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Der unzuverlässige Erzähler. Das Phänomen des unreliable narrator in "Fight Club" und "Das geheime Fenster"

Hausarbeit 2009 29 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsklärung
2.1 Erzählinstanz und Fokalisierungsinstanz
2.2 Der unzuverlässige Erzähler

3 Funktionen, Signale und Dramaturgie des unzuverlässigen Erzählens
3.1 Funktionen des unzuverlässigen Erzählers
3.1.1 autoreferenzielle Funktionen
3.1.2 affektive/ appellative Funktionen
3.2 Signale unzuverlässiger Erzählung
3.2.1 Typische Signale und deren Problematik
3.2.2 Signale in „Fight Club“
3.2.3 Signale in „Das geheime Fenster“
3.3 Strategien der Verunsicherung
3.3.1 Falsche Fährten
3.3.1.1 Falsche Fährten in „Das geheime Fenster“

4 Fazit

III. Abbildungsverzeichnis

III. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit wird die „dramaturgische Meisterklasse“ des unzuverlässigen Erzählens näher erläutert und anhand von zwei Filmen analysiert. In dieser Erzählform ist das Gesehene nicht Das was es zu Sein scheint. Ein Labyrinth bestehend aus Unwahrheiten lässt den Zuschauer durch die Geschichte irren und anschließend entlässt die Offenbarungsszene den verwirrten Zuschauer mit einem Erfolgs- und Überraschungserlebnis aus dem Film. Diese Arbeit soll Aufschluss darüber geben, welche Funktionen dieser Erzählstil ausüben kann. Weiterhin wird die Frage aufgeworfen, ob der Zuschauer von selbst auf die Idee kommt, dass es sich bei dem gesehenen Film um einen „unzuverlässigen“ Erzähler handelt. Hierzu muss es bestimmte Hinweise geben, die gut versteckt aber trotzdem auffallend genug sein müssen, um die entsprechende Erzählform anzudeuten. Wie versucht der Drehbuchautor, den Zuschauer aus seiner Unwissenheit herauszuführen? In dieser Ausarbeitung werden implizite und explizite Signale einer unzuverlässigen Erzählung genannt und beispielhaft anhand den Filmen „Fight Club“ und „Das geheime Fenster“ aufgezeigt. Gibt es eine Typologie bezüglich der Signale und sind Diese aussagekräftig genug? Des Weiteren sollen in dieser Arbeit bestimmte Strategien der Verunsicherung fokussiert werden, welche den Film „Das geheime Fenster“ undurchsichtig machen und somit die Unzuverlässigkeit der Erzählung verschleiern. Diese Strategien sind sehr wirkungsvoll und funktionieren deshalb so gut, weil die Zuschauer die Authentizität der Bilder nicht hinterfragen, da sie es gewohnt sind dem „cinematic narrator“ blind zu vertrauen. Der Zuschauer wird auf eine oder sogar auf mehrere falsche Spuren gelenkt, um von der Wahrheit abzulenken. Wie versucht also, der Drehbuchautor den Zuschauer in eine Unwissenheit hineinzuführen? „Alice im Wunderland“, “Der Baron von Münchhausen und „Don Quijote“ sind Werke der Literatur, in denen der unzuverlässige Erzählstil sein breites Publikum gefunden hat. Doch auch das Medium Film, hat diese Erzählweise für sich entdeckt und begeistert Millionen von Zuschauern mit Filmen wie „Sixth Sense“ (USA 1999), „Fight Club“ (USA 1999), „Vanilla Sky“ (USA 2001), „Memento“ (USA 2000) und „Das geheime Fenster“ (USA 2004). Der Film „Fight Club“, welcher 1999 unter der Regie von David Fincher erschien, handelt von einem Mann namens Jack (Edward Norton), welcher zunehmend unter seinem Leben als Angestellter und seiner Schlaflosigkeit leidet. Er sucht aus Verzweiflung verschiedene Selbsthilfegruppen auf, in welchen er seinen Namen ändert und vortäuscht krank zu sein und lindert somit seine Schlaflosigkeit. Dieser Zustand ändert sich jedoch schlagartig, als er in einer weiteren Selbsthilfegruppe Marla Singer (Helena Bonham Carter) trifft, welche ebenfalls vortäuscht chronisch krank zu sein. Durch ihre Anwesenheit fühlt sich Jack verraten und wird wieder in seinen alten Zustand zurückversetzt. Kurz darauf trifft er Tyler Durden (Brad Pitt) in einem Flugzeug, mit welchem er in ein Gespräch verwickelt wird. Da Jacks Wohnung durch einen seltsamen Umstand zerstört wird, bietet Tyler ihm Unterkunft an, verlangt jedoch von ihm auf einem Hinterhof eines Restaurants eine Schlägerei. Als neugierige Männer diesen Kampf bemerken und mitmachen wollen, entwickelt sich langsam der Fight Club, welcher zu Jacks neuer Selbsthilfegruppe wird und strikten Geheimhaltungsregeln unterliegt. Nach einiger Zeit trifft Jack Marla wieder, welche daraufhin ein Verhältnis mit Tyler anfängt. Hinzukommend entsteht nach einiger Zeit eine Gruppe von Männern im Fight Club, die sich „Space Monkeys“ nennen. Sie werden von Tyler angeführt, welcher einen revolutionären Plan entwickelt, den er „Projekt Chaos“ tauft und mit welchem er sämtliche Kreditunternehmen sprengen lassen will. Als Jack die Sache nicht mehr unter Kontrolle hat, erkennt er zu spät, dass Tyler Durden nicht existiert, sondern nur eine Persönlichkeitsabspaltung ist. Dieser weigert sich jedoch zu verschwinden, woraufhin Jack zu einer drastischen Maßnahme greift und sich selbst in den Mund schießt. Er überlebt verletzt, Tyler jedoch ist verschwunden. Marla, welche an den Ort des Geschehens von den Untergebenen Tylers gebracht wird, begreift nun auch die Situation und muss sich mit Jack den Untergang des Finanzwesens aus dem Fenster ansehen. Der Film „Das geheime Fenster“, welcher 2004 unter der Regie von David Koepp erschien, dreht sich um einen Schriftsteller namens Mort Rainey (Johnny Depp), welcher sich aufgrund der schmerzhaften Trennung von seiner Frau (Maria Bello) in ein abgelegenes Haus zurückzieht. Seine Schreibblockade und sonstige schlechte Verfassung bringt Mort dazu, den ganzen Tag über zu schlafen. Zu allem Überfluss konfrontiert ihn eines Tages ein dubioser Mann, welcher John Shooter (John Turturro) heißt, und Mort unterstellt seine Geschichte „Das geheime Fenster“ gestohlen zu haben. Er verlangt einen Nachweis des Urheberrechts und gibt Mort 3 Tage Zeit. Um ihn weiter einzuschüchtern, tötet Shooter Morts Hund und setzt seine New Yorker Villa in brand. Durch zahlreiche, seltsame Zufälle kann der Protagonist das Urheberrecht nicht nachweisen und füllt sich stark bedroht. Das alles wird noch von einem Verdacht überschattet, dass Ted (Timothy Hutton), der neue Lebenspartner seiner Ex-Frau, etwas mit der bedrohlichen Situation zu tun hat. Auch der Privatdetektiv Ken Karsch (Charles S. Dutton) kommt mit seinen Ermittlungen nicht weit und wird von John Shooter ermordet. An einem dramatischen Wendepunkt erkennt Mort, dass Shooter seine böse Seite verkörpert und somit nur eine Persönlichkeitsstörung ist, welche ihn dazu gebracht hat sämtliche Morde zu begehen. Seine Ex-Frau, welche ihn aufsucht, wird von ihm kurz darauf getötet. Als Ted auftaucht, um nach ihr zu sehen, wird auch er von Mort umgebracht. Beide Leichen begräbt er in seinem Garten, welcher sich unter dem „geheimen Fenster“ befindet.

2. Begriffsklärung

2.1 Erzählinstanz und Fokalisierungsinstanz

In der Narratologie muss zwischen der Erzählinstanz und der Fokalisierungsinstanz differenziert werden. Die Erzählinstanz ist die Erzählinstanz bzw. die „Stimme“ und ist die Antwort auf die Frage: „Wer spricht?“. Bei der Fokalisierung handelt es sich um die Wahrnehmungsinstanz und beantwortet die Frage: „Wer nimmt wahr?“. Das Gesprochene ist also getrennt von der Wahrnehmung zu betrachten. Des Weiteren wird innerhalb der Fokalisierung differenziert. Es gibt die Null-Fokalisierung, bei welcher der Erzähler mehr weiß als die Figur und die auch als auktorial bezeichnet werden kann“. Die Wahrnehmung ist nicht figurengebunden. Es gibt die interne Fokalisierung, welche figurengebunden ist und bei der ein Erzähler auf dem gleichen Stand bezüglich der Wahrnehmung und Wissen mit der Figur ist.1 Abschließend gibt es noch die externe Fokalisierung, bei welcher der Erzähler weniger Informationen als die Figur hat. Beispielhaft wäre in dem Film „Fight Club“ eine interne Fokalisierung zu erkennen und gleichzeitig ein autodiegetischer Erzähler, bei welchem es sich um die Hauptfigur und Erzähler der fiktiven Welt handelt.2

2.2 Der unzuverlässige Erzähler

Bevor man auf den unzuverlässigen Erzähler eingehen kann, sollte man den Begriff „Erzähler“ klären. Damit wird Derjenige gemeint, der die Geschichte schlichtweg erzählt. Dabei ist zu differenzieren zwischen dem realen Autor bzw. Drehbuchautor und dem rein fiktiven Erzähler.3 Bei dem „unzuverlässigen Erzähler“ handelt es sich um einen narrativen Stil, bei dem man von unzuverlässigen Aussagen ausgehen muss. Bei der unzuverlässigen Erzählung besteht ein enges Verhältnis zur Ironie, wobei in dem Erzählverhalten eine Diskrepanz zwischen dem Erzählten (Perspektive der Fokalisierungsinstanz) und einer bestimmen Logik oder allgemeinen Gesetzmäßigkeiten vorzufinden ist.4 Die unzuverlässige Erzählung wird durch dramaturgische Kniffe wie z.B. falschen Fährten angereichert, womit sich die Komplexität des Werkes erhöht (siehe Punkt 3.1.1). Gleichzeitig werden dem Zuschauer auch Signale und Markierungen geboten, durch welche sie die Unzuverlässigkeit einer Erzählung entlarven können (siehe Punkt 3.2). Diese Signale tauchen versteckt und bruchhaft auf, werden jedoch gezielt platziert. Der Zuschauer wird solange durch die Irre geführt, bis der Erzähler sich selber enttarnt und dem Zuschauer durch den „final plot twist“, die richtige Version seiner Erzählung vor Augen hält. Diese Offenbarungsszene (engl. „final plot twist“) entlässt das Publikum aus der begrenzten Perspektive der Figur und bietet die Möglichkeit, aus einer neuen Sicht auf den Film zu blicken.5 Wenn man von einem unzuverlässigen Erzähler spricht so handelt es sich dabei um eine fiktionale Figur, idealerweise auch ein Ich-Erzähler ist und sich Stück für Stück selber enttarnt. Dabei ist zu beachten, dass die Aufdeckung der Unzuverlässigkeit eine Interpretationsstrategie voraussetzt, welche durch explizite Signale und Markierungen in Text oder Film ermöglicht wird. Es existieren diverse Formen des unzuverlässigen Erzählers. Der naive Ich-Erzähler, der Geistesgestörte, der Perverse, der Verbrecher, der Außenseiter und der obsessive Erzähler. In dieser Arbeit wird die Form des Geistesgestörten thematisiert. Außerdem werden bei der Unzuverlässigkeit drei Aspekte differenziert. Die falsche Darstellung von Fakten, der Mangel an Objektivität und die ideologische Verfremdung des Ereignisses.6

3 Hauptteil: Funktionen, Signale und Dramaturgie des unzuverlässigen Erzählens

3.1 Funktionen des unzuverlässigen Erzählers

Durch den unzuverlässigen Erzählstil können sowohl im Film als auch in der Literatur mehrere Funktionen ausgeübt werden, die somit das Werk beeinflussen und den Zuschauer in gewisser Weise durch das Geschehen lenken können. Diese Funktionen können Einfluss auf den Text/Inhalt, den Kontext und auf die Rezipienten nehmen. Hierzu muss man erwähnen, dass es keine klaren Grenzen zwischen den einzelnen Gebieten gibt, auf welche die Funktionen Einfluss nehmen, sondern dass der unzuverlässige Erzähler mehrere Funktionen gleichzeitig in einem Werk der Literatur oder in einem Film ausübt.7 Da ich mich in dieser Ausarbeitung zum Thema „unzuverlässiger Erzähler“ nur auf das Medium Film konzentriere, werde ich auf diesen besonderen narrativen Stil innerhalb der Medien der Literatur nicht weiter eingehen. Für diese Arbeit ist die Anschauung der autoreferenziellen und affektiven/ appellativen Funktionen von Bedeutung. Aus unserer Betrachtung werden die heteroreferenziellen Funktionen gestrichen, da sie eher in der Literatur Verwendung finden.

3.1.1 autoreferenzielle Funktionen

Im Bezug auf den Text bzw. den Inhalt eines Werkes, spricht man von autoreferenziellen Funktionen. Hier bezieht sich die Wirkung des unzuverlässigen Erzählens auf die Darstellung einer fiktiven Welt in einem Film. Die Betonung der Erzählfigur spielt dabei eine wichtige Rolle und wird durch diese Erzählweise hervorgerufen. Das Augenmerk der Rezipienten wird verstärkt auf die Erzählfigur verlagert und somit das Geschehen mehr oder weniger in den Hintergrund gedrängt. Dadurch soll eine starke Aufmerksamkeit mit einem Bezug auf die Erzählinstanz erreicht werden.8 Auch die Charakterisierung von Figuren bzw. der Erzählinstanzen, hängt stark mit dem unzuverlässigen Erzähler zusammen. Die Unzuverlässigkeit hat hier eine bestimmende Rolle.9 Durch sie können bestimmte Bereiche des „Ichs“ des Erzählers oder der Erzählerin fokussiert und stärker in den Vordergrund geschoben werden. Dies ermöglicht zumal eine einfachere Personifikation des Erzählenden, sowie auch die Figurencharakterisierung. Wenn man einige Filme mit dem unzuverlässigen Erzähler betrachtet, so stellt man fest, dass oftmals eine geistige Verstörtheit bzw. Krankheit vorliegt. Als Beispiel kann man die Spielfilme Fight Club, Das geheime Fenster, Der Mechanist, Identität, Revolver und viele mehr benennen. In allen diesen Titeln wird das Krankheitsbild der Schizophrenie und multiplen Persönlichkeitsstörung thematisiert. Wichtig zu erwähnen ist dabei die Tatsache, dass es sich bei den psychisch erkrankten Menschen um die Erzählinstanzen handelt. Es ist kennzeichnend, dass durch deren Unzuverlässigkeit ihr Wahnsinn bzw. ihre Krankheit Stück für Stück aufgedeckt wird.10 Weiterhin erfüllt der unzuverlässige Erzähler auch die Funktion der Betonung des Erzählten. Nachdem man zur Erkenntnis gekommen ist, dass es sich bei dem Erzähler um einen unzuverlässigen Erzähler handelt, werden die Zuschauer eine erhöhte Wachsamkeit beim rezipieren an den Tag legen und somit das Erzählte hinterfragen. Es entsteht eine aktive Teilnahme des Rezipienten, wobei eine kritischere Haltung eingenommen wird und zugleich eine alternative Konstruktion zu dem Erzählten aufgebaut wird. Da der Moment der Offenbarung eines unzuverlässigen Erzählers meist erst spät stattfindet, findet auch diese kritische Haltung der Zuschauer spät statt, womit eine Überraschung hervorgerufen wird, da über den ganzen Film entlang, das Erzählte als zuverlässig angesehen wurde. So ist hier beispielhaft der Spielfilm „Fight Club“ zu nennen. Als Jack und die Zuschauer gleichzeitig erfahren das Tyler Durden nichts weiter ist als Jacks Alter Ego, entlarvt sich der unzuverlässige Erzähler endgültig und somit entsteht beim Zuschauer eine kritisch betonte und aktiv konstruierende Rezeptionshaltung, wodurch gleichzeitig jeder weitere Diskurs des Erzählers hinterfragt wird.11 Vorraussetzung hierfür ist jedoch die Erkenntnis, dass es sich um ein unzuverlässiges Erzählen handelt. Je früher diese Feststellung in einem filmischen oder auch literarischen Werk erfolgt, desto früher tritt diese Haltung auf. Im weiteren Verlauf der Arbeit werden bestimmte, für diesen narrativen Stil typische Signale behandelt, welche dem Zuschauer zu dieser Erkenntnis verhelfen können bevor die Offenbarungsszene das Geheimnis lüftet (siehe 4.2). Eine weitere autoreferenzielle Funktion, die man dem unzuverlässigen Erzählstil zusprechen kann, ist die Ästhetik. Diese ästhetische Funktion ermöglicht es dem Werk seine Wirksamkeit und Komplexität zu steigern und ein höheres erforderliches Maß an Qualität bei der Rezeption hervorzurufen. Dies wird durch die Unsicherheit der Unzuverlässigkeit und die Mehrdeutigkeit ermöglicht.12

3.1.2 affektive/ appellative Funktionen

Affektive/ appellative Funktionen sollen bei den Rezipienten Emotionen hervorrufen. Da in einem unzuverlässigen Erzählstil dem Zuschauer falsche Fährten in einem „Labyrinth aus Unwahrheiten“ gelegt werden, kann die Enträtselung dieser Tatsache eine freudvolle Angelegenheit für den Rezipienten sein. Sobald der Zuschauer erkannt hat, dass es sich bei dem Erzähler um einen unzuverlässigen Erzähler handelt, wird die gesamte Erzählung noch einmal rückwirkend durchleuchtet und anschließend ein alternativer Diskurs gebildet. Diese aktive Teilnahme und kritische Haltung wird von den Zuschauern oftmals als sehr reizvoll betrachtet. Das Erfolgserlebnis wird zudem von der Tatsache begleitet, dass Menschen, die den unzuverlässigen Erzähler erkannt haben, ein Überlegenheitsgefühl gegenüber Denjenigen haben, die diese Tatsache nicht oder zu spät erkannt haben.13 Weiterhin ist es möglich mit dem unzuverlässigen Erzähler eine gewisse Sympathielenkung zu erreichen. Hierbei ist zu erwähnen, dass Sympathie durch die Intensivierung der Identifikation mit einer Erzählinstanz durch eine Ich-Erzählsituation hervorgerufen werden kann. Als Beispiel kann man wieder den Film „Fight Club“ nehmen, da Jack zugleich auch als der Ich-Erzähler fungiert. Obwohl es sich gegen Ende des Films herausstellt, dass er an einer multiplen Persönlichkeitsstörung leidet und in Wahrheit der Anführer einer gefährlichen und terroristischen Vereinigung ist, hatte man den ganzen Film über ein Identifikationsgefühl und vor allem Sympathie zu der Figur. Man denke an die vielen Spielfilme in denen psychisch erkrankte Personen zugleich auch die Erzählinstanzen sind. Durch den unzuverlässigen Erzähler gelangt man ohne jegliche Vorurteile in die Psyche bzw. Perspektive eines Wahnsinnigen oder geistig Verwirrten Menschen und durchlebt die Geschehnisse aus der entsprechenden Perspektive. Bis zu dem Moment der Offenbarung hatte der Zuschauer also die Möglichkeit unvoreingenommen die Sicht eines geistig erkrankten Menschen einzunehmen. Nun bildet sich beim Rezipienten eine alternative Erklärung für die Geschehnisse, welche vor allem abweichend ist von der zuvor angenommenen Erzählperspektive. Nichtsdestoweniger hat man die Figur durch den Film begleitet, mitgefühlt und sogar Sympathie aufgebaut. Diese Art der Sympathiebildung ist anscheinend Gegenstand von Werken mit einem unzuverlässigen Erzählstil, da nur die verspätete Offenbarung des Wahnsinns oder der geistigen Verwirrtheit den entsprechenden Aufbau der Sympathie gewährleistet.14 Wayne C. Booth deutete auf dieses Phänomen in seinem Buch „The Rhetoric of Fiction“ hin: „that inside views can build sympathy even for the most vicious character. When properly used, this effect can be immeasurable value in forcing us to see the human worth of a character whose actions, objectively considered, we would deplore“.15 Eine weitere wichtige Funktion auf der affektiven/ appellativen Ebene ist die “rückwirkende Überraschung” oder der Schock. Der Zuschauer wird meist gegen Ende des Filmes über die Tatsache aufgeklärt, dass das Erzählte nicht der Wahrheit entspricht und somit eine unzuverlässige Erzählweise existiert. Bevor der Rezipient den alternativen Diskurs selber aktiv konstruiert, findet zunächst ein Überraschung bzw. ein Schock oder ein Aha- Erlebnis statt. Obwohl in vielen Filmen wie z.B. „Fight Club“, „The Sixth Sense“, “Das geheime Fenster” usw. etliche Signale auf einen unzuverlässigen Erzähler hindeuten, gelingt es den Zuschauern nicht beim ersten Mal auf einen unzuverlässigen Erzählstil hinzudeuten. Erst gegen Ende der Geschichte kommt es zu einer Offenbarungsszene bzw. dem „final plot twist“, in welchem das Geheimnis gelüftet und der unzuverlässige Erzähler entlarvt wird. Da hierbei dem Zuschauer klar wird, dass nahezu die gesamte Erzählung nicht der Wahrheit entsprach und man der Erzählinstanz Sympathie entgegenbrachte, kommt es zu einem Schock und idealerweise zu einem Aha-Erlebnis.16

[...]


1 Vgl. Li-Go: Fokalisierung, Tu-Darmstadt URL: http://www.linglit.tu-darmstadt.de/fileadmin/linglit/fischer/fokalisierung.pdf Zugriff: 06.01.2009

2 Vgl. Matias Martinez/ Michael Scheffel (Hrsg.) (1999, München/ Göttingen): Einführung in die Erzähltheorie S. 82

3 Vgl. Leixoletti; Kurzgeschichten und Interpretationen, Glossar, Ausgabe: 12.2006 URL: http://www.leixoletti.de/theorie/glossar.htm Zugriff: 06.01.2009

4 Vgl. Fabienne Liptay/ Yvonne Wolf (Hrsg.) (2005, München): Was stimmt denn jetzt? „Unzuverlässiges Erzählen in Literatur und Film“ S. 12

5 Vgl. Fabienne Liptay/ Yvonne Wolf (Hrsg.) (2005, München): Was stimmt denn jetzt? „Unzuverlässiges Erzählen in Literatur und Film“ S. 15

6 Vgl. Fabienne Liptay/ Yvonne Wolf (Hrsg.) (2005, München): Was stimmt denn jetzt? „Unzuverlässiges Erzählen in Literatur und Film“ S. 39-44

7 Vgl. Fabienne Liptay/ Yvonne Wolf (Hrsg.) (2005, München): Was stimmt denn jetzt? „Unzuverlässiges Erzählen in Literatur und Film“ S. 198

8 Vgl. Fabienne Liptay/ Yvonne Wolf (Hrsg.) (2005, München): Was stimmt denn jetzt? „Unzuverlässiges Erzählen in Literatur und Film“ S. 199

9 Vgl. Walter Grünzweig/ Andreas Solbach (Hrsg.) (1999, Tübingen): Grenzüberschreitungen: Narratologie im Kontext S. 59

10 Vgl. Fabienne Liptay/ Yvonne Wolf (Hrsg.) (2005, München): Was stimmt denn jetzt? „Unzuverlässiges Erzählen in Literatur und Film“ S. 199

11 Vgl. Fabienne Liptay/ Yvonne Wolf (Hrsg.) (2005, München): Was stimmt denn jetzt? „Unzuverlässiges Erzählen in Literatur und Film“ S. 199

12 Vgl. Fabienne Liptay/ Yvonne Wolf (Hrsg.) (2005, München): Was stimmt denn jetzt? „Unzuverlässiges Erzählen in Literatur und Film“ S. 199-200

13 Vgl. Fabienne Liptay/ Yvonne Wolf (Hrsg.) (2005, München): Was stimmt denn jetzt? „Unzuverlässiges Erzählen in Literatur und Film“ S. 200

14 Vgl. Fabienne Liptay/ Yvonne Wolf (Hrsg.) (2005, München): Was stimmt denn jetzt? „Unzuverlässiges Erzählen in Literatur und Film“ S. 194-196

15 Vgl. Wayne C. Booth (Hrsg.) (1991, London): The Rhetoric of Fiction S. 378

16 Vgl. Fabienne Liptay/ Yvonne Wolf (Hrsg.) (2005, München): Was stimmt denn jetzt? „Unzuverlässiges Erzählen in Literatur und Film“ S. 201

Details

Seiten
29
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783668239524
ISBN (Buch)
9783668239531
Dateigröße
888 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v209896
Institution / Hochschule
Macromedia Fachhochschule der Medien Köln
Note
1,0
Schlagworte
Unzuverlässiges Erzählen Unreliable Narration Narration Dramaturgie Erzählinstanz Fokalisierungsinstanz Filmanalyse

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Titel: Der unzuverlässige Erzähler. Das Phänomen des unreliable narrator in "Fight Club" und "Das geheime Fenster"