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Aufbau oder Zerstörung von Sozialkapital. Die Auswirkungen des Wohlfahrtsstaates

Hausarbeit 2013 19 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Soziales Kapital
2.1 Definition von Sozialkapital: Robert Putnam
2.2 Entstehung von Sozialkapital
2.3 Zerstörung von Sozialkapital

3 Der Wohlfahrtsstaat: Definition, Funktion, Entstehung

4 Soziales Kapital und Wohlfahrtsstaat
4.1 Zugang zu sozialem Kapital im Wohlfahrtsstaat
4.2 Zerstörung und Ignoranz oder Aufbau von Sozialkapital?
4.3 Sozialkapital vs. Sozialleistungen

Bibliographie

1 Einleitung

Das Konzept des „Sozialkapitals“ hat in sozialwissenschaftlichen Arbeiten eine lange Tradition. Schon früh wurde es von unterschiedlichen Wissenschaftlern wie L.J. Hanifan (1920) verwendet, jedoch geschah dies meist in eher metaphorischer Form. Glenn Loury war der erste unter ihnen, der sich dem Konzept auf reflektierte und entschiedene Art und Weise näherte (Loury 1977). Ihm folgten der französische Soziologe Pierre Bourdieu (1983) und James S. Coleman (1988). Doch den größten Einfluss auf die Verbreitung des Begriffes „Sozialkapital“ und der Konzepte dahinter hatte zweifelsohne Robert Putnam. Durch seinen Artikel „Bowling Alone“, welcher im Jahre 1995 erschien und fünf Jahre später als Buch vorlag, hat der amerikanische Politikwissenschaftler die „Welle des Interesses an Sozialkapital“ (Harriss 2005) ausgelöst.

Jedoch fällt bei der näheren Betrachtung von Putnams Ansatz auf, dass er die Rolle von Staatstätigkeiten bei der Reproduktion von Sozialkapital vernachlässigt. Denn ein zugrundeliegender Punkt des Sozialkapitals ist, wie aus seiner Definition hervorgeht, der Fokus auf soziale Prozesse.

Diese wiederum werden jedoch laut Lowndes und Wilson (2002) durch den Staat und die dazugehörigen politischen Faktoren beeinflusst. Ist diese Annahme richtig, so stellt sich die Frage, welche Regierungsform welchen Einfluss auf das in einem Land vorhandene Sozialkapital hat.

Das Hauptthema dieser Hausarbeit wird der Zusammenhang zwischen Wohlfahrtsstaat und Sozialkapital sein. Im Besonderen wird es um die Frage gehen, ob der Wohlfahrtsstaat soziales Kapital fördert oder eher zerstört. Dieses Thema ist durchaus relevant, da nahezu allen europäischen Ländern als staatliches Regime der Wohlfahrtsstaat zugrunde liegt, welcher die Produktion und Verteilung von Ressourcen in der Gesellschaft bestimmt. Indem man sich mit oben genannter Fragestellung auseinandersetzt, findet man möglicherweise neue wichtige Faktoren, die sich auf Sozialkapital und dessen Entstehung auswirken. Zudem hilft die Beantwortung der Frage, soziale und kulturelle Konsequenzen von Wohlfahrtsstaaten besser zu verstehen.

Im ersten Teil der Seminararbeit wird ein grober Überblick über soziales Kapital gegeben. Hier werden die Fragen „Was ist soziales Kapital überhaupt?“ „Wodurch zeichnet es sich aus?“ „Wie kann es gewonnen/vernichtet werden?“ anhand der Definition desselbigen von Putnam beantwortet.

Dem folgt ein Kapitel über den Wohlfahrtsstaat, es geht darum, wie Wohlfahrtsstaaten entstanden sind, welche Leistungen sie erbringen und wann man von einem Wohlfahrtsstaat sprechen kann.

Daraufhin wird sich der Verknüpfung von Sozialkapital und Wohlfahrtsstaat gewidmet: Hier liegt der Fokus darauf, ob der Wohlfahrtsstaat zum Aufbau oder eher zu einer Ignoranz oder gar Zerstörung des Sozialkapitals führt und ob Sozialleistungen durch Sozialkapital ersetzt werden können.

Am Ende der Hausarbeit findet sich ein Fazit, in dem die wichtigsten Punkte bzgl. der eingangs genannten Fragestellung noch einmal aufgegriffen werden.

2 Soziales Kapital

2.1 Definition von Sozialkapital: Robert Putnam

Der Begriff „social capital“ taucht in Putnams Arbeiten zuerst in seinem Buch Making Democracy Work: Civic Traditions in Modern Italy aus dem Jahre 1993 auf. Hier untersucht er zusammen mit Leonardi und Nanetti die Leistung 20 regionaler italienischer Regierungen seit 1970 im Hinblick auf ihren sozialen, kulturellen und ökonomischen Hintergrund. Die Autoren stellen fest, dass die Regierungen derer Regionen, in denen starkes bürgerliches Engagement zu finden ist, ceteris paribus bessere Ergebnisse erzielen, als diejenigen, in denen dies nicht der Fall ist.

Aufbauend auf diese Studie entwickelt Putnam das Konzept des Sozialkapitals.

„By „social capital“ I mean features of social life - networks, norms, and trust - that enable

participants to act together more effectively to pursue shared objectives. [...] Social capital, in short, refers to social connections and the attendant norms and trust.“ (Putnam 1995b: 664f)

Putnam orientiert sich an Coleman, welcher Sozialkapital ebenfalls als ein Produkt verschiedener Gebilde und nicht als eine einzelne homogene Form auffasst (Coleman 1988). Ein wichtiger Unterschied zwischen den beiden Betrachtungsweisen findet sich jedoch in Bezug auf die zugrundeliegenden spieltheoretischen Annahmen. Im Gegensatz zu Coleman ist Sozialkapital für Putnam nicht vorrangig ein kollektives Gut, dessen Entstehung kompliziert ist. Vielmehr betrachtet er es als Grundlage der Demokratie, eine Art Kitt der Gesellschaft und als wirkungsvolle Lösung für Probleme, die sich durch kollektives Handeln ergeben (Putnam 1993a).

Putnams Konzept beinhaltet drei wesentliche Elemente: soziales Vertrauen, welches die Zusammenarbeit zwischen Individuen erleichtert, die wiederum Grundlage für eine erfolgreiche gesellschaftliche Koordination ist; Orientierung an der generalisierten Reziprozitätsnorm und Beteiligung an zivilgesellschaftlichen Netzwerken, durch die soziales Vertrauen entsteht und die Reziprozitätsnorm erhalten wird (Putnam 1995a: 67).

Desweiteren unterscheidet Putnam zwischen formellen (wie beispielsweise in nationalen Organisationen), informellen (z.B. in einer Freundesgruppe, die sich einmal die Woche zu einem Spieleabend trifft), verflochtenen (z.B. in einer Gruppe, die sich bei der Arbeit, beim Sport und beim Ausgehen trifft) und dünnen (beispielsweise beim gegenseitigem Zunicken im Supermarkt) Formen von Sozialkapital (Putnam 2001: 2). Darüber hinaus weist er noch auf den Unterschied zwischen „bridging“ und „bonding“ hin. Ersteres kann als inklusives Sozialkapital verstanden werden, welches als Brücke zwischen Ethnien, Geschlechtern oder sozialen Klassen fungiert und somit einen Beitrag zur Überwindung der „social cleavages“ leistet. Letzteres kann als exklusive Form ausgelegt werden, deren Charakteristikum der meist rational begründete, nur für eine kleinere Gemeinschaft zugängliche Nutzen ist. Ein Beispiel hierfür sind die Eliten Frankreichs (Bourdieu 1989).

Während „bridging“ die positiven Effekte von Sozialkapital aufzeigt, lässt „bonding“ vermuten, dass sich auch negative Konsequenzen ergeben können, wie beispielsweise Abschottung der Mitglieder und Benachteiligung von Nicht-Mitgliedern.

2.2 Entstehung von Sozialkapital

Bezüglich der Fragestellung dieser Seminararbeit ist die Auseinandersetzung mit der Entstehung von Sozialkapital unerlässlich. Wie bereits erwähnt, stehen bei Putnams Konzept soziale Prozesse im Vordergrund, welche in verschiedenen Arten von Netzwerken zum Tragen kommen. Diese sind auch die Orte, an denen Sozialkapital entsteht: als Nebenerzeugnis sozialen Handelns. Denn im Unterschied zu anderen Kapitalarten (wie beispielsweise ökonomischem) geht es durch Verwendung und kontinuierlichen Gebrauch nicht verloren, sondern wird durch diesen sogar noch gesteigert.[1]

Als besonders wichtig erachtet Putnam hier die sogenannten „traditional civic associations“. Diese umfassen kleinere lokale Vereinigungen wie Musik- und Sportvereine und kirchliche Gruppen. Ein Kennzeichen ist die hohe Konnektivität ihrer Mitglieder, die die Entstehung von Sozialkapital begünstigt (Braun 2001: 3). In solchen Vereinigungen wird durch Kooperation am meisten soziales Vertrauen produziert, ein Eckpfeiler von Sozialkapital, der laut Putnam sogar als ein Proxy für selbiges verwendet werden kann (Putnam 2001).

Ergänzend zu Putnams Ansatz unterscheidet Moldaschl (2008) fünf verschiedene Quellen des Sozialkapitals in Netzwerken: Interaktion, Leistungen, Erwartungen, Anerkennung und Beobachtung. Diese sollen im Folgenden kurz skizziert werden.

Interaktion dient laut Moldaschl als „Beziehungarbeit“ (2008: 8); wichtig sei hierbei vor allem die Investition von Zeit und Aufmerksamkeit. Bei gelingender Interaktion ist die Häufigkeit der Begegnungen ein guter Indikator von Sozialkapital.

[...]


[1] Der genaue Besitz an Sozialkapital ist schwer festzustellen. Putnam misst Sozialkapital unter anderem durch Beteiligung an Organisationen und ehrenamtlicher Arbeit. Diese Methode ist jedoch stark umstritten, da sie wichtige Netzwerke, wie zum Beispiel die Familie, außer Acht lässt. Eine geeignetere Operationalisierung muss demnach noch gefunden werden.

Details

Seiten
19
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656380306
ISBN (Buch)
9783656380740
Dateigröße
582 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v209994
Institution / Hochschule
Universität Mannheim
Note
2,0
Schlagworte
aufbau zerstörung sozialkapital auswirkungen wohlfahrtsstaates

Autor

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Titel: Aufbau oder Zerstörung von Sozialkapital. Die Auswirkungen des Wohlfahrtsstaates