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Kleists "Hermannsschlacht" als Literarisierung zeitgenössischer Befreiungskriegsideen

Seminararbeit 2012 24 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Inhaltsangabe

3. Kleist als Dichter des Befreiungskrieges

4. Kleists Hermannsschlacht in ihrem historischen Kontext
a. Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu den antiken
Berichten
b. Befreiungskriegsideen der preußischen Reformer in
Kleists Drama

5. Schlussbemerkung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Damals verstand jeder die Beziehung, wer der Fürst Aristan sey,

der zuletzt zum Tode geführt wird, wer die wären,

die durch Wichtigthun und Botenschicken das Vaterland zu retten meinten“[1]

Was Friedrich Christoph Dahlmann für Kleists „bestes Werk“[2] hält, wird in der modernen Forschung zwiespältig gesehen. Dem Drama wird oft eine Sonderstellung zugeschrieben, die den politischen Umständen der Zeit geschuldet sei.[3] Oft als „Agitationsstück“[4], „gewaltbereiteste[s] Kriegspropagandadrama, das je verfasst worden ist“[5] und sogar als „Fremdkörper in Kleists Werken“[6] bezeichnet, sei dort die Grausamkeit in aller Ausführlichkeit gestaltet.[7]

Der Titel des Kleistschen Werkes mag im ersten Moment wie eine weitere bloße Aufarbeitung des Stoffes um den Cheruskerfürsten Hermann, der in der deutschen Literatur zu einer nationalen Symbolfigur verklärt wurde, anmuten. Kleist scheint nahtlos dort anzuknüpfen, wo Ulrich von Hutten begann und was sich bis Friedrich Gottlieb Klopstock[8] fortsetzte.

Doch fällt dem aufmerksamen Leser unschwer auf, dass es Kleist nicht um die Reproduktion des altbekannten Hermannsstoffes ging. Kleists Hermann passt ganz und gar nicht in das Muster des germanischen Helden, der seit dem 16. Jahrhundert zum deutschen Freiheitshelden und unbestrittenen „Befreier Germaniens“[9] hochstilisiert wurde.

Ganz im Gegenteil: Kleist lässt seinen Protagonisten kalt und unbarmherzig, brutal und listig agieren. Sogar vor Gräueltaten gegen sein eigenes Volk schreckt er nicht zurück, um seine Ziele zu erreichen.[10] Der Ausruf von Varus im fünften Akt bringt das Vorgehen Hermanns auf den Punkt:

O Hermann! Hermann!

So kann man blondes Haar und blaue Augen haben,

Und doch so falsch sein, wie ein Punier?[11]

Aber wieso stellt Heinrich von Kleist seinen Hermann als gefühlskalte Person dar? Welche Intention könnte er mit seinem Werk verfolgt haben, wenn offenbar nicht die Glorifizierung des Cheruskerfürsten?

Angesichts der historischen Ereignisse zu Beginn des 19. Jahrhunderts kommt man nicht umhin, der Hermannsschlacht einen besonderen Charakter zuzumessen. Berücksichtigt der Leser des Stückes die politischen Umstände in der Entstehungszeit des Dramas, so lassen sich zahlreiche Parallelen zu den Vorgängen und Ereignissen jener Tage ziehen. So sieht Peter Michelsen neben der „literarhistorischen“ Bedeutung des Stücks in ihr ein „historisches Dokument“.[12]

Im Folgenden soll daher der Frage nachgegangen werden, in wieweit Kleist die Umstände seiner Zeit und die Berichte antiker Autoren in die Hermannsschlacht miteinfließen ließ. Wo decken sich die Berichte der römischen Geschichtsschreiber mit dem Werk des Dichters? Wo gibt es Abweichungen von den antiken Berichten? Wo im Werk lassen sich die Ideen der preußischen Reformer um den Freiherrn vom Stein, die mit dem Gedanken einer Insurrektion gegen die napoleonische Herrschaft spielten, finden, und wo treten Ungereimtheiten auf?

Um dies zu klären, soll das Augenmerk zunächst darauf liegen, warum Kleists literarisches Schaffen nach 1806 vorwiegend patriotisch gefärbt war.

Anschließend rückt die Beantwortung der Frage, inwieweit sich zeitgenössische Befreiungskriegsideen in der Hermannsschlacht widerspiegeln, in den Fokus der Betrachtung.

Neben den Forschungsergebnissen von Richard Samuel, Wolf Kittler und Christiane Schreiber - um die wichtigsten Werke zu nennen - findet auch die persönliche Korrespondenz Heinrichs von Kleist Berücksichtigung. Kleists Briefe, in denen er sich nicht selten über die politischen Verhältnisse seiner Zeit beklagt, geben einen wichtigen Einblick in die Aktualität, welche Kleist seinem Drama selbst beigemessen hat, wodurch sich wiederum Rückschlüsse auf die politischen Botschaften der Hermannsschlacht ziehen lassen.

2. Inhaltsangabe

Das Drama „Die Hermannsschlacht“ von Heinrich von Kleist thematisiert den Aufstand des Cheruskerfürsten Hermann gegen die römischen Legionen des Varus im Jahre
9 n. Chr. im Teutoburger Wald. Das Werk entstand im Sommer des Jahres 1808 und ist in fünf Akte gegliedert. Das Geschehen erstreckt sich über einen Zeitraum von fünf Tagen.

Hermann, der Fürst der Cherusker, hat sich zum Ziel gesetzt, die Stämme Germaniens vom römischen Joch zu befreien. Um dieses Ziel zu erreich, geht er mit List, Tücke und äußerster Härte vor. Zum Schein geht er ein Bündnis mit Varus ein, sendet aber dem Suevenfürsten Marbod eine Nachricht, indem er um Beistand beim bevorstehenden Kampf gegen Varus bittet. Indes schürt er den Hass des germanischen Volkes auf die Römer, indem er als Römer verkleidete Germanen ausrücken lässt, welche Gräueltaten an der Bevölkerung begehen. Seine wahren Absichten hält Hermann vor den germanischen Fürsten, mit Ausnahme einiger weniger, bis zuletzt geheim. Selbst mit seiner Frau spielt er ein doppeltes Spiel, indem er von ihr verlangt einem römischen Offizier mit Namen Ventidius schöne Augen zu machen. Die entstandene Sympathie Thusneldas nutzt er, um sie für seine Rachepläne zu missbrauchen, sodass Thusnelda den Römer schließlich aufs Grausamste hinrichten lässt.

Schließlich stehen vor der alles entscheidenden Schlacht die zuvor noch untereinander so unversöhnlichen germanischen Stämme geeint auf der Seite des Hermann und sind bereit, gegen Varus ins Feld zu ziehen.

Nach der gewonnenen Schlacht in den dichten Wäldern Teutoburgs, wird Hermann zum König ausgerufen. Er selbst will über diese Sache jedoch erst zu einer anderen Zeit entscheiden und deutet an, dass mit dem erfochten Sieg zwar Germania von den Römern befreit sei, der Kampf gegen Rom aber weitergehe.

3. Kleist als Dichter des Befreiungskrieges

Es steht außer Frage, dass es sich bei Kleists literarischem Schaffen ab 1806 vorwiegend um Befreiungskriegsliteratur handelt. Die Hermannsschlacht ist nicht das einzige Werk des Dichters, in dem es um die Befreiung von Fremdherrschaft geht. In dem Drama Penthesilea oder der Novelle Die Verlobung von St. Domingo s ind revolutionäre Befreiungsakte ebenfalls Teil der Handlung.[13]

Allerdings bildet Die Hermannsschlacht, angesichts ihres Gegenwartsbezugs und die Anspielungen auf politische Vorgänge in Preußen und Österreich zu jener Zeit, eine Ausnahme. Die politische Schrift Katechismus der Deutschen und das Gedicht Germania an ihre Kinder, die kurz nach der Fertigstellung der Hermannsschlacht entstanden, dürften das Ihrige dazu getan haben, um dem Drama seine hohe Brisanz zu verleihen. Besonders, wenn man die persönlichen Briefe Kleists miteinbezieht.

Bringt man all diese Werke und Dokumente miteinander in Verbindung, dann dürfte kein Zweifel bestehen, welche Intention Kleist bei dem Verfassen des Dramas verfolgte. Nicht umsonst betont er nach dem Ausbruch des Krieges zwischen Frankreich und Österreich im Jahre 1809, dass dieses Stück „einzig und allein auf diesen Augenblick berechnet war.“[14] Auch Zeitgenossen Kleists hegen keinen Zweifel an dem Gegenwartsbezug der Hermannsschlacht. So schrieb Christian Gottfried Körner am 19.12.1808 an seinen Sohn Theodor, dass das Werk „Bezug auf die jetzigen Zeitverhältnisse“ habe und „daher nicht gedruckt werden“ könne.[15]

In seiner Zeit beim preußischen Militär hatte sich Heinrich von Kleist mit Jakob August Otto Rühle von Lilienstern und Adolf Heinrich Ernst von Pfuel angefreundet, die später dem Kreis um Gneisenau und Scharnhorst angehörten.[16] Lilienstern beteiligte sich aktiv am Widerstand gegen Napoleon, denn ihm oblag die Aufstellung des Landsturms und der Landwehr. Außerdem beschäftigte er sich mit der Taktik des „Kleinen Krieges“, dem Partisanenkampf, der später auch in Kleists Drama ihren Niederschlag fand.[17]

Nachdem Kleist den Dienst beim Militär quittiert hatte[18], kam er ab 1804 mit Reformern wie dem Freiherrn vom Stein zum Altenstein und Karl August von Hardenberg in Kontakt.[19] Auf Veranlassung dieser beiden reiste er 1805 schließlich nach Königsberg, das als Zentrum der preußischen Reformer galt.[20]

Auch auf seinem späteren Lebensweg, der ihn von 1807 bis 1809 nach Dresden führte, umgab sich Kleist mit Teilen der Dresdener Gesellschaft, in denen ein großes antinapoleonischen Klima vorherrschte.[21] Dort dürfte er auch von den österreichischen Plänen eines kommenden Krieges gegen Napoleon erfahren haben.

Kleists „Patriotismus und sein Haß auf die Feinde seines Landes“ erwachte mit dem Einfall Napoleons, so Heinz Niederstrasser[22] ; auch Peter Philipp Riedl kommt zu der Auffassung, dass die Ereignisse von 1806 das „dichterische Schaffen Kleists entscheidend geprägt, ja erst in Gang gebracht“ habe.[23]

Die persönlichen Briefe des Dichters scheinen diese These zu untermauern. Am 01.01.1809, wenige Monate vor Ausbruch des Krieges zwischen Österreich und Frankreich, schrieb er, dass er „lauter Werke schreiben [wolle], die in die Mitte der Zeit hineinfallen“[24], und am 22.02.1809 bekundete er sein Bedauern, für den Fall, dass er das Stück zurücknehmen müsse, wenn es „die Verhältnisse […] nicht gestatten sollten, es im Laufe dieser Zeit aufzuführen.“[25]

Dass das Drama nach der gescheiterten Erhebung der Österreicher keine Reaktivierung fand, zeigt weiterhin, zu welchem Anlass Kleist seine Hermannsschlacht schuf.

So wundert es auch nicht, dass Kleists sein Drama in dem Hermann-Mythos einkleidet. Sicherlich war einem Großteil der Bevölkerung in den deutschen Landen der Stoff um Hermann den Cherusker bestens bekannt, und daher eignete sich der Stoff besonders gut, um mit ihm ein ganzes Volk auf einen kommenden Krieg gegen Napoleon und die Franzosen und mehr noch, auf seine Bedeutung einzustimmen. Kleist formt den historischen Stoff so um, dass er auf den aktuellen Kontext übertragbar ist.[26] Und so ist es auch Kleists Hermann, der keinen Zweifel an der Aktualität der Hermannsschlacht aufkommen lässt, indem der Autor ihm folgende Worte in den Mund legt:

[...]


I Ippel, Eduard: Briefwechsel zwischen Jacob und Wilhelm, Dahlmann und Gervinius. Bd. 2, Berlin 1886, S. 198-199.

[2] ebd., S. 198.

[3] Amann, Wilhelm: Heinrich von Kleist. Leben. Werken. Wirkung, Berlin 2011, S. 86.

[4] ebd., S. 47.

[5] Michalzik, Peter: Kleist. Dichter. Krieger. Seelensucher, Berlin 2011, S. 338.

[6] ebd., S. 350.

[7] Eybl, Franz M.: Kleist-Lektüren, Wien 2007, S.212.

[8] siehe dazu Ulrich von Huttens Schrift „Arminius“ und Klopstocks Werk „Hermanns Schlacht“.

[9] Tac., ann., 2,88,2.

[10] Heinrich von Kleist: Die Hermannsschlacht, 3. Akt 2. Auftritt, in: Sembdner, Helmut: Heinrich von Kleist. Sämtliche Werke und Briefe. Bd. 1, München 2001, S. 566.

[11] Heinrich von Kleist: Die Hermannsschlacht, V. Akt, 9. Auftritt, S. 608.

[12] Michelsen, Peter: Wehe, mein Vaterland, Dir. Heinrich von Kleist „Die Hermannsschlacht“, in: Kleist-Jahrbuch 1987, hg. von Hans Joachim Kreutzer, Berlin 1987, S. 116.

[13] Grathoff, Dirk: Heinrich von Kleist und Napoleon Bonaparte, der Furor Teutonicus und die ferne Revolution, in: Neumann, Gerhard: Heinrich von Kleist. Kriegsfall. Rechtsfall. Sündenfall, Rombach 1994, S.48-49.

[14] Heinrich von Kleist an Heinrich Joseph von Collin, Brief vom 20.04.1809, in: Sembdner, Helmut: Heinrich von Kleist, Bd. 2, S. 824.

[15] Christian Gottfried Körner, zitiert nach: Schreiber, Christiane: Was sind dies für Zeiten. Heinrich von Kleist und die preußischen Reformer, Frankfurt am Main, 1991, S.181.

[16] ebd., S.36.

[17] ebd., S. 36-37.

[18] Grathoff, Dirk: Heinrich von Kleist und Napoleon Bonaparte, S. 36.

[19] Schreiber, Christiane: Was sind dies für Zeiten, S. 72.

[20] ebd., S. 79.

[21] ebd., S. 92.

[22] Niederstrasser, Heinz: Entartete Zeiten. Randbemerkungen zum Modell eines Befreiungskrieges, Frankfurt am Main u.a. 1989, S. 189.

[23] Riedl, Peter Philipp: Rezension zu Christiane Schreiber: Was sind dies für Zeiten, in: Kleist-Jahrbuch 1994, hg. von Hans Joachim Kreutzer, Stuttgart/Weimar 1994, S. 209.

[24] Heinrich von Kleist an Karl Freiherrn vom Stein zum Altenstein, Brief vom 01.01.1809, in: Sembdner, Helmut: Heinrich von Kleist. Sämtliche Werke und Briefe, Bd. 2, S. 820.

[25] Heinrich von Kleist an Heinrich Joseph von Collin, Brief vom 22.02.1809, in: Sembdner, Helmut: Heinrich von Kleist. Sämtliche Werke und Briefe, Bd. 2, S. 821- 822.

[26] Breuer, Ingo: Kleist-Handbuch. Leben. Werk. Wirkung, Stuttgart 2009, S. 76.

Details

Seiten
24
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656367185
ISBN (Buch)
9783656369530
Dateigröße
559 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v209115
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,7
Schlagworte
kleists hermannsschlacht literarisierung befreiungskriegsideen

Autor

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