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Erhebung der relevanten Kulturstandards von Argentinien als Grundlage zur Entwicklung eines Culture Assimilators

Diplomarbeit 2000 107 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

INHALT

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1 Kultur
2.1.1 Definition des Kulturbegriffs
2.1.2 Subjektive Kultur
2.2 Kulturstandardkonzept
2.2.1 Was versteht man unter Kulturstandards?
2.2.2 Ermittlung von Kulturstandards durch kritische Interaktionssituationen
2.3 Unterschiedliche Zeitperspektiven als ein Aspekt in der Begegnung von Argentiniern und Deutschen
2.3.1 Das Phänomen Zeit
2.3.2 Organisation der Zeit: Monochroner und polychroner Umgang mit Zeit nach Hall
2.3.3 Unterschiedliche Zeitperspektiven: Vergangenheits-, Gegenwarts- und Zukunftsorientierung
2.3.4 Auswirkungen der unterschiedlichen Zeitauffassungen auf die Interaktion zwischen Argentiniern und Deutschen

3. Erhebung relevanter argentinischer Kulturstandards
3.1 Ermittlung kritischer Interaktionssituationen
3.1.1 Die Interviewmethode
3.1.2 Auswahl der Interviewteilnehmer
3.1.3 Ablauf der Interviews
3.1.4 Auffälligkeiten bei der Befragung
3.1.5 Transkription der Interviews
3.1.6 Strukturierung und Reduktion der kritischen Interaktionssituationen
3.1.7 Journalistische Fassung der kritischen Interaktionssituationen
3.2 Expertenbefragung zur Ermittlung kulturadäquater Verhaltensattributionen und kulturhistorischer Erklärungen
3.2.1 Experten
3.2.2 Aufgabe der Experten
3.2.3 Auffälligkeiten bei der Befragung
3.3 Auswertung der Expertenkommentare
3.3.1 Inhaltsanalyse
3.3.2 Kategorisierung der kritischen Interaktionssituationen

4. Darstellung und Diskussion der Ergebnisse
4.1 Zentrale argentinische Kulturstandards
4.2 Vergleich mit bestehenden Konzepten
4.2.1 Argentinische Kulturstandards im Vergleich zu kulturellen Dimensionen von Hofstede
4.2.2 Das Konzept der High-Context-Kommunikation nach Hall
4.3 Vergleich mit Mustern lateinamerikanischer Kulturen nach Albert
4.4 Vergleich mit spanischen Kulturstandards
4.5 Ausblick

5. Zusammenfassung

6. Literatur

7. Anhang
7.1 Interviewleitfaden
7.2 Kritische Interaktionssituationen zur Vorlage an Experten
7.3 Antwortbogen zur Einschätzung der kritischen Interaktionssituationen durch bikulturelle Experten
7.3.1 Erste Version
7.3.2 Überarbeitete Version
7.4. Beispiel für eine Inhaltsanalyse
7.4.1 Beispiel für ersten Reduktionsschritt
7.4.2 Beispiel für Zusammenfassung der Expertenkommentare (2. Reduktionsschritt)
7.5 Eidesstattliche Erklärung

1. Einleitung

Die wenigsten Deutschen haben eine genaue Vorstellung von Argentinien oder haben sich jemals über dieses Land Gedanken gemacht. Man kennt es als Herkunftsland des Tango und als große Fußballnation mit Diego Maradona an der Spitze, weiß aber ansonsten nur, daß es „irgendwo“ im Süden Lateinamerikas liegt. Warum ist es also angebracht, sich mit der argentinischen Kultur auseinanderzusetzen, wenn Argentinien im öffentlichen Bewußtsein Deutschlands nur eine so geringe Rolle spielt?

Zum einen war Argentinien ein Einwanderungsland für viele Deutsche und es sind dort immer noch erstaunliche Spuren deutscher Kultur zu finden. Man würde beispielsweise kein deutsches Oktoberfest mit Trachtenumzügen erwarten, wie es alljährlich in einem kleinen deutschen Ort mitten in der argentinischen Provinz stattfindet. Bis 1949 waren weit über 200 000 Deutsche in Argentinien eingewandert und heute leben noch etwa 50 000 bis 60 000 Deutsche dort (Statistisches Bundesamt, 1992). Für die meisten eingewanderten Deutschen bestand weiterhin ein starker Bezug zum Ursprungsland, sie hielten an ihrer Sprache und Tradition fest und führten ein Leben „in deutscher Umgebung“, mit deutschen Banken, Ärzten und Versicherungen. Der enge Zusammenhalt der Deutschsprachigen bewirkte eine Abgrenzung von der argentinischen Gesellschaft. So konstatierte Newton (1977, zit. nach Bünstorf) Anfang des 20. Jahrhunderts ein „gestörtes Verhältnis zum Einwanderungsland und seiner Gesellschaft: das Gefühl kultureller Überlegenheit, verbunden mit einem gewissen Selbstmitleid“. Nach den großen Einwanderungwellen Anfang des 20. Jahrhunderts war in den 30er Jahren mit 237 000 Deutschsprachigen, 203 deutschen Schulen und 300 deutschen Vereinen ein Höhepunkt deutschen Gemeinschaftslebens in Argentinien erreicht. Obwohl der Anteil der deutschsprachigen Bevölkerung nie über 1% der Gesamtbevölkerung lag, hatte sie einen maßgeblichen Einfluß in den Bereichen der Wissenschaft, des Militärwesens und der Technik (Schönwald, 1998, S. 26). Besondere Aufmerksamkeit erhielt die illegale Einwanderung von führenden Nationalsozialisten wie Adolf Eichmann, Josef Mengele oder Erich Priebke nach dem Zweiten Weltkrieg in das „deutschfreundliche“ Argentinien. Sie war jedoch beschränkt auf höchstens 40-60 Personen (Schönwald, 1998, S. 358), die sich auf diese Weise einem Kriegsverbrecherprozeß entzogen, während die Mehrheit der Auswanderer aus anderen Gründen bessere Lebensbedingungen suchte.

Zum anderen verbindet Deutschland und Argentinien heute, neben dem Tourismus – Argentinien ist eines der sichersten Reiseländer in Südamerika, ein reger Austausch im Bereich der Wirtschaft und der Bildung. Nach Brasilien ist Argentinien der wichtigste Handelspartner der Bundesrepublik in Südamerika (Eggers, 1987, S. 111) und zahlreiche Organisationen ermöglichen deutschen Praktikanten und Studenten einen Aufenthalt in Argentinien.

Aus diesen Gründen – historischen wie aktuellen – erscheint es wichtig, sich mit der argentinischen Kultur zu beschäftigen, und sie den zahlreichen Deutschen, die einen Auftenthalt dort anstreben, näherzubringen.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist die Identifizierung der grundlegenden Handlungsprinzipien der argentinischen Kultur aus deutscher Sicht, der für die argentinisch-deutsche Begegnung relevanten argentinischen Kulturstandards. Das Kulturstandardkonzept nach Thomas (1991, 1993, 1996, 1999a, 1999b) wird im theoretischen Teil erläutert. Desweiteren wird eingegangen auf Unterschiede im Zeitverständnis, die in der argentinisch-deutschen Begegnung eine wichtige Rolle spielen. Die Ermittlung der argentinischen Kulturstandards wird im Methodenteil beschrieben. Im Ergebnis- und Diskussionsteil werden die identifizierten argentinischen Kulturstandards dargestellt und mit bestehenden Konzepten der interkulturellen Forschung nach Hofstede (1980) und Hall (1976, 1983a) und den an anderer Stelle erhobenen Kulturstandards Spaniens (Herbrich, 1994) und den Merkmalen der lateinamerikanischen Kultur allgemein nach Albert (1996) verglichen.

2. Theoretische Grundlagen

Im folgenden wird auf die für diese Arbeit relevanten Konzepte Kultur und Kulturstandardtheorie, sowie auf die unterschiedlichen Zeitvorstellungen in der argentinischen und in der deutschen Kultur eingegangen.

2.1 Kultur

Als Grundlage aller weiteren Ausführungen ist es hilfreich, den Begriff „Kultur„ einzugrenzen und unter dem Aspekt der „subjektiven Kultur„ näher zu betrachten.

2.a.1 Definition des Kulturbegriffs

„Kultur„ ist ein sehr geläufiger und allen bekannter Begriff, der in der Alltagssprache oft verwendet wird, nicht nur wenn man von „fremden Kulturen„ im Sinne von anderen Nationen und Regionen spricht, sondern auch als Ausdruck für „Training oder Verbesserung des Geistes bzw. Geschmacks„ (Jahoda, 1996, S. 33) oder als Sammelbegriff für alle menschlichen Äußerungen im Bereich der Kunst, der Musik, der Literatur, des Theaters usw. Trotz oder vielleicht gerade wegen dieses weitverbreiteten Gebrauchs ist es aber schwierig, den Begriff auf wissenschaftlicher Basis zu definieren.

In einer frühen Definition von 1874 bezeichnete E.B. Tylor Kultur als „that complex whole which includes knowledge, belief, art, morals, law, custom, and any other capabilities and habits acquired by man as a member of society„ (zitiert nach Herskovits, 1955, S. 305), was Herskovits 1955 kurz zusammenfaßt als „the man-made part of the environment“ (S. 305).

Einige Autoren wie z. B. Harris und Moran (1991) oder Elashmawi und Harris (1993) bezeichnen Kultur dagegen vor allem als tradierte Überlebens- und Zusammenlebensstrategie, so auch Triandis (1994, S. 22): „Culture is a set of human-made objective and subjective elements that in the past have increased the probability of survival and resulted in satisfactions for the participants in an ecological niche, and thus became shared among those who could communicate with each other because they had a common language and they lived in the same time and place“ und Trompenaars (1993, S. 6): „Culture is the way in which people solve problems„, d.h. Kultur ist die Art, wie jede Gruppe für sich die Herausforderung des richtigen Umgangs mit den Mitmenschen, mit der Zeit und mit der Natur löst.

Andere sehen Kultur als „mental software„ (Hofstede, 1998, S. 47) und betonen, daß sie zu unterschiedlichen Denkweisen, Werten und Vorstellungen von der Welt führt. So beschreibt Clackworthy (1989, S. 2) Kultur als „the social soil in which we are rooted and grew up in; determines the way we act and react, think and learn to think, and what we value“, und D’Andrade (1981, zitiert nach Kashima, S. 10) als „set of mental representations that are shared by a group of people, and that are believed to be mutually shared by the members of the group“.

Für Boesch (1980) hingegen ist Kultur unter einem handlungstheoretischen Aspekt ein „Handlungsfeld, dessen Inhalte vom von Menschen geschaffenen oder genutzten Objekten bis zu Institutionen und Ideen oder Mythen reichen. Als Handlungsfeld bietet die Kultur Handlungsmöglichkeiten, stellt aber auch Handlungsbedingungen: sie bietet Ziele an, die mit bestimmten Mitteln erreichbar sind, setzt zugleich aber auch Grenzen des möglichen oder „richtigen„ Handelns„ (S. 17). Den Handlungsaspekt betonen auch Kroeber und Kluckhohn (1952, zitiert nach Thomas, 1993, S. 379), die nach Vergleich von über 150 verschiedenen Definitionen von Kultur folgende Definition vorschlagen: „Kultur besteht aus expliziten und impliziten Verhaltensmustern, die durch Symbole erworben und vermittelt werden, die spezifische Leistung einer menschlichen Gruppe begründen, einschließlich ihrer Verkörperung in Kulturprodukten. Der Wesensgehalt der Kultur besteht aus tradierten (historisch gewachsenen und selektierten) Ideen und damit verbundenen Wertvorstellungen. Kulturelle Systeme können einerseits als Ergebnisse von Handlungen und andererseits als Bedingungselemente von Handlungen betrachtet werden.„

Es gibt also unterschiedliche Herangehensweisen an den Begriff „Kultur“ – sei es unter Betonung eines evolutionsbiologischen, eines kognitiven oder eines handlungstheoretischen Aspekts – die aber gemeinsame Elemente enthalten. Fünf zentrale Aspekte kommen in den verschiedenen Definitionen immer wieder vor (nach Triandis, 1994, S. 16 und Herskovits, 1955, S. 305):

1. Kultur ist gelernt
2. Kultur dient der Anpassung an eine bestimmte natürliche und soziale Umwelt
3. Kultur besteht aus geteilten Elementen
4. Kultur wird über Zeitperioden und Generationen hinweg tradiert und
5. Kultur manifestiert sich in Institutionen, Denkmustern und materiellen Objekten.

Von den vielfältigen Definitionsversuchen des Begriffs „Kultur„ kann man keine als „richtig“ oder „falsch“ bezeichnen, eine optimale Definition ist vielmehr abhängig vom Verwendungszweck und den Adressaten der Definition, aber auch vom theoretischen Hintergrund und den Forschungszielen eines Wissenschaftlers.

Dieser Arbeit im Bereich der interkulturellen Psychologie wird die Kulturdefinition von Thomas (1993, S. 380) zugrunde gelegt, da sie für die Analyse psychischer Prozesse in interkulturellen Begegnungssituationen besonders geeignet scheint:

„Kultur ist ein universelles, für eine Gesellschaft, Organisation und Gruppe aber sehr typisches Orientierungssystem. Dieses Orientierungssystem wird aus spezifischen Symbolen gebildet und in der jeweiligen Gesellschaft usw. tradiert. Es beeinflußt das Wahrnehmen, Denken, Werten und Handeln aller ihrer Mitglieder und definiert somit deren Zugehörigkeit zur Gesellschaft. Kultur als Orientierungssystem strukturiert ein für die sich der Gesellschaft zugehörig fühlenden Individuen spezifisches Handlungsfeld und schafft damit die Voraussetzungen zur Entwicklung eigenständiger Formen der Umweltbewältigung.„

Wenn man Kultur nach dieser Definition als typisches Orientierungssystem versteht, so ist es für die psychologische Analyse der in kulturellen Überschneidungssituationen relevanten psychischen Prozesse notwendig, die handlungswirksamen Merkmale des jeweiligen kulturspezifischen Orientierungssystems zu identifizieren; die Unterschiede, Gemeinsamkeiten und Kompatibilitäten zwischen verschiedenen Orientierungssystemen zu erfassen und Lernverfahren, die eine Übernahme fremdkultureller Aspekte in das eigene Handlungsschema ermöglichen, zu entwickeln und zu erproben (Thomas, 1993, S. 381).

2.a.2 Subjektive Kultur

Nach Triandis (1994, S. 2) spielt sich Kultur auf zwei Ebenen ab: einer objektiven und einer subjektiven. Objektive Elemente einer Kultur sind die sichtbaren, berührbaren Elemente, wie z.B. Werkzeuge, Essen, Kleidung usw. Subjektive Elemente sind unsichtbar und nicht greifbar, wie z.B. Kategorien, Assoziationen, Erwartungen, Normen, Rollen, Werte, also Attribute der kognitiven Struktur und als solche hypothetische Konstrukte, die die Beobachtung menschlichen Verhaltens vereinfachen (Triandis, 1972, S. 3). Diese subjektiven Elemente sind die subjektive Antwort (Triandis, 1977, S. 423) auf den vom Menschen gemachten Teil der Umwelt (Herskovits, 1955, S. 305) und konstituieren die „subjektive Kultur„, d.h. „a cultural group’s characteristic way of perceiving its social environment„ (Triandis, 1972, S. 2).

Die größten Probleme in der interkulturellen Verständigung und Kommunikation ergeben sich auf der Ebene subjektiver kultureller Unterschiede der Beteiligten. Wenn Personen mit unterschiedlicher subjektiver Kultur interagieren, können sich ihre „Bedeutungsschemata„ (Eckensberger, 1996, S. 172), d.h. ihre Annahmen und Interpretationen bestimmter Verhaltensweisen unterscheiden. Menschen nehmen nicht nur wahr, sondern versuchen, das Verhalten, das sie beobachten, zu erklären, indem sie ihm Gründe und Motive zuschreiben. Dies geschieht, um das Verhalten anderer vorhersehbarer und verständlicher zu machen. Damit verbunden ist jedoch eine Wertung des Wahrgenommenen, so daß Diskrepanzen in der Attribution zu Mißverständnissen, zu geringer interpersonaler Sympathie und zu Konflikten führen können (Albert, 1983, S. 187). Solche Diskrepanzen treten mit einer höheren Wahrscheinlichkeit zwischen Individuen aus verschiedenen Kulturen auf, aufgrund der kulturspezifischen Unterschiede in der Wahrnehmung von Personen und Ereignissen und den kulturtypisch ausgeprägten Normen, Rollen, Einstellungen und Werten, also der subjektiven Kultur.

Wegen der Konvergenz, die man oft zwischen Rollenwahrnehmung, Wahrnehmung von Voraussetzungen und Konsequenzen von Ereignissen, und von Werten feststellt, ist es möglich, generelle „Themen„ einer subjektiven Kultur einer bestimmten Gruppe zu charakterisieren (Albert, 1983, S. 187). Auf solche „Themen„ oder „Kulturstandards„ wird im nächsten Abschnitt näher eingegangen. In der Begegnung mit einer fremden Kultur kann das Wissen über die Kulturstandards, die den fremden Verhaltensweisen und Einstellungen zugrunde liegen, den Umgang mit Personen aus diesem Kulturkreis erheblich erleichtern und Mißverständnisse vermeiden helfen. Effektive interkulturelle Erziehung und Training sollte sich deshalb auf diese subjektive Ebene der Kultur konzentrieren (Cushner & Landis, 1996, S. 186) und Individuen ermöglichen, die Perspektive einer anderen Person aus einer anderen Kultur zu verstehen und Verhalten und Situationen auf der Basis der fremdkulturellen subjektiven Kultur zu beurteilen. Nach Triandis (1972, S. 341) kommt dieses interkulturelle Lernen dem Erlernen der Sprache der jeweiligen Kultur gleich. Voraussetzung hierfür ist die Identifikation „allgemeiner Themen„ einer Kultur, wie sie in der vorliegenden Arbeit beschrieben ist.

2.2 Kulturstandardkonzept

Ziel der vorliegenden Arbeit ist die Identifikation der in der argentinisch-deutschen Begegnung wirksamen argentinischen Kulturstandards. Diese werden definiert auf der Basis von kritischen Interaktionssituationen, die von in Argentinien lebenden Deutschen berichtet wurden.

2.2.1 Was versteht man unter Kulturstandards?

Kulturstandards sind die zentralen Merkmale eines kulturspezifischen Orientierungssystems und bezeichnen „alle Arten des Wahrnehmens, Denkens, Wertens und Handelns, die von der Mehrzahl der Mitglieder einer bestimmten Kultur für sich persönlich und andere als normal, selbstverständlich, typisch und verbindlich angesehen werden. Eigenes und fremdes Verhalten wird auf der Grundlage dieser Kulturstandards beurteilt und reguliert.„ (Thomas, 1993, S. 381). Kulturstandards als „fundamentale Handlungsprinzipien„ (Thomas, Kammhuber, Layes, 1997, S. 41) haben also in erster Linie eine Orientierungsfunktion, indem sie das Verhalten unserer Mitmenschen vorhersehbar und verständlich machen (Reisch, 1991, S. 77) und einen Maßstab für die Ausführung und Beurteilung von Verhaltensweisen liefern.

Kulturstandards sind hierarchisch strukturiert und miteinander verflochten. Die Rangordnung der Kulturstandards kann dabei in verschiedenen Kulturen unterschiedlich sein. So kann z.B. in Deutschland der Kulturstandard Ehrlichkeit und Direktheit eine stärkere Beachtung erfahren als Höflichkeit, auch auf die Gefahr hin, eine andere Person zu verletzen (Markowsky, 1994, S. 25), während in anderen Kulturen Höflichkeit und das Gesicht des anderen zu wahren unter allen Umständen Vorrang hat.

Kulturstandards reichen von allgemeinen, abstrakten Wertvorstellungen bis hin zu konkreten Verhaltensrichtlinien. Die individuelle und gruppenspezifische Ausprägung von Kulturstandards kann innerhalb eines gewissen Toleranzbereichs variieren, doch werden Verhaltensweisen und Einstellungen, die außerhalb der Toleranzgrenzen liegen, als fremd und anormal abgelehnt und sanktioniert (Thomas, 1993, S. 381). Kulturstandards bestehen demzufolge aus einem Normbereich, einem Toleranzbereich und einem Sanktionsbereich (Abb. 1, Thomas, Kammhuber, Layes, 1997, S. 71).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Kulturstandard – Akzeptanzbereiche

Im Normbereich wird der Idealwert erfüllt, der Toleranzbereich umfaßt die noch akzeptierbaren Abweichungen vom Normwert (Thomas, 1999a, S. 115).

Dieser Handlungsspielraum und somit die Verbindlichkeit der Kulturstandards können aber für verschiedene Individuen oder Subgruppen deutlich unterschiedlich sein (Reisch, 1991, S. 78). So kann es sich z.B. ein Vorgesetzter erlauben, zu spät zu kommen, ein Untergebener dagegen nicht. Abbildung 2 verdeutlicht die unterschiedliche Verbindlichkeit und Relevanz von Kulturstandards für Angehörige einer Kultur, sowie den Sachverhalt, daß die Kulturstandards zweier Kulturen sich in verschiedenen Teilbereichen durchaus überschneiden können (Reisch, 1991, S 80).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Relevanz von Kulturstandards nach Reisch (1991, S. 80)

Zentrale Kulturstandards sind solche, die über verschiedene Situationen hinweg eine zentrale Steuerungsfunktion für Wahrnehmungs-, Beurteilungs- und Handlungsprozesse haben. Zentrale Kulturstandards der einen Kultur können in einer anderen völlig fehlen oder nur von peripherer Bedeutung sein. Verschiedene Kulturen können ähnliche Kulturstandards aufweisen, die aber jeweils unterschiedliche Funktionen erfüllen können, auf unterschiedlichen Hierarchiestufen angesiedelt sind, in unterschiedlichen Handlungsfeldern wirksam werden und unterschiedlich weite Toleranzbereiche aufweisen (Thomas, 1993, S. 381; Thomas, 1999a, S. 115). So akzeptiert man beispielsweise in Deutschland für den relativ wichtigen Kulturstandard Pünktlichkeit eine Abweichung von 15 Minuten als normal, in Argentinien dagegen hat dieser Kulturstandard außerhalb des Geschäftslebens eine weit weniger zentrale Stellung und weist einen höheren Spielraum auf.

Neben den zentralen Kulturstandards, die über verschiedene Bereich hinweg wirksam sind, gibt es auch domän- oder bereichsspezifische Kulturstandards, die „ihre Wirksamkeit erst in Abhängigkeit eines bestimmten Handlungsfeldes entfalten„ (Thomas, 1999b, S. 6). Diese sind an den Kontext gebunden und werden nur von Personen angewandt, die in dem bestimmten Handlungsfeld aktiv sind. Sie können identifiziert werden, indem man Vertreter unterschiedlicher Kulturen in identischen Handlungsfeldern beobachtet und ihr Verhalten auf Unterschiede und Gemeinsamkeiten hin untersucht (Thomas, 1999b, S. 6).

Kulturstandards werden während der Sozialisation internalisiert und später nicht mehr bewußt als handlungsregulierend wahrgenommen, was ihre Identifikation erheblich erschwert. Sie sind evolutionär als Problemlösestrategien entstanden und können als bewährte Muster, die neben der Anpassungs- auch eine identitätsstiftende Symbolfunktion besitzen, über lange Zeiträume fortbestehen. Ausgehend von kulturellen Subgruppen unterliegen Kulturstandards allerdings auch stetigem Wandel (Thomas, 1999a, S. 124).

2.2.2 Ermittlung von Kulturstandards durch kritische Interaktions-situationen

Die zentralen Kulturstandards einer bestimmten kulturellen Gruppe können zum einen durch eine deduktive Vorgehensweise ermittelt werden. Dies geschieht, indem aus philosophischen, historischen, ethnologischen, kulturanthropologischen und anderen wissenschaftlichen Erkenntnissen die typischen Merkmale einer Kultur abgeleitet werden (Thomas, 1991, S. 66).

Eine weitere Möglichkeit zur Erhebung von Kulturstandards ist die induktive Problemanalyse. Ausgangsbasis sind kulturelle Überschneidungssituationen, d.h. Situationen, in denen „sich eine Person zur gleichen Zeit in mehr als einer Situation befindet„ (Lewin, 1963, S. 301). Dies ist der Fall, wenn sich Personen begegnen, die in unterschiedlichen Kulturen sozialisiert wurden und sich in Unkenntnis des fremdkulturellen Bezugssystems jeweils am eigenkulturellen orientieren. Wenn das fremdkulturelle Verhalten im Normbereich der eigenen Kulturstandards liegt oder wenn in der konkreten Situation keine Handlungszwänge bestehen, können solche Interaktionen durchaus problemlos verlaufen. Ist dies aber nicht der Fall, so wird ein und dieselbe Situation nun je nach Perspektive auf verschiedenste Weise gesehen und interpretiert, so daß daraus unterschiedliche Verhaltensanforderungen resultieren. Aufgrund der unterschiedlichen Orientierungssysteme und Bewertungsmaßstäbe kann es deshalb zu Konflikten kommen, die von Mißverständnissen bis hin zum Abbruch der Interaktion reichen können. Man spricht in diesem Fall von einer kritischen Interaktionssituation.

Die kritischen Interaktionssituationen müssen folgenden Anforderungen genügen, um einen Lernerfolg zu erzielen zu können (Brislin, 1993):

- sie müssen auf einer authentischen Interaktion mindestens zweier Personen unterschiedlicher kultureller Herkunft basieren
- sie müssen sich in einem Lebensbereich abspielen, der dem Trainierten bekannt ist
- die dargestellten Interaktionen müssen konflikthaft verlaufen
- der dargestellte Konflikt muß in kulturellen Unterschieden begründet sein
- es müssen Gedanken, Gefühle und das Verhalten der eigenkulturellen Person in der Situation geschildert werden

Mit Hilfe der Critical-incident-technique (Flanagan, 1954) werden die im Kontrast zu einem fremdkulturellen Orientierungssystem entstandenen Konflikte mit dem Ziel analysiert, die handlungswirksamen Kulturstandards aufzudecken (Thomas, 1991, S. 66). Daraus folgt eine starke Perspektivenabhängigkeit der identifizierten Kulturstandards, d.h. daß sie nur in der konkreten Interaktion mit Vertretern einer bestimmten anderen Kultur auftreten und bemerkt werden. So sind beispielsweise hierarchische Strukturen in deutschen Unternehmen sicherlich weniger stark ausgeprägt als in argentinischen, im Vergleich mit anderen Ländern mag dies aber nicht zutreffen. Ein derartiger deutscher Kulturstandard würde also in letzterem Fall von den beteiligten Personen entweder als nicht konflikthaft oder nicht auffallend erlebt werden und deshalb nicht berichtet werden, oder aber auch umgekehrt als stärker ausgeprägt als im eigenen Land wahrgenommen werden. Kulturstandards liefern demzufolge kein objektives Profil einer gegebenen Kultur, sondern vielmehr Anhaltspunkte für Vertreter einer bestimmten anderen Kultur zum besseren Verständnis des Interaktionspartners. Die Gültigkeit der Kulturstandards beschränkt sich dabei auf die Überschneidungssituation zwischen zwei bestimmten Kulturen und ist nicht generalisierbar.

Die induktive Vorgehensweise ist deswegen vorteilhaft, weil sie direkte Lösungsrelevanz besitzt, Problemsituationen lebensnah strukturiert und geringe Anforderungen an die Transferkompetenz stellt (Krewer, 1996, S. 149). Es besteht allerdings auch die Gefahr von Fehlschlüssen im Sinne von vorschnellen kulturellen Verallgemeinerungen, die eher zu Stereotypen führen können als zur Vorbereitung auf Konfliktlösungen in interkulturellen Begegnungen (Krewer, 1996, S. 152). Diese Fehlschlüsse können zustande kommen, wenn auftretende Probleme fälschlicherweise auf kulturbedingte Unterschiede zurückgeführt werden, während der Einfluß von Persönlichkeitsfaktoren, den konkreten Umständen der Situation oder der etwaigen Zugehörigkeit zu einer kulturellen Subgruppe vernachlässigt wird (Krewer, 1996, S. 153).

Kulturstandards sind desweiteren nicht als dauerhaft gültige Erkenntnisse, sondern als relativ anzusehen, da sie sich ständig verändern, so wie die Gesellschaft und die in ihr vorherrschenden Werte sich verändern und weiterentwickeln (Reisch, 1991, S. 78). Besonders in Gesellschaften, die sich in Umbruchsituationen befinden, sind soziale Veränderungen und Wertewandel zu berücksichtigen (Krewer, 1996, S. 158). Unter diesem Aspekt der relativen Gültigkeit von zu einem bestimmten Zeitpunkt erhobenen Kulturstandards sind auch die in der vorliegenden Arbeit identifizierten argentinischen Kulturstandards zu betrachten. Argentinien ist nicht wie Deutschland seit Jahrzehnten von politischer und wirtschaftlicher Stabilität gekennzeichnet, sondern war durch den Wechsel von Diktatur und Demokratie extremen politischen Veränderungen ausgesetzt und erlebt derzeit als wirtschaftliches Schwellenland große soziale Veränderungen. Dies heißt jedoch nicht, daß die wertgebundenen Kulturstandards sich kurzfristig, „von einem Tag auf den anderen„ verändern lassen, sondern es ist davon auszugehen, daß eine Veränderung in längeren Zeiträumen und Prozessen vor sich geht.

2.3 Unterschiedliche Zeitperspektiven als ein Aspekt in der Begegnung von Argentiniern und Deutschen

Nach Ansicht einiger Forscher lassen sich kulturelle Unterschiede hauptsächlich durch Unterschiede in der Zeitauffassung und im Umgang mit Zeit erklären. So meint beispielsweise Spengler, daß sich Kulturen hinsichtlich der Bedeutung, die sie Zeit beimessen, unterscheiden (nach Levine, 1996, S. 119) und Jones: „It may well be that differences in time perspective are the essence of individual and cultural differences„ (1988, S. 21f.).

Es ist vermutlich nicht gerechtfertigt, Unterschiede zwischen Kulturen allein auf die verschiedene Zeitauffassung der Mitglieder der jeweiligen kulturellen Gruppe zurückzuführen. Dennoch machen die oben zitierten Aussagen deutlich, was für einen bedeutenden und oft unterschätzten Einfluß eine unterschiedliche Zeitorientierung auf die Kultur einer bestimmten Gruppe hat, bzw. diese Kultur mitkonstituiert und inwiefern weite Bereiche der Wahrnehmung, des Denkens und Handelns davon geprägt sind. Nach Eckensberger (1996, S. 190) bildet jede Kultur Standards für den Umgang mit Zeit heraus, die Grundlage für Erwartungen über Handlungs- oder Ereignissequenzen, für Angebote oder Handlungszwänge sind.

Die meisten der befragten Deutschen, die sich in Argentinien aufhielten, berichteten von Schwierigkeiten, mit der unterschiedlichen Zeitauffassung der Argentinier zurechtzukommen. So meinte beispielsweise ein Interviewter, der schon seit fast drei Jahren in Argentinien gelebt hatte, daß er „durchaus noch kein richtiges Gefühl für das Zeitverständnis hier [hätte]„ (zit. aus einem Interview). Von den acht in der vorliegenden Arbeit identifizierten argentinischen Kulturstandards haben zwei Unterschiede in der Zeitauffassung zum Gegenstand.

Da also im konflikthaft erlebten Kontakt zwischen Deutschen und Argentiniern ein unterschiedlicher Umgang mit Zeit häufig eine Rolle spielt und die befragten Experten übereinstimmend Unterschiede in der Zeitperspektive und in der Zeitorganisation als Gründe für Konflikte nannten, erscheint es gerechtfertigt, im Rahmen dieser Arbeit auf die verschiedenen Zeitauffassungen und deren Auswirkung auf das Weltbild der jeweiligen Kultur einzugehen, wobei auch allgemeine Aspekte des Zeitbewußtseins erörtert werden. Desweiteren werden die möglicherweise entstehenden Konflikte in der Begegnung von Kulturen mit unterschiedlicher Zeitvorstellung behandelt.

Für eine psycholgogische Betrachtung der Zeit werden in der Literatur die verschiedensten Begriffe verwendet, wie „Zeitbewußtsein„ für eine bewußte, rationale Zeitbeobachtung, „Zeitwahrnehmung„ für das augenblickliche, unmittelbare Erfassen von Geschehnissen und gerade ablaufenden Vorgängen, „Zeiterfahrung„ für die weiter gespannte Auffassung zeitlicher Folge im Feld von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft und „Zeitgefühl„ oder „Zeiterleben„ für das subjektive und qualitative Empfinden während des auch inhaltlich besetzten Zeitstroms (Wendorff, 1980, S. 481). In der vorliegenden Arbeit werden diese Begriffe jedoch weitgehend synonym verwendet und auf Bedeutungsdifferenzierungen wird verzichtet. Der Begriff Zeitperspektive wurde 1939 von L.K. Frank eingeführt im Sinne eines Zeithorizonts, d.h. die Beziehung eines Individuums oder einer Kultur zu Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft, mit der These, daß alles menschliche Verhalten auch durch die Zeitperspektive des Individuums und der Kultur, der es angehört, mitbestimmt wird (nach Wendorff, 1980, S. 481).

2.3.3 Das Phänomen Zeit

Die Frage, was Zeit ist, beschäftigt seit jeher Menschen im allgemeinen und im besonderen Philosophen, Physiker und seit dem 19. Jahrhundert auch Psychologen.

Der Physiker Isaac Newton (1963, S. 25), der die Zeitvorstellung der modernen westlichen Welt entscheidend prägte, unterschied eine „absolute, wahre und mathematische Zeit, [die] an sich und vermöge ihrer Natur gleichförmig und ohne Beziehung auf irgend einen äussern Gegenstand [verfließt]; sie wird so auch mit dem Namen Dauer belegt. Die relative, scheinbare und gewöhnliche Zeit ist ein einfühlbares und äußerliches, entweder genaues oder ungleiches Maass der Dauer, dessen man sich gewöhnlich statt der wahren Zeit bedient, wie Stunde, Tag, Monat, Jahr„. Für Newton war Zeit teilbar, aber homogen und somit eine Folge von Augenblicken. Desweiteren sah er sie als abstrakt und absolut an, d.h. unabhängig von Objekten und Ereignissen, sowie als linear und reversibel, also bidirektional (McGrath & Kelly, 1986, S. 29). Bis auf die Reversibilität ging diese Anschauung in die allgemeine Vorstellung von Zeit über und bestimmt bis heute die Zeitvorstellung westlicher Kulturen, obwohl neuere Theorien der Physik nicht mehr damit übereinstimmen.

Eine Gegenposition zu Newton vertrat der Physiker und Metaphysiker Gottfried Wilhelm von Leibniz (1646 – 1716), der Zeit nicht als etwas absolut existierendes ansah, sondern als immer relativ zu und abhängig von der menschlichen Wahrnehmung (Solomon, 1993, S. 131). Ebenso stellt Lauer (1981, vii) fest, daß Zeit nicht objektiv und unabhängig vom menschlichen Leben existiert, sondern immer sozial konstruiert ist.

Die zentralen Fragen beziehen sich also zum einen auf den Realitätsbezug der Zeit, ob Zeit objektiv existiert oder rein subjektiv ist, eine abstrakte Dimension darstellt oder konkrete, reale und direkte Effekte hat. Zum anderen macht man sich Gedanken über die Struktur der Zeit, ob sie kontinuierlich oder teilbar ist, und über das Verfließen der Zeit, ob dies auf lineare Weise oder zyklisch geschieht, unidirektional oder bidirektional (McGrath & Kelly, 1986, S. 18ff.).

Eine lineare Zeitauffassung bezeichnet die seit Entstehung der monotheistischen Religionen entwickelte Vorstellung, daß die Zeit wie ein Strom oder Pfeil stetig und kontinuierlich in die gleiche Richtung fließt und dabei irreversibel auf die Zukunft gerichtet ist. Dies ist Voraussetzung für den in der westlichen Welt vorherrschenden Fortschrittsglauben (Helfrich, 1996, S. 104).

Im Gegensatz dazu herrscht bei einer zyklischen Zeitvorstellung das Bewußtsein für den immer wiederkehrenden Charakter der Ereignisse vor, wie z.B. Tage und Jahreszeiten. Diese Betrachtungsweise wird vor allem weniger industrialisierten Gesellschaften und den östlichen Religionen des Hinduismus und Buddhismus zugeschrieben. Es ist allerding zu beachten, daß in keiner kulturellen Gruppe eine Zeitvorstellung in „Reinform„ vorzufinden ist, sondern vielmehr von der Dominanz einer Zeitauffassung gesprochen werden kann, während Elemente der anderen vorhanden sein können.

Als Antwort auf diese zentralen Fragen entwickelt jede kulturelle Gruppe eine bevorzugte Position, so daß es zu unterschiedlichen kulturellen, subkulturellen und individuellen Einstellungen kommt, was die Zeitorientierung und Zeitwahrnehmung, den Lebensrhythmus und die Verwendung von Zeit betrifft (McGrath, 1988, S. 9). Daraus resultieren unterschiedliche Zielsetzungen und Werte einer Kultur (Jones, 1988, S. 26). Da diese die Zeit betreffenden, handlungswirksamen Kulturstandards nicht bewußt erlebt werden, stellen sie eine potentielle Konfliktquelle in der Interaktion zwischen verschiedenen kulturellen Gruppen dar. Eine Überbrückung der kulturellen Divergenzen kann also in der Annäherung der verschiedenen Zeitauffassungen liegen (Jones, 1988, S. 22).

In der Interaktion zwischen Argentiniern und Deutschen spielen besonders eine unterschiedliche Organisation der Zeit und Unterschiede in der Zeitperspektive eine Rolle. Da das Konzept des polychronen Umgangs mit Zeit von Hall (1976, 1983a, 1983b, 1985, 1990, 1996), sowie die in Argentinien vorherrschende Gegenwartsorientierung von den befragten Experten als Erklärungsmöglichkeiten für Konflikte zwischen Argentiniern und Deutschen herangezogen wurden, werden diese Sachverhalte im folgenden näher erläutert.

2.3.4 Organisation der Zeit: Monochroner und polychroner Umgang mit Zeit nach Hall

Während die meisten Sozialwissenschaftler darin übereinstimmen, daß verschiedene Zeitauffassungen einen Aspekt einer Kultur darstellen, geht Hall so weit zu sagen, daß Zeit und Kultur untrennbar sind, „that time has everything to do not only with how a culture develops, but also with how the people of that culture experience the world„ (Hall, 1983a, S. 4).

Nach Hall hat jede Kultur neben einer expliziten, manifesten und bewußten Dimension eine weitere, die sich aus versteckten und größtenteils unbewußten Paradigmen zusammensetzende Kernkultur, oder auch „Primary Level Culture„ (1983a, S. 6). Diese besitzt zwei Schlüsselelemente: die Einstellung zum Raum, d.h. der Umgang mit Territorialität, und das Verständnis von Zeit (Hall, 1983b, S. 17). Zeit als eine Grundvoraussetzung für alle Kommunikations- und Organisationssysteme liefert den Rahmen für alle Ereignisse (Hall, 1985, S. 23).

Hall (1983a, S. 16ff.) unterscheidet verschiedene Kategorien von Zeit; neben z.B. biologischer, physikalischer, metaphysischer und persönlicher Zeit legt er den Schwerpunkt auf die „Mikrozeit„ (1983a, S. 24) als einem Grundbaustein der Kultur. Dieses kulturspezifische Zeitsystem stimmt überein mit und ist ein Produkt der Primary Level Culture. Monochrone und polychrone Zeiteinteilung sind die beiden Hauptmuster der Mikrozeit.

Monochrone Zeitauffassung bezeichnet das in Nordeuropa und –amerika vorherrschende Zeitsystem, bei dem man sich immer nur auf eine Sache in einem gegebenen Moment konzentriert und eins nach dem anderen erledigt wird. Die Zeit wird dabei als linear angesehen und in aufeinanderfolgende Teilabschnitte eingeteilt und verplant. Sie stellt ein Ordnungssystem für die Organisation des menschlichen Lebens dar und es wird großer Wert auf Terminpläne und Pünktlichkeit gelegt. Effektivität wird immer als erbrachte Leistung in Bezug zur aufgewendeten Zeit gesehen. Wenn die Zeit derart segmentiert ist, ist sie greifbar und man kann sie sparen, vergeuden, verlieren, aufholen oder beschleunigen (Hall, 1985, S. 31).

Zeit, bzw. ein freier Umgang damit, wird dadurch zu einem Symbol von Status und Verantwortung, indem z.B. ein Höhergestellter eine Person von niedrigerem Status warten läßt, umgekehrt dies aber nicht zulässig ist. Die starke Planung und Konzentration auf eine Sache bringt einen Zwang zur Auswahl von Ereignissen mit sich, denen Aufmerksamkeit geschenkt werden kann. Somit entsteht ein System von Prioritäten für Personen und Funktionen, in dem wichtige Dinge zuerst erledigt werden und die meiste Zeit dafür aufgewandt wird. Der Kontextbezug wird dadurch reduziert. Der Umgang mit Zeit in Deutschland ist besonders stark dominiert von einer monochronen Prägung (Hall, 1983b, S. 25).

Im völligen Gegensatz dazu steht das polychrone Zeitsystem. Dabei werden nach Hall (1983a, S. 45ff.) die verschiedenste Dinge zur selben Zeit erledigt und bestehende Zeitpläne werden den aktuellen Gegebenheiten flexibel angepaßt. Verabredungen und Termine haben folglich nicht den selben Stellenwert wie im monochronen Zeitsystem und werden als weniger verbindlich und verpflichtend betrachtet. Es ist von nachrangiger Bedeutung, wieviel Zeit bestimmte Dinge in Anspruch nehmen, bzw. zu welchem Zeitpunkt sie fertiggestellt sind. Die Zeit wird den Gegebenheiten angepaßt und nicht umgekehrt wie im monochronen Zeitsystem. Die Einhaltung von Zeitplänen ist dem Umgang mit den Mitmenschen und sozialen Ereignissen untergeordnet. Besonders die Interaktion mit nahe stehenden Personen hat absoluten Vorrang vor anderweitigen zeitlichen Verpflichtungen. Hall (1983a, S. 217) sieht das polychrone Zeitsystem als Artefakt einer informellen Kultur, in denen Personen mit vielen verschiedenen Mitgliedern ihrer Großfamilie gleichzeitig interagierten.

Auf den amerikanischen Kontinent bezogen nennt Hall das polychrone Zeitsystem kolonial-iberisch-indianisches System (CII) im Gegensatz zum amerikanisch-europäischen (AE) (Hall, 1983a, S. 72). Vertreter des AE-Systems haben nach Hall (a.a.O.) ein internalisiertes Kontrollsystem, das auch für die genaue Einhaltung von Zeitplänen sorgt. Bei Nichteinhaltung fühlt sich der Betreffende schuldig, da er die vorhandenen Verpflichtungen nicht erfüllt hat. Das CII-System bringt dagegen andere Kontrollmechanismen mit sich. Die Verpflichtung besteht nicht in der Einhaltung von Zeitplänen, die nur external vorhanden sind, sondern im Umgang mit Mitmenschen, besonders mit solchen, die einem nahe stehen.

Nach Hall (1983a, S. 46) verhalten sich die beiden Zeitsysteme wie Öl und Wasser zueinander, sie lassen sich nicht vermischen. Jedes hat dabei seine Stärken und seine Schwächen, problematisch wird es erst, wenn Vertreter beider Systeme aufeinandertreffen. Im Überblick kontrastieren nach Hall (1983b, S. 26) die in Tabelle 1 folgenden Verhaltensweisen miteinander:

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Details

Seiten
107
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638101561
Dateigröße
629 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v210
Institution / Hochschule
Universität Regensburg – Psychologie
Note
2
Schlagworte
interkulturelles Training Culture Assimilator Kulturstandards

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Titel: Erhebung der relevanten Kulturstandards von Argentinien als Grundlage zur Entwicklung eines Culture Assimilators