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Zwischen Klausurstress und Kinderplanung

Eine Grounded Theory über das Geschlechterverhältnis in studentischen Paarbeziehungen

Diplomarbeit 2011 219 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhalt

1 EINLEITUNG

2 FELDBESTIMMUNG : STUDENTISCHE PAARBEZIEHUNGEN ALS VERGESCHLECHTLICHTE KONSTELLATIONEN
2.1 Geschlechtertheoretische Rahmungen
2.1.1 Der strukturelle Rahmen: Geschlecht als Ungleichheitskategorie
2.1.1.1 Produktion und Reproduktion: Vergeschlechtlichte Arbeitsteilung
2.1.1.2 Geschlechtsdifferenzierende Segregation des Arbeitsmarktes
2.1.1.3 Studium und Arbeitsmarktsegregation
2.1.1.4 Zur Einordnung erwerbszentrierterAnsätze
2.1.2 Die intersubjektive Validierung von Geschlecht: Prozesse der Herstellung von Geschlechterdifferenz
2.1.2.1 Geschlecht als soziale Konstruktion - „doing gender“
2.1.2.2 Geschlecht und Interaktion
2.1.3 Zur Bedeutung der Kategorie Geschlecht
2.2 Die Rechtfertigung der Lebensentwürfe: Individualisierung und das Recht auf ,eigenes’ Leben
2.2.1 Individualisierung als Strukturmarker der reflexiven Moderne
2.2.2 Eigenes Leben und Liebeschaos - Individualisierung und Geschlechterverhältnis
2.2.3 Aufweichung statt Auflösung: Kritikpunkte der Individualisierungsthese
2.2.4 Individualisierte Biographien: Individualisierung als empirische Konstruktion
2.2.5 Individualisierung und Aushandlung als Argumentationsstruktur in Interaktionen
2.3 Die strukturelle Rahmung der Paarbeziehung und das Geschlechterverhältnis
2.3.1 Das Paar als spezifische soziale Ebene
2.3.1.1 Paarbeziehungen als soziologischer Forschungsgegenstand
2.3.1.2 Klassische Paarsoziologie: Simmel und von Wiese
2.3.1.3 Strukturmerkmale von Paarbeziehungen
2.3.2 Zum Geschlechterverhältnis in Paarbeziehungen
2.3.3 Persistenz und Wandel von Ungleichheitsstrukturen in Paarbeziehungen: Vergleichslinien empirischer Ergebnisse
2.3.3.1 Institutionalisierte Arrangements der Arbeitsteilung
2.3.3.2 Beziehungshandeln junger Frauen in Berufsausbildung
2.3.3.3 Dual Career Couples als egalitäre Beziehungsform
2.3.4 Inhaltliche Schwerpunktsetzungen im Beziehungsfokus
2.3.4.1 Alltägliche Lebensführung als analytisches Konzept
2.3.4.2 Der (gemeinsame) Lebensentwurf
2.4 Geschlecht, Bildung und Milieu
2.4.1 Notwendigkeit einer Milieu-differenzierenden Geschlechterforschung
2.4.2 Der Milieu-Begriff
2.4.3 Das akademische Milieu: Bildungsgleichheit und Gleichheitsdiskurs
2.4.4 Generationensoziologie: „Junge“ Menschen als Träger sozialen Wandels
2.4.5 Integration milieubezogener Variablen zur Verdichtung der Vorgänge im Feld
2.5 Zusammenfassung - Die Inhalte der theoretischen Vergleichslinien zum Feld

3 METHODOLOGIE UND METHODISCHES VORGEHEN
3.1 Offenheit in der Forschungspraxis als forschungsleitendes Thema
3.1.1 Methodologische Grundlagen der Grounded Theory
3.1.1.1 Symbolischer Interaktionismus und Pragmatismus als epistemologische Grundlagen
3.1.1.2 Offenheit der Forschungspraxis gegenüber der empirischen Welt.
3.1.1.3 Entwicklung einer gegenstandsbezogene Theorie
3.1.1.4 Glasers reiner Induktivismus gegen die iterativ-zyklische Arbeitsweise nach Strauss
3.1.2 Der Fokus auf das Geschlechterverhältnis vor dem Hintergrund einer methodischen und interpretativen Offenheit
3.1.2.1 Reifikation und Offenheit in der Geschlechterforschung
3.1.2.2 Hagemann-White und das Verfahren zum wissenschaftlichen Umgang mit Zweigeschlechtlichkeit
3.2 Die Grounded Theory als Auswertungsmethode
3.2.1 Kodieren als zentrales Analyseinstrument
3.2.2 Forschungspraktische Instrumente im Untersuchungsablauf
3.3 Datenerhebung
3.3.1 Erhebungsmethode
3.3.1.1 Die Besonderheiten des Paarinterviews
3.3.1.2 Problemzentriertes undhalbstandardisiertes Leitfadeninterview
3.3.2 Erhebungseinheit
3.3.3 Durchführung
3.3.3.1 Akquise der Interviewpartner
3.3.3.2 Zeitpunkte, Ablauf und Bedingungen der Datenerhebung
3.3.3.3 Transkription und Anonymisierung
3.3.4 Äußere Rahmung des Feldes - Eckdaten der Interviewten
3.3.5 Schwerpunktsetzungen und Modifikation der Leitfäden
3.3.6 Zur Verschriftlichung der Auswertungsmethode

4 ERGEBNISDARSTELLUNG: „DAS GLEICHGEWICHT DER (UN)GLEICHHEIT“
4.1 Merkmale des studentischen Milieus
4.1.1 Bildung und Soziale Herkunft
4.1.2 Ein Studentenleben?
4.1.2.1 Studium als individualisierte Lebensphase
4.1.2.2 Studium als primärer Lebensinhalt
4.1.2.3 Der geringe finanzielle Spielraum in der Lebensphase Studium
4.2 Die zwei Ebenen der Analyse: die praktische Emergenz des Gleichheitsdiskurses
4.3 Das Gleichgewicht als Schlüsselkategorie
4.4 Alltägliche Lebensführung: Irrelevanz und Habitualisierung als zentrale Handlungsmarker
4.4.1 Die Irrelevanz des Geldes in der Paarkommunikation
4.4.1.1 Der Anspruch studentischer Bescheidenheit und die finanzielle Regelung
4.4.1.2 Das Aufrechterhalten der finanziellen Gleichheitsfiktion
4.4.2 Häusliche Arbeitsteilung vor dem Hintergrund des Gleichheitsdiskurses
4.4.2.1 Irrelevanz und Ausgeglichenheit: „so WG-mäßig quasi“
4.4.2.2 Haushalt als weibliche Hauptzuständigkeit: Der „Haushaltsvorstand“
4.5 (In)Kohärenzen im Lebensentwurf - die Antizipation zukünftiger Berufs- und Beziehungsverhältnisse
4.5.1 Planungsperspektiven und Unwägbarkeiten
4.5.1.1 Studienfach und Berufswahl
4.5.1.2 Komplementäre Entwürfe und Wunschvorstellungen
4.5.1.3 Unsicherheitenund Unwägbarkeiten als Beziehungsstabilisator..
4.5.1.4 Zusammenfassung: ZukunftsplänezwischenBeziehung und Arbeitsmarktanforderungen
4.5.2 Die Kinderfrage
4.5.2.1 Der gemeinsame Kinderwunsch/Die Komplementarität in der Familienplanung
4.5.2.2 Das (weibliche) Problem derUnvereinbarkeit
4.5.2.3 Das gesellschaftliche Framing: Das Elterngeld
4.5.2.4 Zusammenfassung: Die Kinderbetreuung als zentraler Modus gesellschaftlicherVerortung
4.6 Zum Gleichheitspotential der Beziehungen
4.6.1 Das ,Wir’ und das ,Du’ und ,Ich’ - Der Topos der persönlichen Autonomie
4.6.1.1 Persönliche Autonomie als Ausdruck des partnerschaftlichen Kodes
4.6.1.2 Bedingungen individueller Eigenständigkeit
4.6.1.3 Der ,Kompromiss’ zwischen individueller Freiheit und dyadischer Gemeinsamkeit
4.6.1.4 IndividuelleAutonomie als geschlechtsloses’ Konzept
4.6.2 Das Sprechen von der Gleichberechtigung: gleich, gerecht und ausgeglichen
4.6.2.1 Gleichberechtigung als paarinternes/unpolitisches Phänomen
4.6.2.2 Das Gleichheits-Potential der Konventionellen und der Avantgardisten: Die Unreflektierten
4.6.2.3 Gleichberechtigung auf Basis der Zweigeschlechtlichkeit: Gleichberechtigt, aber nicht gleich
4.6.2.4 Der reflektierte Diskurs als Ungleichheitsrisiko: Der Anti-Macho
4.7 Verdichtung der Ergebnisse - Die Analyseebenen und Handlungslinien des Geschlechterverhältnisses
4.7.1 Die Themenfelder des Geschlechterverhältnisses
4.7.2 Die Handlungslinien anhand der Ebenen von Diskurs und Praxis
4.7.3 Das Gleichgewicht als übergeordneter Deutungszusammenhang
4.7.4 Das studentische Milieu
4.7.5 Zweierbeziehung: Aufeinanderbezogenheit und Partnerschaftsideal

5 FAZIT

6 LITERATURVERZEICHNIS

7 ANHANG
Anhang A: Transkriptionsregeln und Zeichenerklärung
Anhang B: Leitfaden für Interview 1
Anhang C: Kodebaum nach offenem Kodieren mit Häufigkeiten
Anhang D: Kodebaum nach selektivem Kodieren
Danksagung

1 Einleitung

Ausgangspunkt: Das „und“ in den Lebensentwürfen junger Frauen In der „Brigitte-Studie“ 2009 nach ihren Lebensentwürfen und Zukunftsvorstel­lungen befragt, geben 82 Prozent[1] [2] der jungen Frauen zwischen 18 und 30 ein Le­bensmodell „als Erwerbstätige mit Kind und Partner“ an (Allmendinger 2009, 32; vgl. auch Albert/Hurrelmann 2010). Wenn auch Konstellationen der Erwerbstä­tigkeit des Partners und die Betreuungssituation der Kinder sich in den Vorstel­lungen unterscheiden, wird die Proklamierung eines gleichen Stellenwerts von Beruf, Partnerschaft und Kindern sowie der Wunsch nach einer Vereinbarkeit von Kind „und“ Berufstätigkeit deutlich (Allmendinger 2009, 31; Hervorh. L.S. ). Die Studie zeigt auch, dass die Berufstätigkeit für die Frauen zwar einen hohen Stel­lenwert hat, aber nur als ein Teil ihres Lebens angesehen wird, während Männer den Beruf als zentrales Element ihres Lebens einstufen, auf das zugunsten anderer Bereiche zu verzichten sie weniger bereit sind als Frauen (vgl. ebd.). Junge Män­ner „changieren“ laut Allmendinger „zwischen traditionellen und modernen Ein­stellungen“ und betonen auf der einen Seite den Wunsch nach gemeinsamen Er­ziehungsformen und andererseits „beharren sie auf ihrer Versorgerrolle“ und auf einer „klaren Rollenverteilung“ (ebd., 72).

Auch andere jüngste Studien zeichnen ähnliche Befunde: In der Shell­Jugendstudie 2006 wird Mädchen eine zunehmende Ablehnung der traditionellen Hausfrauenrolle attestiert, während für die jungen Männer „die traditionelle Ar­beitsteilung der Geschlechter ein zentraler Orientierungspunkt“ bleibt (Hurrel­mann/Albert 2006, 37).

Die Durchsetzungsmöglichkeit solcher Entwürfe, wie sie in der Vereinbarkeit von Beruf und Familie erkennbar ist, wird jedoch nicht von Frauen (und Männern) im Alleingang entworfen, sondern wird insbesondere im partnerschaftlichen Lebens­zusammenhang zum Gegenstand von Diskussionen und Aushandlungsprozessen. Innerhalb von Paarbeziehung spielt nicht nur eine ,männliche’ und eine ,weibli- о che’ Perspektive von Zukunft eine Rolle, sondern gerade die mit- und gegenein­ander formulierte Vorstellung zukünftiger Lebensentwürfe, die nur aus dem Wechselspiel der an der Beziehung Beteiligten rekonstruiert und verstanden wer­den kann. Gemäß den Aussagen der Brigitte- sowie der Shell-Jugendstudie müss­ten innerhalb der Paarbeziehung die gegenläufigen Lebensentwürfe und die ge­schlechtsnormierten Wertevorstellungen geradezu ,aufeinanderprallen’. In diesem Sinne ist die (Nicht-)Durchsetzung des ,unď in der Interdependenz der Interakti­on in Partnerschaften junger Männer und Frauen zu verorten und empirisch zu un­tersuchen. An diesem Punkt knüpfe ich mit dieser Arbeit an, in der die Untersu­chung des Geschlechterverhältnisses in studentischen Paarbeziehungen eine Ant­wort auf diese Forschungslücke geben soll.

Insgesamt ist der Forschungsstand zu Paaren, die noch vor Berufseintritt und Fa­miliengründung stehen bis auf wenige Ausnahmen (vgl. Koppetsch/Burkart 1999) in Deutschland relativ gering. Im Sinne einer Soziologie der Zweierbeziehung (vgl. Lenz 2009b) ist eine Paarkonstellation unter diesen Bedingungen nicht nur im Hinblick auf das konkrete Geschlechterverhältnis, sondern auf seine gesamte Paarwirklichkeit zu erforschen, um das Forschungsfeld nicht nur in Beziehung zu geschlechtersoziologischen Fragestellungen, sondern auch auf allgemeine Struk­turelemente „junger“ Beziehungen zu erweitern und so das „Phänomen“ Paarbe­ziehung in diesem spezifischen Kontext ganzheitlich in den Blick zu nehmen. Ei­ne Fokussierung auf studentische Paarbeziehungen ist in diesem Rahmen viel ver­sprechend, da in der Lebensphase Studium gleiche sozioökonomische sowie ähn­liche soziokulturelle Voraussetzungen beider Paarteilnehmenden angenommen werden können und somit von einem grundsätzlich egalitären Arrangement aus­gegangen werden kann.

Ablauf der Arbeit

In der vorliegenden Arbeit werde ich diese Vorgaben im Rahmen einer empiri­schen Studie umsetzen. Zunächst wird in der kritischen Auseinandersetzung mit Theorie und empirischen Ergebnissen das konkrete Forschungsfeld „Studentische Paarbeziehungen als vergeschlechtlichte Konstellationen“ bestimmt. Die Darstel­lung und kritische Reflexion theoretischer Rahmungen und empirischer Ergebnis­se von Geschlecht als sozialer Ungleichheitskategorie sowie als intersubjektive[3]

Validierung im Konzept des „doing gender“ dient dazu, einerseits für geschlech­terspezifische Formen von Ungleichheit und situative Herstellungsweisen von Ge­schlechterunterscheidungen aufmerksam zu sein und andererseits die normative Aufgeladenheit der Kategorie Geschlecht zu reflektieren und im empirischen Teil möglichst zu vermeiden. Die soziologischen Spezifika der Paarbeziehung als ei­genständiges soziales Gebilde sowie die empirisch belegten Besonderheiten des Geschlechterverhältnisses, die auch durch Strukturmerkmale der Paarbeziehung bedingt sind, folgen. Um der Gesamtheit des Feldes auch in Bezug auf den stu­dentischen ,Anteil’ gerecht zu werden, wird das geschlechter- und paarsoziologi­sche ,Wissen’ noch durch die Merkmale eines spezifischen „akademischen bzw. studentischen Milieus“ sowie durch die Annahme eines Veränderungspotentials im Geschlechterverhältnis einer jungen’ Generation im Rekurs auf Mannheims „Generationslage“ begründet.

Im Anschluss an die Feldbestimmung wird in der Integration epistemologischer Grundsätze der Grounded Theory Methodologie und durch das Verfahren zum Umgang mit Zweigeschlechtlichkeit nach Hagemann-White der Anspruch größt­möglicher Offenheit in die Auswertung eingebracht. Durchgeführt wurde im Rückgriff auf diese theoretische und methodologische Basis eine offen gestaltete Untersuchung, die die paarinternen Interaktionen und Aushandlungsformen in Beziehungen junger Menschen beleuchtet. Die empirische Datenerhebung hat die Form von qualitativen halbstrukturierten Interviews, die mit den Paarbeteiligten zusammen geführt wurden, so dass die kommunikative Aufeinanderbezogenheit der Paarteilnehmer im Interviewmaterial im Mittelpunkt steht.

Die Auswertung der Interviews folgt der Grounded Theory Methodologie nach Strauss bzw. Strauss/Corbin, die insbesondere aufgrund ihrer offenen, explorati- ven Forschungsweise gewählt wurde. Ziel dieses Prozesses war die Generierung einer Grounded Theory, die wesentliche soziale Handlungsweisen und Deu­tungsmuster der untersuchten Paare rekonstruiert und dabei insbesondere das Ge­schlechterverhältnis vor dem Hintergrund einer komplementär gestalteten Paar­wirklichkeit von Studierenden untersucht.

Die Herausforderung im iterativ-zyklischen Forschungsablauf Aufgrund der Wahl der Grounded Theory Methodologie als Forschungsvorgehen, innerhalb dessen eine vorherige Explizierung eines durch Hypothesen zu testen­den theoretischen Hintergrunds durch eine offene Herangehensweise ohne kon­krete Fragestellung ersetzt wird, ergaben sich einige Herausforderungen und Schwierigkeiten. Im Auswertungsprozess dient der vorher dargelegte theoretische und forschungspraktische Rahmen der theoretischen Anreicherung der Interpreta­tion. Angenommen wird, dass die in Bezug auf das Ausgangsinteresse wesentli­chen Feldvorgänge nur dann .reichhaltig’ beschrieben werden bzw. der Komple­xität sozialer Wirklichkeit gerecht werden können, wenn theoretisches Vorwissen zwar nicht als Maßstab, aber als Angebot möglicher Deutungsmuster in den For­schungsprozess mit einbezogen wird.[4] Die besondere Herausforderung dieser Vorgehensweise ist die Prozesshaftigkeit im Forschungsablauf, innerhalb dessen sich die theoretisch relevanten Bezüge im Verlauf der Felduntersuchung verän­dern: die unter dem Punkt „Feldbestimmung“ dargelegten Inhalte sind daher als Endprodukt dieses iterativ-zyklischen, nicht-linearen Vorgehens zu verstehen; sie stellen gleichwohl keinen theoretischen Horizont zur Hypothesenbildung dar. Die empirische Arbeit gilt nicht der deduktionslogischen Überprüfung dieser Inhalte, sondern beschreibt die Vorgänge im Feld aus ihrer eigenen Logik heraus, die im Auswertungsprozess in Beziehung zu den unter dem Punkt „Feldbestimmung“ dargelegten Inhalten gesetzt werden und sich im Forschungsablauf gegenseitig modifizieren.[5]

Zum Begriff des .Geschlechterverhältnisses’

Im Zusammenhang geschlechtersoziologischer Debatten um die .richtige’ Ver­wendung wissenschaftlicher Begrifflichkeiten sei kurz auf das Verständnis des Begriffs .Geschlechterverhältnis’ in dieser Arbeit eingegangen. Ich orientiere mich in dieser Arbeit an einer .Definition’ von Becker-Schmidt/Knapp:

„Dabei verstehen wir unter dem Begriff .Geschlechterverhältnis’ nicht nur die Beziehungen zwischen Frauen und Männern, sondern darüber hinaus die Art und Weise, wie diese Beziehungen in bestimmten historischen Konstellationen gesellschaftlich organisiert sind. Anders gesagt: Wir neh­men Frauen und Männer als soziale Gruppen in den Blick, die in gesell­schaftlich institutionalisierter Form zueinander in Beziehung stehen.

Wir gehen davon aus, dass bestimmte geschichtlich bedingte Merkmale ei­ner Gesellschaft Auswirkungen haben auf das Verhältnis der Geschlechter, die in dieser Gesellschaft leben. Umgekehrt gilt sicher auch, dass die Art und Weise, wie Geschlechterbeziehungen organisiert sind, wieder auf die Gesellschaft zurückwirkt und auf soziale Veränderungen Einfluss nehmen kann.“ (Becker-Schmidt/Knapp 1995, 7).

Die wissenschaftliche Aufmerksamkeit in diesem Zusammenhang ist also danach zu richten, „wie gesellschaftliche Verhältnisse und individuelles bzw. soziales Verhalten zusammenwirken.“ (ebd., 8). In der Umsetzung dieser Definition in konkrete Prämissen über den Forschungsgegenstand wird das untersuchte Feld gleichzeitig zu gesellschaftstheoretischen Aspekten der strukturellen Ungleichheit und institutionalisierten Formen der Differenzierung sowie zu interaktionalen Praxen der Produktion von „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“ in Beziehung ge­setzt und diese Inhalte im Zusammenhang mit den Auswertungsergebnissen als Erklärungshintergrund fixiert.

Die Beschreibung des Geschlechterverhältnisses setzt sich hier aus drei Grund­bausteinen zusammen: erstens wird mit der Fokussierung auf den Begriff des Ge­schlechterverhältnisses ein Zusammenhang von Geschlecht als gesellschaftlich strukturierte Ungleichheitskategorie und als situativ zu leistende Herstellung von Geschlechtszugehörigkeit postuliert; zweitens wird das Geschlechterverhältnis in seiner Einlassung in die Paarbeziehung betrachtet, die dieses im Rahmen der Pri- vatheit (in der Gegenüberstellung zu öffentlichen Bereichen wie Politik und Ar­beit) in besonderem Maße strukturiert und drittens wird mit der Fokussierung auf einen spezifischen Milieu-Kontext ein milieu-inhärenter Horizont bestimmter kul­tureller Kodes und spezifischer Lebenszusammenhänge angenommen, die in der Gestaltung des Geschlechterverhältnisses bestimmend sind. Diese Kontextualisie- rung des Forschungsgegenstandes ist wesentlich für die Untersuchung.

2 Feldbestimmung : Studentische Paarbeziehungen als ver­geschlechtlichte Konstellationen

In der Feldbestimmung werden die theoretischen Inhalte und Forschungsergebnis­se, die för die Rahmung des Untersuchungsgegenstandes relevant sind, dargestellt. Sie bilden sich aus verschiedenen soziologischen Fachrichtungen, Denktraditio­nen und Forschungsgegenständen ab. Sie haben dergleichen alle einen Zusam­menhang mit den empirisch untersuchten Vorgängen im Feld und dienen der theo­retischen Anreicherung der von mir gewonnenen Ergebnisse.

2.1 Geschlechtertheoretische Rahmungen

In Anlehnung an eine übliche Trennung in zwei zentrale Felder sozialwissen­schaftlicher Geschlechterforschung nach der Untersuchung von „Geschlecht als gesellschaftlichem Strukturzusammenhang“ und nach „der Frage der sozialen Konstruktion von Geschlecht“ (Wolde 1995, 279), werde ich zunächst auf ausge­wählte Ansätze und Konzepte eingehen, die Geschlecht als Struktur- und damit vorrangig als Ungleichheitskategorie beleuchten und anschließend mit dem „doing gender“ Ansatz und dem Begriff der „Interaktionsordnung“ nach Goffman die situative Herstellung von Geschlecht betrachten. Meiner Ansicht nach sind beide Forschungslinien inhärent miteinander verbunden. Sie können daher nicht immer konsequent voneinander getrennt vorgestellt werden. Insbesondere im Re­kurs auf Goffman in Abschnitt 2.1.2.2 wird eine theoretische Rahmung vorge­stellt, die einen Zusammenschluss beider Linien beinhaltet.

2.1.1 Der strukturelle Rahmen: Geschlecht als Ungleichheitskategorie

Dargestellt werden hier Ansätze, die wesentliche sozialstrukturelle Elemente der geschlechtsspezifischen Benachteiligung erklären und in der empirischen Auswer­tung wesentlich sind.[6] Angenommen wird, dass mit ihrer Hilfe wesentliche Grundmuster sozialen Handelns im Feld erklärt bzw. theoretisch angereichert werden können. Die Darstellung erwerbszentrierter Ansätze geht mit der Erkennt­nis einher, dass sie das Geschlechterverhältnis auch im privaten Bereich, inner­halb dessen sich Paarbeziehungen konstituieren, in einem hohen Maße mit bedin­gen (vgl. z.B. Koppetsch 2009).

2.1.1.1 Produktion und Reproduktion: Vergeschlechtlichte Arbeitsteilung

Ungleichheitstheoretischen und insbesondere mit dem Konzept Klasse arbeiten­den Ansätzen ist gemein, dass die „Hierarchie der Geschlechter als soziale Un­gleichheit nur im Zusammenhang mit übergreifenden gesellschaftlichen Verhält­nissen zu verstehen ist“ (Wolde 1995, 279). In diesen Zusammenhängen wird ins­besondere Arbeit zum „Schlüssel für gesellschaftliche Differenzierung und Machtverhältnisse“ (Gerhard 1995, 264) und zur analytischen Ausgangslage der „Arbeitsgesellschaft“. Die zugrunde liegenden Mechanismen werden soziologisch häufig in einer historischen Perspektive erklärt; als Ausgangspunkt im Hinblick auf ihren enormen Beitrag zur gesellschaftlichen Modernisierung und zur Verän­derung von Geschlechterkonstellationen wird dabei die industrielle Revolution’ des 19. Jahrhunderts genannt.

Mit Beginn der Massenfabrikarbeit trennt sich der in vormodernen Agrargesell­schaften vorherrschende Lebenszusammenhang des „,Ganzen Hauses’“ (Hradil 2004, 90) auf und teilt die gemeinsame Lebenssphäre der (Klein­ Familienmitglieder - Vater, Mutter, Kind(er) - in die Bereiche von Betrieb und Haushalt auf. Das klassentheoretische Konzept nach Marx - beruhend auf der Di- chotomizität der Klasse, deren Zugehörigkeit nach der Stellung zu den Produkti­onsmitteln definiert wird (vgl. Cyba 2000) - rückt die berufliche Stellung im kapi­talistischen Produktionsprozess als Zuweisungsmodus in soziale Lagen in den Mittelpunkt. Im Zuge dieser Logik werden zwei Lebens- bzw. Arbeitsbereiche un­terschieden: Produktion und Reproduktion (vgl. Wolde 1995, Gottschall 1995). Da die Zuständigkeit für Hausarbeit, Gebären und Aufziehen von Kindern bei der (proletarischen) Frau liegt, hält sie sich vorwiegend nur im Reproduktionsbereich auf und wird damit mehrheitlich von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen, die über die Stellung im Produktionsprozess definiert wird. Obwohl zur Aufrecht­erhaltung des Produktionsprozesses unabdingbar, wird Reproduktionsarbeit weder anerkannt noch entlohnt (vgl. Becker-Schmidt 1983). Im Produktionsbereich ha­ben Frauen - wenn überhaupt[7] - meist eine Position inne, die durch schlechtere Entlohnung und ein Mehr an Arbeitskraftausbeutung bestimmt ist. Die Trennung der Lebensbereiche geht mit geschlechtsspezifischen Ressourcenverteilungsmus­tern einher und bringt eine Hierarchisierung der Geschlechter mit sich. (Proletari­sche) Frauen sind demnach neben ihrer benachteiligten Klassenlage aufgrund des Nichtbesitzes von Produktionsmitteln auch aufgrund ihres Geschlechts von Un­gleichheitslagen besonders geprägt.[8] Kritisch an marxistisch angelehnten Theorien zur Erklärung geschlechtsdifferen- zierender Ungleichheiten ist zum einen die Fokussierung auf das Erwerbssystem. In dessen Logik wird der Bereich der Reproduktion als zu untersuchender Ge­genstand sozialer Wirklichkeit eigentlich ausgeschlossen. Damit wird für Frauen „die Integration in die Klassentheorie“ (Cyba 2000, 29) unmöglich gemacht. Zum anderen ist die Prämisse homogener sozialer Lagen, die sich auf nur zwei Klassen (und zwei homogene Geschlechtslagen) beschränken, insbesondere für differen­zierte Theoriemodelle wenig anschlussfähig. Wesentlicher Verdienst dieses An­satzes ist, die Aufmerksamkeit auf weibliche Ungleichheitslagen zu lenken, die auf der Eingelassenheit von Frauen in Klasse und Geschlecht als zwei gesell­schaftliche Zuweisungsmodi beruhen. Insbesondere aber verweisen sie auf die ge­sellschaftliche Trennung von Produktion und Reproduktion, die als wesentliches Grundmuster geschlechtsspezifischer Ungleichheit gelten kann und innerhalb des­sen die ,Natürlichkeit’ eines ,männlichen’ und ,weiblichen’ Lebensweges festge­setzt wird.

2.1.1.2 Geschlechtsdifferenzierende Segregation des Arbeitsmarktes

Der Topos der geschlechtsdifferenzierenden[9] Arbeitsmarktsegregation wird hier als differenzierter Modus der Hierarchisierung der Geschlechter im Rahmen der Trennung Produktion/Reproduktion integriert. Ausgangspunkt ist die Feststellung einer strukturellen Benachteiligung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt und im Be­rufsalltag, die in auf Erwerbsarbeit zugeschnittenen gesellschaftlichen Vertei- lungs- und Anerkennungsstrukturen geschlechtsdifferenzierende Ungleichheits­formen (vgl. Gottschall 2008) schafft. Gottschall beschreibt die „Quintessenz“ dieser Benachteiligung folgendermaßen:

„Frauen sind im Vergleich zu Männern generell mit schlechteren Arbeits­marktchancen konfrontiert, beim Eintritt in das Erwerbsleben wie beim Verbleib, bei der Entlohnung, den Aufstiegschancen, den Weiterbildungs­möglichkeiten und der Arbeitsplatzsicherheit.“ (1995, 125)

Erwerbsarbeit gilt - trotz des propagierten „Endes der Arbeitsgesellschaft“ (s.d. Offe 1984; Beck 1984, zitiert in Gottschall/Pfau-Effinger 2002, 9) - nach wie vor als zentraler Modus der Zuweisung von sozialer Anerkennung und Identifikation und ist Grundlage gesellschaftlicher Teilhabe (vgl. Seeg 2000). Indem Arbeit zum sozialen Zuweisungsmerkmal überhaupt wird, werden die berufliche Position und der berufliche Erfolg zum Lebensmittelpunkt Prestigeträchtige Berufe sind mit zeitlichem und physischem Einsatz verbunden, den Frauen, etwa im Fall von Kin­derbetreuung und einer Mehrbelastung im Haushalt, nicht oder unter Schwierig­keiten leisten können. Haus- und Familienarbeit dagegen ist nicht entlohnt, ist ar­beitsmarktstrategisch nicht nutzbar, findet wenig soziale Anerkennung und bietet wenig Identifikationspotential (vgl. Falk 2005). Im „Familienernährermodell“ ist die volle Erwerbstätigkeit des Mannes verbunden mit einem ^abgeleiteten’ Status von Frauen als Hausfrauen und Mütter“ (Gottschall/Pfau-Effinger 2002, 17). Wenn Frauen einer entlohnten Tätigkeit nachgehen, ist diese der männlichen Kar­riere nachgeordnet. Deren Beschäftigungen erstrecken sich im Gegensatz zu Typi­schen Männerberufen’ häufig auf Bereiche, die gesellschaftlich niedriger bewertet sind und/oder in Teilzeit ausgeübt werden, was mit geringerem Lohn und Auf­stiegschancen verbunden ist (vgl. Wobbe/Nunner-Winkler 2007).

Dabei ist es für die wissenschaftliche Analyse wichtig, „die sich verändernde ge­sellschaftliche Realität der Frauenerwerbstätigkeit [zu berücksichtigen], die zu ei­ner beträchtlichen Heterogenität in der Gruppe der Frauen geführt hat“ (Falk 2005, 27). Frauen sind nicht „Nur-Hausfrauen“ (ebd.), sondern arbeiten in hoch­qualifizierten Jobs, sind in wirtschaftlichen Führungszirkeln und in hohen politi­schen Ämtern vertreten. Nichtsdestotrotz bleiben sie oft in einer Minderheitenpo­sition, erhalten weniger Gehalt und sind spezifischen Hindernissen ,auf dem Weg nach oben’ ausgesetzt.[10]

Arbeitsmarktsegregation kann analytisch unterschieden werden in:

„horizontale berufliche Segregation in typische Männer- und Frauenberufe sowie in vertikale Segregation in statushohe und statusniedrige Tätigkeiten hinsichtlich Macht, Einkommen und Prestige innerhalb einzelner Berufe bzw. Berufsgruppen“ (Wimbauer 1999, 14; Hervorh. im Original).

Die Ausübung eines typischen Frauenberufes’ (Pflegerin, Verkäuferin, Sekretä­rin) kann entweder auf Grund geschlechtsspezifischer Sozialisation als individuel­le Wahlentscheidung gesehen oder durch strukturelle Hindernisse begründet wer­den, wie etwa die patriarchal geprägten „sozialen Schließungsmechanismen“, in­nerhalb derer die Bewertung weiblichen Arbeitsvermögens nicht nach individuel­len Leistungen erfolgt, „sondern auch oder überwiegend nach stereotypen Weib­lichkeitsbildern“ (Wobbe/Nunner-Winkler 2007, 306).

Wissenschaftliche Arbeiten in diesem Bereich (z.B. Falk 2005) zeigen anhand von individuellen Erwerbsverläufen die geschlechtsdifferenzierenden erwerbsbezoge­nen Strukturen auf. Interessant ist dabei, dass die weiblichen lebenslaufbezogenen Ungleichheitslagen sich kumulieren, dass also einmal getroffene Entscheidungen bestimmte Arbeitsmarktchancen eröffnen und verschließen und im Gegensatz zu linearen Berufskarrieren zu diskontinuierlichen Erwerbsverläufen und einer „Ver- zeitlichung von Ungleichheitslagen“ führen (Falk 2005, 27), die von Berufsaus­stieg, hürdenreichem Neueinstieg oder Neu- und Umorientierung geprägt sind.

Die Fokussierung auf vergeschlechtlichte Prozesse der Arbeitsteilung in Berufs­und Familien-/Hausarbeit und auf geschlechtergetrennte Tätigkeitsfelder allein ist nicht in der Lage, Phänomene der geschlechterspezifischen Arbeitsmarktsegrega­tion (insbesondere in ihrer Heterogenität) vollständig zu erklären. Sie verweisen aber auf Hierarchien, die in der erfolgreichen Reproduktion von Geschlechtsste­reotypisierungen liegen. Die beständige Herstellung von Geschlechterzuschrei­bung im beruflichen Kontext („doing gender“, vgl. Kap. 2.1.2.1) stabilisiert Vor­stellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit, so dass „gesellschaftlich funktio­nale Geschlechterarrangements und männliche Privilegien nicht gestört werden“ (Becker-Schmidt 1998, 10; zitiert in Falk 2005, 29). Diese Vorstellungen beruhen auf der Annahme einer natürlichen’ Geschlechterdifferenz und reproduzieren die Zuschreibungen von typisch weiblichen Eigenschaften (fürsorglich) und typisch männlichen Kompetenzen (rational, kalkuliert). Sie führen mit zur Trennung in geschlechtlich differenzierte Berufssparten, die mit ungleichen Machtverteilungen einhergehen und in ihrer Stabilität vergeschlechtlichte Schichtungsprozesse und Hierarchisierungen zur Folge haben.

Zugänge zum und Chancen am Arbeitsmarkt sind also nicht ,an sich’ geschlecht­lich vorbestimmt. Individuelle Lebensvorstellungen, institutionalisierte Strukturen (z.B. Aufstiegschancen höher bei Vollzeittätigkeit), wohlfahrtstaatliche Rahmen­bedingungen (z.B. Kinderbetreuungsbezogene Infrastrukturen), kulturelle Deu­tungssysteme und normative Zuschreibungsprozesse der Zweigeschlechtlichkeit gehen Hand in Hand. In diesem Zusammenhang ist anzumerken, dass auch Män­nern, in diese geschlechterdifferenzierten Hierarchien eingebunden, stereotypisier­te Eigenschaften und Zuständigkeitsbereiche zugeschrieben werden, die den eige­nen Lebensvorstellungen widersprechen können (vgl. Seeg 2000). Der Wunsch nach einem Lebensmodell abseits „eines einseitig auf die Welt der Öffentlichkeit und des Erwerbs fokussierten Lebensarrangements“ (Behnke/Liebold 2001, 141) oder nach beruflichen Auszeiten zugunsten der Kinderbetreuung findet oft wenig Anerkennung und muss hürdenreich gegen den Arbeitgeber durchgesetzt werden. Häufig ist der berufliche Neueinstieg schwieriger als für Frauen und ebenso mit einer Kompetenz- und Qualifikationsabwertung auf dem Arbeitsmarkt und im be­ruflichen Umfeld verbunden. Für mögliche Äußerungen und Bewertungen in die­ser Richtung muss meine Auswertung ebenso offen sein wie Anzeichen frauen­spezifischer Benachteiligung.

Es ergibt sich aus der Auseinandersetzung mit Prozessen geschlechtsspezifischer Arbeitsmarktsegregation die Notwendigkeit, im empirischen Teil für Darstellun­gen bezüglich späterer Arbeits- und Lebensverhältnisse, die normative Vorstel­lungen und handlungsleitendes Wissen über die beschriebenen Zusammenhänge zeigen könnten, aufmerksam zu sein, insbesondere dann, wenn der Wunsch nach einem Lebensmodell geäußert wird, in dem ,Kind und Karriere’ gleichermaßen Platz finden sollen. In Bezug auf die empirische Auswertung ist verknüpft mit er­werbszentrierten Erklärungsmodellen geschlechtsdifferenzierender Ungleichheit zu beleuchten, in welchen Zusammenhängen sie im Datenmaterial emergent wer­den und als Erklärungshintergrund der generierten empirischen Inhalte heranzu­ziehen sind.

2.1.1.3 Studium und Arbeitsmarktsegregation

Da die Befragten noch nicht fest in Arbeitsmarktstrukturen verankert sind und das Studium den Lebensmittelpunkt bildet, ist a priori nicht festzulegen, inwiefern ge­schlechtsspezifische Schwierigkeiten und Karrierewege schon jetzt antizipiert werden und welchen Stellenwert in Bezug auf gegenwartsbezogene Handlungs­weisen sie einnehmen. Allerdings werden auch in dieser Lebensphase Entschei­dungen getroffen, die Hinweise auf spätere Lebensverhältnisse geben. So ist die Studienfachwahl keine geschlechtsneutrale Angelegenheit; der überproportionale Männeranteil in ingenieurswissenschaftlichen Fächern sowie der überdurch­schnittliche Frauenanteil in Pädagogik oder im Lehramtsstudium (vgl. Gildemeis­ter/Robert 2008; BMBF/19. Sozialerhebung HIS 2009) deuten auf Entscheidun­gen hin, die (mehr oder weniger bewusst) mit Blick auf zukünftige Berufsmög­lichkeiten, Arbeitszeiten und Entlohnungen getroffen werden und damit in For­men geschlechtsdifferenzierter Handlungszusammenhänge und Lebensentwürfe eingelassen und mit Prozessen der Arbeitsmarktsegregation verbunden sind. Mit Sicherheit können die Wertigkeit, die dem Beruf im eigenen Lebensentwurf zuge­schrieben wird, die mehr oder weniger stringente Planung des beruflichen Weges sowie die eigenen Karrierechancen und -potentiale auch im Hinblick auf ge­schlechtsdifferenzierende (Nicht-)Erwerbsbiographien gelesen werden (vgl. Gil­demeister/Robert 2008; Allmendinger 2010; Falk 2005). Ein möglicher Ansatz­punkt in der Auswertung wäre daher beispielhaft dieser: Vorstellungen weiblicher Befragter, einen Beruf zu wählen, der einen schnellen Einstieg sowie eine mögli­che Teilzeittätigkeit nach beruflichen und erziehungsbedingten Auszeiten ermög­licht, mit dem damit allerdings häufig auch verringerte Aufstiegs- und Karriere­chancen verbunden sind, könnten auf ,vergeschlechtlichte’ Berufs- und damit Studiumswahlmuster hinweisen. Dergleichen gilt für das komplementäre männli­che Lebensmodell: Die Wahl eines ,zukunftsträchtigen’, arbeitsintensiven Studi­ums sowie der Wunsch nach einem linearen beruflichen Aufstiegsweg könnte ein Hinweis darauf sein, dass Auszeiten und Teilzeittätigkeiten weder berufsbedingt möglich scheinen noch eingeplant werden (oder beides). Strukturbezogene Un­gleichheitstheorien können dann zur Erklärung und zur theoretischen Anreiche­rung herangezogen werden, wenn allgemein-normative Vorstellungen im eigenen Lebensweg der Befragten sichtbar werden, auch wenn sie für die AkteurInnen ei­ner offensichtlichen Erklärung nicht bedürfen. Wer bereits im Studium antizipiert, einen großen Teil seines Erwerbslebens etwa aufgrund eines Kinderwunsches nicht erwerbstätig zu sein, stellt andere Bedingungen an zukünftige Erwerbsver­hältnisse und wird einen Beruf ergreifen (können), der mit weniger Prestige, Auf­stiegschancen und geringerem Lohn verbunden ist. Vorstellungen von Arbeits­marktzugängen und -chancen beeinflussen dabei Entscheidungen, die schon jetzt getroffen werden. Diese Entscheidungen bestimmen später individuelle Berufs­wege und Karrierechancen.

2.1.1.4 Zur Einordnung erwerbszentrierter Ansätze

Zusammengefasst werden in klassenorientierten Ansätzen Frauen als benachtei­ligte Klasse ,an sich’ innerhalb der Trennung von Produktions- und Reprodukti­onssphäre in den Funktionszusammenhang kapitalistischer Gesellschaften gestellt. Des weiteren führen mit Arbeitsmarktsegregation arbeitende Ansätze diesen Ge­danken differenziert weiter, indem sie erwerbsbezogene Konstellationen der Frau­enbenachteiligung auch für postindustrielle Gesellschaften verdeutlichen und auf latente, subtilere Formen von Ungleichheit hinweisen, die in geschlechtsdifferen­zierten Biographien kumulieren. Sie ziehen damit auch eine Verbindung zur Le­bensphase des Studiums, in dem bereits Entscheidungen getroffen werden, die von Vorstellungen über zukünftige Zugangschancen und Lebensmodelle beein­flusst sind.

In Bezug auf Erwerbstätigkeit und ihrer statuszuweisenden Funktion zeigen sich Widersprüche in der wissenschaftlichen Rezeption: Während etwa Krüger (2009) dafür plädiert, die „Analyse von Institutionen jenseits des Arbeitsmarktes “ (ebd., 447, Hervorh. im Original) in einer lebenslaufzentrierten Ungleichheitsforschung zu integrieren, meint Gerhard (1995) zwar ebenfalls, dass „der Weg zur Emanzi­pation der Frau ganz und gar nicht allein über ihre Integration in den Arbeitsmarkt führt“, dass aber auch bestimmte Gleichheitstendenzen in nicht-beruflichen Zu­sammenhängen „die über die Arbeitsteilung befestigten Herrschaftsverhältnisse in ihrem Kern nicht berührt“ haben (ebd., 266).

Weitere geschlechtsdifferenzierende Ungleichheitsfaktoren ergeben sich danach nicht nur im öffentlichen Bereich, sondern auch im privaten, hier zuvorderst im Zuge der normativierten Zweigeschlechtlichkeit der Paarbeziehung. Spezifische Formen von Ungleichheit in diesem Setting werden in Kap. 2.3.2 und 2.3.3 vorge­stellt. Sie sind aber mit erwerbsbedingten Ungleichheitsstrukturen inhärent ver­bunden. Das Wissen um Zugänge und Chancen am Arbeitsmarkt sowie normati- vierte Vorstellungen von Männer- und Frauenarbeit beeinflussen das Handeln und die Interaktion innerhalb der Paarbeziehung. Wichtige Lebensentscheidungen des Paares werden auch im Hinblick auf zukünftige Erwerbsverhältnisse bzw. in der Antizipation derselben mehr oder weniger bewusst getroffen. Diese Erwerbsver­hältnisse sind wiederum geschlechtlich vorstrukturiert, so dass aus diesen Zu­sammenhängen die Relevanz erwerbs- bzw. strukturzentrierter Erklärungsansätze abgeleitet wird.

2.1.2 Die intersubjektive Validierung von Geschlecht: Prozesse der Herstel­lung von Geschlechterdifferenz

Folgender Abschnitt stellt Forschungslinien dar, die nicht strukturelle Mechanis­men der Geschlechterdifferenzierung vorstellen, sondern in der Perspektive des „doing gender“ Geschlecht als intersubjektiv immer wieder herzustellende Leis­tung verstehen. Die Integration der „Interaktionsordnung“ nach Goffman greift diese Perspektive auf und stellt die situative Geschlechtszuschreibung in einen Kontext mit strukturellen Ordnungsmustern.

2.1.2.1 Geschlecht als soziale Konstruktion - „doing gender“

Die Forschungsrichtung des „doing gender“ stellt die Interaktion und Handlung in den Mittelpunkt, um die Herstellung von Geschlecht als unmittelbaren sozialen Prozess zu beleuchten und so eine Erklärung für Geschlechterdifferenz zu bieten, die nicht kausal aus der Ungleichverteilung von Ressourcen abgeleitet wird. Gil­demeister beschreibt die Zielsetzung dieser interaktionstheoretischen Zugänge - allen voran das „doing gender“ als Schlagwort für diese Perspektive - darin, „Geschlecht bzw. Geschlechtzugehörigkeit nicht als Eigenschaft oder Merk­mal von Individuen zu betrachten, sondern jene sozialen Prozesse in den Blick zu nehmen, in denen ,Geschlecht’ als sozial folgenreiche Entscheidung hervorgebracht und produziert wird.“ (2008b, 167; Hervorh. im Original).

Im Folgenden soll in der Reflexion dieser Konzeption die Bedeutung von Ge­schlecht in Interaktionsprozessen für die Bestimmung des Forschungsfelds ermit­telt werden.

Sex und gender Die geschlechtersoziologisch gängige Unterscheidung von sex (natürliches Ge­schlecht) und gender (soziales Geschlecht) betont, dass nicht natürliche Ursachen Gründe für die geschlechtsspezifischen Ungleichheitstrukturen sind, sondern dass erst soziales Handeln Geschlecht sozial wirksam macht. Geschlecht wird in jeder konkreten Handlung erst hergestellt; in diesem Sinne ist selbst das biologische Geschlecht eine kulturelle Konstruktionsleistung und kein „definitives Wissen der Naturwissenschaft“ (Wobbe/Nunner-Winkler 2007, 293). Im Konzept des „doing gender“ ist die Trennung von sex und gender in dem Sinne wesentlich, dass auch das biologische Geschlecht als performative Leistung verstanden bzw. sogar die Bedeutung des biologischen Geschlechts für die soziale Herstellung von Ge­schlecht irrelevant wird (vgl. Hirschauer 1994). In jeder Art der Interaktion wird Geschlechtszugehörigkeit erst hervorgebracht und reproduziert und ist ein „Er­gebnis komplexer sozialer Prozesse“ (Gildemeister 2008b, 172). Nicht weil eine Frau eine ,Frau’ ist, handelt ,sie’ wie eine ,Frau’, sondern weil ,sie’ wie eine ,Frau’ handelt, ist ,sie’ eine Frau. Gegenstand konstruktivistischer Konzepte ist also der jeweilige „Herstellungsprozess über den diese Kategorie erst sozial wirk­lich wird“ (Gildemeister 2008b, 173). Das Verständnis von sex und gender muss in diesem Rahmen neu konzipiert werden; West/Zimmermann (1987) nehmen da­her eine Neueinteilung in sex, sex-category und gender vor. Während ersteres auf die Geschlechtszuordnung bei der Geburt aufgrund als biologisch deklarierter Ge­schlechtskategorien Bezug nimmt, beinhaltet sex-category die Aufrechterhaltung der zugewiesenen Geschlechtskategorie und den sozialen Zwang, sich dem zuge­ordneten Geschlecht entsprechend darzustellen. Gender wird als „intersubjektive Validierung“ (Gildemeister 2008b, 178) dieser Geschlechtszugehörigkeit in Inter- aktionsprozessenverstanden (vgl. auch West/Zimmermann 1987).

Herstellungsweisen von Geschlecht In Rekurs auf Garfinkel, der mit seiner Studie „Agnes“ auf das Ordnungsmuster von Zweigeschlechtlichkeit verweist, ist die alltägliche Annahme von Geschlecht als natürlicher Gegebenheit nach Gildemeister (2008b, 174) auf drei wesentliche Aspekte zurückzuführen: Dichotomizität (es gibt nur zwei Geschlechter, männlich und weiblich); Naturhaftigkeit (Geschlecht ist eindeutig am Körper ablesbar), Konstanz (Geschlechtszugehörigkeit ist nicht veränderbar). Alle Verhaltenswei­sen werden im Rahmen einer einmal getroffenen Geschlechtszuordnung interpre­tiert, das heißt, dass auch vom Interpretationsschema abweichende Handlungen in den Rahmen der Zweigeschlechtlichkeit eingeordnet werden.

Wie kommt es nun zu dieser binären Klassifikation und wie wird sie sozial wirk­sam? Gildemeister spricht in diesem Zusammenhang von „komplexe[n], ineinan­der verwobene[n] und aufeinander verweisende Muster von „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“ (ebd., 176). Kessler/McKenna (1978) machen das männliche pri­märe Geschlechtsorgan zum zentralen Klassifikationskriterium, welches aber sel­ten direkt sichtbar ist.[11] So ,müssen’ andere Merkmale als Hinweis auf die (Nicht- )Existenz des ,männlichen’ Genitals verweisen und als solche verstanden werden. Dazu gehören leicht zu erkennende Merkmale wie Stimme, Kleidung, Frisur und Körpersprache aber auch als typisch männlich und weiblich verstandene ,Charak- terzüge’. In der empirischen Forschung wird letzteres untersucht, indem etwa die Organisation der Interaktion beleuchtet wird, in denen „Geschlechtszugehörigkeit [...] in Handeln und Verhalten übersetzt („enaktiert“) und damit hervorgebracht wird“[12] (Gildemeister 2008b, 188). Damit werden nicht Unterschiede’, sondern Unterscheidungen’ in den Blick genommen, also die Prozesshaftigkeit und Kon­stitutionsleistung, die hinter der intersubjektiven Validierung der Kategorie Ge­schlecht stehen. Dies ist auch für die vorliegende Arbeit wesentlich: Mithilfe des theoretischen Hintergrundes des „doing gender“ kann auf die Erzeugung von Ge­schlecht in den beleuchteten Kommunikationsprozessen verwiesen werden; also eine beständige Leistung der Aufrechterhaltung der Geschlechtszugehörigkeit, die durch strukturelle Rahmenbedingungen bestimmt, diese reproduzieren oder modi­fizieren. „Doing gender“ eröffnet mir in diesem Zusammenhang die Möglichkeit, Geschlecht als real wirksame Eigenschaft, aber nicht unabänderliches Bestim- mungs- und Zuschreibungsmerkmal in unmittelbaren Interaktionen zu sehen und damit auch für Veränderung in den Unterscheidungsprozessen offen zu sein. Die analytische Erkenntnis lautet somit, dass die gesellschaftliche Teilung in zwei Ge­schlechter auf den intersubjektiven Herstellungsprozessen von Geschlecht beruht, die die Reproduktion von Ungleichheitslagen auch auf der Handlungsebene und in unmittelbaren Interaktionen erklärbar macht. Untersuchungsrelevant sind sie ins­besondere deswegen, weil sie auf Geschlechtszuschreibung als situativem Mecha­nismus verweisen und Aufmerksamkeit darauf lenken, dass Geschlecht keine abs­trakte, strukturimmanente Zuweisungskategorie ist, sondern dass sie intersubjek­tiv auch immer wieder hergestellt werden muss. Zu untersuchen ist, in welcher Form und mit welcher Wirkung auch die Befragten Schemata der Geschlechtsher­stellung zeigen und ob sich Schemata überhaupt finden und analytisch fassen las- Kritik am Konzept des „doing gender“ - „doing difference“ und „undoing gen­der“

Im Zusammenhang mit dem Konzept des „doing gender“ ist zu fragen, „unter welchen Bedingungen Geschlecht situativ relevant ist“ (Wobbe/Nunner-Winkler 2007, 294), welche Bedeutung also dem jeweiligen Handlungskontext zuge­schrieben werden muss, in dem Geschlecht ,gemacht’ wird. Das Konzept des „doing difference“ bezieht sich in diesem Zusammenhang auf den Umstand, dass „,gender’ niemals allein, sondern stets simultan mit Klassen- und ethnischen Un­terschieden erzeugt wird und dabei auch in den Hintergrund treten kann“ (Gilde­meister 2008b, 192). In Betrachtung von Geschlecht, Klasse und Ethnie „wird es möglich zu erkennen, dass die Relevanz dieser Ordnungsmuster je nach Interakti­onskontext variieren kann“ (Fenstermaker/West 2001, 237). Daneben gibt es auch Ansätze, die „Omnirelevanzthese“ der Kategorie „gender“, wie sie West/Zimmermann (1987) durch die Frage „Can we ever not do gender?“ vertre­ten, anzuzweifeln und auch Interaktionsprozesse analytisch zu beleuchten, in de­nen ein „Vergessen des Geschlechts“ möglich und erkenntnistheoretisch ein „un­doing gender“ zuzulassen sei (vgl. Hirschauer 2001), da das Geschlecht als sozia­le Ressource unterschiedlich stark aktiviert sei und deshalb eventuell auch ganz in den Hintergrund treten könne (vgl. Hirschauer 1994). Heintz (2001) macht in die­sem Zusammenhang darauf aufmerksam, dass Geschlecht als soziale Kategorie aufgrund von Gleichheitssemantiken zumindest teilweise seine übergeordnete Aussagekraft einbüßt und daher in seiner sozialen Bedeutung und Relevanz kon­textspezifisch hinterfragt werden muss (vgl. ebd.). Damit wird nicht in Frage ge­stellt, ob Geschlecht als interaktives zugeschriebenes Merkmal überhaupt auftritt oder nicht, sondern welchen Stellenwert das Geschlecht und welche Aussagekraft die Fokussierung auf das „doing gender“ in seinem soziologisch-empirischen Ge­halt haben kann. Daher ist aus meiner Sicht eine möglichst explizierte Darstellung der strukturellen Rahmenbedingungen und die Kontextualisierung des For- schungsgegensandes bei der empirischen Rekonstruktion von Zuschreibungspro­zessen wesentlich.

Ein häufiger Vorwurf an Konzepte des „doing gender“ bezieht sich somit auf sei­ne sozialanalytische Aussagekraft. Die Kritik, das „doing gender“ blende institu­tionalisierte Strukturen geschlechtsdifferenzierender Ungleichheit aus (vgl. Wob­be/Nunner-Winkler 2007; Gildemeister 2008b), da es Geschlecht als frei schwe- bende, immer wieder zu leistende und nur in konkreter Interaktion vorgeführte Kategorie beschreibe, kann schon in dem Sinne verneint werden, dass sich die Darstellung und die Zuweisung von Geschlecht auf eine institutionalisierte Ord­nung berufen muss, dass also die Deutung jeder Handlung nur im Rahmen einer „objektivierten gesellschaftlichen Wirklichkeit“ (Gildemeister 2008b, 186) mög­lich ist. Jede geschlechtsdifferenzierende Zuschreibung und Interpretationsleis­tung verweist auf Klassifikationsschemata, die wiederum in darauf beruhenden Handlungsmustern permanent diese Schemata reproduzieren (vgl. ebd.).

Die hier kritisierte Offenheit, die das „doing gender“-Konzept durch seine geringe theoretische ,Vorbelastung’ im Gegensatz zu strukturtheoretischen Positionen der Geschlechterforschung mit sich bringt, ist aber eventuell besser in der Lage, Ver­änderung in den Konstellationen von Benachteiligung in den Blick zu nehmen, ohne zu benennende Defizite auf einer Seite vorauszusetzen, indem „Frauen wie Männer als kompetente Konstrukteure von Wirklichkeit“ begriffen werden (Meu- ser 2006, 84f).

2.1.2.2 Geschlecht und Interaktion

Während das Konzept des „doing gender“ mehr auf die Konstruktion von Ge­schlecht als sozialer Mechanismus verweist, stellt Erving Goffman die Interaktion als eigene soziale und analytische Ebene in den Mittelpunkt und verweist auf die „interaktiven und institutionellen Konstruktionen von Geschlechtsstereotypen“ (Hirschauer 1994, 670). Beide Elemente sollen kurz vorgestellt werden, um die Bedeutung von Interaktion auch für das vorliegende Vorhaben herauszustreichen und um analytisch die Brücke zwischen Praxis und Struktur der Kategorie Ge­schlecht’ zu schlagen.

Interaktion als soziale Ordnung sui generis Goffman untersucht ebenso wie die unter dem Stichwort „doing gender“ laufen­den Ansätze die Kategorie Geschlecht in konkreten Situationen, stellt sie aber in einen übergreifenden Kontext der „Interaktionsordnung“, die die Anordnung der Geschlechter, ihr „Arrangement“ beinhaltet. Interaktion wird in einen reflexiven Zusammenhang mit Sozialstruktur gestellt, die in spezifischen Anordnungsmus­tern „die mikrosoziologische Konstellation“ (Wobbe/Nunner-Winkler 2007, 294) der Geschlechter in der Interaktion bedingt. Goffman verweist damit auf die Ein­gelassenheit sozialer Ungleichheit in Interaktionsprozessen und integriert Sozial­struktur in die situativen Prozesse der Geschlechterproduktion (vgl. Gildemeister 2008b). Diese das Geschlechterarrangement übergreifenden Institutionalisierun­gen selbst sind auf Dauer gestellt und reflektieren „Benachteiligung oder auch Ungleichheit“ in interaktiven Situationen durch stabile „Kulturmuster und Regle­ments“ (Wobbe/Nunner-Winkler 2007, 294). Wie Knoblauch (1994) schreibt, sieht Goffman also die Unterscheidung der Geschlechter nicht nur als interaktio- nale Hervorbringung, sondern auch durch ,„institutionelle Reflexionen’“ (ebd., 41) geregelt. Zu diesen Institutionen zählen etwa Paarbeziehung, Familie, Ar­beitsplatz, innerhalb derer in situativen Interaktionsprozessen Geschlechterdiffe­renzen als natürlich gegebene Konstante etabliert werden (vgl. ebd.).

Die Fokussierung auf die Ebene der Interaktionsordnung stellt in besonderer Wei­se auch die situativen Bedingungen jeder einzelnen Interaktionsform in den Mit­telpunkt, ist also auf der Suche nach einer eigenen spezifischen sozialen Qualität, die nur in unmittelbaren sozialen Konstellationen auftreten kann (vgl. Goffman 1994a). Im Gegensatz zu anderen Ebenen sozialer Ordnung ist laut Goffman die Interaktion durch die Unmittelbarkeit des Aufeinandertreffens zweier oder mehre­rer Personen gekennzeichnet bzw. durch seine „folgenschwere Offensichtlich­keit“. In der direkten Aufeinanderbezogenheit geben das Auftreten und das Ver­halten des Gegenübers „Hinweise auf unseren Status und unsere Beziehungen“ (ebd., 58). Die Situation ist dabei geprägt durch „soziale Ritualisierungen“. Diese verweisen auf standardisierte Prozesse in Auftreten und Verhalten, die insbeson­dere durch die körperliche Anwesenheit geprägt und durch sie - neben sprachli­chen Inhalten - definiert werden (vgl. ebd.).

Das .Arrangement’ der Geschlechter Im Hinblick auf Geschlecht resultieren diese Definitionsleistungen der jeweiligen Interaktionssituation aus geschlechtsdifferenzierenden Sozialisationserfahrungen: „Von Anfang an werden die der männlichen und der weiblichen Klasse zugeord­neten Personen unterschiedlich behandelt, sie machen verschiedene Erfahrungen, dürfen andere Erwartungen stellen und müssen andere erfüllen“ (Goffman 1994b, 109). Im Rahmen dieser Rollenausdifferenzierung finden sich Frauen und Männer in einem „Bündel von Arrangements“ wieder, das in der sozialen Stellung der Ge­schlechter mündet. Dazu zählt Goffman für die Frauen einen niedrigeren Rang und weniger Macht, eingeschränkter Zugang zum öffentlichen Raum, Ausschluss[13] von Kriegsführung, religiösen und politischen Ämtern (ebd., 115). Wesentlich von Interesse ist für ihn dabei, „welche symbolische Bedeutung diesen Arrange­ments zukommt“ (ebd., 117) und wie sie sich in konkreten Interaktionsformen zeigen.

In der empirischen Arbeit, die ich hier vorlege, ist dieser Aspekt bzw. die Inblicknahme von Goffmans theoretischen Prämissen über die Interaktionsord­nung deshalb wesentlich, weil Geschlecht damit nicht nur in seiner Herstellungs­weise von konkreten, interaktionalen Handlungsvollzügen („doing gender“) be­leuchtet werden kann, sondern weil die spezifische soziale Anordnung, auf der diese Herstellungsleistung beruht, rekonstruiert bzw. in den Interpretationsprozess mit einbezogen werden kann. In der empirischen Analyse werden die institutio­nellen Reflexionen von strukturellen Mechanismen und spezifischer situationaler Praxis als epistemologische Prämisse eingebracht. Formen ritualisierter Ge­schlechtsdarstellungen im Datenmaterial verweisen auf dieses Arrangement der Geschlechter, dessen analytische Aussagekraft die Verwobenheit von Struktur und Praxis besonders hervorhebt, auch wenn dieses in seinen konkreten Formen in dieser Arbeit vermutlich nicht ganz einfach auszumachen ist.

Kategoriale/individuelle Identifikation

Ein anderer Punkt - bei Goffman meines Erachtens nicht sehr ausführlich behan­delt, aber für meine Arbeit fruchtbar - findet sich in der Form der Identifizierung des Gegenübers, die Goffman für Interaktionsordnungen beschreibt. Dabei wer­den zwei Identifikationsformen wesentlich: zum einen die kategoriale, die - wie der Name schon sagt - den bzw. die Interaktionsteilnehmenden zu sozialen Kate­gorien (soziale Herkunft, Ethnie, Alter und insbesondere Geschlecht) zuordnet und die individuelle Identifikation, „die das beobachtete Individuum mit einer einmaligen Identität ausstattet“ (Goffman 1994a, 59). Erstere erschließt sich auch bei einer erstmaligen Begegnung aus ritualisierten Handlungsweisen und äußerli­chen Anzeichen und verweist auf die Komplexität sozialer Zuordnungsmuster, de­ren Regeln von allen sozialen AkteurInnen verstanden und angewendet werden. In Bezug auf die Kategorie Geschlecht meint dies etwa, dass aufgrund der äußerli­chen Erscheinung die Zuschreibung eines Geschlechts hergeleitet wird. Die Zwei-[14] te wird insbesondere in Interaktionsformen, in denen sich bereits mehr oder weni­ger bekannte Personen gegenüber sehen, wirklich. Gerade eine Paarbeziehung ist dadurch gekennzeichnet, dass die ,Begegnungen’ der Paarteilnehmenden langfris­tig angelegt und direkt an die (zwei) beteiligten Individuen gekoppelt sind, was die Wichtigkeit der individuellen Identität hervorhebt. Im Rahmen meiner empiri­schen Auswertung ist diese Trennung hilfreich in der Definition wesentlicher In­terpretationseckpunkte. Während die kategoriale Zuordnung zwar soziologisch reichhaltiger ist, verweist die individuelle Zuordnung auf den spezifischen Gehalt der jeweiligen Paaridentität und auf eine Identifikation des Gegenübers, welche von der Geschlechtszugehörigkeit abgekoppelt sein kann. Diese ,Negierung’ von Geschlecht sollte allerdings auch mit Vorsicht betrachtet werden. Zumindest aber eröffnet die Zweiteilung von individueller und kategorialer Identifikation ein Schema der Klassifikation von Interaktion, die in der Auswertung fruchtbar sein kann. Gerade ,geschlechtsuntypische’ Handlungen können damit in den Blick ge­nommen werden. Auch hier ist aber die Verwobenheit mit strukturellen Bedin­gungen bzw. mit den „institutionellen Reflexionen“ zu beachten. Gerade die von den AkteurInnen geleistete Zuschreibung von Verhaltensweisen auf ein individu­elles Charaktermerkmal kann oft dazu dienen, geschlechtsdifferenzierende stereo­type Zuschreibungen zu verschleiern bzw. umgekehrt Charaktermerkmale als ge­schlechtstypisch zu naturalisieren.

In Zusammenfassung von Goffman ist zu sagen, dass Interaktion in diesem Sinne als eigene Analyseebene verstanden wird, innerhalb derer sowohl situationsbe­dingte Muster der Verständigung und Abstimmung gegenüber dem Beziehungs­partner bzw. der Beziehungspartnerin und gegenüber der Interviewerin deutlich werden. In der geschlechtsbezogenen Relevanz ist die epistemologische Fokussie­rung auf die Interaktionsebene als Verbindung hier spezifisch geschlechtsfokus­sierter Zuschreibungsverfahren im Sinne des „doing gender“ mit dem Rückbezug zu institutionellen Reflexionen in Form allgemeiner ritualisierter Reglements und Muster geschlechtlicher Handlungsordnungen eingebracht. Die Unterscheidung von kategorialer und individueller Identifikation verweist im ersten Fall auf insti­tutionelle Reflexionen, die den Essentialismus der geschlechtlichen Zugehörigkeit als Deutungsmuster in Interaktionen fixieren, sowie im zweiten Fall auf mögliche Prozesse im Sinne eines „undoing gender“, dass auf charakterliche Merkmale des Gegenüber Bezug genommen wird, die im Rahmen von intimen Zweierbeziehun­gen besondere Bedeutung haben; die Unterscheidung von kategorial/individuell stellt somit einen möglichen Interpretationsrahmen her.

2.1.3 Zur Bedeutung der Kategorie Geschlecht

In den vorangegangenen Punkten zeigte ich wichtige Forschungslinien der Ge­schlechtersoziologie auf und bezog deren Inhalte auf den interessierenden For­schungsgegenstand. In der Darstellung war der Anspruch begründet, die Wichtig­keit der Kategorie Geschlecht im Hinblick auf das Untersuchungsthema zu be­gründen. Zum einen wird angenommen, dass Geschlecht als Ungleichheitsdimen­sion im Handeln der Befragten (insbesondere durch die Studienfachwahl) repro­duziert werden könnte. Zum anderen ist die Erkenntnis wichtig, dass Geschlecht in der unmittelbaren Interaktion der Befragten eine immer wieder zu produzieren­de Leistung darstellt, die ihre Qualität als sozial aufgeladene Kategorie aber erst durch institutionelle Reflexionen erhält. In diesem Rahmen ist wesentlich, dass die Bedeutungsgeladenheit der Kategorie Geschlecht auch von den AkteurInnen selbst hergestellt werden muss und zugleich auf die Naturalisierung von Ge­schlechterdifferenz im Handeln hinweist.

Die soziologische Kategorie Geschlecht kann allerdings in ihrer „Realitätsmäch­tigkeit als sozialer Platzanweiser“ (Becker-Schmidt/Knapp 2003, 143) auch ange- zweifelt und kritisiert werden. In von Individualisierung, Pluralisierung und Diffe­renzierung geprägten Lebenszusammenhängen (vgl. folg. Kap.) könnte die Ge­schlechtszugehörigkeit ihre Bedeutung für soziale Strukturen und Ressourcenver­teilungsmuster mehr und mehr verlieren. Dagegen könnte angebracht werden, dass sich im Rahmen dieser Prozesse Geschlechterlagen nicht auflösen, sondern sich eben auch individualisieren, pluralisieren, differenzieren, ohne dass die Kate­gorie ,Geschlecht’ dabei tatsächlich an Bedeutung verliert. In diesem Zusammen­hang ist auch in der vorliegenden Arbeit zu fragen, wo (und wie) geschlechtsdiffe­renzierende Handlungsstrukturen identifizierbar werden und auf welche sozialen Bedeutungszusammenhänge sie verweisen. Dabei trotz der Inblicknahme von strukturell bedingten Benachteiligungen für Abweichungen von geschlechtsdiffe­renzierendem Handeln offen zu sein, wird eine der zentralen Herausforderungen im empirischen Teil sein.

Ein Ansatz, der über erwerbszentrierte Partizipationsformen als Ausgangslage von (Un-)Gleichheit sowie über situative Herstellungsprozesse von Geschlecht hi­nausgeht ist in den Darstellungen von Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim zu finden. Sie sehen im Zuge von Individualisierungsprozessen geschlechtsspezi­fische Lebensverläufe und Partnerschaftsarrangements in der „zweiten“ bzw. „re­flexiven“ Moderne zunehmenden Wahlschwierigkeiten und Entscheidungsprob­lemen ausgesetzt. Mithilfe dieser Gesellschaftsdiagnose einer „Zweiten Moderne“ kann eine differenziertere Betrachtung der Wirkmächtigkeit der Kategorie Ge­schlecht in die Auswertung eingebracht werden. Sie wird deutlich nicht im Rah­men bestimmter Strukturprozesse, sondern in der Problemwahrnehmung der Ak­teure selbst, so dass der eigenverantwortliche reflexive Umgang mit Geschlecht in nachmodernen Zusammenhängen hervorgehoben wird. Die These der Individuali­sierung sowie ihre Anwendung auf geschlechterspezifische Phänomene und Fra­gestellungen bieten einen Erklärungsansatz für Handlungsweisen und Argumenta­tionslinien, die im Datenmaterial erkennbar werden, und wird somit als Begrün­dungszusammenhang für die Interpretationen der Feldvorgänge integriert.

2.2 Die Rechtfertigung der Lebensentwürfe: Individualisierung und das Recht auf ,eigenes’ Leben

Das große theoretische Potential, dass die Darstellungen von Beck und Beck­Gernsheim für meine Arbeit haben, liegt in der Erklärungskraft, die sie für die Wahl bzw. den Weg zur Wahl geschlechterspezifischer Lebenswege haben, sowie in der geschlechtsdifferenzierenden Analyse, die sie für (nach)moderne Ungleich­heitslagen treffen.

2.2.1 Individualisierung als Strukturmarker der reflexiven Moderne

Obwohl als modernisierungstheoretischer Ansatz zu bezeichnen, wendet sich Beck in seiner Gesellschaftsdiagnose gerade den Aspekten zu, die als kritische Begleiterscheinungen sozialen Fortschritts diesen konterkarieren, in diesem Sinne ,reflexiv’ in Form unintendierter Nebenfolgen auf die als Erfolge gefeierten Er­rungenschaften der Modernisierung zurück wirken (vgl. Beck 1986). Modernisie­rung und ihre Begleiteffekte kritisch in den Blick zu nehmen ist daher laut Beck „von generellem Interesse für das Verständnis aktueller Umbrüche in Gesellschaf­ten in der Phase fortgeschrittener Modernität“ (Beck 1994, 45). Das Phänomen der Individualisierung ist dabei wesentlicher Motor der Umbrüche von einer ,ers- ten’ zur ,zweiten’ bzw. ,reflexiven’ Moderne und wird dabei selbst „als ein histo­risch widersprüchlicher Prozess der Vergesellschaftung verstanden“ (ebd., Her- vorh. im Original). Individualisierung wird als Herauslösung aus „traditionalen Klassenbezügen und Versorgungsbezügen der Familie“ begriffen, wodurch die Menschen „verstärkt auf sich selbst und ihr individuelles (Arbeitsmarkt- )Schicksal mit allen Risiken, Chancen und Widersprüchen verwiesen werden“ (ebd., 44). Damit ist die soziale Verbindlichkeit „lebensweltlicher Gebilde wie Familie, Geschlechterrollen, (...) Arbeitsbeziehungen“ (ebd., 46) sowie die Zuge­hörigkeit zu bestimmten Klassen-, Schicht- oder Ständestrukturen als Identifikati­onsquelle aufgehoben. „Diese Freisetzungen“ gehen mit folgenden Wandlungs­tendenzen einher: „allgemeine Anhebung des Bildungsniveaus und des verfügba­ren Einkommens, Verrechtlichung von Arbeitsbeziehungen, Veränderung in der sozialen Zusammensetzung etc. bei Beibehaltung wesentlicher sozialer Ungleich­heitsrelationen“ (Beck 1986, 208). Individualisierung ist dabei weder als Verein­zelung, noch als neue soziale Qualität von Egoismus, noch als Emanzipation des Individuums über soziale Schranken, sondern als hochgradig vergesellschaftendes Merkmal zu verstehen, da gerade die Freisetzungsformen neue Institutionenab­hängigkeiten schaffen, die - von einem hohen Maß an Standardisierung gekenn­zeichnet - „den Lebenslauf des Einzelnen prägen“. „Institutioneile Lebenslauf­muster“ überlagern oder ersetzen traditionelle „Lebenslaufrhythmen“ (ebd., 211; Hervorh. im Original). Individualisierung meint, dass Biographien aus vorgege­benen Modellen herausgelöst und im Spiegel institutioneller Zwänge und Anfor­derungen selbst zusammengefügt werden müssen; die Normal- wird zur „Bastel­biographie“ (Gross, 1985, zitiert in Beck 1986, 217). Mögliche Lebensverläufe sind als individuelle „Bausätze biographischer Kombinationsmöglichkeiten‘ (ebd., alle Hervorh. im Original) zu lesen, in denen vor jeder Möglichkeit der Zwang zur Entscheidung für eine Entscheidung steht und das Individuum sich selbst und den betreffenden Institutionen gegenüber vor einen Rechtfertigungs­zwang und die Verantwortungsübernahme für die Konsequenzen seiner getroffe­nen Entscheidungen stellt.[15] In dem Maße, in dem die identitätsstiftende Zugehö­rigkeit zu gesellschaftlichen Großgruppen schwindet, wird auch die Möglichkeit der Orientierung sowohl an klassen- als auch an geschlechtstypisierten Hand­lungsmustern geringer. An diesen Selbstverantwortungszwängen kann der oder die Einzelne allerdings auch scheitern - die Bastel- ist auch eine „Risikobiogra­phie“ (Beck/Beck-Gernsheim 1994, 13).

2.2.2 Eigenes Leben und Liebeschaos - Individualisierung und Geschlech­terverhältnis

Paradoxie und Zusammenhang von Freisetzungsprozessen und Institutionenab­hängigkeit werden von Beck und Beck-Gernsheim - neben Erwerbssystem und Klassenkultur - im Wandel privater Lebensformen beschrieben. Unterschiedliche „Erwartungen und Interessen“ von Männern und Frauen, „unterschiedliche Chan­cen und Belastungen“ innerhalb von Familien verweisen auf „Konturen spezifisch männlicher und spezifisch weiblicher Lebensverläufe“ (Beck-Gernsheim 1994, 123). Für letztere zeichnet Beck-Gernsheim im Zuge von Individualisierungspro­zessen einen Wandel „Vom ,Dasein für andere’ zum Anspruch auf ein Stück ei­genes Leben’“ (Beck-Gernsheim 1983). Ausgangspunkt dabei ist die Freisetzung von Frauen aus der „Eheversorgung - dem materiellen Eckpfeiler der traditiona- len Hausfrauenexistenz“ und eine Veränderung des traditionalen Familienmodells, in dem die Trennung von Produktion und Reproduktion bestimmend ist, in Rich­tung „Verhandlungsfamilie auf Zeit“ (Beck 1986, 208). Anders formuliert: „Aus Notgemeinschaft wird Wahlverwandtschaft“ (Beck-Gernsheim 1994, 116). Diese Wandlungsprozesse werden zum einen begleitet durch die Etablierung des Sozial­staats, der finanzielle Abhängigkeiten innerhalb der Familie nach außen und die Bedeutung ökonomischer Verhältnisse in öffentliche Lebensbereiche verlagert. Zum anderen sind insbesondere Frauen von „Freisetzungen aus familialen Zwän­gen“ (Gottschall 2000, 246) betroffen: Frauen sind nicht mehr „um der ökonomi­schen Existenzsicherung und des Sozialstatus willen auf Ehe“, dadurch aber auf „Selbstständigkeit und Selbstversorgung verwiesen“ (Beck-Gernsheim 1994, 122f), die sich - neben anderen Faktoren wie der rechtlichen Gleichstellung[16] - in einer Mehrbeteiligung am Arbeitsmarkt äußert. Gleichzeitig sind nach wie vor mehrheitlich Frauen für Familienaufgaben zuständig und weniger als Männer „durch eine eigene Arbeitsmarkt- und Berufsexistenz abgesichert“, (Beck­Gernsheim 1983, 309) wodurch neben neuen Perspektiven für die ,eigene’ Le­bensführung neue Abhängigkeiten und Zwänge entstehen. Das Fehlen vorgegebe­ner Rollenmuster und einheitlicher Werthorizonte - die vorherige Generation kann als Vorbild nicht mehr herhalten - macht die Formung des eigenen Lebens­ weges umso schwieriger (vgl. ebd.). Im Wechselspiel zwischen beruflichen und privaten Lebensbereichen werden Schwerpunktsetzungen und Lebensentschei­dungen zugunsten des einen und zuungunsten des anderen Bereichs begründungs­pflichtig. Eine einseitige Schwerpunktsetzung wird gleichgesetzt mit einem nicht zu überwindenden Defizit auf der anderen Seite; die Entscheidung gegen Kinder und für ,Karriere’ wird häufig genauso wenig anerkannt wie die Entscheidung, ,nur’ Mutter und Hausfrau zu sein. Auch ein Lebensmodell mit der Integration beider Elemente trifft nicht immer auf soziale Anerkennung (vgl. den Topos der ,Rabenmütter’) und hat oft eine problematische Situation der ,Doppelbelastung’ zur Folge. Um im Beck’schen Jargon zu bleiben: Die Erfolge der Modernisie­rung in Form neuer Wahl- und Gestaltungsmöglichkeiten im weiblichen Lebens­zusammenhang wirken ,reflexiv’ auf diesen häufig als Fortschritt deklarierten Wandel in Form neuer Entscheidungszwänge und Unsicherheiten zurück.

In der gleichen Logik, wie Beck bzw. Beck-Gernsheim die Mechanismen der In­dividualisierung für weibliche Lebensmuster zeichnen, führen sie das auch in Be­zug auf das Geschlechterverhältnis außerhalb und innerhalb von Paarbeziehungen weiter. Durch ein Mehr an Gleichheit in verschiedensten Bereichen, etwa „Sexua­lität, Recht und Bildung“ (Beck 1990, 23f) steigt die gesellschaftliche Aufmerk­samkeit für noch bestehende geschlechtsspezifische Ungleichheitslagen, insbe­sondere auf dem Arbeitsmarkt. Speziell auf Seiten der Frauen werden damit Er­wartungen nach Angleichung in allen Lebensbereichen aufgebaut. Deren „Be­wusstsein ist den Verhältnissen vorweg geeilt“, während Männer eine „Rhetorik der Gleichheit eingeübt [haben], ohne ihren Worten Taten folgen zu lassen“ (ebd., 24). Aufgrund dieser unvereinbaren Gegensätzlichkeit konstatiert Beck die „Prognose eines langen Konflikts“ in Form eines [16] „Gegeneinanders der Geschlech­ter“ für die nächsten Jahre (ebd., alle Hervorh. im Original). Durch eine vermehrte Erwerbsbeteiligung in Form einer „lohnarbeitsabhängigen Existenzsicherung“ (ebd., 53) auf Seiten der weiblichen Beziehungsteilnehmer wird es zunehmend schwieriger, die Balance zwischen beruflichen und familialen Anforderungen auf 17 In diesem Zusammenhang sei auf das Konzept der „doppelten Vergesellschaftung von Frauen“ (vgl. Becker-Schmidt 2008) hingewiesen, das in der sozialen Verortung von Frauen in zwei Berei­chen (Haus und Erwerbsarbeit) nicht nur eine individuelle Mehrbelastung sieht, sondern auch die Konfrontation mit „unvereinbaren Verhaltensanforderungen“, die zwischen Professionalität und Fürsorglichkeit pendeln, in den Blick nimmt und erwerbstätige Mütter Formen „doppelter Diskri­minierung“ (Becker-Schmidt 2008, 66) ausgesetzt sieht, indem auf der einen Seite die Verpflich­tung zur unbezahlten Hausarbeit steht, welche auf der anderen Seite ein an männlichen Erwerbstä­tigen orientiertes Engagement im Erwerbssystem erschwert und damit zu einer schlechteren Be­wertung weiblicher Arbeitskraft, etwa in Form geringerer Löhne und Aufstiegschancen, führt.

[...]


[1] Deutlich wird mit dieser Prozentangabe aber auch, dass es junge Frauen gibt, die eine Gleichzei­tigkeit von Beruf und Kind nicht als Teil ihres persönlichen Lebensentwurfs antizipieren, sondern andere Gewichtungen setzen.

[2] Alle weiteren Hervorhebungen, sofern sie nicht in Anführungszeichen stehen, wurden durch die Verfasserin eingefügt.

[3] Die Fokussierung auf ausschließlich heterosexuelle Beziehungsformen wird in Kap. 3.3.2 aufge­griffen und begründet.

[4] Der methodologische Hintergrund dieses Vorgehens wird in Kapitel 3.1.1 im Zusammenhang mit der Grounded Theory expliziert.

[5] So veränderte sich auch die Eingrenzung des Forschungsinteresses selbst und des konkreten Fel­des im Untersuchungsablauf erheblich. Während zu Beginn des Bearbeitungszeitraums noch das Feld „studentische Paarbeziehung“ allgemein untersucht werden sollte, indem nicht allein ge­schlechtersoziologische Aspekte im Zentrum stehen sollten, veränderte sich nach den ersten Feld­kontakten und ersten Auswertungsschritten das Interesse in Richtung einer Fokussierung auf das Geschlechterverhältnis, da das Material in diesem Aspekt gleichzeitig aufschlussreich und heraus­fordernd schien und sich damit zudem die Möglichkeit einer dringend gebotenen Eingrenzung bot. Trotzdem wurden Aspekte, die (auf den ersten Blick) nicht unmittelbar im Zusammenhang mit ge­schlechtsspezifischen Themata stehen, integriert, um die Untersuchung des Geschlechterverhält­nisses in seine .Umwelt’ und seine äußeren Rahmenbedingungen einbetten zu können.

[6] Mit den hier vorgestellten Theorien und Forschungsergebnissen erhebe ich keinen Anspruch auf Vollständigkeit weder im Hinblick auf das existierende Theorie- bzw. Forschungsspektrum noch auf die vollständige Bestimmung des Forschungsfeldes; die Auswahl der einzelnen Autorinnen und ihrer Inhalte beruhte auf ihrer theoretischen Aussagekraft bzw. in ihrem empirisch nutzbaren Gehalt in Bezug auf die vorliegende Arbeit.

[7] Zur Erwerbsbeteiligung und Berufssparten von Frauen in der Industrialisierung vgl. z.B. But- schek 2006.

[8] Die Verwendung des Begriffs ,geschlechtsdifferenzierend’ meint, dass auf der Basis struktureller Verteilungsmuster bereits die Herstellung von Geschlecht verläuft. Der Modus der Arbeitsteilung nach Produktion und Reproduktion beruht nicht auf einem „Unterschied“ zwischen Männern und Frauen, sondern stellt selbst die beständige „Unterscheidung“ von Geschlechtszugehörigkeiten her (Gildemeister2008a, 141).

[9] Zu einem Überblick s. Wimbauer 1999, Wobbe/Nunner-Winkler 2007.

[10] Vgl. Phänomen des „glass ceiling“ (s.d. z.B. Kreimer 2009).

[11] Etwa indem untersucht wird: „Wer betritt zuerst einen Raum, wer eröffnet ein Gespräch, wer bezieht eine Position, wer setzt sich als nächster Sprecher in einem Redezugwechsel durch etc.“ (Gildemeister 2008b, 188).

[12] Eine ,Kontrolle’ der Vorgehensweise, Prozesse des „doing gender“ in der Auswertung als sol­che zu bezeichnen, wurde durch die Verwendung des Verfahrens zum Umgang mit Zweige­schlechtlichkeit nach Hagemann-White unternommen (vgl. Kap. 3.1.2.2).

[13] Im Sinne von ,in Interaktion stattfindend’.

[14] Goffman zeigt in seiner Studie „Geschlecht und Werbung“ (1981) als typisch männlich oder ty­pisch weiblich zu deklarierende Darstellungen in Reklame-Bildern, die auf den symbolischen Ge­halt sozialer Arrangements verweisen.

[15] Wie Jurczyk in Bezug auf Individualisierung schreibt, gewinnt insbesondere Bildung „für die Bewältigung des gesellschaftlichen Wandels“ (2008, 67) neue Bedeutung. In diesem Sinne kann angenommen werden, dass Prozesse der Individualisierung im Feld Studierender, die über ver­gleichsweise hohe Bildungsressourcen verfügen, besondere Bedeutung haben bzw. diese in der Lage sind, aktiv mit den ,neuen’ Anforderungen umzugehen.

[16] Differenzierter: Beck-Gernsheim 1993.

Details

Seiten
219
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656377511
ISBN (Buch)
9783656377788
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v209941
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
Geschlechterverhältnis Paarsoziologie Grounded Theory Paarbeziehung Studium qualitative Erhebung qualitative Interviews Milieu

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Titel: Zwischen Klausurstress und Kinderplanung