Weltbild völlig dominierenden Bolschewismus-Furcht“35 im Bürgertum verwirft er deswegen, ebenso die angebliche Schlüsselrolle, die Einwohnerwehren bei der Gewöhnung des Bürgertums an extralegale Gewalt spielten. Gegen die Gefahrder der Einheit der Deutschen galt dem Bürgertum der Einsatz der staatlichen Gewalt, durchaus auch in übertriebenem Maße, so Schumann, als ausreichend.36

Dass politische Gewalt in der Weimarer Republik zur Dauererscheinung wurde, führt Schumann auf die Bildung der Wehrverbände, beispielsweise des «Stahlhelms» zurück. Diese hätten ihre Legitimation aus der Durchsetzung der «richtigen» Interpretation von Weltkrieg, Niederlage und Revolution gezogen, womit sie im bürgerlich-nationalen Lager viele Anhänger hätten finden können. Da sie den öffentlichen Raum Straße als politische Bühne nutzten, seien sie in Konkurrenz zur Arbeiterbewegung getreten, was von deren Seite wiederum mit Gewalt beantwortet wurde.37

Insgesamt halte ich Schumanns Erklärungen für plausibler, da bei ihm, im Gegensatz zu Weisbrod, die Entstehung von Gewalt in der bürgerlichen Gesellschaft weniger zwangsläufig aus den Erfahrungen im Krieg und der Revolution folgt, sondern er vielmehr auf die Ereignisse und Strukturen hinweist, die die Eskalation der Gewalt begünstigten, aber nicht unbedingt zur Folge haben mussten. Explizit weist er auf alternative Entwicklungsmöglichkeiten hin, die bei anderen Entscheidungen der verschiedenen Akteure bestanden hätten.38

1.5 Quellen

1.5.1 Auswahl der Quellen

Wie antisemitische Gewalt in der Weimarer Republik von Juden wahrgenommen und gedeutet wurde, hing maßgeblich davon ab, welcher weltanschaulichen Strömung im deutschen Judentum man sich zugehörig fühlte. Der entscheidende Unterschied zwischen diesen Strömungen wiederum war die Antwort auf die Frage, wie man mit Antisemitismus umgehen und in welchem Verhältnis das deutsche Judentum zur deutschen Gesellschaft stehen sollte.

[...]


1 Walter, Dirk: Antisemitische Kriminalität und Gewalt. Judenfeindschaft in der Weimarer Republik. Bonn 1999. [zugl. Diss., UniversitätFreiburg, 1997], S. 22.

2 Vgl. Borut, Jacob: Gewalttätiger Antisemitismus im Rheinland und in Westfalen während der Weimarer Republik. In: Geschichte im Westen 22(2007), S. 9-40.

3 Hecht, Cornelia: Deutsche Juden und Antisemitismus in der Weimarer Republik. Bonn 2003 (Politik- und Gesellschaftsgeschichte 62) [zugl. Diss., Universität Tübingen, 2001].

4 Vgl. Schumann, Dirk: Gewalt als Grenzüberschreitung. Überlegungen zur Sozialgeschichte der Gewalt im 19. und 20. Jahrhundert. In: Archiv für Sozialgeschichte 37 (1997), S. 366.

5 Reichardt, Sven: Faschistische Kampfbünde. Gewalt und Gemeinschaft im italienischen Squadrismus und in der deutschen SA. Köln (u.a.) 2002 (Industrielle Welt 63). [zugl. Diss., Freie Universität Berlin, 2000], S. 37.

6 Fuchs, Albert: Wider die Entwertung des Gewaltbegriffs. In: Wissenschaft und Frieden 1992 (4).

7 Vgl. Schumann: Grenzüberschreitung, S. 374.

8 Reichardt: Kampfbünde, S.38.

9 Vgl. Ebd. u. Schumann: Grenzüberschreitung, S. 375.

10 Hecht: Juden und Antisemitismus, S. 12ff.

11 Vgl. ebd.

12 Walter: Kriminalität, S.38.

13 Vgl. ebd.

14 Vgl. ebd.

15 Jochmann, Werner: Gesellschaftskrise und Judenfeindschaft in Deutschland 1870-1945. Hamburg 1991 (Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte 23), S. 10.

16 Vgl. ebd.

17 Hecht: Juden und Antisemitismus, S. 36.

18 Vgl. Walter: Kriminalität, S. 40.

19 Hecht: Juden und Antisemitismus, S. 37.

20 Vgl. ebd.

21 Jochmann: Gesellschaftskrise, S. 95.

22 Vgl. ebd.

23 Ebd., S. 97.

24 Vgl. ebd., S.95-98.

25 Greive, Hermann: Geschichte des modernen Antisemitismus in Deutschland. Darmstadt 1983 (Grundzüge 53), S. 99.

26 Vgl. ebd., S. 98ff.

27 Ebd., S. 102.

28 Vgl. ebd., S. 98-102.

29 Vgl. Walter: Kriminalität, S. 11 u. S. 41-51.

30 Vgl. Hecht: Juden und Antisemitismus, S. 138-144.

31 Weisbrod, Bernd: Gewalt in der Politik. Zur politischen Kultur in Deutschland zwischen den beiden Weltkriegen. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 43(1992) 7, S. 391-404.

32 Vgl. ebd., S. 392.

33 Ebd., S. 393.

34 Ebd., S. 395.

35 Schumann, Dirk: Politische Gewalt in der Weimarer Republik 1918-1933. Kampf um die Straße und Furcht vor dem Bürgerkrieg. Essen 2001 (Veröffentlichungen des Instituts für soziale Bewegungen: Schriftenreihe A, Darstellungen 17). [zugl. Habil., UniversitätBielefeld, 1998], S. 361.

36 Vgl. ebd., S.359-362.

37 Vgl., ebd., S. 363ff.

38 So heißt es beispielsweise in Bezug auf die Gestaltungsspielräume in der Republik nach dem Krieg: Die Möglichkeiten für Veränderungen in Bürokratie und Justiz, beim Militär und in der Wirtschaft waren größer, als sie genutzt wurden [...]. Wie die hier vorgelegten Befunde andeuten, saßen aber auch der Revolutionsschock und die Angst vor dem Bolschewismus im Bürgertum nicht so tief, daß sie schon von der Jahreswende 1918/19an eine unumstößliche politische Konstante gebildet hätten. Wären diejenigen Personen und politischen Kräfte in Deutschland, die für den Krieg und die Niederlage verantwortlich waren, 1918/19 deutlich benannt und hart kritisiert worden, hätten größere Chancen bestanden, die linksliberalen Tendenzen im deutschen Bürgertum, die am Vorabend des Krieges an Kraft gewonnen hatten, weiter zu stärken und der Republik eine festere Basis zu verschaffen. Ebd., S. 363. Zwingend seien auch die gewaltsamen Reaktionen der Arbeiterbewegung auf die Bildung der Wehrverbände nicht gewesen, dass zeige die relative Ruhe bei Aufmärschen der mittleren Weimarer Jahre. Vgl. ebd., S. 364.

Details

Seiten
41
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656383550
Dateigröße
596 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v210214
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen – Seminar für mittlere und neuere Geschichte
Note
1,3
Schlagworte
Antisemitismus Weimarer Republik Jüdische Presse in der Weimarer Republik Walther Rathenau Scheunenviertelpogrom

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