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Integrative Traumatherapie IBP

Ressourcenaufbau und Konfrontation im Vergleich mit anderen traumatherapeutischen Konzepten

Masterarbeit 2011 161 Seiten

Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Fragestellungen und Überblick über das Thema

3. Zum historischen Hintergrund der Traumaforschung

4. Diagnostik der traumareaktiven Störungsbilder in DSM IV und ICD

5. Einige neurobiologische Aspekte zum Verständnis des Verhaltens in überfordernden Situationen
5.1 Grundlegende Prinzipien der Stressbewältigung: Dissoziation, Mobilisation und soziale Kommunikation
5.2 Die polyvagale Theorie von Stephen W. Porges
5.2.1 Das Modell des dreistufigen autonomen Nervensystems nach Stephen W. Porges
5.2.1.1 Dissoziations-Immobilisations-Reaktion
5.2.1.2 Mobilisation (Kampf- oder Fluchtreaktion)
5.2.1.3 Soziale Kommunikation oder soziales Engagement
5.2.1.4 Hierarchie der verschiedenen Modi der Reizregulation
5.3 Reiz-Regulations-Zyklus
5.4 Neuroplastizität

6. Integrative Traumatherapie IBP
6.1 Bausteine der Integrativen Traumatherapie IBP
6.1.1 Metatheorie von IBP: Wissenschaftsverständnis und Erkenntnistheorie
6.1.1.1 Menschenbild und Therapieverständnis
6.1.2 Therapietheorie von IBP
6.1.2.1 Ursprünge der Therapietheorie
6.1.2.2 Persönlichkeitsmodell, Therapieverständnis und Praxistheorie von IBP
6.1.2.3 Entwicklungstheorie
6.1.2.4 Weiterentwicklungen der Therapietheorie: Das Modell der unvollständigen Stressreaktion, des Pendelns und des Titrierens
6.2 Diagnostik und Symptomatik von Traumata
6.3 Therapieziele und allgemeine Vorgehensweisen in der ITT IBP. Die fünf Phasen der Integrativen Traumatherapie IBP
6.3.1 Orientierung und Stabilisierung
6.3.2 Ressourcenaufbau
6.3.3 Traumaintegration, Teil 1: Traumaüberbrückung: Korrigierende Varianten
6.3.3.1 Traumaüberbrückung mit der Fluchtvariante
6.3.3.2 Traumaüberbrückung mit der Kampfvariante
6.3.4 Traumaintegration, Teil 2: Traumakonfrontation: Komplettierende Variante:
6.3.5 Traumatransformation und Neuorientierung
6.3.6 Anwenden der ITT IBP am Beispiel des Aufarbeiten von inkompletten Abschieden und Verlusten

7. Weitere traumatherapeutische Verfahren im Überblick
7.1 Weitere ausgewählte traumatherapeutische Verfahren im Detail
7.2 Körperbezogene ganzheitliche therapeutische Verfahren
7.2.1 „Somatic Experiencing“ nach Peter A. Levine
7.2.2 Imaginatives Verfahren von Luise Reddemann: Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie (PITT)
7.3 Traumafokussierte Verfahren
7.3.1 Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) bei PTBS
7.3.2 Expositionsfokussierte Therapien
7.3.2.1 „Prolonged Exposure“
7.3.2.2 Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) von Francine Shapiro

8. Diskussion
8.1 Forschungsergebnisse
8.2 Gewichtung von Ressourcenaufbau und Traumakonfrontation

9. Fazit und Ausblick

10. Literaturverzeichnis

11. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Das Thema der psychischen und körperlichen Traumatisierung hat mich seit den letzten 20 Jahren nicht mehr losgelassen, seitdem in der Schweiz die ersten beiden internationalen Inzestkongresse abgehalten wurden. Seitdem Iris Galey[1] und andere Betroffene von sexueller Traumatisierung berichtet haben und seitdem Alice Miller[2] in ihren Büchern schonungslos über körperliche und sexuelle Misshandlungen und Traumatisierungen geschrieben hat, habe ich zum ersten Mal begonnen zu ahnen, dass ich und einige der Menschen, mit denen ich damals Kontakt hatte, persönlich betroffen waren.

Das Thema Traumatisierung und der Möglichkeiten therapeutischer Interventionen hat sich in den letzten 10 Jahren zum Mainstream – Thema entwickelt. Und dies zu Recht, da sehr viele Menschen von traumatisierenden Ereignissen betroffen sind, die ihre persönlichen Fähigkeiten, diese zu bewältigen übersteigen. Wenn von Trauma gesprochen wird, wird nicht vom Ereignis (einzelne traumatische Reaktionen auslösende Ereignisse, wie beispielsweise Verkehrsunfälle oder sukzessive Traumata (Polytraumatisierungen) zum Beispiel durch vernachlässigende oder gewalttätige Eltern)[3] an sich gesprochen, sondern von der Möglichkeit oder Unmöglichkeit der Betroffenen, beispielsweise einen Verkehrsunfall oder eine Vergewaltigung, eine lebensbedrohliche oder lebensbedrohlich erscheinende Situation psychisch zu verarbeiten und gefühlsmässig zu integrieren, ohne mit Dissoziation oder dem Gesamtbild der PTBS (vgl. Kap. 4) zu reagieren.[4]

Eine traumatisierende Situation ist dadurch gekennzeichnet, dass sich der betroffene Mensch in Lebensgefahr befindet oder wähnt und sich komplett hilflos fühlt, seine Coping-Strategien, Kampf- und Fluchtmöglichkeiten nicht ausreichend sind, um sich aus der Gefahr zu befreien; dass die betroffene Person in eine andauernde Stressbelastung gelangt und keinen Ausweg mehr sieht.[5]

Die Fähigkeit eines Menschen, mit traumatisierenden einmaligen oder auch sukzessiven Erlebnissen umzugehen und sich nicht in seinem Leben und seiner Entwicklung einschränken zu lassen, also die Resilienz eines Menschen einerseits oder eben die Vulnerabilität[6] andererseits wird mit der Sicherheit von emotionalen Bindungen, die der Mensch – vor allem in frühester Kindheit – aufbauen konnte, in Verbindung gebracht. Die Wichtigkeit früher und sicherer Bindungen, die im Zusammenhang mit der Gesamtpersönlichkeitsentwicklung, mit der Fähigkeit, Widerstandskraft gegen Stress (Resilienz) zu entwickeln steht, wird von Entwicklungspsychologen und Entwicklungspsychologinnen[7] beschrieben. Auch die Vorbelastung eines Menschen durch vorgängige traumatisierende Erlebnisse[8] sowie die Dauer und Schwere der traumatisierenden Ereignisse spielen eine Rolle. Die Erfahrung von durch Mitmenschen verursachten traumatischen Erlebnissen (Gewalt in der Erziehung, sexuelle Gewalt) zieht meist gravierendere psychische Folgen nach sich als beispielsweise Unfälle oder Naturkatastrophen.[9]

Mit einer psychoanalytisch-individualpsychologischen Ausbildung, einer Ausbildung in Biodynamischer Psychologie (biodynamische Körpertherapie) nach Gerda Boyesen habe ich vor mehreren Jahren begonnen, mit Patientinnen zu arbeiten.

Seit meiner Weiterbildung in Integrativer Traumatherapie IBP bei Dr. Markus Fischer bin ich in der Lage, die vielfältigen Traumatisierungen meiner Patientinnen überhaupt einmal bewusst wahrzunehmen und damit therapeutisch konstruktiv und heilungsfördernd umzugehen und zu arbeiten. Da mich die von Dr. Markus Fischer auf den Grundlagen der Integrativen Körperpsychotherapie IBP, sowie den neurobiologischen Erkenntnissen von Stephen Porges[10] und Peter A. Levine (vgl. Kap. 7.2.1)[11] entwickelte Methode fasziniert (vgl. Kap. 5.3), habe ich mich entschlossen, in meiner Masterthese die Integrative Traumatherapie IBP und ihre Grundlagen darzustellen. Mich begeistert diese Methode insbesondere auch deshalb, weil mit diesem traumatherapeutischen Ansatz auch viele andere nicht traumatische Probleme der Klientinnen bearbeitet werden können.

Anmerkung: Da die ausschliessliche Verwendung der männlichen Form für mich eine Form von struktureller Gewalt und nicht akzeptabel ist, habe ich mich – wie inzwischen im anglo-amerikanischen Sprachraum üblich – und in Anlehnung an Luise Reddemann[12] – entschieden, abwechselnd von Patientinnen und Patienten sowie von Therapeutinnen und Therapeuten zu schreiben.

2. Fragestellungen und Überblick über das Thema

Der Einführung in das Thema, einem historischen Abriss zur Geschichte der Traumafolgen und -störungen folgen die Definition und Klassifikation des Begriffs PTBS nach diagnostischen Kriterien von ICD 10 und DSM IV.

Im Weiteren werde ich einige Überlegungen aus dem weiten Gebiet der neurobiologischen Grundlagen der Stress- und Traumareaktionen herausgreifen und die wesentlichen Grundzüge der polyvagalen Theorie von S. Porges darlegen (Kap.5).

Dann sollen die theoretischen Grundlagen der Integrativen Traumatherapie IBP, die in der Integrativen Körperpsychotherapie IBP und ihren metatheoretischen, therapie- und praxistheoretischen Grundlagen wurzelt, theoretisch dargestellt werden. Diejenigen Techniken von „Somatic Experiencing“ von Peter Levine, die Eingang in die Integrative Traumatherapie IBP gefunden haben, werden auch dargestellt. Die Integrative Traumatherapie IBP soll unter Einbezug von Fallbeispielen aus der eigenen Praxis dargestellt werden.

Anschliessend werde ich, nach einem Überblick über traumatherapeutische Verfahren, einige weitere ausgewählte traumatherapeutische Verfahren vorstellen, um schlussendlich (Kap. 8 und 9) die Bedeutung und die therapeutische Relevanz von Ressourcenaufbau und Traumakonfrontation sowie von korrigierenden Varianten für die Psychotherapie von Betroffenen schulenübergreifend – auf die vorgestellten Therapieschulen bezogen – diskutieren zu können. Ich werde das körperbezogene integrative therapeutische Verfahren „Somatic Experiencing“ von Peter A. Levine (vgl. Kap. 7.2.1) vorstellen und die Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie (PITT) von Luise Reddemann (vgl. Kap. 7.2.2). Im Weiteren werde ich als kognitionsfokussierte Therapie die Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) bei PTBS skizzieren (Kap. 7.3.1) und als expositionsfokussierte Therapien „Prolonged Exposure“ (Kap. 7.3.2.1) und EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) von Francine Shapiro (Kap. 7.3.2.2).

Ich möchte folgende Hauptfragen in den Mittelpunkt der Diskussion stellen:

- Welche Bedeutung haben Ressourcenaufbau und Traumakonfrontation in der Integrativen Traumatherapie IBP sowie in den weiteren dargestellten Verfahren?

Welche Bedeutung hat die Erfahrung der korrigierenden Varianten der Integrativen Traumatherapie IBP für die Betroffenen?

- Muss Traumakonfrontation in jedem Falle erfolgen? Genügt im Sinne der

ganzheitlichen Integration auch eine Traumaüberbrückung (korrigierende Variante), wie sie Markus Fischer in der Integrativen Traumatherapie IBP vorschlägt (vgl. Kap. 6.3.3.1 und 6.3.3.2, Kap. 8 und 9)?

- Welche Fragestellungen /Hypothesen können sich im Zusammenhang mit den oben aufgeworfenen Fragen für die weitere Therapieforschung und -praxis ergeben?

3. Zum historischen Hintergrund der Traumaforschung

Die Geschichte des Umgangs mit den gesellschaftlichen Folgen von Traumatisierungen ist mit der jeweiligen politischen Situation, dem Zeitgeist, den finanziellen Möglichkeiten bezüglich therapeutischer Hilfeleistung und Forschung verflochten, aber auch schlichtweg mit dem Erkenntnisstand in der Sache an sich.[13]

Eine einigermassen systematische Chronologie der Psychotraumatologie lässt sich bislang bis in die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts zurückverfolgen.

Donovan definiert 1991 die Auseinandersetzung mit den Folgeerscheinungen traumatisierender Ereignisse folgendermassen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Wort Psychotraumatologie wurde 1991 erstmalig von Fischer, Riedesser und deren Kollegen in Deutschland verwendet.[15] In der Diskussion um Traumafolgestörungen ging und geht es je nach Ansicht von verschiedenen Autoren um folgende Fragestellungen:[16]

- Ist eine Traumafolgestörung eine körperliche Erkrankung oder eine psychische?
- Handelt es sich um simulierte oder um echte Krankheiten?
- Ist die Voraussetzung für eine derartige Störung eine gewisse körperliche Konstitution?

Das 19. Jahrhundert mit seiner rasanten Industrialisierung wurde unter anderem begleitet von der Bildung des Begriffs des „railway spine“. (Bezeichnung für die Krankheitssymptomatik von bei Eisenbahnunfällen zu Schaden gekommenen Menschen.)[17]

De la Tourette führt die Hysterie als Ursache an. „…, und die allgemeine Meinung, …, ist die, dass Neurasthenie und Hysterie die Hauptfaktoren des Railwaybrains sind.“[18]

Verfolgt man die Geschichte von Freuds Erkenntnissen zur Hysterie, stellt man fest, dass von Freud selber auch immer wieder indirekt die oben erwähnten kontroversen Standpunkte gestreift wurden; im Wesentlichen ging es aber um die Gewichtung, inwieweit realer Missbrauch oder die ödipale Situation Ursache von hysterischen Symptomen und Traumatisierungen sind oder ob es eine Kombination beider Umstände benötigt. Mit der so genannten Verführungstheorie postulierte Freud, dass realer Missbrauch und traumatisierende sexuelle Übergriffe zu hysterischen Symptomen und Traumatisierungen führen würden.[19] Die Erkenntnis der Tatsache und Häufigkeit sexueller Übergriffe, mit der Freud seiner Zeit voraus war, die er später revidierte[20] und durch die Theorie des Ödipuskomplexes ersetzte, stand im Zusammenhang mit der allgemeinen bis heute andauernden polarisierenden Diskussion über Ursachen und Folgen von Traumatisierungen.

Den unter den traumatischen Ereignissen des 1. Weltkrieges leidenden Soldaten wurde man nicht gerecht; sie wurden als „Kriegszitterer“ oder „Schüttler“, als Simulanten und Schwächlinge abgetan. Man sprach von „Schützengraben-Neurose“ oder „shell shock“[21]. Da mehrheitlich von Drückebergern und Feiglingen ausgegangen wurde, waren die Behandlungsmethoden zumeist dementsprechend unmenschlich.[22]

Es kamen andererseits modern anmutende Therapiemethoden für die traumatisierten Soldaten zum Einsatz, wie die gezielt eingesetzte Kombination von Hypnose, Katharsis und Durcharbeiten von Abram Kardiner und Herbert Spiegel[23] oder John Grinker und John Spiegel[24].

Nach dem zweiten Weltkrieg mit Millionen von traumatisierten Männern, Frauen und Kindern wurde vielen Menschen Leistungen für eine Psychotherapie verwehrt, weil darauf verwiesen wurde, dass an Extrembelastungen nur Menschen mit Vorschädigungen, also erhöhter Vulnerabilität, erkranken würden.[25]

Seit 1967, als in Deutschland die Psychotherapierichtlinien in Kraft gesetzt worden waren, wurden bis heute (bei Überlebenden der Tsunami-Katastrophe 2004) therapeutische Leistungen von den Krankenkassen verwehrt, weil kein unbewusster Konflikt bei ihnen nachweisbar war. Hier geht es wieder um die Auffassung, dass nur diejenige Person im Zusammenhang mit einer äusseren belastenden Situation erkranken würde, die eine Vorbelastung oder Vulnerabilität respektive einen unbewussten neurotischen Konflikt mitbringen würde.

Bis in die 60iger Jahre des vorigen Jahrhunderts hinein wurden in Deutschland verschiedene Standpunkte vertreten. Ein Standpunkt war, dass ein Mensch ohne neurotischen Konflikt trotz verheerender Kriegserlebnisse keine Störung entwickeln würde. Die Belastungsfähigkeit der menschlichen Seele läge nach Schneider, dessen Lehrgebäude Deutschland bis zu Beginn der Antipsychiatrie zu Beginn der 70iger Jahre massgeblich beeinflusste,[26] und auch nach dem Wiener Psychiater Peter Hoff[27] praktisch im Unendlichen.

Es entwickelten sich auch alternative Sichtweisen. Der Schweizer Psychiater Eduard Stierlin erforschte die Folgen zweier Naturkatastrophen und kam zum Schluss, dass eine traumatische Neurose der einzige psychogene Symptomkomplex sei, zu dessen Entstehung keine psychopathologische Konstitution nötig sei.[28] Der Begriff der „chronischen traumatischen Depression“ wurde von Häfner, Baeyer und Kisker 1964[29] eingeführt und aufgezeigt, dass extreme Gewalterfahrungen auch viele Jahre später noch zu schweren Krankheitsbildern führen können.

Seit den 1960iger Jahren (Baden-Badener Psychiatrie-Tagung) setzte sich aber das Konzept vom erlebnisbedingtem Persönlichkeitswandel durch chronische Belastung mit Krankheitswert in Deutschland und den USA allmählich durch.[30]

In der Folge wurden überlebende traumatisierte Soldaten aus Kriegen (Koreakrieg und Vietnamkrieg) und Bombenkatastrophen (Hiroshima) untersucht und festgestellt, dass die psychophysischen Folgen dieser Tragödien denen der Holocaust-Opfer und traumatisierten Menschen der beiden deutschen Weltkriege glich. Es gab relativ einheitliche gleich bleibende Syndrome und Persönlichkeitsveränderungen. Auch vorher gesunde Menschen erkrankten, wenn die Schwere und / oder Dauer des Ereignisses so gravierend war, dass es die Bewältigungsmöglichkeiten eines Individuums überstieg.

Henry Krystal ging noch einen Schritt weiter:

„ Let me reemphazize again that through the cases studied

in this symposium derived from a group that has been subject

to a disaster, the observations are pertinent to any traumatized

individual. Most people are massively traumatized at home and

in their childhood.”

(Krystal u. Niederland 1971, 229) [31]

4. Diagnostik der traumareaktiven Störungsbilder in DSM IV und ICD 10

Die Beschäftigung mit den schweren anhaltenden psychischen Erkrankungen der Vietnamveteranen sowie der erstarkenden Frauenbewegung, die das Thema der sexualisierten Gewalt in Alltag und Familie gesellschaftlich erfolgreich thematisieren konnte, führte dazu, dass in der dritten Fassung des DSM[32] von 1980 die akute Belastungsstörung und die PTBS (PTSD) eingeführt werden konnten.[33]

Die Frage, wie die traumreaktiven Störungsbilder sinnvoll eingeordnet werden können, wird von DSM IV und ICD 10 bis heute unterschiedlich beantwortet. In der aktuellen Version DSM IV wird die PTBS in Achse I den Angststörungen zugeteilt wegen der inhaltlichen Nähe der posttraumatischen Symptomatik zu den Angstsyndromen. Die ICD 10 eröffnete mit der neuen Kategorie F43 eine Gruppe von Störungsbildern als Reaktion auf schwere Belastungen.

DSM IV 309.81 Diagnostische Kriterien der PTBS im DSM IV

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: DSM IV 309.81 Diagnostische Kriterien der PTBS im DSM IV

Im DSM IV wird die Akute Belastungsstörung (308.3)[34] von der Posttraumatischen Belastungsstörung unterschieden. Persistieren die Symptome auch nach einer Zeitspanne von 4 Wochen, wird – insofern die unten stehenden Kriterien erfüllt sind – von einer Posttraumatischen Belastungsstörung gesprochen. Von den Kriterien A (1) (z.B. drohender Tod, ernsthafte Verletzung), A (2) (z.B. intensive Angst, Hilflosigkeit), B (z.B. anhaltendes Wiedererleben, Intrusionen), C (z.B. andauernde Vermeidung von mit dem Trauma assoziierten Reizen, abflachende Reagibilität), D (Symptome erhöhten Arousals), E ( Symptombild länger als einen Monat nicht remittiert) und F (beträchtliches Leiden und Beeinträchtigung des sozialen Lebens) muss eine Mindestanzahl von Symptomen gegeben sein, um eine positive PTBS-Diagnose zu stellen.[35].

Die ICD 10 eröffnete mit der neuen Kategorie F43 eine Gruppe von Störungsbildern als Reaktion auf schwere Belastungen. Im ICD 10 wird als diagnostische Leitlinie der Posttraumatischen Belastungsstörung unter anderem eine wiederholte unausweichliche Wiederinszenierung des Ereignisses, emotionaler Rückzug und Gefühlsabstumpfung und eine Vermeidung von Reizen, die das Trauma triggern, gefordert, (vergleiche Tabelle 2). Hier wird für die positive Diagnosestellung von einem Zeitraum von einem halben Jahr ausgegangen seit dem Geschehen des traumatisierenden Ereignisses, der aber nicht bindend ist, wenn die weiteren klinischen Merkmale typisch sind. (Vergleich DSM IV: Wenn die typischen klinischen Merkmale nach mehr als einem Monat auftreten, wird bereits von einer PTBS gesprochen.)

Diagnostische Leitlinien der PTBS im ICD 10 (F43.1)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Diagnostische Leitlinien der PTBS im ICD 10 (F43.1)

Spätere, chronifizierte Belastungen werden im ICD 10 unter F62.0 (Andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung) klassifiziert. (Zu diesen Extrembelastungen gehören auch Extremerfahrungen im Konzentrationslager.) Als diagnostische Leitlinien gelten: Eine feindliche und misstrauische Haltung der Welt gegenüber, sozialer Rückzug, ein chronisches Gefühl von Nervosität, ständigem Bedrohtsein und Entfremdung.[36]

Weiterhin wird im ICD 10 abgrenzend zur PTBS noch die Anpassungsstörung (F43.2) beschrieben. Auch hier werden ein belastendes Ereignis oder eine Lebenskrise vorausgesetzt; die Vulnerabilität spielt hier aber eine grössere Rolle als bei der PTBS oder der akuten Belastungsreaktion. Die Symptome sollten innerhalb eines Monats nach dem betreffenden Ereignis eintreten und nicht länger als 6 Monate persistieren.[37] Flatten wertet positiv, dass hier einfliesst, dass die Entstehung der belastungsreaktiven Störungsbilder auch als Bewältigung und Adaption mit Prozesscharakter zu verstehen sind und nicht allein auf das traumatisierende Ereignis zu beziehen sind.[38]

Die ICD 10 spricht nicht wie das DSM IV von einer akuten Belastungsstörung, sondern von einer akuten Belastungsreaktion (F43.0). Als diagnostische Leitlinien dienen Gefühle der Betroffenen wie Betäubung, Desorientiertheit und in der Folge Depression, Angst, Verzweiflung, Überaktivität und Rückzug aufgrund einer ungewöhnlichen Belastung. Die Symptome sollen schnell rückläufig sein: Innert weniger Stunden, wenn die Belastung nicht weiter besteht oder – falls die Belastung andauert – nach drei Tagen nur noch minimal vorhanden sein.[39]

Das DSM IV setzt auch hier einen anderen zeitlichen Rahmen und geht davon aus, dass die Beeinträchtigungen bis zu einer zeitlichen Dauer von einem Monat anhalten können.

Die DESNOS-Diagnose (Disorder of Extrem Stress Not Otherwise Specified), die die Auswirkungen schwerer und anhaltender frühkindlicher Traumatisierungen (wie Misshandlungen und sexueller Missbrauch) umfasst, ist im Unterschied zur PTBS durch ein breites Spektrum affektiver, psychosozialer und somatischer Beeinträchtigungen gekennzeichnet, die über lange Zeit bestehen bleiben. Traumatisierungen – insbesondere durch die Bezugspersonen – in den ersten zwei Lebensjahren richten unermesslichen Schaden an. Das Stress regulierende System ist ganz wesentlich durch die sich in dieser Zeit entwickelnden limbisch-autonomen Wirkungsmechanismen geprägt, welche erfahrungsabhängig verlaufen (siehe Kap. 5).

Die Einordnung dieser Störung ist bislang im DSM IV nur als Restkategorie möglich; im ICD-10 wäre die entsprechende Codierung F62.0 (Andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung), obwohl frühkindliche Traumatisierungen unerwähnt bleiben.

Der Begriff komplexe PTBS (Englisch: complex PTSD) wurde für dieses Krankheitsbild 1992 eingeführt, hat sich aber noch nicht vollständig etabliert.

Die traumabedingten Symptome und Persönlichkeitsveränderungen zeigen insbesondere große Überschneidungen mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung und die Frage eines eindeutigen Zusammenhanges ist wissenschaftlich noch nicht geklärt.[40]

5. Einige neurobiologische Aspekte zum Verständnis des Verhaltens in überfordernden Situationen

5.1 Grundlegende Prinzipien der Stressbewältigung: Dissoziation, Mobilisation und soziale Kommunikation

Die Entwicklung der Reaktionen des Menschen auf überfordernde Situationen in Form von Kampf, Flucht und Dissoziation ist biologisch und sehr alt und vor der Entwicklung des Stammhirns entstanden.[41] Es sind biologische Überlebensmechanismen, die bei allen Spezies zu finden sind; von den Spinnen bis zu den Primaten und Menschen.

Die „Kampf-oder-Flucht“-Strategie wird vom Stammhirn und limbischen System ausgelöst. Es wird instinktiv zum Angriff übergegangen, wenn es erforderlich und erfolgversprechend im Zusammenhang mit dem Überleben (physisch und psychisch) scheint oder instinktiv die Flucht angetreten.

Die phylogenetisch ältere Möglichkeit[42] ist die Erstarrung oder die Dissoziation, wenn Kampf oder Flucht aussichtslos sind. Ein Säugling in einer lebensbedrohlichen Situation kann nicht kämpfen oder fliehen; er kann nur durch Schreien und Weinen seine Bindungs- und Hilfewünsche an seine Bindungspersonen artikulieren. Wenn diese nicht reagieren oder sogar die Ursache der Bedrohung sind, bleibt dem gestressten Säugling nur der Totstellreflex, die Freeze-Reaktion, die Dissoziation, der Abzug der Aufmerksamkeit von der bedrohenden Situation.[43]

Reaktionen der Immobilität, der Erstarrung, der Dissoziation führen beim Menschen oft zur Entstehung einer Traumareaktion mit den traumaspezifischen Symptomen, wie Spaltung zwischen Bewusstsein und Körper, Denken, Emotionen und Empfindungen, Amnesie oder Teilamnesie bezogen auf das traumatisierende Ereignis.

Anders als beim Tier, das sich nach einer tödlichen Bedrohung einfach schüttelt[44], ist beim Menschen oft der Neocortex im Weg. Wie der betroffene Mensch seine kognitiven Fähigkeiten einsetzt, entscheidet darüber, ob seine Fähigkeiten zur Selbstregulation zum Tragen kommen und die im überfordernden Ereignis aufgebaute und gehaltene Energie abgebaut werden kann und der Reiz-Regulationszyklus abgeschlossen werden kann.[45] Das starke Kontrollbedürfnis des Menschen und die Angst verhindern instinktive Impulse und Reaktionen, so dass ein autonomer Reaktionszyklus zwar initiiert aber nicht zum Abschluss gebracht wird.[46]

Die nach Stephen Porges (vgl. Kap. 5.2) phylogenetisch „modernste“ Möglichkeit, mit Reiz- und Stresssituationen umzugehen, ist Kommunikation und soziale Kontaktaufnahme. Dies bedingt eine spezifische Entwicklung des autonomen Nervensystems, die den höher entwickelten Säugetieren und uns Menschen vorbehalten ist. Versagt der Modus der sozialen Kontaktaufnahme in Not-, Gefahren- und potentiell traumatisierenden Situationen, wird auf die Modi Mobilisation (Kampf / Flucht) oder Dissoziation (Immobilisation) zurückgegriffen.

5.2 Die polyvagale Theorie von Stephen W. Porges

S. Porges hat basierend auf anatomischen und neurophysiologischen Fakten aufgezeigt, dass die dem Menschen zur Verfügung stehenden drei Modi zur Reiz- und Stressregulation (siehe Kap. 5.2) drei im Laufe der evolutionären Entwicklung erworbenen Errungenschaften entsprechen. M. Fischer geht davon aus, dass sich Porges naturwissenschaftlich fundierte Theorie durchsetzen wird und sie das bisherige Verständnis des autonomen Nervensystems ablösen wird.[47]

Porges Theorie ermöglicht einen neuen Zugang zum Verständnis von sozial gefährdendem Verhalten und von Kampf-, Flucht- und Dissoziationsreaktionen, indem sie aufzeigt, dass der Spielraum für soziale Kontaktaufnahme und Kommunikation durch physiologische Zustände begrenzt ist.[48] Zudem zeigt seine Theorie auch auf, wie soziales Verhalten ermöglicht und unterstützt werden kann.

Porges erklärt, wie sich das primitive autonome Nervensystem der Wirbeltiere im Verlaufe der Evolution zum autonomen Nervensystem der Säugetiere und Menschen weiterentwickelte, welches bedeutende funktionelle Eigenschaften hat: Es reguliert den Zustand der inneren Organe, um soziales Verhalten zu unterstützen.[49] Porges nennt seine Theorie polyvagal, um die phylogenetischen Verlagerungen des 10. Hirnnervs, des Nervus Vagus, zu unterstreichen. Dieser Hirnnerv vermittelt dem autonomen Nervensystem die ursprüngliche parasympathische Einspeisung. Während die Vagusfasern primitiver Wirbeltiere nicht mit einem Myelinmantel umgeben sind, also unmyelisiert sind, haben Säugetiere sowohl durch Myelin geschützte als auch ungeschützte – unmyelisierte – vagale efferente Fasern. Die myelinisierten und unmyelisierten Neuronen haben unterschiedliche Funktionen. Sie entspringen unterschiedlichen Bereichen des Hirnstamms und unterstützen unterschiedliche adaptive Verhaltens- und Reizbewältigungsstrategien.[50]

Der Begriff „polyvagal“ bedeutet also, dass das autonome Nervensystem – repräsentiert durch den 10. Hirnnerv, den Nervus Vagus – unterschiedliche Modi vermitteln kann und in diesem Zusammenhang unterschiedliche Funktionen zum Tragen kommen.[51]

Porges zeigt auf, dass die drei Möglichkeiten, die uns Menschen zur Verfügung stehen, um Reize, Stress und auch potentiell traumatisierende Erfahrungen zu regulieren – soziale Kommunikation, Mobilisation und Immobilisaton – drei im Verlaufe der Evolution aufeinander folgenden Errungenschaften entsprechen.

Er stellt dem bisherigen Verständnis des autonomonen Nervensystems als fundamental antagonistischem System, bestehend aus den beiden Untersystemen Sympathikus und Parasympathikus, seine Theorie des dreistufigen autonomen Nervensystems gegenüber. Er unterteilt das parasympathische (vagale) System in ein dorsal vagales System (dorsaler Vaguskomplex, DVC) und ein ventral vagales System (ventraler Vaguskomplex, VVC).[52]

Mit der Zunahme der Komplexität des Nervensystems der Wirbeltiere im Laufe der Evolution weitete sich das Repertoire des Menschen an Affekten und Verhaltensmöglichkeiten aus; Emotionen konnten ausgedrückt und kommuniziert werden und somit konnte gezielt Einfluss auf die soziale Umwelt genommen werden.

Die polyvagale Theorie verbindet die Fähigkeit zur neuronalen Steuerung der Herzaktivität mit affektivem Erleben und Ausdruck; der mimisch-gestischen Kommunikation über das Gesicht und der verbalen Kommunikation über die Stimme. Die neuronale Kontrolle des Herzens ist neuroanatomisch verbunden mit der neuronalen Kontrolle der Gesichts- und Kopfmuskeln.[53]

„Im Einzelnen nimmt Porges an,

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Porges geht also davon aus, dass Menschen auf eine Veränderung oder eine Bedrohung physiologisch reagieren, lange bevor das Bewusstsein die Situation erfasst hat, und lange bevor der betroffene Mensch eine willentliche oder bewusste Reaktion steuern kann.

Neurozeption stellt fest – bevor dass dies bewusstseinsfähig ist – ob Gefahr droht, und dann werden physiologische Zustände aktiviert, die entsprechende Strategien, beispielsweise Verteidigungsstrategien ermöglichen. Prosoziale kontakt- und beziehungsfördernde Verhaltensweisen und auch physischer Kontakt sind nur möglich, wenn das Nervensystem des Menschen die aktuelle Situation – wenn sie ungefährlich ist – richtig einschätzt und die Defensivmechanismen Kampf, Flucht und Erstarren hemmt. Unser Stoffwechsel passt sich der Beurteilung des Nervensystems an, und es werden bei einer bedrohlichen Situation, einer Stresssituation, die Herzfrequenz und der Kortisolspiegel, der durch das sympathische Nervensystem und die HHA-Achse (Hypothalamus-Hypophyse- Nebennieren-Achse) vermittelt wird, erhöht; hingegen bei einer sicheren Situation, in der prosoziales Verhalten sinnvoll ist, abgeschwächt.[55]

Menschen können nur soziale Beziehungen, Freundschaften, Liebesbeziehungen oder Mutter-Kind-Beziehungen aufbauen, wenn die Defensivmechanismen ausser Kraft gesetzt werden.

Immobilisation dient Säugetieren und Menschen einerseits als Verteidigung, andererseits auch, um sich sozialen Aktivitäten zu widmen (Paarung / Liebesakt, Geburt, Säugen / Stillen des Säuglings).

Die Immobilisation ohne Furcht – nicht als Totstellreflex und somit als Verteidigungsstrategie – sondern zum Beispiel bei Umarmungen oder beim Liebesakt in intimen Beziehungen wurde ermöglicht durch im Laufe der Evolutionsprozesse modifizierte Schaltkreise im Gehirn, die ursprünglich mit Erstarrungsverhalten assoziiert waren, und Entstehung von Rezeptoren in eben diesen Arealen für das Neuropeptid Oxytocin, das im Zusammenhang mit sozialen Aktivitäten in den Blutkreislauf gelangt und uns ermöglicht, das angenehme Gefühl einer Umarmung ohne Angst zu geniessen.[56]

5.2.1 Das Modell des dreistufigen autonomen Nervensystems nach Stephen W. Porges

Drei abgrenzbare neuronale Schaltkreise unterstützen Verhaltensweisen der sozialen Kontaktaufnahme, der Mobilisation oder der Immobilisation[57], die laut Schmidt – der sich damit in den Gegensatz zu Porges stellt – in unterschiedlichen Mischungen vorliegen können.[58]

In der polyvagalen Theorie werden drei Stufen der Entwicklung des autonomen Nervensystems von Säugetieren, Primaten und Menschen beschrieben. Jede der drei wichtigsten adaptiven Verhaltensstrategien (Dissoziation, Immobilisation, Mobilisation (Kampf oder Flucht) sowie soziale Kontaktaufnahme werden von je einem neuronalen Schaltkreis unterstützt, die Teil des autonomen Nervensystems sind.

5.2.1.1 Dissoziations-Immobilisations-Reaktion

Das DVS (dorsal vagales System) als das evolutionsmässig älteste System besteht aus primitiven, unmyelinisierten langsam leitenden Nervenfasern. Dieser Modus hat sich entwickelt mit und seit der Existenz der primitiven kieferlosen Fische[59] und blieb bis heute erhalten. Die Aktivierung dieses evolutionär ältesten Systems des DVC erfolgt als letzte Massnahme in akut lebensbedrohlichen oder als akut lebensbedrohlich empfundenen Situationen, mit dem Ziel, den Körper in einer Erstarrungs- und Totstellreaktion auf das Sterben vorzubereiten. Es vermittelt die Dissoziations- Immobilisations-Reaktion, wenn Überlebensstrategien wie Kampf oder Flucht oder soziale Kommunikation scheitern.[60]

Die Immobilitätsreaktion ist möglich aufgrund des ältesten Zweigs des Vagusnervs. Sein Ursprung ist ein Areal im Hirnstamm, das dorsaler motorischer Vaguskern genannt wird. Deshalb auch der Name dorsal vagales System.

In Ruhe reguliert der Parasympathikus die inneren Organe, die Erholungs-, Ruhe- und Entspannungsreaktionen mit Absenkung des Blutdrucks und der Herzfrequenz und Förderung der Verdauungsvorgänge.[61]

5.2.1.2 Mobilisation (Kampf- oder Fluchtreaktion)

In der Evolution verfügen alle Tiere in der Phylogenese ab der Stufe der Knochenfische[62] über das Sympathikus-System, welches bereits die „modernen“, myelinisierten und schnell leitenden Nervenfasern aufweist. Dieses System ist das evolutionsmässig mittelalterliche System. Es erlaubt die Strategie von Orientierung / Alarm und Mobilisation (Kampf /Flucht), welche erst voll zum Tragen kommen kann mit der Entwicklung von Extremitäten.[63]

Bei einer Stressreaktion sorgt das sympathische Nervensystem für intensivere Wahrnehmung und Mobilisation von Gefühlsenergie[64], für Verstärkung von Energieproduktion und Leistungsfähigkeit des Herzens (Beschleunigung der Herzfrequenz und verbesserte Kontraktionsfähigkeit des Herzens), Ansteigen des Blutdrucks, verstärkte Muskelanspannung (auch der Atemmuskulatur), Adrenalinausschüttung und sorgt so für eine angemessene Reaktion (Kampf / Flucht).

5.2.1.3 Soziale Kommunikation oder soziales Engagement

Das VVS (ventral vagales System), das evolutionsmässig jüngste System steht nur Säugetieren und uns Menschen zur Verfügung. Es benutzt die myelinisierten und damit schnell leitenden jüngeren Anteile des Nervus vagus. Das VVS versorgt Kopf- und Halsorgane, also Organe, die für die zwischenmenschliche Kommunikation und das Brutpflegeverhalten (Hören, Reden, Mimik) zuständig sind. Absolut notwendig für eine differenzierte soziale Interaktion – im Sinne von Aufbau von Beziehungen, Brutpflegeverhalten, Konfliktlösung – ist die Möglichkeit eines differenzierten emotionalen Ausdrucks, der über das VVS vermittelt wird.[65]

Der myeliniserte Vaguszweig ist mit weiteren Organen verbunden, die die soziale Interaktion vermitteln, wie die quergestreifte Gesichtsmuskulatur, Kehlkopf-, Rachen- und Kaumuskulatur, Innenohrmuskulatur[66], und er innerviert die Muskeln, die für die Kopfdrehung zuständig sind (wichtig für die Orientierungsreaktion).

Der „kluge“ Vagus, wie Porges ihn nennt, hemmt die phylogenetisch niedrigeren Zentren, blockiert also das Anspringen und Aktivieren des sympathischen und des dorsal vagalen Systems. Er kann aktiv den Einfluss des Sympathikus auf das Herz unterbinden und die HHN- Achse dämpfen.[67]

Diese Hemmung findet nur statt, wenn sich der Mensch in einer sozial und menschlich sicheren Situation empfindet; ansonsten springen die phylogenetisch älteren Mechanismen (Kampf / Flucht oder Erstarrung) an. In heftigen Stresssituationen wird denn auch der ventrale Vagus zuerst heruntergefahren.

Traumatisierte Menschen können von den Gesichtszügen her starr und im Kontakt reserviert wirken, was es denn auch erschwert, mit ihnen in Kontakt zu kommen. Der Mangel an sozialer Bezogenheit, der sich daraus ergibt, versetzt traumatisierte Menschen in einen Zustand adrenaler Medulla-Aktivierung[68]. Dies führt zu ständiger Übererregtheit und belastet den Körper.[69] Daraus ergibt sich ein Circulus vitiosus, indem traumatisierte und damit oft übererregte Menschen nicht in den ventral vagalen Modus umschalten können, somit soziale Beziehungen, die sie dringend benötigen, um zur Ruhe zu kommen, nicht oder nur schwer herstellen können und deshalb im dorsal vagalen und / oder sympathischen Modus verbleiben.

5.2.1.4 Hierarchie der verschiedenen Modi der Reizregulation

Die Evolution hat keinen der älteren Modi zur Reizregulation aufgegeben, wenn während des Evolutionsprozesses ein neuer Modus auftauchte. So blieben diese Hirnstrukturen mit ihren reflexartigen neuralen Schaltkreisen erhalten. Jedoch wurden sie mit neueren und grösseren Hirnstrukturen, die den Menschen auszeichnen, überlagert. Die Regulierung von Reiz- und Stresssituationen folgt einer Hierarchie, in welcher der neueste Schaltkreis, die autonome Reaktion über den VVC, zuerst eingesetzt wird, und die phylogenetisch älteren Modi erst zum Zuge kommen, wenn der jüngste Modus nicht zum Ziel führt.

Stufen der autonomen Stressregulation in Anlehnung an S. Porges

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Stufen der autonomen Stressregulation

Beschreibung und Erläuterung der Abbildung:

Diese Abbildung zeigt den Zyklus von Aktivierung und Deaktivierung des ANS. Wenn ein Reiz bedrohlich oder attraktiv ist, steigt die Aktivierung an, zunächst über die – nach Porges – neuen Schaltkreise des ventral vagalen Systems. (Gefühlsausdruck: Überraschung. Wenn der Reiz weder bedrohlich noch attraktiv ist, findet eine Deaktivierung zurück zur Homöostase (einem wachen Ruhezustand) statt (gestrichelte Linie).

Wenn sich der Reiz als bedrohlich oder attraktiv erweist, steigt die Aktivierung des ANS weiter an. Bei einer Stressreaktion sorgt das sympathische Nervensystem für intensivere Wahrnehmung und Mobilisation von Gefühlsenergie. Dies kann sich einerseits durch Erregung, Freude, Anziehung, Neugier, Interesse und Begehren, andererseits durch Nervosität, Beunruhigung und Furcht äussern. Hier spielt die Vorerfahrung eine grosse Rolle. Nach M. Fischer wird auf dieser Stufe der Aktivierung des ANS der neueste Schaltkreise, die autonome Reaktion über den ventral vagalen Vagus eingesetzt, ergänzt durch den Sympathikus.

Wenn der Reiz (sehr bedrohlich oder äusserst attraktiv) auf dieser Stufe noch nicht bewältigt werden konnte, steigt die Aktivierung des ANS weiter an auf das Kampf-Flucht-Niveau (Mobilisation Stufe II). Gefühle wie Leidenschaft (Eustress) einerseits, aber auch Hass, Wut und Panik (Dysstress) andererseits dominieren auf diesem Niveau der Aktivierung. Der neuronale Schaltkreis des Sympathikus ist jetzt voll aktiviert und der ventral vagale Modus tritt in den Hintergrund. („Es verschlägt dem Menschen die Sprache“.) Je heftiger die Stresssituation, desto vollständiger wird der ventrale Vagus heruntergefahren. Dies ist vom betroffenen Menschen (oder seinem Willen) nicht mehr beeinflussbar. Wird die Situation auf diesem Niveau, das immer im Bereich von Herausforderung ist, die Stresssituation bewältigt, kann der Mensch wieder zur Ruhe kommen; es folgt eine Deaktivierung zurück zur Homöostase.

Eine noch weitergehende Aktivierung führt über die Grenze des Bewältigbaren in den Bereich der Überforderung, in die Dissoziation und die Immobilisation (Stufe III der Bewältigungs-Strategie). Der phylogenetisch älteste Modus, der dorsal vagale Modus kommt jetzt zum Zuge, da die jüngeren Modi nicht zum Ziel (Bewältigung der Stresssituation) geführt haben. Für den Organismus geht es subjektiv jetzt ums Überleben. Der Mensch geht in die Dissoziation, er spaltete erlebnismässig verschiedene Seinsbereiche ab; vor allem seine Emotionen oder die Körperwahrnehmung. Der betroffene Mensch fühlt hier Resignation, Gefühllosigkeit, Sprachlosigkeit, Lähmung.

In seltenen Fällen kann ein Mensch in diesem Stadium eine spirituelle Öffnung erfahren, und es kann ein Gefühl auftauchen, im Kern unverletzlich zu sein; verbunden mit der Bereitschaft, sich dem Schicksal hinzugeben.

Bei Menschen, die durch eine derartige Situation – aufgrund mangelnder Resilienz – traumatisiert werden, kann es sein, dass das ANS in diesem Zustand der Aktivierung auf dem Niveau der Dissoziation und Immobilisation verbleibt und keine Deaktivierung stattfindet. Dies kann mit im Laufe der Zeit entstehenden schweren Beeinträchtigungen im physischen und psychischen Bereich verbunden sein. Daraus kann sich eine behandlungsbedürftige PTBS entwickeln. Auch hier geht es therapeutisch darum, den vasomotorischen Zyklus abzuschliessen, und das Aktivierungsniveau wieder auf Homöostase-Niveau zu senken.

Auf der Abbildung sehen wir, wie auf der Aktivierungsstufe im Bereich der Überwältigung die Deaktivierung wieder zurück zur Homöostase erfolgt. Dies stimmt für einen Menschen, der genügend Resilienz mitbringt, auch aus Überforderungssituationen wieder auf das Homöostase-Niveau zurückregulieren zu können.

5.3 Reiz-Regulations-Zyklus

Während der Fokus im Kapitel 5.2 auf den Stufen respektive Modi der Reizregulation liegt, steht in diesem Kapitel der Ablauf des Reiz-Regulations-Zyklus vom Reizempfang bis zur Durchführung einer Reizantwort im Mittelpunkt.

Der Reiz-Regulations-Zyklus respektive der durch das Autonome Nervensystem gesteuerte vasomotorische Zyklus beschreibt, wie der Organismus mit Stress auslösenden Reizen, denen wir laufend ausgesetzt sind, umgeht und diese bewältigt. Der normale Ablauf dieses Zyklus kann in mehrere Abschnitte unterteilt werden: Reizempfang (Reiz-Rezeption), Reizwahrnehmung (Reiz-Perzeption), Reizbewertung und Interpretation, Planung der Reizantwort, Durchführung der Reizantwort.

Eine Unterteilung ist sinnvoll, um die Vorgänge zu verstehen. Die beteiligten neuronalen Strukturen sind jedoch über Feedbackschlaufen stark miteinander vernetzt und in ständiger Kommunikation. Viele Vorgänge – insbesondere die letzten vier – laufen praktisch zeitgleich ab.[70]

Reizempfang (Reiz-Rezeption)

Äußere und innere Reize werden durch die Sinnesrezeptoren wahrgenommen; entweder die äusseren Rezeptoren (Exterozeptoren) unserer fünf Sinne an der Körperoberfläche zur Wahrnehmung der Umwelt oder über die inneren Rezeptoren (Enterozeptoren und Propriozeptoren) zur Wahrnehmung dessen, was im Körperinneren geschieht. Diese Inputs werden an den Thalamus weitergeleitet als zentraler Sammelstelle für alle sensorischen Inputs im Gehirn.[71] Es findet eine erste Aktivierung des Sympathicus statt, und es wird Ladung respektive Energie aufgebaut.[72]

Reizwahrnehmung (Reiz-Perzeption)

Es entsteht ein inneres Bild der Situation. Das Limbische System kann erkennen, ob eine Situation neu und gefährlich ist und ob mit Angst reagiert werden muss. Ins Bewusstsein gelangen hauptsächlich diejenigen Reize, die als „neu“ bewertet werden und nicht aufgrund bisheriger Lernerfahrungen bewältigt werden können.[73]

Reizbewertung ( und Interpretation)

Die Reizbewertung läuft dann stereotyp und rein biologisch determiniert ab, wenn es sich um bedrohliche bis lebensbedrohliche Situationen handelt. Grundsätzlich hat die Bewertung jedoch sehr viel mit den vorgängigen Lernerfahrungen des Menschen zu tun, da aktuelle Reize respektive Stressoren mit vorgängigen, als ähnlich eingestuften persönlichen Erlebnissen verglichen werden. Das Nervensystem reagiert reizbezogen, aber aufgrund individueller Vorerfahrungen.[74]

Diese innere Logik hängt auch eng mit der Art und Weise der frühkindlichen Mutter-Kind-Beziehung zusammen, ob sie nährend war und ob eine sichere Bindung vorhanden war.[75]

Bei desorganisiertem Bindungsverhalten, bei vernachlässigten oder misshandelten oder missbrauchten Kindern ergeben sich chaotische biochemische Veränderungen, die eine Entwicklungsunreife im präfrontalen Cortex[76] nach sich ziehen und in der Folge strukturelle Defekte der rechten Gehirnhemisphäre bewirken und verstärken. Chronischer traumatischer Stress kann dann die präfrontalen Hirngebiete außer Gefecht setzen und die subkortikalen limbischen Strukturen übernehmen die Verhaltenssteuerung. Damit wird eine andauernde Fixierung auf negative emotionale Zustände tradiert.[77] Dies führt zu einem Übererregungskontinuum; das heisst, dass Übererregung generalisiert wird.[78]

War ein Kind in der Kindheit Angst oder Unsicherheit ausgesetzt, wird es Ereignisse subjektiv schwerer erleben und später mit erhöhter Vulnerabilität im Zusammenhang mit schwer belastenden Situationen reagieren. Tragisch ist, dass vorgeschädigte, traumatisierte Menschen stärker gefährdet sind, erneut traumatisiert zu werden.[79]

Wird auf einen Reiz nicht reagiert, bleibt der Organismus in der Homöostase.

Wenn auf einen Reiz nicht mit Kommunikation, sozialer Kontaktaufnahme, der über das VVS gesteuert wird (vgl. Kap. 5.2 und 5.2.1.3) reagiert werden kann, weil die Situation zu unsicher ist, wenn es zu einer Alarmreaktion (Arousal) kommt, weil der Reiz als neuartig, fremd, interessant oder gefährlich eingestuft wird, setzt die Aktivierung des Sympathicus sich fort. Es werden Katecholamine (wie Adrenalin und Noradrenalin) ausgeschüttet, die auf das Herz-Kreislauf-System und die Atmung eine anregende Wirkung haben, gespeicherter Zucker freigegeben[80] und Muskeltonus und Vigilanz erhöht.

Planung einer Reizantwort

Die Planung der Reizantwort läuft individuell aufgrund der Vorerfahrung des jeweiligen Menschen ab. Limbisches System und Großhirn entscheide– eventuell nach einer Probehandlung oder nach Suchen von alternativen Bewältigungsstrategien – ob eine Reizantwort notwendig oder gegebenenfalls sogar (überlebens-)wichtig ist. Kommt es zu einer Reizantwort, wird diese durch komplexe neuronale Veränderungen eingeleitet: Es kommt zu einer Aktivierung des zentral gesteuerten ANS, des Immunsystems, der HHA-Achse (Hypothalamus-Hypophyse- Nebennierenachse), und damit zu einer peripheren Freisetzung von Nebennierenhormonen, z.B. Cortisol.

Durchführung einer Reizantwort

Die Durchführung der Reizantwort wird vom Großhirn und vom limbischen System ausgeführt, welche die Stressreaktion auslösen, durchführen und beenden. Gemäss Porges (Kap. 5.2) wird der neueste Kreislauf, die autonome Reaktion über den VVC zuerst eingesetzt, und die phylogenetisch älteren Modi – Aktivierung des Sympathikus, Aktivierung des DVC – kommen erst zweitrangig zum Zuge. Im letzten Fall werden die Stressreaktion auslösenden peripheren Organe einerseits hormonal aktiviert mittels Hormonausschüttung (z.B. Adrenalin, Noradrenalin, Cortisol ) durch endokrine Drüsen (HHN-Achse) und andererseits neuronal durch elektrische Impulse über das ANS. Die Ausführung der Stressreaktion geschieht durch innere Organe wie Herz, Lungen sowie durch die Skelettmuskulatur.

Das parasympathische System, welches z.B. für metabolische Vorgänge wie Verdauung zuständig ist, wird während der Aktivierungsphase bis zur Durchführung einer Reizantwort heruntergefahren.

Rückkopplungsmechanismen sorgen dafür, dass der Reiz im günstigen Fall optimal bewältigt wird und der Organismus zur Homöostase zurückkehren kann; dies kann der Organismus nur bei Durchführung des gesamten Zyklus. Eine vollständige Deaktivierung der mobilisierten Energie, ein vollständiges Abschließen des vasomotorischen oder Reiz-Reaktions-Zyklus ist entscheidend für die psychophysische Gesundheit des Menschen .

Nach der Biodynamischen Psychologie (Gerda Boyesen), die sich in über 60 Jahren Therapiepraxis bewährt hat, und deren Wirksamkeit durch die Multizenterstudie EWAK belegt wurde[81], bleiben schädliche Stressrückstände (die sympathischen Restprodukte Adrenalin und Noradrenalin) im Körper zurück, wenn Gefühle wie zum Beispiel Erregung und Wut und Handlungsimpulse im Zusammenhang mit dem vasomotorischen Zyklus nicht ausgedrückt oder in Handlung umgesetzt werden konnten, weil sie nicht adäquat schienen.[82]

Werden die sympathischen Hormone Adrenalin und Noradrenalin nicht verbraucht (Schwitzen, Ausscheidungen), geht auch Peter Levine davon aus, dass diese im Körper zurückbleiben. (Diese Hypothese ist in der Praxis bewährt, aber noch nicht wissenschaftlich belegt.) Levine sieht Stresshormone als die neurochemische Ursache für die frühkindlichen Reifungsstörungen der Neuronenarchitektur, für die Hemmung der synaptischen Vernetzung und den Mangel an Funktionsdifferenzierung des reifenden Gehirns.[83] Levine sieht in dieser Restenergie den Kern der Traumatisierung.[84]

[...]


[1] Vgl. Galey, I.; 1991

[2] Vgl. Miller, A.; Vgl. 1981. Miller; A.; 1988. Vgl. Miller, A.; 1983

[3] Gottfried Fischer (vgl. Fischer et al.; 1998, 124) unterscheidet zwischen Monotraumatisierungen als einmalig vorkommende Ereignisse und Polytraumatisierungen (simultanes Trauma und sukzessives Trauma) oder kumulativen Traumata bei beispielsweise andauernder Vernachlässigung der Kinder durch die Eltern.

Vgl. Fiedler, P.; 2003, 65

[4] Kurz- und mittelfristige Folgen von gelingenden und nicht gelingenden Auseinandersetzungen mit traumatisierenden Ereignissen lassen sich nie verallgemeinernd bestimmen, sondern besitzen eine hohe individuelle Variabilität. Viele Menschen können sich persönlich entwickeln unter extrem aversiven Bedingungen. Es sollte laut Fooken von Verallgemeinerungen abgesehen werden, was den systematischen Zusammenhang zwischen widrigen oder traumatisierenden Lebensumständen und nachfolgenden psychischen Prozessen oder Belastungsreaktionen angeht (vgl. Fooken, I. in Maercker (Hrsg.); 2009, 76–81).

Markus Fischer führt aus, dass es entscheidend für die Behandlung des betroffenen Menschen ist, dass Traumatisierung nicht über die Schwere des auslösenden Ereignis definiert wird, sondern über die Reaktion des betroffenen Menschen (vgl. Fischer, M; 2009, 1–5).

[5] Vgl. Sachsse, U. in Sachsse (Hrsg.); 2009 38f.

[6] Mit Resilienz wird die Widerstandsfähigkeit oder Stressbewältigungskapazität eines Menschen bezeichnet. Eine niedrige Resilienz erhöht die Wahrscheinlichkeit, durch geringe Ereignisse überfordert zu sein. Je niedriger die Resilienz, desto höher die Vulnerabilität; also die Anfälligkeit eines Menschen, ein Ereignis nicht verarbeiten zu können und traumspezifische Symptome zu entwickeln (vgl. Fischer, M,; 2009, 3f.)

Fooken erwähnt als Faktoren für Resilienz ein ausgeglichenes Temperament, Intelligenz und Offenheit sowie das Vorhandensein zumindestens einer engen Bezugsperson und eines stabilen sozialen Umfeldes. Zudem beschreibt er die Bedeutung salutogenetischer Gesichtspunkte nach Antonovsky (1987) für Resilienz, die Ausprägung eines „sense of coherence“ , welche darauf beruht, dass das Leben verstehbar ist („comprehensibility“), bewältigbar („manageability“) und sinnhaft („meaningfulness“) ist.Vgl. Fooken I. in Maercker (Hrsg.); 2009, 77

[7] John Bowlby hat Säuglings- und Kleinkindforschung in Institutionen betrieben und die Bindungstheorie aufgestellt. Er beschreibt, dass reale frühkindliche Defizite, Traumen und Erlebnisse den Entwicklungsprozess eines Kindes nachhaltig beeinflussen oder stören können. (Vgl. Bowlby, J.; 1979, 130f.).

Mary Ainsworth entwickelte eine standardisierte Untersuchung „the strange situation“, aufgrund derer sie drei verschiedene Bindungstypen feststellen konnte: das sicher gebundene, unsicher – vermeidende, unsicher ambivalent – gebundene Kind. Je nach Art der Bindung reagiert das Kind mit einer mehr oder weniger grossen Fähigkeit, Stress und auch Traumen zu bewältigen (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Mary_Ainsworth, 18.6.2010).

[8] Vgl. Fischer, M.; 2009,4

[9] Vgl. Hüther,G.; 2003, 19f.

[10] Prof. Dr. Stephen W. Porges ist Professor an der Universität von Illinois in Chicago, wo er das sogenannte Gehirn-Körper-Zentrum leitet. Er hat die Polyvagal-Theorie entwickelt, die davon ausgeht, dass der Parasympathikus zweigeteilt ist in einen dorsalen und einen ventralen Vagus, die ganz unterschiedliche Funktionen erfüllen. Vgl. http://www.somatics.de/Porges/PorgesAPA_GER.htm, 29.7.2011

[11] Levine, P. A., 1998. Vgl. Levine, P.A., 2005

[12] Vgl. Reddemann, L.; 2008(A), 16

[13] Vgl. Seidler, G. H. in Maercker (Hrsg.); 2009, 3–12

[14] Donovan 1991, 433–435 in Maercker (Hrsg.); 2009, 4

[15] Vgl. Seidler, G. H. in Maercker (Hrsg.); 2009, 4

[16] Vgl. Venzlaff et al. in Sachsse (Hrsg.); 2009, 5f.. Vgl. Seidler, G. H. in Maercker (Hrsg.); 2009, 8

[17] Im Zusammenhang mit dem „railway-spine-Syndrom“ wurden Symptome wie Angst, Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen, belastende Träume, Irritierbarkeit sowie weitere somatische Symptome mit einer unfallbedingten Schädigung des Rückenmarks in Zusammenhang gebracht. Vgl. Flatten, G. in Seidler, et al.; 2006, 35

[18] De la Tourette, G.;1894, 48 in Sachsse (Hrg.); 2009, 6f.

[19] Vgl. Venzlaff, U. et al. in Sachsse (Hrsg.); 2009, 9–13

[20] Nachdem Freud 1896 zunächst davon ausging, dass der Hysterie in jedem Fall sexuelle Angriffe durch nahe Verwandte vorausgehen würden und sie als Folge der Perversion des Verführers (Brief an Fliess 1896) darstellte, formulierte er in den Jahren 1897 bis 1909 die Theorie des Ödipus – Komplexes. Er widerrief also seine „Verführungstheorie“ (Ist Missbrauch „Verführung“? D. Verf.), was ihm bis heute als Verrat an missbrauchten Frauen vorgeworfen wird. Vgl. Venzlaff, U. in Sachsse; 2009,10. Vgl. Fischer, G. u. Riedesser, P.; 2009, 36 – 42

[21] Durch Minenexplosion verursachte Neurosen.

[22] Zum Beispiel zur „Kaufmann-Kur“ gehörte die Nötigung, Erbrochenes wieder hinunterzuschlucken.

Vgl. Seidler, G. H. in Maercker (Hrsg.); 2009, 7.

[23] Vgl. Venzlaff, U. et al. in Sachsse (Hrsg.); 2009, 13f.

[24] Vgl. Venzlaff, U. et al. in Sachsse (Hrsg.); 2009, 14

[25] Vgl. Fischer, G. u. Riedesser, P.; 2009, 33

[26] Vgl. Venzlaff, U. et al. in Sachsse (Hrsg.); 2009, 17

[27] Vgl. Venzlaff, U. et al. in Sachsse (Hrsg.); 2009, 16

[28] Vgl. Venzlaff, U. et al. in Sachsse (Hrsg.); 2009, 16

[29] Vgl. Seidler, G. H. in Maercker (Hrsg.); 2009, 9

[30] Vgl. Venzlaff, U. et al. in Sachsse (Hrsg.); 2009, 17f.

[31] Vgl. Venzlaff, U. et al. in Sachsse (Hrsg.); 2009, 18

[32] Vgl. Diagnostical and Statistical Manual of Mental Disorders, 1994. Deutsch: Sass, H., Wittchen, H.-U.; Zaudig, M.; Diagnostisches und statistisches Handbuch psychischer Störungen, 1996, Göttingen

[33] Vgl. Flatten, G. in Seidler et al.; 2009, 36

[34] Vgl. Sass, H., Wittchen, H.-U.; Zaudig, 2006, 493–496

[35] Vgl. Sass, H., Wittchen, H.-U.; Zaudig, 2006, 487–492

[36] Vgl. Dilling et al.(Hrsg.); 2008, 255f.

[37] Vgl. Dilling et al.(Hrsg.); 2008, 184–186

[38] Vgl. Flatten, G. in Seidler et al., 2006, 40

[39] Vgl. Dilling et al.(Hrsg.); 2008, 181–183

[40] Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Komplexe_Posttraumatische_Belastungsst%C3%B6rung, 30.7.2010

[41] Vgl. Levine, P.A.; 1998, 101–114

[42] In Kapitel 5.3 wird ausgeführt, wie der amerikanische Neurowissenschaftler und Neurobiologie Stephen Porges die phylogenetische Entwicklung des Nervensystems in Zusammenhang mit der Entwicklung des Stressregulations-Systems bringt.

[43] Vgl. Peichl, J.; 2008, 36f

[44] Vgl. Levine, P.A.; 1998, 104

[45] Vgl. Fischer, M in Traber (Hrsg.); 2008, 49–90

[46] Vgl. Levine, P.A.; 1998, 106–113

[47] Vgl. Fischer, M. in Traber (Hrsg.); 2008, 74.

Vgl. http://www.somatics.de/academy/Porges-Carter.htm, 24.6.2011. Porges` Forschungen verfolgen drei Richtungen. Er erforscht einerseits ein biologisch orientiertes Verständnis für Verhaltensprobleme und psychiatrische Störungen, andererseits entwickelt er neue objektive Messmethoden zu diagnostischen Zwecken. Drittens hat Porges innovative biologisch basierte Strategien entwickelt, die spezifische neurale Schaltkreise wieder aktivieren können. In seinem „listening Projekt“ dokumentiert er, wie sich das soziale Verhalten von autistischen Menschen und Menschen mit schwerer Traumatisierung beeinflussen lässt.

[48] Wenn der Sympathikus, der Kampf- und Fluchtverhalten unterstützt, vorherrschend ist, ist es nicht möglich, das Verhalten zu regulieren und eine ruhige soziale Kommunikation aufrecht zu erhalten.

Vgl. http://www.somatics.de/Porges/PorgesAPA_GER.htm, 13.6.2011

[49] Vgl. http://en.wikipedia.org/wiki/Stephen_Porges, 24.6.2011

[50] Vgl. www.somatics.de/Porges/PorgesAPA_GER.htm, 13.6.2011

Die Polyvagal-Theorie spezifiziert zwei verschiedene Zweige des Vagus, des 10. Hirnnervs. Jeder der Zweige hat seinen Ursprung in der Medulla. Der phylogenetisch ältere Zweig entspringt im Dorsalen Moto-Nukleus des Vagus (DMNX), während der neuere Zweig dem Nucleus ambiguus (NA) entspringt. Vgl. auch http://en.wikipedia.org/wiki/Polyvagal_Theory, 24.6.2011

[51] Vgl. Schmidt, J., B.; 2008, 78. Der Nervus vagus ist der grösste Nerv des Parasympathikus und beteiligt an der Regulation der Tätigkeiten fast aller innerer Organe. Neben diesen vegetativen Funktionen ist er an der motorischen Steuerung von Kehlkopf, Rachen und oberer Speiseröhre beteiligt und übermitteln Geschmacks- und Berührungsempfindungen. Auch die inneren Organe in Brust- und Bauchraum werden von sensiblen Fasern (Viszeroafferenzen) erreicht. Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Nervus_vagus, 18.6.2011

[52] Vgl. Fischer, M.; in Traber (Hrsg.); 2008, 74. Vgl. Porges, St., W.; 2010, 43–82

[53] Vgl. Porges, St., W.; 2010, 36

[54] Schmidt, J., B.; 2008, 81

[55] Vgl. http://www.somatics.de/Porges/Porges/Neurozeption.htm, 19.06.2011

[56] Vgl. Porges, S., W.: 2010, 29–34

[57] Vgl. Porges, S., W.; 2010, 37f.

[58] Vgl. Schmidt, J., B.; 2008, 100f.. Eine innerliche Immobilisierungsreaktion – zum Beispiel auch im psychotherapeutischen Setting – kann durchaus mit einer nach aussen gezeigten willigen und kooperativen Haltung einhergehen. Die drei inneren Zustände oder Reaktionsweisen können in bestimmten Situationen (Immobilisationsreaktion als Stressreaktion am Arbeitsplatz) vorliegen und einen höheren Grad an Ausprägung erlangen als in anderen Situationen und auch durch erlerntes oder kompensiertes Verhalten verdeckt werden.

[59] Ein Einzeller hat keine andere Möglichkeit, einer Gefahr – z.B. Nährstoffmangel aufgrund veränderter Wassertemperatur – zu entgehen, ausser den Körper zusammenzuziehen, sich zu verkleinern und den Stoffwechsel auf Energieersparnis herunterzufahren. Dieser Zustand, in welchem jeder Energieverbrauch so weit als möglich reduziert wird als Urmechanismus des Abschaltens, ähnlich einer lebendigen Totenstarre, existiert bis heute. Vgl. Schmidt, J., B.; 2008, 82f.

[60] Vgl. Fischer, M.; in Traber (Hrsg.); 2008, 74f.

[61] Der Parasympathikus wird wegen seiner Rolle in der Nahrungsverarbeitung und Entspannung auch anabolisches System genannt. Vgl. Schmidt, J., B.; 2008, 79

[62] Die Knochenfische erscheinen zum ersten Mal in marinen Ablagerungen des Unteren Devon ( vor 416 Mio. und 397,5 Mio. Jahren) in der fossilen Überlieferung. Knochenfische sind Fische, deren Skelett vollständig oder teilweise verknöchert ist. Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Knochenfische. 19.06.2011

[63] Vgl. Fischer, M.; in Traber (Hrsg.); 2008, 75. Auch Gerda Boyesen hat das Zusammenspiel von Sympathikus und Parasympathikus – allerdings ohne von einer Zweiteilung des parasympathischen Systems auszugehen – bei der Bewältigung von Reizen und Stress sehr anschaulich dargestellt. Vgl. http://www.biodynamische-therapie.ch/?seite=Biodynamik_vasom_Zyklus&index=Ja, 18.6.2011

[64] Vgl.http://www.biodynamische-therapie.ch/?seite=Biodynamik_vasom_Zyklus&index=Ja, 9.06.2011

[65] Vgl. Fischer, M.; in Traber (Hrsg.); 2008, 75

[66] Die Mittelohrmuskeln haben eine sehr wichtige Funktion in der Ausfilterung der niederfrequenten Neben- oder Hintergrundgeräusche, um die menschlichen Stimme (sanfte höher frequente Töne) des Mitmenschen überhaupt zu verstehen. – Wenn der neurale Tonus zu den Mittelohrmuskeln niedrig ist, kann eine niederfrequente Geräuschkulisse nicht gedämpft werden und führen zu Hörschwierigkeiten auch bei Menschen, die normal hören (wenn normales Funktionieren der Chochlea, des Hörnervs und der Hirnregionen, die akustische Informationen verarbeiten vorausgesetzt wird).

Vgl. www.somatics.de/Porges/PorgesAPA_GER.htm, 22.6.2011

[67] Vgl. www.somatics.de/Porges/PorgesAPA_GER.htm, 13.6.2011. Die HHN-Achse ist die HPA-Achse (auch HHNA- oder HPA-Achse: Hypothalamus--Nebennierenachse oder hypothalamisch-hypophysäre Achse). Vgl. Kap. 5.2

[68] Die Medulla oblongata („verlängertes Mark“) ist der unterste Gehirnteil, gehört zum Hirnstamm und damit zum Zentralnervensystem; unter anderem zuständig für feinmotorische Koordination der Muskelbewegungen und für das Richtungshören.

Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Verl%C3%A4ngertes_Mark, 19.06, 2011

[69] Vgl. Schmidt, J., B.; 2008, 90–92

[70] Synonyme: Reiz-Reaktions-Zyklus, Reiz-Adaptions-Zyklus, Stress-Regulations-Zyklus. Vgl. Fischer, M.; in Traber (Hrsg.); 2008, 54

[71] Vgl. Fischer, M.; in Traber (Hrsg.); 2008, 55

[72] Vgl. Fischer, M.; in Traber (Hrsg.); 2008, 54

Vgl. http://www.biodynamische-therapie.ch/?seite=Biodynamik_vasom_Zyklus&index=Ja, 2.7.2010

[73] Vgl. Fischer, M.; in Traber (Hrsg.); 2008, 55

[74] Vgl. Hüther, G.; 2010, 91f.

[75] Vgl. Stern, D.; 2007, 261–264

[76] Das orbitofrontale System des rechten Gehirns gilt als „Kontrollorgan“ für das gesamte rechte Hirn und der rechte präfrontale Cortex ist bedeutsam für Entwicklung und Regulation von Ich-Funktionen, von kognitiven und emotionalen Prozessen. Intensiver zwischenmenschlicher Stress bewirken durch biochemische Veränderung eine Entwicklungsunreife. Neuronale Strukturen werden durch Interaktion geformt. Vgl. Peichl, J.; 2008, 42 f.

[77] Vgl. Peichl, J.; 2008, 39f.

[78] Wenn Erwachsene in wiederholter Weise traumatisiert werden (kumulative Traumata) entwickelt sich eine andauernde Verteidigungsbereitschaft mit einer erhöhten Irritierbarkeit und einer chronischen Erregungsspannung, und bei Kindern kann dies die Grundlage zur Bildung von Persönlichkeitszügen bilden.

Bei der PTBS wurde in neurobiologischen Befunden eine Verkleinerung des Hippocampusvolumens festgestellt.

Der Hippocampus hat eine wichtige Funktion bei der Hemmung der CRH – Freisetzung (Corticotropin Releasing Hormon oder CRF: Corticotropin-Releasing Factor) aus dem Hippothalamus. Die könnte indirekt zu einer Überaktivität der HHN-Achse (auch HHNA oder HPA: Hypothalamus-Hypophyse-Nebennierenachse oder hypothalamisch-hypophysäre Achse) und einer Erhöhung des Cortisolspiegels beitragen könnte. Vgl. Schmahl, C. in Maercker (Hrsg.); 2009, 52f.. Vgl. Van der Kolk, B.A. in Van der Kolk et al.;2000, 215.

Vgl. Peichl, J.; 2008, 27

[79] Vgl. Fischer, M.; in Traber (Hrsg.); 2008, 56f.

[80] Vgl. Sachsse, U.in Sachsse (Hrsg.); 2009, 36

[81] Vgl. http://www.ibp-institut.ch/fileadmin/media/downloads/EWAK_2006.pdf, 13.8.2011. Auf die Multizenterstudie EWAK (Evaluation der Wirksamkeit von ambulanten Körperpsychotherapien), die die Wirksamkeit verschiedener körperpsychotherapeutischer Methoden – unter anderem die Biodynamische Psychologie und auch die Integrative Körperpsychotherapie IBP – in Deutschland und in der Schweiz wissenschaftlich untersucht hat, gehe ich in Kap. 8.1 ein nochmals ein.

[82] Vgl. Fischer, M.; in Traber (Hrsg.); 2008, 57 f.

Vgl.http://www.biodynamische-therapie.ch/?seite=Biodynamik_vasom_Zyklus&index=Ja, 2.7.2010: Darstellung des vasomotorischen Zyklus. Vgl. Boyesen, G.; 1987. Nach Boyesens Theorie behindert die Angstkontraktion die Handlung und Ausdruck von Emotionen und hemmt die notwendige Blutzirkulation folgendermassen: Der steigende Blutdruck in der Alarmphase erzeugt einen starken Druck, der nach emotionaler Entladung drängt. Solange die Entladung nicht stattgefunden hat, bleibt der Blutdruck hoch. Da der Mensch so nicht leben kann, muss der Organismus einen somatischen Kompromiss finden, um den Blutdruck zu senken: Durch Kontraktion der Muskeln, insbesondere des Zwerchfells, wird die Atmung verlangsamt und die Blutzirkulation eingeschränkt: Die Bewegung, die jetzt hätte sein müssen, wird so zurückgehalten. Das geschieht so, dass im Wesentlichen die gestreifte Muskulatur (Skelettmuskulatur) die Reaktion zurückhält. Die im ausgelösten vasomotorischen Zyklus aufgebaute Energie wird also zum grössten Teil gebraucht, um die muskuläre Kontraktion aufrecht zu erhalten, die die Blutzirkulation und das Ausagieren vermindern soll.

Es wird also die Erregungsenergie des vasomotorischen Zyklus zur Unterdrückung des vasomotorischen Zyklus verbraucht. Das Blut wird von den expressiven Körperregionen (Arme, Hände, Beine, Füsse) zu den kontrahierten Muskeln abgezogen ("retrogressive Blutverteilung"). Statt, dass der vasomotorische Zyklus mit einem vollen körperlichen und seelischen Ausdruck, anschliessender Entspannung und Beruhigung beendet wird, gibt es hier nur eine scheinbare Normalisierung mit gravierenden Folgen: Die sympathische Hormonproduktion von Adrenalin und Noradrenalin, die eigentlich durch den emotionalen und körperlichen Ausdruck hätte verbraucht und entladen werden sollen, bleibt nun als giftiger Abfall im Körper.

[83] Vgl. Peichl. J. ; 2008, 40f.

[84] Vgl. Vgl.http://www.biodynamische-therapie.ch/?seite=Biodynamik_vasom_Zyklus&index=Ja, 2.7.2010

Vgl. Fischer, M. in Traber (Hrsg.); 2008, 60f.. Vgl. Boyesen, G.; 1988, 71f.. Vgl. Levine, P.A.; 1998, 106–113

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Titel: Integrative Traumatherapie IBP