Lade Inhalt...

Chinastudien heute - Eine kritische Bestandsaufnahme

Chancen und Herausforderungen der Chinastudien

Hausarbeit 2012 22 Seiten

Orientalistik / Sinologie - Chinesisch / China

Leseprobe

1. Einleitung:

„Man bedenke, dass die Sinologie sowohl die Kenntnis des Altertums, als auch durch diese die der Gegenwart vermitteln soll.“ (Otto Franke)

Obwohl dieses Zitat des deutschen Sinologen Otto Franke bereits aus dem Jahre 1911 stammt, ist seine scheinbare zeitlose Aussagekraft bis heute eines der zentralen Spannungsfelder, in denen sich die gegenwärtige Sinologie bewegt. Schließlich inkludiert Frankes Aussage nicht nur das Erschließen und Bewahren interessanter Bestandteile der Menschheitsgeschichte, sondern gleichzeitig umfasst seine Definition ebenso die chinesische Gegenwart, welche durch die sinologische Erforschung des Altertums erkannt und erklärt werden soll.[1] Kurz gesagt, geht es darum mit Hilfe der in jahrhundertealter Tradition aufgezeichneten kulturellen Errungenschaften Chinas die aktuellen dortigen sozialen, politischen, geistigen und nicht zuletzt ökonomischen Verhältnisse verstehen und veranschaulichen zu können. Die entscheidende Frage dabei ist allerdings, mit welchen Inhalten, Paradigmen, Werten und Mitteln diese sinologische Wissensvermittlung in Deutschland stattfinden soll. Zwar ist diese Frage beinahe genauso alt wie das Betätigungsfeld der Sinologie selber, nichtsdestotrotz ist eine finale, allgemeingültige und zugleich umfassende Beantwortung dieser Frage im wissenschaftlichen Diskurs noch lange nicht in Sicht.

Aus diesem Grund setzt sich die vorliegende Hausarbeit mit aktuellen Kritikpunkten und Problemen der deutschen Sinologie, aber auch mit ihren Chancen sowie vieldiskutierten Lösungsansätzen zur Bewältigung der zuvor dargelegten Problematiken auseinander.

Nachdem zu Beginn dieser Arbeit der Begriff „Sinologie“ in wenigen Worten definitorisch eingegrenzt wird, folgt im Anschluss ein kurzer historischer Abriss an Hand von vier bedeutenden deutschsprachigen Sinologen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts wirkten. Hierdurch soll dem Leser einerseits eine kurze Zusammenfassung auf die im Laufe der Zeit sehr divergierenden Positionen und Bilder der deutschen Sinologie – insbesondere zu Beginn des 20. Jahrhunderts – gegeben werden; Und zum anderen wird auf die grundlegende Problematik hingewiesen, dass die in der Wissenschaft vermittelten Bilder, Werte und Paradigmen sehr stark im gesamtgesellschaftlichen Kontext zu betrachten sind und diese ebenso zeitlose wie grundsätzliche Problematik bis heute eine zentrale inhaltliche Frage in der landesweiten Chinawissenschaft darstellt. Als gegenwartsbezogenes Exempel wird im Anschluss die derzeitige Paradigmen-Debatte in der deutschen Sinologie bezüglich des chinesischen Modernisierungsprozesses angeführt.

Der Hauptteil dieser Arbeit wiederum setzt sich mit den schwerwiegendsten Kritikpunkten und Herausforderungen der heutigen landesweiten Chinaforschung auseinander. Untersuchungsgrundlage stellt vor Allem die inner-sinologische Debatte um etwaige Reformen und strukturelle Anpassungen der Lehre und ihrer Inhalte dar. In diesem Zusammenhang unterscheidet die Arbeit zwischen einem inhaltlichen, konzeptionellen sowie einem institutionellen und (infra)strukturellen Ansatz. Konkret geht es hierbei einerseits sowohl um die wichtige Frage, welche konzeptionellen sinologischen Lehrinhalte und Paradigmen in der heutigen Zeit als sinnvoll erachtet werden, und damit einhergehend um die wesentliche Frage der öffentlichen Außendarstellung, als auch andererseits um die Untersuchung ganz elementarer struktureller, materieller und personeller Mängel der gegenwärtigen sinologischen Forschung und Lehre. Ferner wird auf die häufig diskutierte Problematik der institutionellen Zersplitterung der sozialwissenschaftlichen Chinaforschung eingegangen sowie die Debatte, in welcher inner- und transdisziplinäre Stoßrichtung diese Lehre idealerweise angeboten werden sollte dargelegt.

Im Anschluss an diese kritische Betrachtungsebene zeichnet der Autor abschließend einige vieldiskutierte Lösungsansätze dieser aktuellen sinologischen Herausforderungen nach und weist somit auf diesbezügliche Chancen und Potentiale hin, die der gegenwärtige Aufstieg Chinas und das damit verbundene wachsende öffentliche Interesse an diesem Land dieser Studienrichtung bieten. Basis hierfür sind insbesondere „Die Empfehlungen des Wissenschaftsrates zu den Regionalstudien in den Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen“ von 2006.

2. Die Sinologie in Deutschland – Eine Definition

Die Sinologie ist eine Wissenschaft, die sich aus der Perspektive Deutschlands mit einer außereuropäischen Gesellschaft befasst. Demnach macht das Erkenntnisobjekt „China“ eine Grenzüberschreitung sprachlicher, kultureller und gesellschaftlicher Art notwendig, da nach Bodo Wiethoff „der wissenschaftliche Erfahrungsraum immer noch weitgehend durch den Umkreis der eigenen Gesellschaft, was nicht unbedingt mit Staat oder Nation identisch sein muss, definiert ist.“ Folglich kann daher die wissenschaftliche Befassung mit China, gemäß Leutner, auf Grund der gesamten Eingebundenheit des Wissenschaftlers in die Ausgangskultur, sprich Deutschland, als interkultureller Transfer gesehen werden, als Vermittlung von Wissen, von Information, von Bildern über China in eben diese Ausgangskultur.[2]

Wichtig ist zudem zu betonen, dass der inhaltliche Schwerpunkt der vorliegenden Hausarbeit zwar in der universitären Sinologie liegt, darüber hinaus jedoch der Vollständigkeit halber ebenso die außeruniversitäre wissenschaftliche Chinaforschung miteinbezogen wird. Des Weiteren verwendet der Autor im Folgenden den Begriff der Sinologie gleichbedeutend mit den Begriffen der Chinastudien und Chinawissenschaften.

3. Das Selbstbild der deutschen Sinologie zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Wie in der Einleitung bereits erwähnt, sind die jeweiligen Lehrinhalte einer Wissenschaft – und im Besonderen die einer Regionalwissenschaft – stets sehr eng mit der Weltanschauung und dem Selbstverständnis der entsprechenden Wissenschaftler verknüpft. Demzufolge bedeutet diese Korrelation auch auf die deutsche Sinologie zu Beginn des 20. Jahrhunderts bezogen, dass das damalige Chinabild zwingend in die zeitgenössischen gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen einzuordnen ist. Um auf die daraus resultierende bis heute anhaltende Problematik, der im Laufe der Jahre verschiedenen und zum Teil konträren Chinabilder, zu veranschaulichen, werden die vier folgenden deutschsprachigen Sinologen samt ihrer Weltanschauung sowie ihres chinabezogenes Selbstverständnisses näher beleuchtet.

Zunächst gilt für die Einordnung in den gesamtgesellschaftlichen Kontext Ende des 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts anzumerken, dass das damalige Selbstbild der deutschen Sinologen in erster Linie von einem massiven Überlegenheitsdenken gegenüber China geprägt war. Spätestens zu diesem Zeitpunkt waren die sinologischen Informationsvermittler nicht mehr primär an kulturellen, historischen oder religiösen Fragestelllungen orientiert, sondern vielmehr an einer Recherche möglichst harter Fakten zum Zwecke asymmetrischer Handelsmöglichkeiten im Sinne der deutschen Kolonialpolitik vor Ort. Mit dem Ende des Kaiserreichs befreite sich China zwar von dem wissenschaftlich weitverbreiteten Stigma „unwandelbar“ zu sein und wurde anschließend auch in der deutschen Sinologie als „erwachender Koloss“ wahrgenommen, davon untangiert blieb jedoch die Überzeugung von der zweifellosen kulturellen, technischen und militärischen Überlegenheit des Westens.[3]

Dementsprechend ist das äußerst negativ konnotierte Chinabild des deutschen sinologischen Selbstverständnisses zu Beginn des 20. Jahrhunderts wenig verwunderlich. Zu den schärfsten Verfechtern dieser wissenschaftlichen Weltanschauung gehörte der Berliner Sinologe Jan J.M. de Groot (1854-1921). Die wesentliche Auffassung De Groots bestand darin, China nicht nur missionieren, sondern außerdem ebenso zivilisieren zu wollen. Diese Notwendigkeit der Zivilisierung ergab sich, gemäß de Groot, aus der vielschichtigen Rückständigkeit und Primitivität der chinesischen Kultur. Zentrales Analyseobjekt war dabei die chinesische Religion, da der vermeintlich bewiesene niedrige Entwicklungsgrad der chinesischen Religion im Vergleich zum Christentum als Legitimationsgrundlage ausreichte, um somit eine Missionierung einhergehend mit einer Zivilisierung der chinesischen Gesellschaft zu begründen. Als Zivilisierung wurde in diesem Zusammenhang eine Angleichung sämtlicher chinesischer ökonomischer, politischer, moralisch-ethnischer sowie selbstredend religiöser Vorstellungen an die überlegenen westlichen Werte verstanden. Zusätzlich untermauerten zeitgenössische Charakterisierungen, wie beispielsweise die von Karl Friedrich Neumann, Professor für Länder- und Völkerkunde, Chinesisch und Armenisch in München, de Groots interdisziplinär anerkanntes Zivilisierungs-Paradigma.[4] Ebenso ließ de Groot keinen Zweifel an Kompromisslosigkeit seiner Mittel zur Durchsetzung dieser Zivilisierung nach westlichem Vorbild aufkommen, da diese selbst mit militärischen Mitteln durchgesetzt werden dürfe. Folglich kann de Groot zweifelsfrei als anerkannter Stellvertreter und wissenschaftliches Sprachrohr sinologischer Forschung im Sinne der Kolonialinteressen des Deutschen Reiches verstanden werden.

Als abgeschwächte und differenzierte Antwort auf die zuvor dargelegten Ausführungen des „sinologischen Hardliners“ de Groot können die Arbeiten des deutschen Sinologen Wilhelm Grube (1855-1908) angesehen werden. Grube argumentiert in einem weit weniger diskriminierenden Tonfall, und relativiert somit das sinologische Selbstbild der damaligen Zeit im Vergleich zu de Groots Verständnis maßgeblich.

Grube kritisierte die militärische Aggression und das brutale Auftreten der Ausländer in China heftig und trat stattdessen für ein friedliches missionarisches Vorgehen ein, wenngleich auch er nicht umherkommt sich des Zivilisierungs-Paradigmas zu bedienen, um eine hegemoniale Notwendigkeit für die aktive Rolle Europas in der Entwicklung Chinas legitimieren zu können. Zentrale These in seiner Argumentation war dabei der sog. „Degenerierungsprozess“ der damaligen chinesischen Gesellschaft. Diese besagt, laut Grube, dass sich die einst hochstehende chinesische Kultur nicht weiterentwickelt habe, sondern degeneriert sei. Ursache für diesen kulturellen Rückschritt seien insbesondere Aberglauben, Bildungshochmut und Gelehrtendünkel.

Im Gegensatz zu de Groot stand Grube daher nicht für eine Zivilisierung eines primitiven, abergläubischen Volkes ein, sondern vielmehr galt es, die verschütteten und schlummernden positiven Entwicklungskeime zu entfalten, und zwar durch den Einsatz christlicher Missionen, die die alte hochstehende konfuzianische Ethik wieder zum Leben erwecken sollten.[5]

[...]


[1] Vgl. Döring Ole, „Zwischen Kulturalismus und Globalisierung – die Sinologie am Scheideweg?“, in: Chinawissenschaften – Deutschsprachige Entwicklungen, Hammer Christiane, Martin Helmut (Hrsg.), Mitteilungen des Instituts für Asienkunde, Hamburg (1999), S.73

[2] Vgl. Leutner Mechthild, „Weltanschauung – Wissenschaft – Gesellschaft, Überlegungen einer kritischen Sinologie“, in: Chinawissenschaften – Deutschsprachige Entwicklungen, Hammer Christiane, Martin Helmut (Hrsg.), Mitteilungen des Instituts für Asienkunde, Hamburg (1999), S.27,28

[3] Vgl. Pigulla Andreas, „Die Anfänge der historisch orientierten Chinawissenschaften im deutschsprachigen Raum“, in: Chinawissenschaften – Deutschsprachige Entwicklungen, Hammer Christiane, Martin Helmut (Hrsg.), Mitteilungen des Instituts für Asienkunde, Hamburg (1999), S.137,138

[4] Neumann schlussfolgert diesbezüglich in seinem Werk von 1861, dass die Gewaltausbrüche auf chinesischer Seite typisch „für Kinder aus Nationen sind, welche noch nicht zu einem freien Bewusstsein herangereift sind.“ Ferner sind die Gesichtszüge der Europäer ein sichtbares Zeichen „innerer geistiger Überlegenheit.“

Vgl. Neumann Karl Friedrich, „Ostasiatische Geschichte. Vom ersten chinesischen Krieg bis zu den Verträgen von Peking (1840-1860)“, in: Engelmann, Leipzig (1861), S.4,423

[5] Vgl. Grube Wilhelm, „Die Kenntnis der chinesischen Literatur im Hinblick auf ihre theoretische und praktische Bedeutung“, in: Zeitschrift für Missionskunde und Religionswissenschaft, Nr.18, (1903), S.205

Details

Seiten
22
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656378099
ISBN (Buch)
9783656380085
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v210007
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Ostasiatisches Seminar
Note
1,3
Schlagworte
Chinastudien Regionalstudien China Chancen und Herausforderungen

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Chinastudien heute - Eine kritische Bestandsaufnahme