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Karl Poppers Kritik an Platons Staatsphilosophie in „Der Staat“

Seminararbeit 2012 13 Seiten

Philosophie - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung

2. Poppers Platonkritik am Beispiel des Gerechtigkeitsbegriffs
2.1 Popper über Platons politisches Programm
2.2 Die offene Gesellschaft
2.3 Der Gerechtigkeitsbegriff
2.4 Die humanitäre Theorie der Gerechtigkeit

3. Bewertung der Kritik

4. Fazit

Literaturverzeichnis

(1) Einleitung

Wenn man in der Philosophie den Namen Platon erwähnt, würde man wohl zunächst die Ideenlehre, das Höhlengleichnis und die erkenntnistheoretischen Lehren diskutieren. Aber würde man Platon als ‚Urvater’ totalitärer Systeme und als Begründer entsprechender Staatssysteme bezeichnen? Aber genau mit dieser Frage beschäftigt sich Karl Popper. „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ besteht aus zwei Bänden. Der erste Band trägt den Titel „Der Zauber Platons“[1], der zweite Band trägt den Titel „Falsche Propheten: Hegel, Marx und die Folgen“. Im ersten Band geht Karl Popper hauptsächlich auf die Staatsphilosophie Platons ein und konstruiert mit der ‚offenen Gesellschaft’ einen kritischen Gegenentwurf. Popper ist ein Vertreter des Liberalismus und so ist auch seine ‚offene Gesellschaft’ durch den Freiheitsgedanken geprägt und als Gegenbeispiel zu totalitären Systemen zu verstehen. Popper wirft im ersten Band seiner „offenen Gesellschaft“ Platon eine Staatsphilosophie vor, die er als totalitär kennzeichnet.

Das Ziel der Hausarbeit ist es, einen Einblick in Poppers Platonkritik zu verschaffen und diese Kritik hinsichtlich ihrer Berechtigung zu diskutieren. Im Fokus

steht bei dieser Diskussion der Begriff der Gerechtigkeit, der nach Popper entscheidend für die Charakterisierung Platons politischen Programms ist. Ich werde auch kurz auf die offene Gesellschaft und auf den Begriff des Historizismus’ eingehen, um Poppers Idee genauer darstellen zu können.

(2.) Poppers Platonkritik am Beispiel des Gerechtigkeitsbegriffs

(2.1) Popper über Platons politisches Programm

Zur Einleitung ist eine kurze Auseinandersetzung mit dem Begriff des Historizismus’ nach Popper notwendig. Zwar behandelt Popper den Historizismus ausführlich in seinem Werk „Das Elend des Historizismus“, jedoch ist dieser Begriff prägend für Poppers politische Philosophie und auch, so Popper, ein grundlegendes Kriterium der negativen Auslegung Platons politischen Programms. Bei Popper bedeutet Historizismus das Bestimmen von Entwicklungsgesetzen der Zeit. Das bedeutet, ein historizistischer Geschichtsschreiber würde „versuchen, die Gesetze der historischen Entwicklung zu verstehen. Und wenn ihm das gelingt, so wird er auch zukünftige Entwicklungen voraussagen können.“[2] Karl Popper lehnt diese Position ab. Der künftige Gesellschaftsverlauf ist nach Popper geprägt von künftigem Wissen und nicht von vergangenem. Deshalb sind nur Mutmaßungen über die Gesellschaftsentwicklung möglich.

Ich skizziere nun kurz Platons Idealstaat, um die Basis Poppers Kritik genauer darstellen zu können. Der Idealstaat besteht aus drei Klassen: Bauern und Handwerker stellen die dritte Klasse dar und sollen die Grundversorgung sichern. Die zweite Klasse besteht aus dem Wehrstand und Kaufläuten. Die erste Klasse steht schließlich über den anderen Ständen und besteht aus Gebildeten, beziehungsweise Philosophen. Das prägende Ideal bei Platon ist das Regiment des ‚Philosophenherrschers’. Der Philosophenherrscher verbindet Politik und Philosophie und steht an der Spitze des Staates. Die erste Klasse ist also verantwortlich für die Herrschaft.

Nach Popper lässt sich Platons politisches Programm durch zwei grundlegende Merkmale kennzeichnen, die sich im gesamten Programm wiederfinden lassen. Zum einen fordere Platon politischen Stillstand, zum anderen fordere er eine Rückkehr zu einer natürlichen Staatsform.[3] Politischer Stillstand in diesem Sinne bedeutet, dass es keine Veränderungen im Staatswesen geben darf. Der Idealstaat ist also eine konstante, unbewegliche Instanz. Und diese Unveränderlichkeit sei nur durch eine natürliche Staatsform zu erreichen. Nach Popper fordert Platon eine Rückkehr zu einem primitiven Staat.[4] Diese beiden Grundgedanken sind nach Popper die wesentlichen Merkmale Platons Staatsphilosophie, die die Basis für die bedeutsamsten politischen Forderungen und Thesen bilden.

Popper kritisiert bei Platons Staatsphilosophie fünf Grundelemente, die zu einer Klassenherrschaft führen.[5] Das erste Element bezieht sich auf die Klassenverteilung im Idealstaat. Die verschiedenen Gesellschaftsklassen sind streng voneinander getrennt. Ein weiteres negatives Merkmal ist das Gleichsetzen des Staatswillens mit dem Willen der Herrschenden. Das bedeutet, der Wille des Staates setzt sich nicht aus dem Willen der einzelnen Klassen und damit aus dem Willen aller Individuen zusammen, sondern lediglich aus dem Willen der oberen Klasse. Das dritte Element ist eine konkrete Verteilung der Monopole unter den Klassen. Die herrschende Klasse ist allein für „kriegerische Tugenden“[6] zuständig. Dazu gehören das Monopol der militärischen Ausbildung und das Monopol, Waffen zu tragen. Allerdings darf diese Klasse keine wirtschaftlichen Arbeiten, wie das Geldverdienen, ausüben. Das vierte Element steht in einer engen Verbindung zu Poppers Vorwurf des Stillstandes. Der Stillstand erstreckt sich nicht nur auf politischer, sondern auch auf gesellschaftlicher Ebene. Das bedeutet konkret, dass Veränderungen in „Erziehung, Gesetzgebung und Religion“[7] verhindert oder sogar unterdrückt werden sollen. Das fünfte Element stellt eine wirtschaftliche Unabhängigkeit dar. „Der Staat muss sich selbst versorgen können.“[8] Diese fünf Merkmale sind nach Popper die wesentlichen Kennzeichen für eine totalitäre Staatsordnung und die Richtlinien, nach denen Platons Programm aufgebaut ist.

Die Klassenordnung darf jedoch nicht falsch ausgelegt, beziehungsweise falsch kritisiert werden. „…aber sein Ideal war nicht die größtmögliche Ausbeutung der arbeitenden Klassen durch die Oberklasse, sondern die Stabilität des Ganzen.“[9] Popper wirft Platon keine Ausbeutung im Sinne einer Kapitalismuskritik vor, sondern die Konstruktion einer totalitären Staatsphilosophie. Stabilität und damit die Unveränderlichkeit der bestehenden politischen Situation sind nach Popper die Wurzeln für einen totalitären Staat. Der Kerngedanke, der Poppers Platonkritik auszeichnet, ist der, dass Platons politisches Programm mit dem Programm totalitärer Systeme nahezu identisch ist.[10] Es gibt keine Möglichkeit, und es darf auch keine Möglichkeit geben, das System zu verändern.

(2.2) Die offene Gesellschaft

Ich skizziere hier nur kurz die Grundzüge der offenen Gesellschaft. Sie stellt das Gegenmodell zu Platons Idealstaat dar und ist der Ausgangspunkt für Poppers Platonkritik. Auf die offene Gesellschaft werde ich wieder in Kapitel 2.4 eingehen, um ein abschließendes Fazit aus der Kritik zu zeihen. Nach Karl Popper zeichnet sich die offene Gesellschaft dadurch aus, dass sie die Möglichkeit der Kritik bereithält. Die offene Gesellschaft ist nicht am Stillstand interessiert und gewährleistet Handlungs- und Meinungsfreiheit.

[...]


[1] Karl Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Band I Der Zauber Platons. 8. Auflage durchgesehen und ergänzt. Tübingen: Mohr Siebeck 2003. Im Folgenden zitiert als Popper.

[2] Popper, S.12.

[3] Vgl. Popper, S. 104.

[4] Vgl. Popper, ebd.

[5] Vgl. Popper, S.104 f.

[6] Popper, S.104.

[7] Popper, S.105.

[8] Popper, S.105.

[9] Popper, S.130.

[10] Vgl. Popper, S.106.

Details

Seiten
13
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656378815
ISBN (Buch)
9783656379072
Dateigröße
410 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v209958
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Note
2.3
Schlagworte
Popper Platon Die offene Gesellschaft und ihre Feinde

Autor

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Titel: Karl Poppers Kritik an Platons Staatsphilosophie in „Der Staat“