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Auswirkungen der Re-education-Politik der Besatzungsmächte nach dem Zweiten Weltkrieg auf die deutsche Bildungspolitik

Hausarbeit 2012 13 Seiten

Politik - Politische Systeme - Politisches System Deutschlands

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Idee der Re-education-Politik in Deutschland ab 1945

3. Darstellung der Re-education-Politik in den Besatzungszonen
3.1 Die britische Re-education-Politik
3.2 Die französische Re-education-Politik
3.3 Die sowjetische Re-education-Politik
3.4 Die amerikanische Re-education-Politik

4. Auswirkungen der Re-education-Politik

5. Schlussbetrachtung.

6. Literaturverzeichnis

1 . Einleitung

„Wer das heutige deutsche Bildungswesen in seiner Vielfalt verstehen will, muß dessen Geschichte kennen.“ (Führ 1997: S.1). Erst mit einem Blick auf die Vergangenheit können viele bildungspolitische Strukturen, Debatten und Probleme in ihrem Ganzen nachvollzogen werden.

Betrachtet man den Zeitraum nach dem Untergang des Deutschen Reiches 1945 und vor der Entstehung der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1949, so sieht man ein viergespaltenes Deutschland, welches seine Souveränität an die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges abgetreten hat. Bildungspolitisch befindet man sich in dieser Zeit in der Phase der Re-education-Politik der Alliierten (vgl. Massing 2002: S.9). „Im Rahmen der allgemeinen Entnazifizierungskampagne und des Versuchs einer reeducation versuchten […]“ (Arbeitsgruppe am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung 1984: S.20) die Besatzungsmächte Frankreich, Großbritannien, die USA und die Sowjetunion Einfluss auf das deutsche Bildungswesen zu nehmen und dieses in ihrer jeweiligen Zone weitestgehend selbstständig zu steuern. Dieser einschneidende historische Zeitraum könnte die deutsche Bildungspolitik geprägt haben. Infolgedessen finde ich es besonders interessant, zu analysieren, wie und in welchem Maße sich diese Re-education-Politik in der heutigen Bildungspolitik niederschlägt. Die in dieser Hausarbeit behandelte Forschungsfrage lautet somit: Wie wirkt sich die Re-education-Politik der Besatzungsmächte nach dem Zweiten Weltkrieg auf die deutsche Bildungspolitik aus?

Dementsprechend wird sich diese Hausarbeit mit der Re-education-Politik der Besatzungsmächte nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland und ihren Auswirkungen auf das deutsche Volk sowie die deutsche Bildungspolitik beschäftigen. Die in der Recherche und zur Ausarbeitung dieser Hausarbeit verwendete Literatur beschränkt sich hauptsächlich auf Sekundärliteratur.

Einleitend wird die Idee der Re-education-Politik in Deutschland ab 1945 in einem kurzen Überblick zusammengefasst. Anschließend wird die Umerziehungspolitik in den einzelnen Besatzungszonen in Hinblick auf die verschiedenen Vorgehensweisen und divergierenden Einstellungen der vier Mächte dargestellt und bezüglich ihrer Auswirkungen auf die deutsche Bildungspolitik analysiert. Abschließend wird im Rahmen einer Schlussbetrachtung ein Fazit gezogen, in dem die oben dargestellte Forschungsfrage beantwortet wird.

2. Die Idee der Re-education-Politik in Deutschland ab 1945

Nachdem am 8. Mai 1945 der Zweite Weltkrieg mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands endete, standen die Siegermächte, Großbritannien, Frankreich, die USA und die Sowjetunion vor neuen Aufgaben. Der deutsche Staat wurde in vier Besatzungszonen unterteilt, die von jeweils einer Siegermacht organisiert wurden.

Grundsätzlich standen die Alliierten vor der Frage, wie sie diesen Staat, dieses deutsche Volk neu gestalten wollten. Sie standen vor der Entscheidung ihre weiteren Handlungen politisch oder pädagogisch zu auszurichten. Laut Herman Nohl musste zwischen diesen beiden Wegen gewählt werden, zumindest in dem Maße, welchem der Vorzug gegeben werden soll (vgl. Nohl 1957: S.288). Die Wahl fiel auf die pädagogisch ausgerichtete Umgestaltung des deutschen Staates. Initiiert wurde dies insbesondere durch den „[…] Erziehungsoptimismus einer vom Geist des Deweyismus beherrschten […]“ (Froese 1969: S.14) amerikanischen Bewegung.[1] Allerdings war man sich zugleich der Notwendigkeit bewusst, diesen pädagogischen Weg in das gesamte Aufbauprogramm Deutschlands zu integrieren und somit auch den politischen Weg weiterhin zu beachten. So heißt es in den amerikanischen Richtlinien für die einschlägige Besatzungspolitik: „[…] Die kulturelle und geistige Umerziehung des Volkes muß […] Hand in Hand gehen mit einer Politik, die darauf berechnet ist, die Stabilität einer solchen Friedensherrschaft wieder herzustellen […]“ (Froese 1969: S.14). Entsprechend hielten die Alliierten die Herstellung eines demokratischen Systems in Deutschland „[…] übereinstimmend für ein grundlegendes Kriegsziel und einen wichtigen Besatzungszweck gegenüber Deutschland.“ (Benz 2005: S.27).

Dazu war es zunächst nötig Deutschland zu entnazifizieren und eine Abkehr vom Militarismus zu bewirken. Vor der Wiederaufnahme der, nach der Besetzung geschlossenen deutschen Schulen sollten die Lehrer, Lehrpläne und Lehrmittel kontrolliert und abgeändert, beziehungsweise ausgetauscht werden (vgl. Benz 2005: S.27). Entsprechend wurde im Potsdamer Protokoll vom 2. August 1945 festgehalten: „[…] Das Erziehungswesen in Deutschland muß so überwacht werden, daß die nazistischen und militaristischen Lehren völlig entfernt werden und eine erfolgreiche Entwicklung der demokratischen Ideen möglich gemacht wird […]“ (Kuhn u.a. 1993: S. 118).

Der bedeutendere und schwerwiegendere Schritt zu einem demokratischen Deutschland spiegelt sich jedoch im zweiten Teil des oben dargestellten Zitats wieder, die Erziehung der Deutschen zu Demokraten, durch die Re-education-Politik der Alliierten.

Die Übersetzung des Begriffs „Re-education“ (es wurde auch der Begriff „Re-orientation“ zumeist synonym verwandt) lässt sich durch „Umerziehung“ umschreiben. Diese deutsche Umschreibung war relativ unglücklich gewählt und löste auf deutscher Seite heftige Abwehr aus. Zum einen erschien der materielle Aufbau weiten Teilen der Bevölkerung weitaus dringlicher als die Demokratisierung. Zum anderen war vielen Deutschen die „[…] militärische und moralische Niederlage […] schmerzlich genug, sie wollten nicht auch noch belehrt und erzogen werden.“ (Benz 2005: S.27). Neben dieser im Volk recht weit verbreiteten Meinung wurden jedoch auch deutsche Stimmen laut, die selbstständig zu einer Umerziehung aufriefen. So betonte beispielsweise der hessische Ministerpräsident Karl Geiler im Februar 1946: „Vor uns Deutschen liegt eine Erziehungsaufgabe […] es gilt, eine geistig-seelische Umformung unseres Volkes herbeizuführen.“ (Führ 1997: S.9).

Der Begriff der Re-education-Politik sowie die Politik in diesem Bereich wurden jedoch insbesondere durch die USA geprägt (siehe 3.4 Die amerikanische Umerziehungspolitik). Vor dem Zweiten Weltkrieg wurde der Terminus „Re-education“ in der amerikanischen Individualpsychologie und Psychotherapie genutzt (vgl. Bungenstab 1970: S.21), um den Heilungsvorgang einer kranken Psyche zu beschreiben. Die Alliierten stimmten darin überein, dass der deutsche Nationalsozialismus als Charakterzug der Deutschen eine ständige Gefahr für den Weltfrieden bedeuten würde und durch Umerziehung ausgemerzt werden müsste (vgl. Detjen 2007: S.99). „So wie man dem Patienten zur Gesundheit verhilft, so sollte den Deutschen zur Demokratie verholfen werden.“ (Detjen 2007: S. 100). Weitestgehender Konsens bestand zwischen den Besatzungsmächten darüber, dass eine Demokratisierung vor allem anderen durch die Umgestaltung des deutschen Bildungswesens erfolgen müsste. Eine Umerziehung, insbesondere der heranwachsenden Generation, schien der beste Weg zu sein, um Deutschland auf den Weg eines demokratischen Staates zu lenken.

Dieser oben benannte Konsens wich jedoch schnell Differenzen, bei der Frage der konkreten Umsetzung in den jeweiligen Besatzungszonen. Jede Siegermacht war in ihrer Zone bemüht, „[…] im Rahmen der Reeducation ihre jeweiligen bildungspolitischen Vorstellungen in Schulen und Hochschulen zur Geltung zu bringen.“ (Führ 1997: S.8-9). Dementsprechend wurde in sehr unterschiedlichem Maße versucht, Elemente der eigenen Bildungssysteme auf die deutschen Verhältnisse zu übertragen (vgl. Arbeitsgruppe am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung 1984: S.20).

[...]


[1] Diese Bewegung geht auf den amerikanischen Philosophen und Pädagogen John Dewey (1859-1952) zurück, der die Demokratie als eine Form des Zusammenlebens beschreibt und somit mehr in ihr sieht als eine bloße Regierungsform.

Details

Seiten
13
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656381990
ISBN (Buch)
9783656383437
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v210051
Institution / Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg
Note
2,3
Schlagworte
re-education-politik besatzungsmächte zweiten weltkrieg bildungspolitik

Autor

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