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Sozialpädagogische Diagnostik am Beispiel des Films "Die letzten Jahre der Kindheit"

Sozialpädagogische Diagnose

Seminararbeit 2011 19 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A Inhaltsangabe des Films

B Sozialpädagogische Diagnostik (nach Schrapper 2005:30)
1. Systematische Sammlung von Daten und Fakten sowie Einschätzungen und Bewertungen anderer
1.1. Erleben und Handeln des jungen Menschen, Einschätzungen und Bewertungen
1.2. Erziehungs- und Entwicklungsbedingungen des jungen Menschen
2. „Zur Sprache bringen“ der Erfahrungen und Deutungen der Kinder und Familien, Perspektivwechsel
3. Selbstreflexion des Helfersystems
4. „Auf den Punkt bringen“ der Einsichten und Deutungen sowie gewinnen von Handlungsorientierung (erste Schritte)
5. Rückgabe der sozialpädagogischen Einsichten und Handlungsoptionen an Kinder und Eltern
6. Auswertung und Überprüfung der Auswirkungen und Ergebnisse zur Kontrolle und Weiterentwicklung der Diagnoseinstrumente und -Kompetenzen

C Literaturangaben

A Inhaltsangabe des Films

Der Film "Die letzten Jahre der Kindheit" ist ein sozialkritischer Film aus dem Jahr 1979; er erzählt die Geschichte des 13- jährigen Martin aus „sozialschwachem Milieu“, welcher mit mehreren Geschwistern und seiner Mutter einem sozialen Brennpunkt Münchens wohnt. Der Vater sitzt eine Gefängnisstrafe ab. Martin treibt sich herum und hat sich in einem alten ausgedienten Wohnwagen hat er sich heimlich eingerichtet.

Nach einem Einbruch, den Martin gemeinsam mit anderen Kindern und seinem älteren, fünfzehnjährigen Bruder Hans begeht, wird er erwischt und bei der Polizei angezeigt. Hans wird in eine Jugendstrafanstalt eingewiesen und Martin, der noch nicht strafmündig ist, wird in einem Fürsorgeheim untergebracht.

Nun beginnt ein viele Male sich wiederholender Zyklus von Heimeinweisungen - Flucht - Aufgreifen des streunenden Jungen - Heimeinweisung. Martin gilt amtlich als ein äußerst schwieriger, sogar hoffnungsloser Fall.

Eines Tages erfährt Martin, dass sein Bruder nach einem Ausbruch aus dem Jugendgefängnis ums Leben gekommen ist. Er flieht aus dem Heim; am Grab seines Bruders fasst ihn die Polizei und bringt ihn zurück. Nach einem gemeinsamen Fluchtversuch mit Django, einem älteren „Fürsorgezögling“, mit dem Martin Freundschaft geschlossen hat, wird Martin wieder aufgegriffen.

Er wird nun in eine therapeutische Einrichtung eingewiesen. Hier trifft er zum ersten Mal auf einen Erzieher, der wirklich intensiv auf Martin und seine Probleme eingeht. Martin fasst zum ersten Mal Vertrauen und Zuneigung zu einem Erwachsenen. Die beginnende positive Entwicklung Martins wird jäh abgebrochen, nachdem der Erzieher wegen pädagogischer Differenzen mit dem Leiter das Heim verlassen muss. Martin reißt wieder aus und streunt.

Nach einem Ladendiebstahl wird er festgenommen und in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Das Ergebnis der Untersuchung ergibt, dass er eine überdurchschnittliche Intelligenz , gekoppelt mit einem hohen Maß an emotionaler Bindungslosigkeit, hat.

Martin flieht aus der Anstalt und lernt Susanne, ein fünfzehnjähriges Mädchen, kennen, welche in einem verlassenen Abbruchhaus lebt. Sie nimmt Martin bei sich auf, gemeinsam fühlen sie sich glücklich. Nachdem sie von der Polizei aufgespürt werden, wird Martin, mittlerweile 14 Jahre alt und somit strafmündig, wird ins Gefängnis gebracht. In der Zelle erhängt er sich.

B Sozialpädagogische Diagnostik (nach Schrapper 2005:30)

Hinweis: auf Hypothesen basierende Aussagen sind kursiv markiert.

1. Systematische Sammlung von Daten und Fakten sowie Einschätzungen und Bewertungen anderer

1.1. Erleben und Handeln des jungen Menschen, Einschätzungen und Bewertungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.2. Erziehungs- und Entwicklungsbedingungen des jungen Menschen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Gliederungspunkte der Tabelle entnommen aus:

cms.ikj-webportal.de/cms/…/SozialpadagogischeDiagnoseEREV.doc, Bayerisches Landesjugendamt)

2. „Zur Sprache bringen“ der Erfahrungen und Deutungen der Kinder und Familien, Perspektivwechsel

Martin:

Ich war schon immer ein Einzelgänger. Eigentlich brauche ich auch niemanden. Meistens bin ich draußen unterwegs und mache, wozu ich Lust habe. Manchmal streune ich mit anderen auf dem Schrottplatz herum und ich finde auch mal Sachen, die ich gebrauchen kann. Zuhause ist es eher blöd, so eng und meine Geschwister nerven oft. In meinem Zimmer habe ich auch keine Ruhe, weil ich es mit meiner jüngeren Schwester teilen muss. Im Bauwagen, da ist es cool, da gibt es niemanden außer mir. Da kann ich auch gut nachdenken. Ich frage mich oft, warum gerade ich der bin, der ich bin und warum ich so bin, wie ich bin. Eigentlich finde mich ganz in Ordnung, weiß gar nicht was meine Mutter immer hat, wenn sie meint „du bist wie der Papa“. Meine Mutter schimpft oft, glaube, wir vier Kinder sind ihr zu viel. Die will immer, dass wir zuhause mehr machen und dass ich auf die Geschwister aufpasse, wenn sie arbeitet. Die schreit auch so oft. Hans haut dann einfach ab und macht sein Ding, der ist ja auch schon älter. Er ist cool, den mag ich richtig, würde gerne so werden wie er, so stark und unabhängig. Dem ist es auch egal was andere sagen.

Mein Vater hats gut, der ist im Knast und hat seine Ruhe, aber vermissen tu ich ihn schon. Ich weiß gar nicht, wann der wieder raus kommt und ob er dann zu uns zurück kommt, glaube der hat ne Freundin.

Mutter:

Die Plagen gehen mir schon manchmal ganz schön auf die Nerven. Hören noch nicht mal, wenn man schreit. Freue mich richtig, wenn ich in der Wäscherei arbeiten kann, dann hab ich mal die Gören nicht um mich. Aber wenn ich dann nachhause komme, wartet noch mehr Arbeit auf mich. Muss mich um alles alleine kümmern, der Mann sitzt ja im Knast. Aber der braucht sich auch gar nicht wieder blicken lassen, hat sich einfach aus dem Staub gemacht und sich ne Jüngere gesucht. Geschieht ihm recht, dass er im Knast sitzt. Erkläre ich den Gören immer wieder, dass er’s nicht anders verdient hat, wenn sie heulen weil sie ihn vermissen. Ich schaff das auch alleine, aber manchmal denke ich, dass ich nicht mehr kann. Oft wäre ich am liebsten weg, irgendwo, ganz allein, und niemand da, der was von mir will. Aber sind ja meine Kinder und ich muss mich um sie kümmern. Der Hans und der Martin, die kommen nach ihrem Papa, das sag ich ihnen auch immer. Sind immer unterwegs, wollen frei sein, sagen sie. Frei sein, so eine Spinnerei. Zur Schule gehen, arbeiten und anpassen muss man sich. Die sollen es doch auch mal besser haben. Wer weiß was die machen wenn sie unterwegs sind, erzählen ja nichts.

Bei der Betrachtung von Martins Lebenslauf fällt auf, dass im komplexen Helfersystem kaum Bemühungen stattgefunden haben, die Familie in ihrem System, mit ihren Erfahrungen und Deutungen, zu sehen. Stattdessen fanden negative Zuschreibungen statt, welche Martin als „hoffnungslosen Fall“ zunehmend in die Perspektivlosigkeit getrieben haben. Der Film verdeutlicht, dass Etikettierungsprozesse auch in sozialen und institutionellen Alltagsprozessen stattfinden (vgl. Böhnisch 2004:19).

Lediglich der junge Jugendamtsmitarbeiter und der Erzieher in der therapeutischen Einrichtung, Herr Römer, haben versucht, die Lebenslage und Lebenswirklichkeit von Martin und seiner Familie zu sehen und sie als Basis für ihre Handlungsschritte zu betrachten. In der Betreuungssituation mit Hrn. Römer zeigt sich, dass Martin durchaus beziehungsfähig ist. Martin war überwiegend auf sich allein gestellt; verlässliche Liebe, Anerkennung, Halt und Orientierung durch die Familie gab es nicht. Somit konnte er sich nur an eigenen Ideen und Prinzipien orientieren; da er einer auffallend schwierigen Lebenslage und Lebenswelt ohnmächtig ausgeliefert war, erscheint sein Autonomie- und Freiheitsbestreben als äußerst nachvollziehbar. Martins mehrfach wiederholte Aussage „abhauen kann man immer“ weist darauf hin, dass er sich in seiner Verzweiflung und Angst die Flucht als Weg der Autonomie, Unabhängigkeit und Selbstwirksamkeit gewählt hat. Es wurde nicht wahrgenommen, welchen Ängsten und Anstrengungen Martin ausgesetzt war. „Problembelastete Kinder, Jugendliche, aber auch Erwachsene sind in der Regel auch gestresste Menschen“ (Böhnisch 2004: 13).

Martin, welcher schon sehr früh als „Kind mit schädlicher Neigung“, als „Krimineller“ stigmatisiert und diskriminiert wurde, hat unter seinesgleichen (Bruder Hans, Django, Susanne) die Benachteiligung als Basis seiner Lebensorganisation benutzt (vgl. Goffman 1999:31). Eine häufige Folge von Typisierungen und daraus resultierenden Benachteiligungen ist, dass die Erwartungen, die an Stigmatisierte herangetragen werden, schließlich von diesen selbst übernommen werden; sie wachsen in Erwartungskontexte hinein (vgl. Böhnisch 2004: 20). Konsequenzen sind i. a. eine entsprechende Identitätsveränderung mit parallel abweichendem Verhalten. Die veränderte Selbstdefinition als Ergebnis der Fremddefinition erzeugte und stabilisierte ihrerseits bei Martin Verhaltensweisen, die die vorweg gefällten Erwartungen zu bestätigen schienen (vgl. Sorger 2004:1). „Er wird immer so behandelt werden, wie es in den Akten steht, er hat doch überhaupt keine Chance, sich zu ändern, solange die Situation, aus der er weg läuft, nicht geändert wird, man muss persönlicher mehr auf ihn eingehen wahrscheinlich“, sagte der junge Jugendamtsmitarbeiter im Film.

Martin hat sein Verhalten angepasst, um handlungsfähig zu bleiben und seinen Selbstwert zu sichern (vgl. Böhnisch L. 2004:11). Dass Martins Verhalten ein „normales“ Verhalten auf anormale Lebensbedingungen war, wurde nicht gesehen. Seine Lebenswelt wurde gedanklich reduziert (vgl. Goffman 1999: 13,14).

Es sind Zuschreibungen erfolgt, denn es handelte sich hier nicht um die Nennung von reellen und objektiven Eigenschaften („Gefühlslose Psychopathen, aus denen meist spätere Verwahrfälle wachsen“). Die Problemsicht der „Helfer“ basierte i. a. nicht auf Tatsachen, sondern auf Deutungen (Klatetzki zit. n. Hinz o. J. S. 34).

Martin wurde eine virtuelle soziale Identität zugeordnet (vgl. Goffman 1999:10). „Soziale und persönliche Identität sind zuallererst Teil der Interessen und Definitionen anderer Personen hinsichtlich des Individuums, dessen Identität in Frage steht“ (Goffman 1999:132) Sehr deutlich wurde im Film die zunehmende offene und öffentliche Respektverweigerung. Er wurde als „feindselig, keinerlei Zuspruch, abnormer Wandertrieb, finster und unzugänglich, bringt Gruppenstruktur durcheinander, ist eine Gefahr für die anderen, mangelnder Leistungswille, aber intelligent, trotzig und starrköpfig, weiß nichts mit sich anzufangen, nervöses Bübchen, Gernegroß“ beschrieben. Martin fand diese Beschreibung „übertrieben“ und wehrte sich gegen derartige Zuschreibungen: „Gefährdung, dass ich gefährlich bin, ich glaube es nicht, ….sie glauben, dass ich gemeingefährlich bin“. Zu Susanne sagt er später: „Ich weiß halt jetzt nur, dass ich im Moment nicht so bin, wie die mich haben wollen“, „die sagen immer, ich soll ehrlich sein, doch bin ich doch immer ehrlich, was das bei mir heißt. Aber ob die drüber nachdenken?“ Hier zeigt sich, dass Martin gar nicht weiß, „wie sie ihn haben wollen“ und er lediglich feststellen kann, dass sein Verhalten nicht den Erwartungen der Erwachsenen entspricht. Alle ihn betreffenden Entscheidungen empfand er als willkürlich und autoritär, da er nicht in Entscheidungsprozesse einbezogen wurde: „es ist immer so, als ob da einer mit dem Hammer steht, ich hau immer wieder ab, immer wieder“. Martin hatte keine reelle Chance zur gesellschaftlichen Integration, wenn man bedenkt, dass Integration mit den Aspekten „Autonomie“, „Befähigung“ und „Anerkennung“ verbunden ist (vgl. Spiess 2011:11).

[...]

Details

Seiten
19
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656374718
ISBN (Buch)
9783656375708
Dateigröße
572 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v209504
Institution / Hochschule
Fachhochschule Potsdam
Note
1,0
Schlagworte
sozialpädagogische diagnostik beispiel films jahre kindheit diagnose

Autor

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Titel: Sozialpädagogische Diagnostik am Beispiel des Films "Die letzten Jahre der Kindheit"