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Die feindlichen Brüder im Kampf gegen die Autorität in Schillers "Die Räuber"

Hausarbeit 2007 25 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die feindlichen Brüder
1.1 Karl Moor
1.2 Exkurs: Lacans Spiegelstadium
1.3 Franz Moor

2. Die Vater-Sohn-Beziehung
2.1 Exkurs: Freuds Ödipuskomplex
2.2 Das Über-Ich als Denkmal des Vaters
2.3 Der Verlust des Vaters
2.4 Exkurs: Schiller als Hölderlins ‘Vater’

3. Die Autorität des Vaters
3.1 Schillers Vater
3.2 Schillers ‘Vaterersatz’
3.3 Schillers Lehrer
3.4 Der alte Moor
3.5 Der verlorene Sohn

Resumée

Literaturverzeichnis

Einleitung

Friedrich Schiller (1759-1805) gilt als der große deutsche Dramatiker der Klassik, der ‘deutsche Shakespeare’, der in seinen Dramen das Subjekt in tragischer Zerrissenheit mit Geschichte und Weltpolitik betrachtet. Schiller stammt von einem alteingesessenen, schwäbischen Bauern- und Bürgertum ab. Geboren ist er in Marbach am Neckar, aufgewachsen als zweites von insgesamt fünf Kindern mit einer frommen Mutter und einem soldatisch strengen Vater in Lorch und Ludwigsburg. Sein erster Berufswunsch war Pfarrer.[1]

Aus dem Erlebnis der Freundschaft und einem „glühenden Freiheitswillen“[2] heraus entstand das erste Drama: Die Räuber (1781). Das Stück spielt Mitte des 18. Jahrhunderts und erstreckt sich über einen Zeitraum von ca. anderthalb Jahren. Dem Mannheimer Theaterdirektor von Dalberg schien der revolutionäre Gehalt des Stücks so gefährlich, so dass er es in die Zeit um 1495 verlegte und die Schauspieler in Ritterkostümen auftreten ließ.[3] Das Stück wurde ein großer Erfolg – wegen der großen Gefühle, die hier gezeigt wurden. Hinderer sieht Schillers Erstlingswerk als Wiederspiegelung der problematischen Erfahrungen Schillers in der Karlsschulzeit.[4]

Die Räuber gelten als ein Drama des Sturm und Drang, insbesondere wegen der typischen Motive – feindliche Brüder, Autorität des Vaters – und der wilden, kraftvollen, pathetischen Sprache. Der Sturm und Drang wird heute als späte Phase der Aufklärung gesehen, die vom Philosophen Immanuel Kant und dem Dichter Gotthold E. Lessing entscheidend geprägt wurde: Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, statt sich auf Autoritäten zu berufen (Kant), und allmähliche Befreiung des Bürgertums vom Adel (Lessing, z.B. in Emilia Galotti) gelten als großartige Strömungen der Aufklärung. Darauf baut man im Sturm und Drang auf, verzichtet auf die Überbetonung des Verstands und fordert die Macht des Gefühls. Dem Verstand (Franz) werden Herz, Gefühl, Ahnung und Trieb (Karl) gegenübergestellt.[5]

Die tragischen Helden der Epoche, wie Karl Moor oder Goethes Werther müssen feststellen, „dass ihr innerer Drang, die Welt im Sinne größerer Menschlichkeit und Gerechtigkeit zu verändern, im praktischen Leben scheitern muss.“[6]

Der Idealist Karl und der Materialist Franz in den Räubern begehren beide gegen die väterliche Autorität auf, sie streben nach totaler Freiheit und scheitern beide. Die beiden ungleichen Brüder sollen im Folgenden auf ihre Beziehung mit dem Vater untersucht werden, da beide durch den Verlust des Vaters (physisch bzw. emotional gesehen) geprägt werden.

1. Die feindlichen Brüder

1.1 Karl Moor

Karl ist der Erstgeborene, vom Vater bevorzugt, warmherzig und edel. Er zeigt sich schwärmerisch und idealistisch und ist „durch entsprechende Literatur [Plutarch] zum Rebellen gegen seine Zeit geworden und von phantastischen Erneuerungsgedanken beseelt“.[7] Der Lieblingssohn des über die Maßen geliebten Vaters wird auf einmal dessen Todfeind, da er von ihm einen (vermeintlichen) Verstoßungsbrief enthält. In einer Art Trotz- und Racheaktion gegen seinen Vater wird aus dem Leipziger Studenten ein Räuberhauptmann.

Die heimtückische Intrige des Zweitgeborenen drängt sich zwischen den wartenden Vater und den auf Vergebung hoffenden Karl. Karl fühlt sich seines Existenzgrundes (seines Vaters) beraubt und wird dadurch zum Gewalttäter und Menschenhasser. Aus dem gestörten Vater-Verhältnis schließt er auf den chaotischen Zustand der ganzen Welt:

Ist das Vatertreue? Ist das Liebe für Liebe? […] Oh ich möchte den Ozean vergiften, dass sie den Tod aus allen Quellen saufen! […] Ich habe keinen Vater mehr, ich habe keine Liebe mehr […]! Oh ich will mir eine fürchterliche Zerstreuung machen – es bleibt dabei, ich bin euer Hauptmann! (I, 2)

Dies ist eine ‘Zerstreuung’ mit schwerwiegenden Folgen.

Karls mächtiger Plan, „Rache zu nehmen an der ganzen Menschheit, eine Gesellschaftsordnung zu stürzen und Platz zu schaffen für das edlere Bild der Menschheit, wie er es im Herzen trägt“[8], lässt sich auch als ‘geschwächte’ Idee bei dem jungen Schiller finden, der die Menschheit (durch seine Stücke, nicht durch Frevel!) verändern (sprich: verbessern) wollte.

Sautermeister sieht in Karl Moor jemanden, der den „Horizont der Religion“[9] von Grund auf verfehlt, was wiederum gefährliche Folgen für sein Vaterverhältnis mit sich bringt. Karls Schicksal bezeichnet er als „Schauspiel des fallenden und rebellierenden Engels“[10], welches „die Seele gleichsam bei ihren geheimsten Operationen ertappen“ lässt, so Schiller selbst in seiner Vorrede zur ersten Auflage.[11]

Das Leben unter den Räubern muss für Karl schon eine jenseits der Erfahrung liegende Art des Daseins sein, doch in den Einzelszenen liegen noch mehr Spannungen: Karl als Weltverbesserer, Verzweifelter, Liebender und Bandenführer. Schiller verwendete besonders auffällig das Stilmittel der Kontrastierung.[12] Den Beitritt zur Räuberbande hat Schiller laut Brittnacher als „Pakt mit dem Teufel“[13] beschrieben: „Also verpfänd ich meine Seele dem Teufel“ (I, 2). Dies sind die Worte Schweizers, als er Spiegelbergs Hand ergreift. Das darauffolgende Räuberlied sieht Brittnacher als Wiederholung des Paktmotivs.

Die opinio communis der Forschung geht davon aus, dass die kaltblütige Intrige Franzens den älteren Bruder zum Outsider-Leben zwingt, so z. B. Michelsen: „Franz tritt als aktiver Zerstörer der Ordnung auf; Karl ist lediglich Opfer der gestörten Ordnung.“[14] Doch vielleicht ist dieser Schritt auch dem ‘idealgesinnten’ Karl anzulasten, der eine kleine private Angelegenheit zum Anlass einer ungeheuren Wirkung macht?

Die Seele hat nach Sautermeister vier Lehrmeister: die Natur, die Religion, die Literatur und die bürgerlichen Familienverhältnisse.[15] Diese können auf die Seele ein- und zureden. Um Karls Seelenverfassung zu begreifen, spielen die Aussagen der Umwelt über ihn eine wichtige Rolle. Sautermeister hat Daniel, den alten Moor, Franz und Amalia näher betrachtet und festgestellt, dass Karl in den höchsten Tönen gelobt wird: „Der feurige Geist [...] Offenheit […] Weichheit des Gefühls […] männliche[r] Mut […] diese schöne, glänzende Tugenden [die Karl] zu einem trefflichen Bürger, zu einem Helden, zu einem großen, großen Manne machen […] Ruhm dieses Universalkopfs […]“ (Franz in I, 1). Amalia spricht über ihn als „himmlischen Geist“ und „Nachstrahl der Gottheit“ (IV, 4). Die Ideale der Sturm-und-Drang-Epoche scheinen in Karl vereint.

Karl kennt jedoch den Vater gut genug, um mit seiner Vergebung rechnen zu dürfen. Warum sucht er ihn dann nicht auf? Es hätte Karl „einen Fußfall“, „eine Träne gekostet“, wie er im vorletzten Akt in seiner Selbstanklage bemerkt (IV, 3).

Durch die Intrige seines jüngeren Bruders bzw. die Verstrickung zahlreicher Missverständnisse verändert Karl sein Menschenbild und dadurch seine Lebensumstände in den böhmischen Wäldern. Amalia zweifelt an Franz und enttarnt seine Täuschung: „Verräter, wie ich dich ertappe!“ (I, 3). Doch warum zweifelt Karl nicht an diesen Umständen?

Ein einziger Gedankenstrich verändert Karls Denkweise: seine Vaterliebe schlägt um in den Vaterhass – als Reaktion durch den Liebesentzug?

„Ich habe ihn so unaussprechlich geliebt! so liebte kein Sohn, ich hätte tausend Leben für ihn – (Schäumend auf die Erde stampfend) Ha! wer mir itzt ein Schwert in die Hand gäb, dieser Otterbrut eine brennende Wunde zu versetzen! (I, 2)

Sautermeister sieht Schillers dramatische Kunst darin,

[…] die abgrundtiefe Zwieschlächtigkeit einer Liebe in einem Atemzug hervortreten zu lassen, in einem einzigen Sprachakt zwei extreme Empfindungspole ineinanderzuschlingen – durch nichts vermittelt als einen Gedankenstrich […], der die Abwesenheit jeglichen Gedankens zum Ausdruck bringt.“[16]

Dem Erstgeborenen Karl ist die Trias Natur, Familie und soziale Hierarchie wohlgesonnen. Hat er etwa zuviel Liebe erfahren und ist nun narzisstisch gekränkt und möchte deshalb den Vater töten?

Karl „macht die Gesellschaft zum Experimentierfeld seiner narzisstischen Heldenrolle“[17], indem er von der privaten Verbitterung gegen den unzärtlichen Vater zum „Universalhaß“[18] auftrumpft. „Dem System der Liebe und der ‘chain of being’ tritt das Drama des Universalhasses gegenüber – als Doppeldrama der Gebrüder Moor.“[19]

Karl kämpft gegen die bestehende Ordnung als „Idealist und Moralist“.[20] Voll Hybris jagt Karl der „vollkommenen Gerechtigkeit“ nach, doch in Wahrheit zerreißt er laut Kaiser durch seinen „Mangel an Vertrauen das Band der Liebe zwischen Vater und Sohn“ – ein Mitverschulden der „Verkehrung der Welt […], die er zu bekämpfen meint.[21]

Das Politische trägt nichts zur Entscheidung des Outsider-Lebens als Räuber bei, sondern wird dem „entscheidenden Familienimpuls, dem rasenden Tötungswunsch des gekränkten Lieblingssohns, erst im Nachhinein aufgestülpt“.[22] Sautermeister sieht in Karls Räuberdasein „zunächst eine Ersatzvornahme für die ersehnte Hinrichtung des Vaters“.[23] Mit jedem Verbrechen, so Sautermeister, vollziehe Karl symbolisch den väterlichen Mord.

Freuds Begriffe Es und Über-Ich lassen sich wie folgt auf Karl anwenden: Das aggressive Es gibt den Antrieb zum Vatermord, während das Über-Ich die Gewissensbisse spiegelt und ihn an seinen (Un)Taten zweifeln lässt. Dadurch erscheint uns Karl als „edler“ Räuber[24], als „Nachfolger Robin Hoods – tatkräftiger Anwalt der Armen und Henker ihrer Ausbeuter“[25]. Als Karl von den Verbrechen seiner Kumpanen erfährt („den Kindermord! den Weibermord! – den Krankenmord!“, II, 3), sieht er „seine schönsten Werke vergiftet“ (II, 3).

Seine guten Ansichten hatten die gegenteilige Wirkung, da Rechtsbeugung, Verbrechen und Morde seitens seiner Kumpanen auch ihn ins Unrecht setzen. Spiegelberg, „der Mephisto an seiner Seite“[26], erinnert ihn daran, was alles bereits geschehen ist und drängt ihn zu Weiterem, wenn er nicht selbst scheitern will. Karl fühlt, dass er sich aus der Verkettung mit der Umwelt nicht mehr lösen kann und kämpft mit und für seine Kameraden gegen „die verfluchte Ungleichheit in der Welt“ (I, 2). Doch abermals sind im Namen der Gerechtigkeit Verbrechen geschehen. Der Pater hat die Aufgabe, Karl und seine Bande wieder zusammenzufügen und bietet außerdem Anlass zur Gesellschaftskritik.[27]

In der Gegend an der Donau kommt es zu einer Ruhepause, in der Karl sein Unrecht und seine Einsamkeit erkennt und sich nach seiner unbeschwerten Kindheit zurücksehnt, ja sogar zurück „in seiner Mutter Leib“ (III, 2). Ist das die vom Gewissen aufgestachelte Reue und Unzufriedenheit mit seinem Räuberdasein?

Immer wieder kommen Es und Über-Ich in einen unschlichtbaren Disput. Karl scheint hin- und hergerissen. Seine Zerstörungswut hat sich vom Vater auf die ganze Welt verschoben, doch sind ihm seine destruktiven Wünsche überhaupt bewusst oder hat er sie schon verdrängt?

[...]


[1] vgl. Böhmer 2005; Luserke-Jaqui 2005

[2] Mahnert 2005: 18

[3] vgl. Der Brockhaus Literatur 2004: 738

[4] vgl. Hinderer 1998

[5] vgl. Neuhaus 2003: 120-130

[6] Mahnert 2005: 28

[7] Grenzmann 1964: 18

[8] ebd.: 27

[9] Sautermeister 1991: 313

[10] ebd.: 314

[11] zit. nach Mayer 1987: 86

[12] vgl. Grenzmann 1964: 39

[13] Brittnacher 1998: 348

[14] Michelsen 1979: 84

[15] vgl. Sautermeister 1991: 316

[16] Sautermeister 1991: 319

[17] Sautermeister 1991: 320

[18] vgl. Schiller in der Selbstbesprechung im „Wirtembergischen Repertorium“ (Carl Hanser Ausgabe, Anm.

23. S. 64). Zit. Nach Sautermeister 1991: 321

[19] Schings 1982: 10

[20] Das Räuberbuch 1974: 63

[21] Kaiser 1991: 283

[22] Sautermeister 1991: 321

[23] ebd.

[24] vgl. Neuhaus 2003: 129: „[Karl] führt das Leben eines modernen Robin Hood.“;

vgl. Der Brockhaus Literatur 2004: 741: „[…] in den ‘Räubern’, wo der Held aus Weltverbesserungswillen

zum Verbrecher wird […].“

[25] Sautermeister 1991: 321

[26] Grenzmann 1964: 28

[27] vgl. ebd: 36

Details

Seiten
25
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783656367727
ISBN (Buch)
9783656369936
Dateigröße
555 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v209156
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Institut für deutsche Sprache und Literatur II
Note
1,0
Schlagworte
Schiller Räuber feinliche Brüder Autorität des Vaters Kampf Sturm und Drang

Autor

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Titel: Die feindlichen Brüder im Kampf gegen die Autorität in Schillers "Die Räuber"