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Binationale Familien als Zielgruppe Sozialer Arbeit

Bachelorarbeit 2012 63 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

Einleitung

I. Soziale Arbeit in der Einwanderungsgesellschaft
A. Einwanderung in Deutschland
B. Stellung der Sozialen Arbeit in der
Einwanderungsgesellschaft
C. Interkulturelle Soziale Arbeit
1. Zum Begriff Interkulturalität
2. Interkulturelles Lernen
3. Interkulturelle Kompetenz

II. Soziale Arbeit und binationale Familien
A. Zum Begriff „Binational“
B. Überblick über binationalen Familien in Deutschland
C. Die Situation binationaler Familien
1. Probleme binationaler Familien
2. Chancen binationaler Familien
D. Rechtliche Rahmenbedingungen für die binationale Heirat
1. Eheschließung im Inland
2. Eheschließung im Ausland
3. Eheschließung bei Illegalität
4. Binationale Ehe als Fluchtmöglichkeit aus der Armut
E. Kinder und Jugendliche aus binationalen Familien
1. Nachteile und Probleme von binationalen Kindern und
Jugendlichen
2. Vorteile und Chancen von binationalen Kindern und
Jugendlichen
F. Gesellschaftliche Belastungsfaktoren von binationalen
Familien
1. Rassismus und Ausgrenzung
2. Trennung und Scheidung
G. Funktion der Sozialen Arbeit bei binationalen Familie
1. Interkulturelle Erziehung und Bildung
2. Interkulturelle Erziehung im Kindergarten
3. Bilingualer Unterricht
4. Psychosoziale Beratung
5. Empowerment
6. Mediation

Fazit

Literaturverzeichnis

Internetquellen

Einleitung

Seit Jahrzehnten ist Deutschland ein Zielland für viele Zuwanderer aus unterschiedlichen Ländern bzw. aus unterschiedlichen Kulturen. Die Migration kann aus unterschiedlichen Gründen vorkommen; beispielsweise aus politischen, wirtschaftlichen, natürlichen, familiären oder persönlichen Gründen. 2010 lebten in Deutschland rund 15,7 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. Das entsprach einem Teil von 19,3 % an der Gesamtbevölkerung Deutschlands. Mehr als die Hälfte, nämlich 8,6 Millionen Menschen besaßen einen deutschen Pass, während 7,1 Millionen Ausländer waren (Vgl. Statistisches Bundesamt 1). Mit diesem großen Anteil an der Gesamtbevölkerung ist Deutschland eine von Einwanderung geprägte Gesellschaft, in der es eine kulturelle Vielfalt gibt. Erfahrungen mit Menschen anderer Nationalitäten und ihren unterschiedlichen Kulturen gehören heute für viele Deutschen zum normalen Alltag.

Nicht nur die deutsche Gesellschaft wurde durch die Migration geprägt und beeinflusst, sondern auch das Leben der Migranten selbst wurde durch alte und neue Gesetze und durch ihre Rolle in der Wirtschaft und in der Gesellschaft seit Generationen verändert. Sie bilden Tatsachen, die auf politischer und gesellschaftlicher Ebene die Integration voranzutreiben erfordert.

In der Sozialen Arbeit gehören die Begegnungen mit Menschen mit Migrationshintergrund längst zu den alltäglichen Aufgaben. „Hierbei reicht die Auseinandersetzung mit den Folgen transnationaler Migrationen, ethnischer Heterogenität und sozialen Integrations- und Kommunikationserfordernissen weit über die Tätigkeitsfelder spezieller Fachdienste für einzelne Migrantengruppen hinaus.“ (Vgl. Treichler / Cyrus 2004, Klappentext). In allen ihren Aufgabenbereichen haben die Sozialarbeiter mit Einwanderer der ersten, zweiten und dritten Generation zu tun. Damit sind Entwicklungschancen und Herausforderungen ebenso wie Probleme und Konflikte verbunden. Damit die Soziale Arbeit mit den Problemen der Migranten mit unterschiedlicher Herkunft und aus verschiedenen Kulturen umgehen und ihnen helfen kann, muss das Wissen um Interkulturalität zu ihren Grundlagen gehören. Die Sozialarbeiter müssen die interkulturellen Kompetenzen beherrschen, die wiederum im Verlauf des interkulturellen Lernens erreicht werden, um die interkulturellen Einrichtungen öffnen zu können.

In letzter Zeit wurde viel über die Interkulturalität und die interkulturelle Sozialarbeit diskutiert. Viele Themen im Zusammenhang mit Interkulturalität geraten immer stärker in den Blickpunkt des öffentlichen Interesses. Doch was bedeutet „Interkulturalität“? Was genau heißt „interkulturelles Lernen“? Und was versteht man unter „interkultureller Kompetenz“? Ich werde in der vorliegenden Arbeit versuchen, ein wenig Klarheit in die diffuse Debatte zu bringen.

Doch bevor ich in dieser Arbeit auf die Interkulturellen Sozialarbeit im ersten Kapitel eingehe, will ich zunächst die Einwanderung in Deutschland und die Stellung der Sozialen Arbeit in der Einwanderungsgesellschaft behandeln.

Wenn man über Menschen mit Migrationshintergrund redet, sind das Menschen, die aus dem Ausland kommen - Migranten - oder solche, die ausländische Eltern haben. Doch nicht alle haben ausländische Eltern oder kommen aus dem Ausland. Viele Menschen bzw. viele Kinder haben einen deutschen Elternteil und stammen aus sogenannten binationale Familien.

In meiner vorliegenden Bachelorarbeit werde ich mich mit binationalen Familien als Zielgruppe Sozialer Arbeit als zentrales Thema befassen. Es gibt immer mehr Frauen und Männer, die ihren Partner oder ihre Partnerin grenz- bzw. kulturübergreifend finden. Dank der zunehmenden Globalisierung mit allen ihren Aspekten, wie offenen Grenzen, Urlaubsaufenthalten, Arbeits- und Studienreisen ins Ausland sowie die Anwesenheit von Migranten und Flüchtlingen in Deutschland sind binationale, bikulturelle Paare und Familien keine Seltenheit mehr und werden in Zukunft immer häufiger zu finden sein. In unserer heutigen modernen Gesellschaft ist die binationale Ehe mittlerweile zu einem Standard geworden. Bei jeder neunten Eheschließung in Deutschland stammt zumindest einer der Partner aus dem Ausland und bildet damit eine binationale Verbindung, und jedes dritte Kind, das geboren wird, hat Eltern unterschiedlicher Nationalitäten. Binationale Familien sind nicht private Lebensentwürfe Einzelner, sondern sind zugleich Ergebnis gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen (Vgl. Verband binationaler Familien und Partnerschaften 1).

Interkulturelle Begegnung und Kommunikation ist eine große Chance für die Gesellschaft der Zukunft. Für binationale Familien bzw. Kinder binationaler Paare gehört interkulturelles Lernen zum Alltag, denn sie wachsen meistens mit zwei bis drei Sprachen auf und haben Bindungen an das Herkunftsland des nichtdeutschen Elternteils. Verschiedenheit von Alltagsgepflogenheiten, Religion, Sprachen, Kulturen …usw. erleben sie als Normalität.

Außerhalb der Familie wird ihre binationale Identität in der Regel nicht wahrgenommen. Es gibt sogar viele Kinder aus binationalen Familien, die ihre Identität zeitweilig verweigern und nicht anerkennen wollen (Identitätskrise). Je nach Aussehen werden sie als „Ausländer“ eingeordnet. Durch die Behörden, in der Schule und auf der Straße werden sie diskriminiert. Diese Mehrfachdiskriminierung wird insbesondere durch den politischen und medialen Diskurs über die Einwanderung und die Multikultigesellschaft genährt.

Zu diesen offensichtlichen und verdeckten gesellschaftlichen Problemen, die binationale Menschen in ihrem Alltag durchleben müssen, die nur wenigen Menschen bekannt sind, kommen auch meist noch „rechtliche Belange“, welche das Leben von diesen Menschen nicht gerade einfach machen.

Fest steht: der heutige rechtliche Zustand, die unterschiedlichen kulturellen Hintergründe und die Kommunikationsprobleme machen eine grenzüberschreitende Liebe zur Herausforderung. Gelingt eine binationale Ehe bzw. Partnerschaft aber, kann sie ein Modellfall für eine Gesellschaft der Zukunft sein. Tatsache ist in jedem Fall, dass eine binationale Ehe den Weg zu einer „dritten Kultur“ ebnen kann.

Die Arbeit mit binationalen Familien gehört längst zum Alltag der Sozialen Arbeit. Dabei hat Soziale Arbeit immer eine große Rolle gespielt und wird auch in Zukunft diese Aufgabe übernehmen müssen. Zum Beispiel engagiert sich der „Verband

binationaler Familien und Partnerschaften“ seit den 70er Jahren in mehr als 30 Städten im In- und Ausland für das gleichberechtigte Zusammenleben in der Einwanderungsgesellschaft und vertritt damit ihre Interessen (ebd.).

Nach einer theoretischen Einführung in die interkulturelle Soziale Arbeit in der Einwanderungsgesellschaft im ersten Kapitel folgt das Hauptkapitel dieser Arbeit über die Soziale Arbeit und binationale Familien.

Als Einstieg in die Thematik werde ich mich zunächst dem Begriff „Binational“ nähern und einen Überblick über die binationalen Familien in Deutschland geben. In dem Zusammenhang werde ich auf die Schwierigkeiten der binationalen Kinder und ihren Lebenszustand eingehen. Danach werde ich die Funktion der Sozialen Arbeit bei binationalen Familien, ihre Formen und ihre Kompetenzen erläutern und diskutieren.

Die Arbeit endet mit einem Schlusswort.

I. Soziale Arbeit in der Einwanderungsgesellschaft

In diesem Kapitel geht es darum, die Rolle und die Stellung der Sozialen Arbeit in der Einwanderungsgesellschaft darzustellen und ihre Konzepte für interkulturelle Arbeit zu erläutern. Doch vorher gebe ich einen kurzen Überblick auf die Einwanderung in Deutschland als historischen Hintergrund für die heutigen Probleme.

A. Einwanderung in Deutschland

Über 36 Millionen Menschen sind zwischen 1954 und 2006 nach Deutschland gezogen, davon ca. 80% ausländischer Herkunft. Nur 27 Millionen verließen im gleichen Zeitraum das Land. Insgesamt wanderten also 9 Millionen Menschen zu. Die Zuwanderer kamen in mehreren Wellen und aus unterschiedlichen Regionen der Welt. Der Anteil der Ausländer, die in Deutschland lebten, aber nicht die deutsche Staatsbürgerschaft besaßen, lag 1951 bei 1%. Ca. 20% der Gesamtbevölkerung haben heute einen sogenannten Migrationshintergrund, in genauen Zahlen sind das 15 von 82 Millionen Menschen (Vgl. Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung 2009, S. 12).

Die erste Einwanderungswelle in der Bundesrepublik Deutschland der Nachkriegszeit bestand hauptsächlich aus Aussiedlern aus Osteuropa. Nach Westdeutschland kamen bis 1987 ca. 1,4 Millionen Menschen als Aussiedler, die meisten von ihnen aus Polen. Insgesamt reisten zwischen 1991 und 2006 rund 1,9 Millionen Aussiedler nach Deutschland ein, besonders aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion (ebd. S. 14).

Ab 1955 setzte die zweite Wanderungsphase in Form der Anwerbung von Gastarbeiter ein. Im gleichen Jahr wurde ein Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und Italien geschlossen. Italienische Arbeitskräfte sollten an deutsche Unternehmen vermittelt werden. In den Jahren 1960 bis 1968 wurden ähnliche Abkommen mit anderen südlichen Ländern geschlossen, nämlich Spanien, Griechenland, Türkei, Marokko, Tunesien, Portugal und Jugoslawien. Die Gastarbeiter waren in der Regel zwischen 20 und 40 Jahre alt und alleinstehend. Sie kamen meist aus ländlichen, strukturschwachen Gebieten und hatten keine Ausbildung oder Schulabschluss. Von Integration konnte damals keine Rede sein, denn die Politiker dachten, dass die Gastarbeiter nach ein paar Jahren wieder in ihre Heimat zurückkehren würden (ebd. S. 12).

Im Jahr 1967 kamen weitere Gastarbeiter nach Deutschland, als die Wirtschaft sich nach einer leichten Krise wieder erholte. Zwischen 1968 und 1971 wurden so viele neue Arbeiter eingestellt, wie noch nie. Bis 1973 stieg die Zahl der Migranten in der Bundesrepublik Deutschland auf über 3,9 Millionen: 6,4% der gesamten Bevölkerung besaßen zu jener Zeit keinen deutschen Pass. Die türkischen Migranten waren die größte Gruppe gefolgt von den Italienern. Sie stammten meist aus armen Bauernfamilien im Osten der Türkei. Nachdem sie gesehen hatten, dass sie nicht in ihre Heimat zurückkehren mussten und nach dem Ausländergesetz von 1965 war es ihnen möglich, ihre Familien nach Deutschland zu holen. Und so entstand aus einer Gruppe männlicher Vertragsarbeiter eine Migrantenpopulation mit Frauen und Kindern. Die meisten türkischen Frauen waren nie in einer Schule gewesen und kamen ohne Sprachkenntnisse. Hier in Deutschland lebten sie in ihren Familien oft komplett von der deutschen Gesellschaft isoliert (ebd. S. 13 ).

Die fehlenden Integrationsmaßnahmen, die die Politiker in dieser Zeit aus verschiedenen Gründen verweigert haben, führten zu sozialen Brennpunkten und parallelen Gesellschaften, wo Kinder der Einwanderer aufwuchsen. Die meisten Kinder sprachen eine andere Sprache als Deutsch. In der Schule, die selbst nicht auf diese Kinder und auf eine passende Förderung vorbereitet war, hatten sie keine Chance auf eine gute Bildung oder ein gutes Schulabschluss. Nach der Schule wurden sie mit denselben Problemen wie ihre Eltern konfrontiert. Schwere und schlechte bezahlte Jobs oder Arbeitslosigkeit waren die Folgen. Dass viele Jugendliche ihr Herkunftsland bzw. das Herkunftsland ihrer Eltern nicht kannten und sich in der deutschen Gesellschaft nicht integrieren konnten, führte zu Identitätskonflikten und zu dem Gefühl, verloren zu sein (ebd. S. 13).

Zur Gruppe der in Deutschland lebenden Migranten zählen selbstverständlich auch die Asylbewerber und Asylanten. Die meisten wanderten in der dritten großen Einwanderungswelle in den 80er Jahren ins Land ein. Zwischen 1953 und 1979 wurden rund 8.600 Asylanträge pro Jahr gestellt. Diese Zahlen stiegen in den Jahren 1991 bis 1994 auf eine Million Anträge. Die Asylanten kamen aus unterschiedlichen Ländern, in denen es politische Konflikte oder Kriegs gab. Mit dem liberalen Asylrecht Anfang der 90er Jahre nahm die Zahl der Migranten, die vor allem aus wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland kamen, zu. Aber brutale Kriminalität unter diesen Asylanten und andere Probleme wie Prostitution, Drogenhandel, illegale Zuwanderung…usw. veranlassten den Gesetzgeber dazu, das Asylrecht im Juli 1993 einzuschränken. So stellten zum Beispiel im Jahr 2007 nur noch 19.164 Menschen einen Erstantrag auf Asyl, aber nur 304 Anträge wurden anerkannt. Die meisten Asylbewerber kommen heute aus dem Irak, dem fernen Osten und aus Afrika (ebd. S.14).

B. Stellung der Sozialen Arbeit in der Einwanderungsgesellschaft

In der ersten Zeit der Arbeitsmigration in Deutschland reagierten weder die Öffentlichkeit noch die Pädagogik auf die sozialen Probleme der Migranten und nahmen sie nicht ernst. Schließlich waren sie nur als „Gastarbeiter“ in Deutschland. Die meisten waren ledig oder haben ihre Familie im Heimatland zurückgelassen, weil sie wie die Politiker und die Unternehmer von einer baldigen Rückkehr ausgingen, sobald sie ihre Sparziele erreicht hatten (Vgl. Auernheimer 2007, S. 35).

Die Aufgabe der Sozialen Arbeit bzw. der Ausländerpädagogik, Ausländersozialarbeit bestand während der ersten Phase der Einwanderung in die Bundesrepublik Deutschland hauptsächlich darin, die „Gastarbeiter“ zu betreuen und zu beraten. Diese Beratungstätigkeiten übernahmen die drei großen Wohlfahrtsverbände Deutschlands, indem sie die Gastarbeiter entsprechend ihren Herkunftsnationalitäten und ihrer Religion unter sich aufteilten. So richtete der deutsche Caritasverband einen Sozialdienst für die katholischen Italiener, Portugiesen, Spanier und Jugoslawen (v.a. Kroaten) ein, das Diakonische Werk war zuständig für griechische Migranten und die AWO kümmerte sich um die Arbeitskräfte, die nichtchristlichen Nationalitäten angehörten (Vgl. Europäisches Forum für Migrationsstudien (EFMS) 2001, S. 9). 1962, ein Jahr nach dem deutsch-türkischen Anwerbeabkommen, wurde die Beratungsstelle Türk Danis als erster lokaler Sozialdienst der Arbeiterwohlfahrt für türkische Gastarbeiter eingerichtet. Später wurde sie auch für andere Muslime wie Jugoslawen, Marokkaner und Tunesier zuständig. Am Anfang wurden in allen größeren Städten Beratungsstellen eingerichtet und Mitarbeiter eingestellt, die bikulturelle und bilinguale Kompetenzen, aber auch eigene Migrationserfahrungen besaßen. Die Beratungstätigkeit war den damaligen politischen Plänen entsprechend nicht auf Eingliederung und Integration ausgerichtet, sondern konzentrierte sich auf Alltagsprobleme wie rechtlichen Fragen, Wohnungsfragen, Übersetzungsdienste und Rückkehrberatung, denn, wie schon erwähnt, es war vorgesehen, dass die Gastarbeiter in ihr Heimatland zurückkehrten und mit neuen ersetzt wurden (Vgl. Yildiz 2011, S. 34).

Da die Gastarbeiter aber ihre Sparziele in kurzer Zeit nicht erreichen konnten und die Betriebe auf ihre Mitarbeiter nicht verzichten wollten, wurden die Aufenthaltszeiten dieser Gastarbeiter zunehmend länger. Anfang der 70er Jahren fingen die Gastarbeiter an, ihre Familienangehörigen nach Deutschland zu holen. Im Jahr 1973 und mit dem Anwerbestopp der Bundesregierung verstärkte sich der Familienzuzug, was auch den Beginn der zweiten Phase der Arbeitsmigration markierte. Der provisorische alleinstehende Migrant entwickelte sich plötzlich zu einem dauerhaften Familienprojekt (ebd.). „Während zuvor die wirtschaftlich-sozialrechtliche Eingliederung von ausländischen Arbeitskräften das Ziel Sozialer Arbeit war, stand in den 1970er Jahren (bis Mitte der 1980er Jahre) die sozialräumliche Integration der Gastarbeiterfamilien im Mittelpunkt pädagogischer Angebote“( ebd.). Die Soziale Arbeit sollte sich nun um die sozialen Probleme, wie die Suche nach Unterkünften, die oft schwierig und überteuert zu bekommen waren und die Sozialisation der Frauen und Kinder, die kein Wort Deutsch konnten und die eine Schule brauchten, kümmern. In diesem Zusammenhang etablierte sich der Begriff der sogenannten Ausländerpädagogik für die schulische Ausbildung der ausländischen Kinder (ebd.). Um die Gastarbeiterkinder schulisch zu fördern und eine gute Integration zu ermöglichen, wurden spezielle Förder- und Ausländerklassen eingerichtet. Trotz dieser Integrationsmaßnahmen war die Ausländerpolitik von Restriktionen gekennzeichnet, so wurde in einigen Bundesländern (Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Hessen) sogar eine „Zuzugssperre für überlastete Siedlungsgebiete“ verkündet. Die Bundesregierung zielte mit den Eingliederungsprogrammen jedoch nur auf eine provisorische Integration für die Familien ab, die sich für immer niederlassen wollten (Vgl. Arbeitsmigration).

Um den Mangel an offiziellen sozialen Diensten von Wohlfahrtsverbänden zu decken, entstanden Ende der 70er Jahre erste Selbsthilfegruppen und Vereine. Diese Initiativgruppen und Sozialberatungsangebote entlasteten Schulen und soziale Regeldienste, wie z.B. in Kindergärten und Schulen. So wurde beispielsweise 1979 in Frankfurt der Verband der Initiativgruppen in der Ausländerarbeit (VIA) gegründet (Vgl. Yildiz 2011, S. 35).

Auf Grund der hohen Arbeitslosigkeit in den 80er Jahren und der bestehenden Integrationsprobleme von Migranten wurde hartnäckig daran festgehalten, dass die Einwanderung in die Bundesrepublik Deutschland nur unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt werden sollte. Einerseits zielte die staatliche Politik mit ausländerrechtlichen Instrumenten darauf ab, „die Einwanderung abzuwehren bzw. restriktiv zu kontrollieren“ (Vgl. Cyrus / Treichler 2004, S. 11). So wurde das Verbot des Nachzugs älterer Kinder diskutiert und die Rückkehr der damaligen „Gastarbeiter“ und ihrer Familien in ihre Heimatländer verstärkt gefördert. Andererseits wurden sprachliche und kulturelle Integrationsmaßnahmen für Migranten angekündigt, die einen gesicherten Aufenthaltsstatus auf der Grundlage des Ausländergesetzes von 1965 besaßen (ebd.).

Im Jahr 1990 wurde durch die Reform des Ausländerrechts zum ersten Mal die Integration der hier lebenden Migranten zum ausländerpolitischen Ziel einer Bundesregierung erklärt. Dieses neue Ausländergesetz sollte die Integration Jugendlicher, die in Deutschland geboren oder aufgewachsen waren, erleichtern, sowie die Einbürgerung der älteren Ausländer, die schon lange hier lebten. Die nicht zu leugnende pluriethnische Realität und multikulturelle Prägung der Gesellschaft führten zu der wachsenden Einsicht, nachdem diese Jahrzehnte lang politisch ignoriert worden war, dass Zuwanderung und Integration ein Teil der Gesellschaft sind. Es entwickelten sich nun Sympathien für die Konzepte einer multikulturellen Gesellschaft. Migrationsbezogene Sozialarbeit wurde zum Vorbild interkultureller Kompetenz. Der multikulturellen Öffnung des Sozialdienstes kam und kommt eine gehobene Gestaltungsaufgabe zu. Mitte der 90er Jahre kam es, dass „Interkulturelle Sozialarbeit“ in den Wohlfahrtsverbänden, Fachhochschulen, Arbeitskreisen und Studienprogrammen aufgenommen wurde. Drei Merkmale kamen und kommen bei interkultureller Sozialarbeit zum Ausdruck: eine Spezialisierung, eine Professionalisierung und eine Institutionalisierung Sozialer Arbeit in Deutschland als Einwanderungsland (ebd. S. 19).

C. Interkulturelle soziale Arbeit

Während die Ausländerarbeit bzw. Ausländerpädagogik in der vierten Phase der Arbeitsmigration in den 80er Jahren den Weg in die beruflich-akademische Ausbildung von Sozialarbeitern, Sozialpädagogen und Erziehern fand, konnte sich eine bewusste interkulturelle Soziale Arbeit schrittweise etablieren. Dabei entstand ein fließender Übergang von der Ausländersozialarbeit zu einer interkulturellen Sozialen Arbeit (Vgl. Yildiz 2011, S. 37).

Die interkulturelle Soziale Arbeit definiert sich als „ problem- und ressourcenorientiert, fördert den Austausch zwischen Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft, hilft dabei die Tendenzen zur gegenseitigen Abschottung von Mehrheit und Minderheiten abzubauen, wechselseitige Akzeptanz gegenüber kulturellen Besonderheiten weiter zu entwickeln und Probleme, die sich aus der Zuwanderung für die Migrantinnen und Migranten und für die Aufnahmegesellschaft ergeben, auf der Grundlage humanitärer Grundsätze zu bearbeiten“ (Vgl. Freise 2007, S.19. Zit. nach FH Düsseldorf 2004).

Wie schon erwähnt, hat sich aufgrund der dauerhaften Anwesenheit der Einwanderer aller Arten die Struktur der Bevölkerung von einer einheimischen-deutschen Gesellschaft zu einer Einwanderungsgesellschaft verändert, welche als multikulturelle und vielfältige Gesellschaft gekennzeichnet ist.

Mit diesem neuen Zustand der Gesellschaft musste die Soziale Arbeit auch erst lernen, umzugehen und sich entwickeln. Ihre allgemeine zentrale Aufgabe war und ist es, die Handlungsfähigkeit von Menschen und ihre Kompetenzen zu fördern, zu erweitern und zu unterstützen. Das heißt, die Soziale Arbeit muss passende Hilfs- und Unterstützungsangebote finden und für jedes Individuum, unabhängig von seiner Herkunft, Glauben, Aussehen oder anderen Merkmalen bereitstellen. Die Soziale Arbeit muss deswegen interkulturell arbeiten und neue Konzepte erfinden und aufbauen, welche an den persönlichen Stärke und Ressourcen der Einwanderer ansetzen. Sie muss dazu Handlungsstrategien entwickeln und mit den Migranten an ihren persönlichen Kompetenzen arbeiten und diese verbessern und ihnen dadurch eine leichtere Integration in der Gesellschaft ermöglichen. Sie braucht dafür ethische Grundhaltungen, die auf Grundsätzen der sozialen Gerechtigkeit und auf den Menschenrechten basieren, ein modernes Professionsverständnis, welches die Grundlage interkulturelle Arbeit darstellt sowie entwickelte spezifische Kompetenzen (Vgl. FH Esslingen 2005, S.6f).

1. Zum Begriff Interkulturalität

In unserer Zeit ist Interkulturalität ein alltägliches Thema geworden. Das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Kultur auf engem Raum ist heute ein Merkmal der modernen Gesellschaft. Die Konflikte und Probleme, die daraus entstehen, sind mit der nationalen und internationalen Politik verbunden. Doch wie lässt sich die Interkulturalität definieren?

Interkulturalität (lateinisch: inter = zwischen) bezeichnet die Beziehungen zwischen verschiedenen Individuen und Gruppen, thematisiert Mehrheit und Minderheit, Einheimische und Migranten und damit auch Machtstrukturen, Dominanzkulturen und Diskriminierung. Außerdem beinhaltet sie eine Vorstellung von Begegnungen, Austausch und Verständigung in einer Gesellschaft. Das Paradigma der Interkulturalität basiert auf einem dynamischen Kulturverständnis und geht von Transformationsprozessen in der Kultur aus. Sie beschreibt das Zusammenstoßen verschiedener und manchmal widersprüchlicher Regeln, Handlungsweisen und Orientierungsmustern (Vgl. Schröer 2011, S. 46ff).

Um den Begriff „Interkulturalität“ gut zu verstehen, ist es sinnvoll, auf die Begriffe „Multikulturalität“ und „Transkulturalität“ einzugehen und den Unterschied zwischen ihnen klar machen.

Die Multikulturalität beschreibt das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen, die unabhängig voneinander existieren. Kultur wird als ein in sich abgeschlossenes festes System verstanden. Es gibt keine Kommunikation oder Austausch zwischen den Kulturen, so dass sie voneinander profitieren und sich einander annähern. Die Kulturen in der Gesellschaft bleiben unabhängig und different (Vgl. Aschenbrenner-Wellmann 2003, S. 68).

Die Transkulturalität betont die Grenzüberschreitung von Mitgliedern einer Kultur zu einer anderen und stellt diese in den Vordergrund. Sie bedeutet die Aufhebung der Grenzen und bestehenden Differenzen zwischen Kulturen und das Bemühen, nach Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten zu suchen und davon zu profitieren (Vgl. Schröer 2011, S. 48).

An diesen kurzen Definitionen der beiden Begriffe sieht man, dass die Interkulturalität als ein Denken und Handeln zwischen der Differenz als Merkmal der Multikulturalität und der Gemeinsamkeit als Merkmal der Transkulturalität zu verstehen ist. Ihre Priorität setzt auf Überlagerung, gegenseitige Abhängigkeiten und die Penetration von Grenzen und Kontakten (ebd. S. 47).

2. Interkulturelles Lernen

Auernheimer definiert den Begriff „Interkulturelles Lernen“ folgendermaßen:

„Interkulturelles Lernen findet statt, wenn eine Person bestrebt ist, im Umgang mit Menschen einer anderen Kultur deren spezifisches Orientierungssystem der Wahrnehmung, des Denkens, Wertens und Handels zu verstehen, in das eigenkulturelle Orientierungssystem zu integrieren und auf ihr Denken und Handeln im fremdkulturellen Handlungsfeld anzuwenden. Interkulturelles Lernen bedingt neben dem Verstehen fremdkultureller Orientierungssysteme eine Reflexion des eigenkulturellen Orientierungssystems“ (Vgl. Auernheimer 2007, Zit. nach Thomas, A. S. 82).

Durch interkulturelles Lernen kann man interkulturelle Handlungskompetenz erwerben und weiterentwickeln. Der Prozess des interkulturellen Lernens basiert auf Erfahrungen von Verschiedenheit und Differenz zwischen Eigenem und Fremdem. Aus dieser Differenzierung fasst Interkulturelles Lernen Austauschprozesse, die die Assimilation der fremden Kultur sowie die Neudefinition des Verhältnisses zur eignen Kultur bestimmen. In dem Prozess lernt man den eigenen Ethnozentrismus zu überwinden und von der eigenen Kultur unabhängig zu sein. Durch den Vergleich eigenen Kultur mit anderen, die Selbstreflexion und die Auseinandersetzung mit dem Unbekannten, kann man sein Wissen und seine Fähigkeit weiterbilden und wachsen lassen. Man kann dann sein erworbenes Wissen nutzen um den Konflikt mit Menschen anderer Kulturen zu lösen und das Zusammenleben aufbauen und fördern. Dabei sind der Kontakt und die Kommunikation mit dem Fremden der entscheidende Punkt. Die Kommunikation bedingt gegenseitige Akzeptanz und Toleranz, Respekt und Verständnis. Darüber hinaus zielt man darauf ab, beim Interkulturellen Lernen die Vorurteile und die Stereotypen abzubauen, die Kulturunterschiede zu akzeptieren, ein Bewusstsein für andere Kulturen zu entwickeln und die kulturelle Vielfalt zu schätzen und zu fördern (Vgl. IKUD Seminare).

Innerhalb des sozialen Umfelds und innerhalb interkultureller Gesellschaften ist der Prozess des interkulturellen Lernens möglich, indem sich Deutsche und Ausländer bzw. Migranten über ihr Wissen, ihre Erfahrungen und Ansichten austauschen. So können beide Seiten viel über die andere Kultur erfahren und über die Wertvorstellungen und Glaubenssysteme der Fremden lernen.

3. Interkulturelle Kompetenz

Es existieren mehrere Definitionen für „Interkultureller Kompetenz“, so dass fast jeder Autor einen eigenen Erklärungsversuch hat. Eine einheitliche Definition für den Begriff gibt es aber nicht.

Viele Forscher und Fachleute, die sich mit der Entwicklung und Verbesserung der interkulturellen Handlungskompetenz beschäftigen, sind für folgende Definition: „Interkulturelle Kompetenz zeigt sich in der Fähigkeit, kulturelle Bedingungen und Einflussfaktoren im Wahrnehmen, Urteilen, Empfinden und Handeln, einmal bei sich selbst und zum anderen bei kulturell fremden Personen, zu erfassen, zu würdigen, zu respektieren und produktiv zu nutzen. Diese produktive Nutzung zeigt sich in einem wechselseitigen interkulturellen Verstehen und einer daran anschließenden Anpassung an die jeweiligen kulturellen Gewohnheiten und Selbstverständlichkeit des Partners, und zwar so, dass die Zusammenarbeit für beide Seiten erträglich wird und dass die Produkte dieser Zusammenarbeit für beide Seiten nützlich und produktiv sind “ (Vgl. Giesche 2010, S. 53. Zit. nach Thomas, A. 2006).

Für Freise umfasst interkulturelle Kompetenz im Rahmen Sozialer Arbeit vier Hauptpunkte: spezifisches Fachwissen und Fachkompetenz, die mit der Beherrschung von Fremdsprachenkenntnissen beginnen, die Selbstkompetenz, indem man eine eigene kulturelle Identität erwirbt, die Sozialkompetenz, die die Fähigkeit zur kultursensiblen Kommunikation mit Menschen anderskultureller Herkunft bedeutet, und die Methodenkompetenz, die die Beherrschung der Managementtechniken, Methoden und Instrumente, die zur Problemlösung notwendig sind, bedeutet (Vgl. Freise 2007, S. 158).

In der Arbeit in der Einwanderungsgesellschaft ist die Interkulturelle Kompetenz eine soziale Kompetenz oder Beziehungskompetenz, die sich in der Interaktion und Kontakt zwischen dem Sozialarbeiter in einer Einrichtung und Klienten mit Migrationshintergrund erfüllt. Sie ist auch eine Kommunikationskompetenz, die sich im multikulturellen Team und in der Zusammenarbeit mit Freiwilligen findet (Vgl. Fischer 2006, S.35).

Für einen Sozialarbeiter bzw. Sozialpädagogen sind interkulturelle Kompetenzen vonnöten. Sie brauchen sie als Schlüsselqualifikation für ihre Arbeit, damit sie ihre verschiedenen Klienten verstehen können und dann helfen können. Diese Schlüsselqualifikation umfasst „ Kenntnisse, Fähigkeiten, Fertigkeiten und Haltungen, die auf kognitiver, emotionaler und psychomotorischer Ebene dem Umgang mit kultureller Vielfalt ermöglichen“ (ebd. S. 36).

Die Sozialarbeiter sollen fähig sein, effektiv mit Menschen aus anderen Kulturen umzugehen und zusammenarbeiten. Sie sollen auch über emotionale Kompetenz und die interkulturelle Sensibilität verfügen, denn dadurch werden die Konzepte der Wahrnehmung, des Denkens, Fühlens und Handelns der unbekannten Kultur bei der Reaktion und Handeln berücksichtigt. Hier werden die Erfahrungen der interkulturell kompetenten Sozialarbeiter beiseitegelegt. Stattdessen wird die Bereitschaft, Stereotype und Vorurteile aufzuheben und etwas Neues von den Fremden zu erlernen, gezeigt (Vgl. Interkulturelle Kompetenz).

Zunächst geht es darum, durch professionelle Soziale Arbeit mit interkulturellen Kompetenzen zu helfen und beizutragen, dass Menschen, besonders Migranten, zu einer selbstständigen und gleichberichtigen Teilnahme am gesellschaftlichen Leben befähigt werden.

Nachdem die Hauptpunkte der Sozialen Arbeit in der Einwanderungsgesellschaft untersucht und geklärt wurden, will ich in dem zweiten Teil dieser Arbeit auf der Grundlage aktueller wissenschaftlicher Forschungsergebnisse auf die Thematik der Sozialen Arbeit und binationalen Familien eingehen.

II. Soziale Arbeit und binationale Familien

In diesem Kapitel geht es darum, einen Blick auf den Zustand von binationalen Familien und ihren Kindern in Deutschland zu werfen. Worunter leiden sie? Welche Vorteile und Chancen haben sie? Und welche Rolle spielt die Soziale Arbeit bei diesen Familien? Doch vorher ist eine inhaltliche Klärung des Begriffs „binational“ und ein Überblick bezüglich der Situation dieser Familien in Deutschland erforderlich.

A. Zum Begriff „Binational“

Die Begriffe „binational“ und „bikulturell“umfassen verschiedene inhaltliche Bedeutungen und werden sehr häufig als Synonyme verwendet, müssen aber voneinander getrennt werden. Bei beiden Begriffen handelt es sich zwar um eineunterschiedliche Herkunft von Familienmitgliedern, jedoch ist die Bedeutung von Herkunft mit verschiedenen zentralen Punkten gedeckt. Redet man von „binational“, werden damit die Nation und dann die Nationalität (Staatsangehörigkeit) verbunden. Es handelt sich also um Familienmitglieder, die zwei verschiedenen Nationenangehören bzw. aus unterschiedlichen Ländern kommen (Vgl. Pandey 1990, S.15).

Bikulturell heißt hingegen, dass eine Person in zwei Kulturen aufgewachsen ist. Das kann eine Person sein mit Elternteilen gleicher Staatsangehörigkeit, die in einem anderen Land aufgewachsen, dorthin eingewandert oder dort geboren ist, oder mit Elternteilen, die zwei unterschiedliche Staatsangehörigkeiten besitzen bzw. aus zwei verschiedenen Kulturen kommen (Vgl. Wießmeier 1999, S. 5).

Mit folgendem Beispiel wird der Begriff deutlicher gemacht:

Binational ist ein Junge, der einen türkischen Vater und eine deutsche Mutter hat. Er hat also zwei Staatsangehörigkeiten, die türkische und die deutsche. Oder ein Mädchen, das eine philippinische Mutter und einen deutschen Vater hat. Sie hat auch zwei Nationalitäten. Die beiden wachsen mit zwei Kulturen auf, deswegen sind sie auch bikulturell.Ein Junge, dessen Eltern beide aus Italien kommen. aber in Deutschland leben, ist nicht binational, weil er nur eine Staatsangehörigkeit hat, nämlich die italienische. Er ist aber bikulturell, weil er in zwei verschiedenen Kulturen aufgewachsen ist, nämlich in der italienischen Kultur bei seiner Familie und in der deutschen Kultur draußen in der Gesellschaft und in der Schule (Vgl. Pandey 1990, S.15).

B. Überblick über binationale Familien in Deutschland

Begegnungen zwischen Menschen verschiedener Kulturen, Ethnien und Religionen gab es schon immer in der Geschichte der Menschheit. Diese Begegnungen entwickelten sich mit der Zeit zu Beziehungen und Verbindungen zwischen Menschen, die total verschieden waren. Die Gründe dafür haben sich im Laufe der Geschichte nicht stark verändert, immer noch wandern Menschen, um nach besseren Überlebensmöglichkeiten zu suchen, fliehen vor Naturkatastrophen, Kriegen, politischen und sozialen Krisen usw. In Deutschland begann die Begegnung zwischen den Deutschen und den Fremden mit der Einwanderung der sogenannten Gastarbeiter seit den 50er Jahren bis zu den 80er Jahren. Heute in der Zeit der Globalisierung, von offenen Grenzen und mehr Freiheit, finden wir mehr Fremde und Ausländer in Deutschland, die die Anzahl der binationalen Partnerschaften und Eheschließungen weiter steigen lassen. Eine binationale Partnerschaft bezeichnet hier eine Partnerschaft bzw. Ehe zwischen zwei Angehörigen unterschiedlicher Nationalitäten. Diese Familien sind keine Seltenheit mehr (Vgl. Kriechhammer-Yagmur 1995, S. 92). Die Statistiken zeigen, dass im Jahr 2010 7% aller Eheschließungen in Deutschland binational waren. Betrachtet man die Geschlechterunterschiede, sieht man, dass es mehr deutsche Männer gibt, die mit einer Ausländerin verheiratet sind. 59% aller binationalen Ehen werden zwischen deutschen Männer und nichtdeutschen Frauen geschlossen und nur 41% zwischen deutschen Frauen und ausländischen Männern. Zum anderen ist zu beobachten, dass deutsche Frauen türkische Männer als Ehepartner (17%) bevorzugen, in 12% der Fälle sind sie mit einem Italiener und zu 6% mit einem Österreicher verheiratet. Deutsche Männer sind am häufigsten mit einer türkischen Frau (11%), polnischen Frau (10%) oder russischen Frau (8%) verheiratet (Vgl. Statistisches Bundesamt 2). Aufgrund der steigenden Anzahl der binationalen Paare steigt auch die Anzahl der binationalen Kinder. Im Jahr 2010 entstammten 12,3% dieser Kinder binationalen Ehen mit einem deutschen Elternteil. Das ist jedes achte geborene Kind. (Vgl. Verband binationaler Familien und Partnerschaften 2). Heutzutage ist die binationale Ehe bzw. binationale Familie eine Normalität in der Gesellschaft geworden.

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Details

Seiten
63
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656378860
ISBN (Buch)
9783656379218
Dateigröße
771 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v209717
Institution / Hochschule
Hochschule Darmstadt
Note
1,7
Schlagworte
binationale familien zielgruppe sozialer arbeit

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Titel: Binationale Familien als Zielgruppe Sozialer Arbeit