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Rhetorischer Schauspielstil: Bewegungsabläufe auf deutschen Bühnen im 17. / 18. Jahrhundert

Seminararbeit 2009 15 Seiten

Theaterwissenschaft, Tanz

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Bewegung

3. Menschenbild im Barock und „theatrum mundi“

4. Die Repraesentatio
4.1 Repräsentationsformen

5. Symmetrie im Gesamtkontext
5.1 Symmetrie des Spiels

6. Natur/ Kunst Relation

7. Regeln nach Franziskus Lang
7.1 Das Bühnenkreuz (crux scenica)
7.2 Affekt und Geste

8. Schlussbemerkung

Bibliographie

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit untersucht Bewegungsabläufe auf deutschen Bühnen im 17. Jahrhundert, am Darstellungsstil des sogenannten „rhetorischen Schauspielstils“.

Die Heterogenität des Begriffs „Bewegung“ erfordert zunächst einmal eine deutliche Differenzierung und Eingrenzung, um eine einheitliche Definition zu gewährleisten. Anschließend werden die besonderen Merkmale des rhetorischen Stils herausgearbeitet und der historische Kontext erörtert.

Bewegung“ ist der visuelle Teil in der Schauspielkunst und neben der auditiven Fähigkeit unablässig in der Darstellung des dramatischen Geschehens. Die Fragestellung zielt sowohl auf einzelne Bewegungen des Schauspielers bei seiner Darstellung, als auch auf die Symmetrie in der Anordnung auf der Bühne, mit besonderer Berücksichtigung des, für den Barock typischen, rhetorischen Stils des deutschen Jesuitenpaters Franziskus Lang.

Die Ästhetik des rhetorischen Schauspielstils ist in erster Linie die Ästhetik des Körpers. Die absolute Beherrschung der Körpersprache ist hierbei oberstes Ziel und bezieht sich auf antike Vorbilder der rhetorischen Affektenlehre.

Die „Natürlichkeit“ dieser Epoche beschränkt sich auf den eigenen Leib und wird von einem hohen Pathos getragen. Der „innere Wert“ tritt durch die artifizierte Darstellung gänzlich zurück und entblößt dabei die rein äußere Schaukunst.

Die hypothetische Lehre des Barock, dass Affekte von außen auf den Menschen einwirken und dementsprechend seinen Körper ergreifen, ist zwar fraglich, für den Lebensstil dieser Zeit aber durchaus erklärbar. Diese und andere Probleme sollen im Rahmen erarbeitet werden.

Was aber drückt nun diese Affekthascherei aus? Was bezweckt oder repräsentiert dieser ambitionierte Darstellungsstil, welcher letztendlich in der „Bewegung“ gipfelt? Und wie ist „Bewegung“ wirkungsästhetisch zu erklären? Welche Rolle spielen gesellschaftliche Institutionen in diesem Geflecht?

Die Arbeit bemüht sich um Evidenz und versucht die Bewegungsabläufe dieser Stilepoche, auch in ihrem historischen Kontext, zu dokumentieren. Vollständigkeit ist soweit gegeben, sofern der Rahmen der Arbeit diese erlaubt.

2. Bewegung

Der Begriff „Bewegung“ leitet sich aus dem althochdeutschen biwegunga und dem mittelhochdeutschen bewegunge[1] ab und wird als „das [Sich]bewegen durch Veränderung der Lage, Stellung, Haltung […]“ beschrieben.[2] Diese Definition veranschaulicht vor allem die physikalische Deutung und sagt zweierlei aus: zum einen wird durch die Bewegung eine sichtbare Veränderung vorgenommen und zum anderen ein motorischer Prozess in Gang gesetzt. Dieser im ersten Moment rein äußerlich wahrgenommene Prozess, verdeutlicht lediglich ein bewusstes Geschehen, ohne jedoch die Motive, die schließlich die Bewegung auslösen, mit ein zu beziehen. Womit hier nicht biologische Prozesse gemeint sind, sondern ausschließlich seelische Vorgänge.

In der Bewegungsforschung ist der Begriff der „Ausdrucksbewegung“ interessant, welches sich mit dem Sichtbarwerden der inneren (Gemüts) Bewegtheit beschäftigt „…die sich durch Eindrücke, Vorstellungen, Absichten und Gedankengänge im Menschen einstellen und meistens von vorübergehender Art sind.“[3]

Ausdruck“ wird hier jeweils unterschiedlich verwendet: „Ausdruck“ als ein innerer Reiz welcher unabsichtlich äußerlich sichtbar wird und „Ausdruck“ im Sinne von „Gebärde“, die eine „…Absicht verkörpert etwas zu zeigen oder nachzuahmen, was objektiv in Wahrnehmung oder Vorstellung gegeben ist.“[4]

Innere Bewegtheit oder die Vorstellung dergleichen, führt zu einer Äußerung in der Bewegung. Der Körper ist dabei instrumentalisierter oder repräsentativer Gegenstand einer bestimmten Empfindung.

Kehren wir wieder zur physikalischen Bedeutung zurück. Diesmal wird in einem anderen Versuch, „Bewegung“ als Modell das sich am subjektiven Geschmack der Gesellschaft orientiert, dargestellt.

Winfried Klara beschreibt den Bewegungsgeschmack im Barockzeitalter des 17. Jahrhunderts, als ein „…Ideal ausgesprochen schöner, allgemein ausdrucksvoller Haltung und Bewegung, das einer Epoche eigentümlich ist…“ und später, als die „…Tendenzen, nach denen eine Mode den Körper erscheinen lassen möchte.“[5]

Jede Epoche habe demnach innerhalb der Gesellschaft sehr individuelle, um nicht zu sagen ideale Vorstellungen von Sittlichkeit und Ästhetik. Darunter zählte auch das Auftreten und somit die Körperlichkeit einer Person. Aber auch auf andere Lebensbereiche wie z. B. das Theater, ließ sich diese Auffassung übertragen. Gerade im Barocktheater war sie sehr beständig und ehrgeizig in ihrer Wirkung.

Die Möglichkeiten die sich nun für die Bühnen ergaben, hatten einen ideellen Wert und eigneten sich auch in praktischer Hinsicht als sehr lehrreich. Sie lieferten nicht nur die Grundlage für Situationen im öffentlichen Leben und des Verhaltens, sondern dienten auch einer ethischen Grundsatzfrage nach „Richtig“ oder „Falsch“.

Für einen Redner z. B. hatte dies positive „Konsequenzen“, denn sie konnte seinen Reden, durch gezielten Körpereinsatz, noch mehr Nachdruck verleihen und eventuelle inhaltliche Schwächen aufwerten. Das Streben nach ästhetischer Vollkommenheit war dabei immer oberstes Prinzip.[6] Die Reglementierungen dienten dabei einer korrekten Ausführung und Zuordnung der Bewegung.

Die Umkehrung der „Ausdrucksbewegung“ in, nennen wir es „Bewegungsausdruck“, ist in den Abhandlungen über die Schauspielkunst „Dissertatio de actione scenica[7] des Jesuitenpaters Franziskus Lang, nach zu lesen. Hierbei ergreift der „Bewegungsausdruck“, also die Körperlichkeit, die Seele und nicht umgekehrt.[8] Die Darstellung geht also von einer Umkehrung aus, indem äußere Affekte auf den Menschen eindringen und somit einen emotionalen Zustand auslösen.

Eine psychologische Bewertung ist nicht Aufgabe und Zweck dieser Arbeit. Allerdings sollte der historische Kontext näher betrachtet werden, um die Intention dieser Umkehrung verständlicher zu machen.

[...]


[1] Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, 7. Auflage München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2004, S. 129

[2] DUDEN Das große Wörterbuch der deutschen Sprache, Band 2: Bedr – Eink in 10 Bänden, 3. Auflage, Mannheim Leipzig Wien Zürich: Dudenverlag 1999

[3] F.J.J. Buytendijk, Allgemeine Theorie der menschlichen Haltung und Bewegung. Als Verbindung und Gegenüberstellung von Physiologischer und Psychologischer Betrachtungsweise, Berlin Göttingen Heidelberg: Springer Verlag 1956, S. 213

[4] Ebenda, S. 213

[5] Winfried Klara, Schauspielkostüm und Schauspieldarstellung: Entwicklungsfragen des deutschen Theaters im 18. Jahrhundert, Berlin: Selbstverlag der Gesellschaft für Theatergeschichte 1931, S. 163

[6] Ebenda, S. 345

[7] Franz Lang, Abhandlung über die Schauspielkunst. Übersetzt und Herausgegeben von Alexander Rudin. (Deutsche Barockliteratur) Bern: Francke Verlag 1975

[8] Erika Fischer- Lichte, Metzler Theaterlexikon, Stuttgart Weimar: J. B. Metzler 2005, S. 288

Details

Seiten
15
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656376392
ISBN (Buch)
9783656376903
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v209827
Institution / Hochschule
Universität Wien – Theater-, Film-, Medienwissenschaft
Note
2
Schlagworte
rhetorischer schauspielstil bewegungsabläufe bühnen jahrhundert

Autor

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