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Entwicklung der Philosophie der Technik im 20. Jahrhundert

Von den Anfängen bis 2012

Masterarbeit 2013 89 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1. Zur Themenstellung
1.2. Zur Vorgehensweise
1.3. Zum Stand der PdT[1] zu Beginn und Ende des 20.Jahrhunderts

2. Technikphilosophie von den Anfängen bis ca. 1980: die „klassische“ Phase
2.1. Vorüberlegungen
2.1.1. Zur Frage der Datierung der Anfänge der PdT
2.1.2. Zur Auswahl der zu untersuchenden Texte und Autoren
2.1.3. Zur Frage der systematischen Einordnung der zu untersuchenden Veröffentlichungen
2.2. Technik als Unterwerfung der Natur :
Ernst Koelle und sein „System der Technik“ (1822)
2.3. Technische Artefakte als Organprojektionen :
Ernst Kapps „Grundlinien einer Philosophie der Technik. Zur Entstehungsgeschichte der Cultur aus neuen Gesichtspunkten.“ (1877)
2.4. Technische Erfindungen als Realisierung prästabilisierter Ideen :
Friedrich Dessauers Philosophie der Technik. Das Problem der Realisierung.“ (1927)
2.5. Technik als Möglichkeit und Art der Welterschliessung :
Ernst Cassirers „Form und Technik“(1930)
2.6. Technik als Mittel zur Aufrechterhaltung der Massenwelt :
Karl Jaspers´ „Die geistige Situation der Zeit“ (1931)
2.7. Technik als Anstrengung, Anstrengung zu sparen :
Ortega y Gassets „Betrachtungen über die Technik“ (1933)
2.8. Technik als Entbergen :
Zu Martin Heideggers „Frage nach der Technik“ (1953)
2.9. Technik als Mittel zur Kompensation organischer Mängel :
Arnold Gehlens „Technik in der Sichtweise der Anthropologie“ (1953) und „Neuartige kulturelle Erscheinungen“ (1957)
2.10. Technikpessimismus aus persönlicher Betroffenheit :
Günther Anders´ „Die Antiquiertheit des Menschen“ (1956/1980)
2.11. Technik als Produktivkraft :
Herrmann Leys „Dämon Technik ?“ (1961)
2.12. Technik als Ideologie :
Jürgen Habermas´ „Technik und Wissenschaft als ‚Ideologie’“ (1969)

3. PdT in der Übergangszeit von 1970 -1980: der Beginn der Aufsplitterung
3.1. Allgemeine Überlegungen
3.2. „Small is beautiful“: E.F. Schuhmachers Die Rückkehr zum menschlichen Maß. Alternativen für Wirtschaft und Technik“ (1973 engl. / 1977 dtsch.)
3.3. Friedrichs Rapps „Analytische Technikphilosophie“ (1978)

4. Technikphilosophie seit 1980 :
4.1.Die Situation
4.1.1. Zum Verhältnis der Begriffe „Philosophie der Technik“ und „Philosophy of Technology
4.2. Technikbegriff und Zugehensweise in der „neuen Technikphilosophie“
4.2.1. Max W. Wartofsky (1979): Konzept eines problemorientierter Zugang zur PdT
4.2.2.Frederick Ferré (1988): PdT als Unterthema traditioneller allgemeiner Philosophie
4.2.3. Don Ihde (1993): PdT als selbstständige Philosophie
4.2.4. Carl Mitcham (1994): PdT als Oberbegriff technischer und geisteswissenschaftlicher Problemfelder
4.2.5. A.C.Reydon (2012): PdT als systematische Klärung, Reflexion und Erforschung des Wesens, der Konsequenzen und der Praxis von Technik

5. Beispiele der Komplexität heutiger technikwissenschaftlicher Fragestellungen
5.1. Der Problembereich „Technikfolgenabschätzung“
5.2. Der Problembereich „ Biotechnologie“

6. Fazit
6.1. Die „klassische“ Phase der PdT
6.2. Die Umbruchsphase der PdT von 1970 -
6.3. Die „neue“ PdT
6.4. Die aktuelle Situation der PdT
6.5 Offene Fragen

7. Schlusswort

Literatur

1. Einleitung

1.1. Zur Themenstellung

Wir haben nun einmal die Gewohnheit, frühere Epochen nach Jahrhunderten einzuteilen. Aber kein Jahrhundert lässt es sich gefallen, als Einheit vorgestellt zu werden. Jahrhunderte und Kriege haben das so an sich: Sie sehen am Ende anders aus als am Anfang.“[2]

In der Tat ist die Wahl des Zeitausschnittes „20. Jahrhundert“ im Grunde willkürlich. Da aber die „Philosophie der Technik“[3] eine vergleichsweise junge philosophische Disziplin[4] ist, entstand gerade in diesem Jahrhundert eine grosse Vielfalt technikphilosophischer Ansätze.

Eben diese Vielfalt macht es allerdings nötig, den im Thema formulierten Begriff der „Entwicklung“ vorab näher zu betrachten.

Der Begriff des „Entwickelns“ wird heute im Allgemeinen eher intransitiv im Sinne von „allmählich entstehen, sich stufenweise herausbilden“[5] verstanden, also als Hervorgehen eines Dinges , Lebewesens, Zustandes, einer systematischen Kategorie etc. aus einem Älteren. Ob man den Begriff in dieser Bedeutung überhaupt auf die PdT des gesamten 20.Jahrhunderts anwenden kann, ist allerdings fraglich, wie noch zu zeigen sein wird.

DerBegriff „Entwicklung“ wird aber auch transitiv verwendet im Sinne von „Jemand entwickelt Etwas“. Insofern ist der Titel dieser Arbeit inhaltlich mehrdeutig:

Das Nachdenken über die Entwicklung der Technik des 20.Jahrhunderts ist gleichzeitig selbst Entwicklung, ist Aus-Einander-Setzung der Problematik.

„Angesichts der ungeheuren Fülle technikphilosophischer Literatur...“[6] sowie des vorgegebenen Gesamtumfangs kann sich diese Arbeit nur anhand ausgewählter Beispiele mit der Thematik befassen.

Da die einschlägigen Veröffentlichungen sich aber hinsichtlich verschiedener Merkmale, angefangen vom zugrunde liegenden Technikbegriff bis hin zur Beurteilung der Folgen zunehmender Technisierung, völlig unterschiedlich präsentieren, stellt sich vor der Frage nach der Auswahl der zu behandelnden Veröffentlichungen zunächst generell die Frage nach der Zugehensweise zum zu behandelnden Gegenstand.

1.2. Zur Vorgehensweise

Die Themenstellung impliziert zunächst ein chronologisch orientiertes Vorgehen. Es wird sich im Verlauf dieser Arbeit allerdings zeigen, dass dies nicht immer problemlos möglich ist. Die Gründe hierfür liegen in erster Linie darin, dass etwa seit Beginn der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts eine geradezu lawinenartige Zunahme technikphilosophischer Veröffentlichungen (insbesondere in den USA) zu verzeichnen ist, die von ihrem Gesamtcharakter her nicht mehr mit den Publikationen vorheriger Jahrzehnte zu vergleichen sind.

Diese Ansicht teilt u.a. auch Ropohl (1991, S. 11-13): „In den siebziger und achtziger Jahren dieses Jahrhunderts scheint nun die Technikphilosophie in ein neues Entwicklungsstadium einzutreten...Die Profilierung einer professionellen Technikphilosophie zeigt sich vor allem in der anwachsenden Produktion einschlägiger Literatur.“[7]

Dies wiederum hängt mit den in der Technik selbst einsetzenden Veränderungen dieser Zeit zusammen: „Häufig sind es neue technische Entwicklungen (z.B. neue Medien oder die Gentechnik), ein verändertes Umweltbewusstsein oder die Erfahrung technischer Katastrophen, die ein philosophisches Nachdenken anregen.“[8] Nach einer gewissen Übergangsphase (ca.1970 - 1980) wird die Gesamtproblematik Technik / Technikphilosophie schlagartig so komplex, dass eine rein chronologisch orientierte Bearbeitungsweise nicht mehr möglich ist. In der bis dahin mehr oder weniger kontinuierlichen Entwicklung der PdT entsteht ein bemerkenswerter Bruch, dem die hier vorliegende Untersuchung inhaltlich, methodisch und formal Rechnung tragen muss.

Von daher ergeben sich für die Arbeit zunächst drei Hauptschwerpunkte: einmal die Befassung mit dem Bereich der PdT von ihren Anfängen bis hin zum Auftreten der ersten Anzeichen der Aufsplitterung ab ca.1970, zum Anderen die Darstellung der folgenden Übergangsphase bis etwa 1980 und dann die Untersuchung der von da an entstehenden neuen Entwicklungen bis ins 21.Jahrhundert hinein.[9] [10] In einem weiteren Abschnitt soll dann die Komplexität heutiger technikwissenschaftlicher Fragestellungen beispielhaft anhand der Themenkomplexe „Technikfolgenabschätzung“ und „ Biotechnologie“ dargestellt und im Anschluss an diesen Teil ein abschliessendes Resümee gezogen werden.

Hinsichtlich der bereits oben angesprochenen Problematik der Auswahl beispielhafter Texte und Autoren ist anzumerken, dass im Folgenden in der Regel lediglich die Gründe für die jeweilige Aus wahl, nicht aber die Gründe für eine Nicht auswahl angeführt werden, da letzteres den Rahmen sprengen würde.

Wenn nun im Folgenden die Entwicklung der PdT über ein ganzes Jahrhundert hin in den Blick kommen soll, so ist zunächst einmal in aller Kürze der Ist - Stand der PdT zu Beginn und zum Ende des Jahrhunderts zu erheben und zu vergleichen.

1.3. Zum Stand der PdT zu Beginn und Ende des 20.Jahrhunderts

Die Frage nach dem Ist - Stand der PdT war zu Beginn des 20.Jahrhunderts im Wesentlichen die Frage nach dem herrschenden Verständnis von dem, was Technik „ist“. Zwei im engeren Sinne technikphilosophische Entwürfe lagen zur Jahrhundertwende vor, nämlich Koelles „System der Technik“ von 1822 und Kapps „Grundlinien einer Philosophie der Technik“ von 1877.[11]

Koelle fasst sein Technikverständnis mit den Worten zusammen: „Die Thätigkeit, welche eine Unterwerfung der Natur zum Zwecke hat, bezeichnet das Wort ‚Technik’.“[12] Kapp seinerseits möchte mit seiner Theorie der „Organprojection“ nachweisen, „...dass die Technik die spezifische Form der Selbsterkenntnis des Menschen hinsichtlich seiner leiblichen Organisation ist.“[13]

Die zu Beginn des Jahrhunderts herrschenden Vorstellungen von Technik aus technikphilosophischer Sicht präsentieren sich also als durchaus überschau- und verstehbar.

Wesentlich anders ist dagegen der Befund zum Ende des Jahrhunderts, insbesondere hinsichtlich des Technikbegriffs. Grunwald resümiert 2008 die Situation mit der Feststellung. „Es kann daher keine Rede von einem allseits anerkannten generalisierenden Technikbegriff sein.“[14] Nordmann bezeichnet im gleichen Jahr die PdT als “...ein Fachgebiet ohne eigene Fragestellung.“[15] Ebenfalls 2008 konstatiert Böhme[16], dass es trotz der faktischen Existenz von PdT als akademischem Feld kein dieses Feld beherrschendes Paradigma gibt.

Als hilfreich für den Umgang mit dieser Situation wird allgemein die bekannte Definition von Grunwald und Julliard aus dem Jahr 2005 empfunden, die als Technik das bezeichnen, was wir meinen, wenn wir allgemein über Technik reden.[17] Grunwald erläutert: „...wir konstituieren das Technische und das Nichttechnische durch Zuschreibungen.“ [18]

Vergegenwärtigt man sich jeweils die Definition von „Technik“ einerseits durch Koelle und andererseits durch Grunwald/Julliard, so könnte der Unterschied wohl kaum grösser ausfallen. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts hat hier in der Tat eine „Entwicklung“ stattgefunden, allerdings vom Ergebnis her gerade nicht im Sinne einer Ent wicklung eines vorher ver wickelten Gegenstandes. Die Problematik präsentiert sich zum Ende des Jahrhunderts im Gegenteil verwickelter und vielschichtiger als je zuvor.

Dies gilt allerdings keineswegs nur hinsichtlich einer Definition des Technikbegriffs, sondern auch im Blick auf zahlreiche weitere technikphilosophische Fragestellungen. Beispielhaft seien hier folgende Problemkreise genannt: Kann man heute überhaupt allgemein anerkannte „Hauptgebiete“ der PdT oder gar das „Wesen“ der Technik benennen ? Welche Ziele kann eine PdT heute eigentlich haben ? Welche Fragen hat die PdT heute an die Technik ? Welche Ansätze und Zugangsarten gibt es ? Kann man diese auf irgendeine Weise bündeln oder kategorisieren ? Welche Parallelen, Unterschiede oder Beziehungen bestehen zwischen Technik- und Wissenschaftsphilosophie ? Welche Antworten kann Technikphilosophie auf Fragen der Risikoabschätzung geben, etwa im Zusammenhang mit Problemen der Kernenergie oder der Biotechnologie oder im Hinblick auf die Einführung neuer Technologien überhaupt ?

Eine Arbeit über die Entwicklung der Technikphilosophie im 20.Jahrhundert wird sich mit dieser Art von Fragen zu befassen haben, wobei aufgrund der Volumenvorgabe und der Stofffülle auch hier wiederum nur exemplarisch vorgegangen werden kann.

Wie die vorangegangene Listung beispielhafter Problemkreise bereits impliziert, bedeutet „exemplarisch“ im Zusammenhang mit dem dritten Hauptkomplex der Arbeit, dass es hier (anders als im ersten, und mit gewissen Einschränkungen auch im zweiten Hauptkomplex) nicht mehr um die Untersuchung beispielhaft ausgewählter Autoren und ihrer Texte gehen kann,[19] sondern um die Befassung mit exemplarisch gewählten Problemkreisen.

Wenn nun im Folgenden als erster Hauptkomplex die Entwicklung der PdT im Zeitraum von den ersten Anfängen bis ca.1980 untersucht werden soll, so sind zunächst einige Vorüberlegungen u.a. hinsichtlich der Datierungsproblematik und der Auswahl der zu behandelnden Texte bzw. Autoren anzustellen.

2. Technikphilosophie von den Anfängen bis ca. 1970: die „klassische“ Phase

2.1. Vorüberlegungen

2.1.1. Zur Frage der Datierung der Anfänge der PdT

Unter einer Vielzahl von Autoren der Technikphilosophie besteht Einigkeit darüber, dass die Ursprünge der philosophischen Beschäftigung mit Grundfragen der Technik bis in die Antike zurückreichen,[20] dass aber bis ins 19. Jahrhundert hinein Überlegungen zur Technik selten Zentralthema philosophischer Erörterungen waren, sondern eher verstreut in feulletonistischen oder wissenschaftlichen Arbeiten auftauchten, in denen eigentlich andere Themen im Fokus waren.[21]

Allgemein wird Kapps „Grundlinien einer Philosophie der Technik. Zur Entstehungsgeschichte der Cultur aus neuen Gesichtspunkten“ von 1877 als „erstes genuin technikphilosophisches Werk“[22] betrachtet, insbesondere, weil hier der Begriff „PdT“ erstmalig auftaucht.[23] Wartofsky sieht den Beginn der „modernen“ PdT in Bacons Novum Organon bzw. Nova Atlantis[24], Mitcham bei Ure[25]. Fischer ist sich mit sich selbst nicht ganz einig, entscheidet sich zunächst für Kapp, dann für Koelle[26], legt sich dann aber auf Wolff fest: „Der erste Technikphilosoph war Christian Wolff“.[27] Rohbeck merkt an, dass Kapp bereits von Carl Ritters „Kulturgeographie“ beeinflusst war[28]. Hubig wiederum hebt die bedeutende Rolle von Koelles „System der Technik“ von 1822 bei der Etablierung einer eigenständigen PdT hervor.[29]

Auch Fischer unterstreicht die Bedeutung des Werkes Koelles, ins Besondere hinsichtlich der Tatsache, dass Koelle hier erstmalig die Bereiche Kunst und Technik klar voneinander trennt und dadurch die Basis dafür schafft, dass fortan erstmalig von „der“ Technik gesprochen werden kann.[30]

Aufgrund der von Hubig und Fischer angeführten Argumente hinsichtlich der Bedeutung Koelles für die Entstehung und Entwicklung einer eigenständigen PdT hat sich der Verfasser entschieden, den Beginn der „modernen“ Technikphilosophie mit dem Erscheinen von Koelles „System der Technik“ 1822 zu datieren. Dies hat Konsequenzen für die Auswahl der im ersten Hauptkomplex dieser Arbeit zu behandelnden Texte.

2.1.2. Zur Auswahl der zu untersuchenden Texte und Autoren

Die Festlegung auf die Veröffentlichung von Koelles „System der Technik“ 1877 als Anfangspunkt der modernen PdT ist über ihre Sachangemessenheit hinaus hilfreich bei den zu treffenden Entscheidungen im Blick auf das vorgegebene Gesamtvolumen der Arbeit. Eine Auseinandersetzung etwa mit den antiken Wurzeln der Technikphilosophie, den mittelalterlichen Schriften oder auch mit Bacon kann in diesem Rahmen nicht stattfinden.[31]

Bei der Auswahl der zu behandelnden Texte und Autoren wendet der Verfasser im ersten Hauptteil folgende Kriterien an:

a) Die Veröffentlichung muss zwischen 1822 und ca.1970 stattgefunden haben
b) Sie muss individuelle Besonderheiten hinsichtlich des technikphilosophischen Ansatzes und Inhaltes aufweisen
c) Sie sollte die technikphilosophische Diskussion für eine gewisse Zeitspanne beeinflusst haben
d) Es soll auch die Technikphilosophie der DDR - Zeit berücksichtigt werden[32]

Eine weitere Entscheidung, die nach Festlegung der zu behandelnden Texte noch zu treffen ist, beinhaltet die Frage, nach welcher Systematik die Schriften geordnet und untersucht werden sollen.

2.1.3. Zur Frage der systematischen Einordnung der zu untersuchenden Veröffentlichungen

Wie eingangs erwähnt, impliziert die Themenstellung eine chronologische Orientierung. Bis hin zu den Veröffentlichungen der 80er Jahre ist dies auch durchaus möglich.[33] Grundsätzlich wäre es auch durchaus sinnvoll, die Texte vom Inhalt bzw. Zugang her zu systematisieren (z.B. ontologische, anthropologische, metaphysische oder kulturphilosophische Zugangsweisen zusammen zu fassen) oder sich an bestimmten Problembereichen (z.B. der Frage der zunehmenden Technisierung aller Lebensbereiche etc.) zu orientieren. Eine Einordnung der Autoren und Texte nach den Kriterien einer positiven oder negativen Einstellung zur technischen Entwicklung hat sich als nicht möglich heraus gestellt, da sich bei den verschiedenen Autoren (allenfalls mit Ausnahme von Koelle und Kapp) die Grenzen verwischen.

Zwei beachtenswerte Vorschläge zur systematischen Einordnung machen Rapp und Ropohl.[34] Sie empfehlen zum Ersten die Zusammenfassung unter acht thematisch orientierte „Diskussionsperspektiven“, die sie insgesamt als „Hystorische Typologie“ bezeichnen.[35] Letztendlich entsteht dann allerdings bis auf wenige Ausnahmen im Grunde wieder eine achtteilige Chronologie, nur eben in acht Teilen Der zweite Vorschlag beinhaltet eine komplizierte „Morphologische Systematik“, bei der Überschneidungen und Mehrfachnennungen vorkommen. Die Hauptkriterien hierbei sind thematische Schwerpunkte, philosophische Orientierungen und disziplinäre Orientierungen, jeweils mit zahlreichen Unterpunkten.

Diese morphologische Systematik wäre der Komplexität der Thematik durchaus angemessen, ist aber allein vom Umfang her für diese Arbeit nicht anwendbar. All dies in Betracht ziehend, hat sich der Verfasser im Hinblick auf den Bereich der „klassischen“ PdT bis 1980 letztlich für eine chronologisch orientierte Systematisierung und Vorgehensweise entschieden. Insofern wird nun zunächst mit Koelles „System der Technik“ von 1822 der Anfang gemacht.[36]

2.2. Technik als Unterwerfung der Natur:

Ernst Koelle und sein „System der Technik“ (1822)

Mit seinem „System der Technik“ steht Koelle seinerseits in der Tradition der „Kunstgeschichten“ von J .Beckmann, der 1777 in diesem Zusammenhang den Ausdruck „Technologie“ benutzt.[37] Diese „Kunstgeschichten“ sind der Versuch einer systematischen Gesamtdarstellung aller mechanischen (und teils auch der Schönen ) Künste.

Die Problematik der Systematisierung behandelt Koelle in einer längeren Einführung, in der er auch eine philosophische Bestimmung der Technik unternimmt:

„Die Thätigkeit, welche eine Unterwerfung der Natur zum Zwecke hat, bezeichnet das Wort „Technik“. Der Ursprung der Arbeit ist also auch der Ursprung der Technik.“[38] Im Unterschied zu den „Kunstgeschichten“ ist Technik nun ausdrücklich von den Künsten abgegrenzt. Ausserdem ist „Technik“ nun nicht mehr die Summe verschiedener „Techniken“, sondern eine eigene Wesenheit. Hier entsteht der die zukünftigen Überlegungen beherrschende Begriff „der“ Technik[39].

Darüber hinaus findet sich bei Koelle bereits im Ansatz die im folgenden Jahrhundert vieldiskutierte Frage des Verhältnisses zwischen Technik und Wissenschaften. Die Zusammenhang von Technik und Wissenschaft ist für Koelle einerseits ein weiteres Abgrenzungskriterium von der Kunst, vor allem aber sieht er aber in dieser Richtung die Zukunft und Aufgabe der technischen Entwicklung: „Die höchste gegenwärtige Aufgabe für die Technik ist, die angefangene Amalgamation mit der Wissenschaft zu vollenden.“[40] Insgesamt ist Koelle deutlich technikoptimistisch: „Die Technik befreundet den Menschen mit der Natur.“[41]

Koelles Sichtweise orientiert sich am Produkt: „...das Product hat die Entwicklungsstufen der vorigen Momente schon durchgemacht, und während die früheren Gesichtspuncte ihren Zweck nur in dem Gewerbsleben haben, hat dieser ihn in dem allgemeinen Leben.“[42] Von daher systematisiert er Technik zunächst unter den Kriterien Erzeugung, Entfaltung und Verarbeitung. Im letzteren Bereich sieht Koelle den entscheidenden Ansatzpunkt menschlicher Kreativität, hier entstehen Erfindungen, und der Mensch ist bestrebt, „durch willkührliche Wiedervereinigung der Theile seine eigene schaffende Kraft zu prüfen.“[43]

An dieser Stelle führt Koelle nun noch eine vierte Stufe der Produktion ein, die Veredelung:

„Durch diese Veredlung versammelt der Mensch alle Genüsse und Bequemlichkeiten dieses Lebens in der Vollendung sowohl ihres Wesens als ihrer Gestalt um sich. Dieses ist die Tendenz des Luxus. Er ist daher nicht bloß verzeihlich, sondern für die Entwicklung des Lebens sogar nothwendig.“[44]

Koelle unterscheidet aber den Luxus und seine ihm immanente Tendenz zum Schönen deutlich von der Mode, die er als Wechsel der Einseitigkeiten und Entwicklungskrankheit des Luxus sieht.[45] Sein Technikverständnis trägt mit dazu bei, dass er den Menschen anthropologisch in einer Art Geviert, „wie man sagen könnte, von Erde und Himmel, physischem und geistigen Dasein“[46] verortet:

„Die Herstellung des Gleichgewichtes zwischen Erde und physischem Daseyn heißt Geschichte der Technik, desjenigen zwischen physischem und geistigem Daseyn: Culturgeschichte, und desjenigen zwischen geistigem Daseyn und dem Himmel: Religionsgeschichte.“[47]

Koelle war, wie hier nicht unerwähnt bleiben soll, wie fast alle anderen Autoren der Technikphilosophie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts vom Beruf her kein Philosoph, sondern Lehrer und Privatdozent für Geographie und Geschichte.[48]

2.3. Technische Artefakte als Organprojektionen:

Ernst Kapps „Grundlinien einer Philosophie der Technik. Zur Entstehungsgeschichte der Cultur aus neuen Gesichtspunkten.“ (1877)

Wie bereits der Untertitel des Werkes erahnen lässt, sieht Kapp einen signifikanten Zusammenhang zwischen Technik und Kultur. Rohbeck[49] macht darauf aufmerksam, dass Kapps Technikphilosophie auf dem Hintergrund einer bereits ausgearbeitet vorliegenden Kulturgeographie (Carl Ritters u.a.) entstanden ist.

Der Ansatzpunkt von Kapps PdT liegt in seiner Theorie der „Organprojection“, mit der er der im 19. Jh. gängigen Vorstellung von Sinneswahrnehmung als projektivem Verhalten (also nicht mehr als einer nur passiven Rezipierung von Eindrücken) entspricht[50] „In allen diesen Fällen ist Projiciren mehr oder weniger das ...Verlegen eines Innerlichen in das Aeussere.“[51]

Dieses Grundprinzip verallgemeinert Kapp hinsichtlich der Organe des Menschen einerseits und der Technik andererseits: Der Mensch projiziert quasi die Organe in technische Geräte, Werkzeuge und letztlich auch in komplexe technische Systeme, d.h. seine Organe werden in der Aussenwelt noch einmal produziert.

Dies macht Kapp an diversen Beispielen deutlich. So sieht er die etwa die menschliche Hand in ihren verschiedenen Stellungen und Funktionen als Urbild aller Werkzeuge[52] den Hammer als Entsprechung des ausgestreckten Arm mit geballter Faust etc., versteht aber auch komplexere technische Systeme als projektierte Abbildung innerer Organe: so entspricht das Gütertransportsystem dem Blutkreislauf, das Netz der Telegrafendrähte den Nervenbahnen usw.[53]

Generell sieht Kapp „...die ersten Werkzeuge als eine Verlängerung, Verstärkung und Verschärfung der Organe“[54], ein Aspekt, dem sich Gehlen ca. 80 Jahre später noch besonders widmet.[55]

Kapps Theorie von der technischen Imitation der Organe richtet sich nicht zuletzt gegen die seit der Renaissance herrschende Vorstellung vom Techniker als genialem Erfinder, wie sie sich etwa noch bei Dessauer findet.

Allerdings ist Kapps Theorie von der Projektion der Organe in technische Artefakte etwa im Beispiel des Telegrafennetzes von der Struktur her zwar nachvollziehbar, ob es sich hier allerdings um eine „Imitation“ des Nervennetzes geht, darf bezweifelt werden.

Kapp geht es in seiner Theorie der „Organprojection“ aber keineswegs nur um den Aspekt der Entstehung technischer Artefakte, sondern genauso, und dies ist kulturtheoretisch von nicht unwesentlicher Bedeutung, um die Rückprojektion des technischen Artefakts auf den Menschen zum besseren Verständnis seiner Organe[56] und letztendlich seiner selbst.[57]

Deutlich wird dies z.B. im Falle der Augenlinse, die erst nach der Erfindung von Lupe, Fernglas und Mikroskop als solche erkannt wurde. Ebenso entdeckte Harvey den Blutkreislauf erst, nachdem das Herz als mechanische Pumpe definiert wurde.[58]

Das Selbst des Menschen hat bei Kapps Theorie der Organprojektion eindeutig seinen Sitz im Leib[59].

Auch dies ist, ebenso wie die o.g. Genese technischer Artefakte, aus heutiger Sicht eher fragwürdig, der Grundgedanke aber, dass eine sich entwickelnde Technik immer wieder neue Plattformen und Bedingungen für Selbst- und Welterfahrung des Menschen bietet, bleibt gültig. So beruft sich etwa Cassirer in dieser Hinsicht explizit auf Kapp.

2.4. Technische Erfindungen als Realisierung prästabilisierter Ideen:

Friedrich Dessauers Philosophie der Technik. Das Problem der Realisierung.“ (1927)

In der grundsätzlich technikoptimistischen Tradition Zschimmers[60] und etlicher seiner Zeitgenossen schreibt auch Dessauer, neben seinem philosophischen Wirken u.a. Physiker und Ingenieur, der Technik eine befreiende Funktion zu, befreiend insofern, als der Mensch im Rahmen der naturgesetzlichen Gegebenheiten mit Hilfe technischer Objekte Naturprozesse frei regeln bzw. überwinden kann.[61]

Dessauers technikoptimistischer Ansatz steht in engem Zusammenhang mit seiner „Vier -Reiche - Lehre“.[62] „Nicht um uns mit Kant zu identifizieren...sondern um anschließend leichter zu klären, was mit dem vierten Reich gemeint sei“,[63] zieht Dessauer nun Kants „Kritiken“ heran, da sie nach seiner Meinung in den jeweiligen Befassungsgegenständen drei „Reichen“ entsprechen: „Erstens das Reich der Naturwissenschaften und Erscheinungen, mit dem sich die „Kritik der reinen Vernunft“ beschäftigt, zweitens das Reich der praktischen Vernunft, des Sittengesetzes oder das Reich des idealen Sollens und drittens das Reich des Ästhetischen und Zweckmäßigen, wie es in der „Kritik der Urteilskraft“ behandelt wird.“[64]

Innerhalb dieser drei Reiche ist aber „Technik nicht beschlossen. Die eindeutig vorgegebenen Formen der bereiten Schöpfung sind in einer anderen Ebene (dem Vierten Reich, Verf.). Und anders ist hier wiederum das Verhältnis des Menschen zum ‚Ding an sich’, wenn er eine der potentiellen Gestalten ‚erfindend’ in die Sinnenwelt herüberholt.“[65]

Dessauer geht also davon aus, dass im „Vierten Reich“ sämtliche Erfindungen, die der Mensch je benötigt, bereits von Gott als Idee geschaffen „prästabilisiert“ vorhanden sind . Die Herüberholung in der Erfindung gleicht quasi einem neuen Schöpfungsakt, der Erfinder fungiert als „Medium“, durch das die bereits vorhandene Idee den Weg in die „reale“ Wirklichkeit finden kann. Als Konsequenz dieser Prästabilisationstheorie ergibt sich für Dessauer, dass es für jedes technische Problem genau eine ideale Lösung gibt.

Im Hinblick auf Kant wäre die Herüberholung bzw. Realisierung der prästabilisierten Idee durch und als Technik in letzter Konsequenz ein Erscheinenlassen des „Dings an sich“.

Fischer konstatiert hier einen klaren Widerspruch zu Kant , nach dessen Ausführungen Ideen zwar „den Verstandesgebrauch regulieren“, „sich als Erklärung aufdrängen oder dem menschlichen Handeln seine Form geben“, aber niemals „zur sinnlichen Anschauung gelangen“ können.[66]

Dessauers Schrift lässt sich durchaus auch als Gegenentwurf zu Kapps Konzeption von Technik als Nachahmung von Natur auf Grundlage der Organprojektion verstehen. Dessauer selbst macht dieses Anliegen deutlich, wenn er etwa schreibt[67]: „...Die Nähmaschine näht anders als der Mensch, die Mühle mahlt anders als die Zähne...Also nicht in Anlehnung an die Natur, nach einer der Natur ganz fremden Ordnung sind viele Werke der Technik gebaut.“

Zoglauer weist darauf hin[68], dass Dessauers „Apotheose der Technik“, die in Aussagen wie „Technik ist Begegnung mit Gott“[69] gipfelt und so im technischen Handeln einen „heiligen Akt“ sieht, letztlich keine negativen Folgen von Technik zu sehen in der Lage ist und deshalb zu seinem „ungebremsten Technikoptimismus“ führen muss.

Nachgerade befremdlich wirkt allerdings, dass Dessauer auch nach dem 2. Weltkrieg und nach Hiroshima und Nagasaki nicht nur unverändert bei diesem seinem Technikoptimismus geblieben ist, sondern seine 1927 veröffentlichten Gedanken in seinem Werk „Streit um die Technik“ von 1956 noch einmal aufnimmt und weiterführt und in diesem Werk explizit eine zukünftige positive Nutzung von Atomkraft und Biotechnologie als selbstverständlich erwartet.

2.5. Technik als Möglichkeit und Art der Welterschliessung:

Ernst Cassirers „Form und Technik“(1930)

In den dreissiger Jahren des 19. Jahrhunderts nimmt Cassirer die Ausführungen Kapps noch einmal explizit auf.

Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die Ähnlichkeit der Funktion von Technik und Sprache. Cassirer sieht sowohl im technischen Tun wie auch im sprachlichen Denken jeweils bildendes Gestalten zur „Gewinnung eines anschaulichen Weltbildes“[70] Sprache und Technik verleihen der Welt jeweils Form und machen so ihr Erschliessen möglich.

Dabei führt die Verschiedenheit der Technik ebenso wie die Verschiedenheit der Sprachen zur „Verschiedenheit der Weltansichten selbst“[71]

Dies bewirkt eine Reduktion der magisch - mythischen Fülle der Welt auf eine feste Norm. Die Wirklichkeit verliert aber dadurch keineswegs ihre Formbarkeit, ihre Plastizität, ist aber nun in einen bestimmten Rahmen der Regeln des Möglichen quasi eingespannt.

Auf diese Weise entsteht Einsicht in das Mögliche, sodass der Mensch nun eine Grenze seiner affektiv - mythischen Wunschallmacht hat.[72] An die Stelle des blossen Wunsches tritt die Macht des Willens.

Nun kann der Mensch zielgerichtet nach Mitteln und Werkzeugen zur Befriedigung von Wünschen suchen. Cassirer sieht hier eine weitere Analogie von sprachlichem Denken und technischem Handeln in der Funktion von Werkzeugen bei Letzterem und Funktion der Mittelglieder beim logischen Schliessen bei Ersterem.[73]

Für die frühen Phasen der Technikgeschichte, d.h. im Hinblick auf die Entstehung einfacher Werkzeuge übernimmt Cassirer in weiten Teilen Kapps ersten Teil der Theorie der Organprojektion, nach der ja Werkzeuge jeweils Nachbildungen eines bestimmten Organs sind. Dieser Teil der Theorie Kapps entspricht ja durchaus Cassirers Vorstellung über das mimetische Stadium des Mythos.

Was die spätere Technikphase im Sinne der Technik als symbolischer Form angeht, kann Cassirer diesen Teil der Organprojektionstheorie nicht mehr übernehmen und postuliert demgegenüber die „Mündigkeit“ der Technik gegenüber den Vorbildern der Natur.[74]

(Letzterer Gedanke findet sich wieder in Gehlens Überlegungen zur „Zweiten Kulturtransformation“.)

Insofern Cassirer allerdings die Auswirkungen der Technik auf die Schaffung sinngebender Bedeutungen für den Menschen bzw. die Kultur untersucht, übernimmt er wörtlich den zweiten Teil der Theorie Kapps.

Wie Kapp, so sieht auch Cassirer in der fortschreitenden technischen Entwicklung das Medium, durch das der Mensch fortschreitend seine Erkenntnis hinsichtlich der Welt und seiner Selbst erweitern kann: „Es ist nicht zuviel gesagt, wenn man behauptet, dass in dem Übergang zum ersten Werkzeug nicht nur der Keim zu einer neuen Weltbeherrschung, sondern dass hier auch eine Weltwende der Erkenntnis einsetzt.“[75]

An dieser Stelle postuliert Cassirer einen Doppelprozess hinsichtlich der Pole der Beziehung Mensch - Natur: auf der einen Seite ändert sich das Selbstverständnis des Subjekts, andererseits entsteht ein neues Verhältnis zur Natur:

Die Anerkennung der äusseren Natur als unabhängiges Sein lässt quasi rückwirkend den mythischen Wunsch zur distanzierten Zielvorstellung und damit zum rationalen Willen werden. Die Möglichkeitsbedingung dieses für die Technik bzw. für die Technikreflexion grundlegenden Schrittes ist eben der oben erwähnte Übergang zum ersten Werkzeug:

„Im Werkzeug und in seinem Gebrauch...wird zum ersten Mal das erstrebte Ziel in die Ferne gerückt.“[76] Erst durch das Werkzeug bzw. seinen Gebrauch, die sich als Mittelglied zwischen Wunsch und Ziel schieben, entsteht ein Unterschied von Wunsch und Wille. Der Werkzeuggebrauch auf der Grundlage dieser Unterscheidung ermöglicht erst neue Erfahrungen, etwa die der Kausalverknüpfung. Andererseits ist zur Bildung realistischer Zielvorstellung im Rahmen der zur Verfügung stehenden Werkzeuge ein ausgeformter Wille nötig.

Hier manifestiert sich der Unterschied zwischen Kapps Anthropologie, der ein Ich postuliert, das sich in die Maschinen und Werkzeuge projiziert, um sich dann in diesen zu finden und wiederzuerkennen, und dem „spezifisch kulturtheoretische(n) Zugriff von Cassirer“[77] Bei Cassirer setzt die Entwicklung einer Differenz zu Welt und Wunsch die Herausbildung eines selbständigen Ichs grundsätzlich erst voraus. Der Werkzeugumgang hat bei Cassirer im Gegensatz zu Kapp keinen „Wiedererinnerungswert“ des Selbst an das eigene Selbst, sondern eine setzende Funktion: Das veränderte Selbst- und Weltverständnis und damit auch das Verständnis von Technik ist Ergebnis eines geistigen Aktes, den Cassirer als spezifische Kulturleistung versteht und mit „Poiesis“ umreisst.[78]

In diesem Zusammenhang merkt Rapp kritisch an, dass diese von Hegel inspirierte (und bei Marcuse an manchen Stellen wieder anklingende) Deutung von Technik als realisiertem Geist die Gefahr in sich birgt, die Technikdiskussion auf ein zu abstraktes Niveau und damit wieder weg von der Sicht von Technisierung als „Teil der kollektiven kulturellen Selbstdefinition der Menschheit“[79] zu führen.

Letztendlich bleibt auch offen, an welcher Stelle die von Cassirer postulierte kulturschaffende und damit freiheitsfördernde Technisierung durch Übertechnisierung möglicherweise beginnt, eher gegenteilige Folgen entstehen zu lassen.

2.6. Technik als Mittel zur Aufrechterhaltung der Massenwelt:

Karl Jaspers´ „Die geistige Situation der Zeit“ (1931)

Jaspers Buch wurde in der Nachkriegszeit häufig als Programmschrift eines sich gegen jegliche Vereinnahmung durch totalitäre und nivellierende Tendenzen stemmenden Liberalismus und personaler Verantwortlichkeit rezipiert. Dazu trägt sicherlich nicht zuletzt auch der von Jaspers in dieser Schrift angewendete appellative Stil bei. Sachverhalte werden nicht analysiert, sondern mehrfach (zulasten eindeutiger Aussagen) aus verschiedenen Blickwinkeln benannt. (Jaspers staats- bzw. geschichtsphilosophische Betrachtungen, die sein Buch in nicht geringem Umfang enthält, sollen hier allerdings nur insoweit Erwähnung finden, wie sie zur Analyse seiner Sicht von Technik unmittelbar relevant sind.)

Das Ziel seiner Schrift sieht Jaspers weniger in der Bereitstellung von Diskussionselementen als in der Weckung existentieller Betroffenheit:

In einer Welt ohne Glauben, in denen der Mensch Gott und sich selbst verloren hat, einer Welt, die durch „Technische Daseinsordnung und Masse“[80] determiniert und dominiert wird, kann und muss er sich aufraffen, “faktisch die Dinge in die Hand nehmen“, um „die Ursprünglichkeit des Selbstseins“, das „eigentliche Sein“ wiederzufinden.[81] Dieser Ausblick am Ende des Buches mag zwar als inhaltlich positiv empfunden werden, der Tonfall des Gesamttextes macht jedoch deutlich, dass Jaspers der seit der Jahrhundertwende wachsenden Zahl kulturpessimistischer Autoren zuzurechnen ist.

„Technische Daseinsordnung und Masse gehören zusammen. Die große Maschinerie muss eingestellt sein auf Masseneigenschaften: ihr Betrieb auf die Masse der Arbeitskräfte, ihre Produktion auf die Wertschätzungen der Masse der Konsumenten. Die Masse scheint herrschen zu müssen, aber es zeigt sich, dass sie es nicht vermag. Sie scheint ein Ungeheuer, aber sie verschwindet, wo ich sie fassen möchte...Der Mensch ist, wenn er als Masse da ist, doch in der Masse nicht mehr er selbst. Masse löst einerseits auf ; in mir will etwas, das ich nicht bin. Masse isoliert andererseits den Einzelnen zum Atom, das seiner Daseinsgier preisgegeben ist...Die Massenordnung baut einen universalen Daseinsapparat auf, der die eigentliche Menschliche Daseinswelt zerstört“.[82]

In der unaufhebbaren Spannung zwischen Masse und Selbst gehen die meisten „...Menschen ohne Schicksal und ohne eigentliche Menschlichkeit...“[83] in ihrer Funktion in der Masse auf.

Korrelat dieser Massenwelt ist die Technikwelt als Lieferantin der Mittel, die die Versorgung der Massen und damit den Erhalt der Massenwelt gewährleisten.

Dies ist quasi der „Ist -Stand“ am Ende des ersten Teils des Buches[84].

Bereits vorher stellt Jaspers aber fest: „Technik, Apparat und Massendasein erschöpfen nicht das Sein des Menschen...Sie stoßen auf ihn selbst, der noch anderes ist“[85]

Genau an dieser Stelle kann und muss nun das oben bereits erwähnte „Aufraffen“ des Menschen stattfinden:

„Der Mensch, herausgerissen aus der bergenden Substanz stabiler Zustände in den Apparat des Massendaseins...denkt entschiedener über sein eigenes Sein nach.[86] Daraus entwickeln sich die typischen dem Zeitalter adäquaten philosophischen Gedanken.“[87] Philosophieren wird zum Vollzug des Durchbruchs zum Selbstsein. (Ähnlich Heideggers „Fragen“ als Hinwenden auf den Weg zum „Rettenden“[88] )

[...]


[1] PdT : Abkürzung f. „Philosophie der Technik“

[2] Flasch 2012, S.95 [kursiv : Verf.]

[3] Ab hier mit „PdT“ abgekürzt

[4] In der Regel wird der Beginn 1877 mit dem erstmaligen Gebrauch des Wortes „Technikphilosophie“ durch Kapp datiert. Ob dies berechtigt ist, ist an anderer Stelle noch zu klären.

[5] http://www.duden.de/rechtschreibung/entwickeln [20.10.2012]

5 Fischer 1996, S.7

[7] Zur Überprüfung dieser These hat der Verfasser die in etlichen Publikationen zur PdT abgedruckten Bibliographien untersucht, die dort aufgeführte technikphilosophische Literatur nach Erscheinungsjahr geordnet und getrennt nach deutschen und englischen Veröffentlichungen ausgezählt, zusätzlich auch die vom OPAC - Suchsystem der Ruhr-Universität Bochum unter dem Suchbegriff „PdT“ angezeigten Publikationen. Die Zahl der Publikationen insgesamt ab1980 liegt mehr als dreimal so hoch wie im Zeitraum 1960 bis 1980, die Zahl der englischsprachigen Veröffentlichen ab 1980 liegt mehr als sechsmal so hoch wie die von 1960 bis 1980.

Um eine ungefähre Vorstellung davon zu vermitteln, um welche Zahlen von Veröffentlichungen zur PdT es hier geht, sei darauf hingewiesen, dass die diesbezügliche wissenschaftliche Bibliographie von Mitchum und Mackey bereits 1972 schon 160 Seiten (!) Literatur zur PdT ausweist.

[8] Zoglauer 2002, S.9

[9] Ropohl bezeichnet die PdT von den Anfängen bis in die 70er Jahre als „traditionelle Technikphilosophie“ (Ropohl 1999, S. 12). Der Verfasser übernimmt diese Bezeichnung, weil dieser Ausdruck eingängig und im Rückblick (s.o.) auch stimmig und angemessen ist.

Wie schwierig der Zugang zur Entwicklung der PdT seit ca. 1980 ist, mag auch daran ersehen werden, dass Ropohl dafür keinen griffigen Sammelbegriff liefern, sondern lediglich konstatieren kann, dass „...seitdem eine Reihe von deutlich erkennbaren Neuorientierungen eingesetzt hat.“ (ebd.)

[10] Hierbei ist, ganz im Sinne des Eingangszitats, stets in Erinnerung zu halten , dass die Entwicklung der PdT im 20. Jahrhundert letztlich ja im Grunde immer nur aus der Sicht des begonnenen 21. Jahrhunderts betrachtet werden kann.

[11] Die Frage, ob eventuell noch weitere Entwürfe miteibezogen werden müssten, wird an anderer Stelle behandelt.

[12] Koelle 1822, S.VII. Hier ist zum ersten Mal nicht mehr von einer Summe von Einzeltechniken , sondern von „der“ Technik die Rede.

[13] Fischer 1996, S.314. Die Arbeit befasst sich an anderer Stelle ausführlich mit den beiden Autoren.

[14] Grunwald 2008, S.41. Grunwald steht hier exemplarisch für die momentan mehrheitlich in der PdT vertretene Einschätzung.

[15] Nordmann 2008, S.10

[16] vgl. Böhme 2008, S.23

[17] vgl. Grunwald/Julliard 2005, S.140

[18] Grunwald 2008, S.47 [kursiv:Grunwald]

[19] Dies hat seinen wesentlichen Grund nicht nur in der schieren Anzahl der Publikationen und damit auch Autoren, sondern auch darin, dass im Gegensatz zu früheren Perioden der PdT auch angesichts der Vielzahl der Autoren und der neuentstandenen Teilgebiete keine „Hauptautoren“ mehr benennbar sind.

[20] So u.a. Ropohl (1999, S.11f), Zoglauer (2002, S. 9), Wartofsky (1979, S.171), und Reydon (2012, S.1)

[21] Vgl. Ropohl 1999, S.11. Die Technikreflektion während dieser Phase nennt Ropohl durchaus treffend

„parathematische Technikphilosophie“, der er auch die Ausführungen Marxens zuordnet Sie wird im 19. Jahrhundert abgelöst von der „thematischen Technikphilosophie“. (ebd.)

[22] Zoglauer 2002, S.69

[23] So etwa Rapp (1978, S.11), Zoglauer (2002, S.9), Reydon (2012, S.1), Ferré (1988, S.10), DeVries (2005, S.68) und Blumenberg (1981, S.9)

[24] vgl. Wartofsky 1971, S. 171

[25] Mitcham 1994, S.2. Mitcham begründet dies damit, dass Ure bereits 1835 den Begriff „philosophy of manufactures“ kreiert (ebd.).

[26] Fischer 1996, S.309f

[27] Fischer 1996, S.7f

[28] Rohbeck 2007, S.3

[29] Hubig u.a. 2000, S.36f

[30] vgl. Fischer 1996, S.310f

[31] Historische Überblicke finden sich meist in den einschlägigen Anthologien zur PdT. Hinsichtlich der Etymologie des Technikbegriffs sei hier auf den Artikel von Parry: „Episteme and Techne“ (2008) sowie besonders auf das kürzlich erschienene Buch „Phänomenologie der Poiesis“ von Dirk Cürsgen hingewiesen.

Auch Fischer schenkt diesem Thema ausführlich Beachtung . (Fischer 1996, S.261 - 274)

[32] Veröffentlichungen aus diesem Bereich finden sich in den einschlägigen Anthologien und Bibliographien so gut wie überhaupt nicht. Als Ausnahme ist hier Hubig, C. u.a. (2000) hervorzuheben. Dort wird zumindest auf die Existenz der Schriften u.a. Leys, Bohrings und Banses hingewiesen (S.42).

[33] Die meisten Anthologien, die diesen Zeitraum abdecken, gehen chronologisch vor, teils auch alphabetisch.

[34] In: Hubig u.a. 2000, S. 41-50

[35] Hubig u.a. 2000, S. 41-43

[36] Mitcham und auch Reydon weisen zu Recht darauf hin, dass die klassische Phase der PdT von Anfang an eine deutsche Domäne war und bis in die 80er auch geblieben ist. (Vgl.Mitcham 1994, S.33 und Reydon 2012, S.2) Anmerkungen des Verfassers zu Übersetzungsfragen i.S. Technik/technology erfolgen im zweiten Hauptteil der Arbeit.

[37] vgl. Fischer 1996, S.310

[38] Koelle 1822, S.14

[39].Vgl. Fischer 1996, 310. Fischer zitiert hier Seibicke 1968, S.199

[40] Koelle 1877, S.18

[41] a.a.O. S.25

[42] a.a.O. S.21

[43] a.a.O. S.27

[44] a.a.O. S.30 Dies sind Überlegungen, mit denen sich Ortega y Gasset mehr als 100 Jahre später noch einmal zentral beschäftigt.

[45] a.a.O. S.30

[46] Fischer 1996, S. 313)

[47] Koelle 1822, S.30. Kursiv: Koelle

[48] Ure beispielsweise war Chemie-Ingenieur, Dessauer Ingenieur, und Diesel unabhängiger Schriftsteller. Eine Ausnahme bildet lediglich Jaspers.

[49] Rohbeck 2007, S.1

[50] vgl. Rohbeck 2007, S.3

[51] Kapp 1877, S.30

[52] Kapp 1877, S.41

[53] Kapp 1877,139, S141

[54] Kapp, 1877, S.42

[55] In diesem Zusammenhang wäre eine nähere Befassung mit der Entwicklung der „ res cogitans - res extensa“ - Problematik nicht unangebracht. Dies ist innerhalb des begrenzten Umfangs dieser Arbeit nicht möglich. Im Zusammenhang mit Gehlen wird allerdings noch einmal kurz darauf einzugehen sein.

[56] Kapp, 1877, S.26

[57] a.a.O. S.140

[58] vgl.Rohbeck, 2007, S.5

[59] Kapp,1877, 9f.;137f

[60] Zschimmer 1914 , S.65f

[61] Dessauer 1927, S.40.77 u.a.; s. auch Zschimmer 1914, S. 99)

[62] a.a.O. S.27-36

[63] a.a.O. zit. n. Fischer 1996. S.152f

[64] Zoglauer 2002, S.27

[65] Dessauer 1927, S.57

[66] Fischer 1996, S. 318

[67] zit. n..Fischer 1996, S.149

[68] Zoglauer 2002, S.28

[69] Dessauer 1927, S.31

[70] Cassirer 1930, S.27

[71] ebd.

[72] a.a.O. S.34

[73] a.a.O. S. 35

[74] Cassirer 1930, S.74

[75] a.a.O. S.61

[76] a.a.O. S.61ff

[77] Rohbeck 2007, S.8

[78] Cassirer 1930, S.79

[79] in: Hubig u.a. 2000, S.109f

[80] Jaspers 1931, S.28

[81] a.a.O. S.190

[82] Jaspers 1931, S.28.31.32f

[83] a.a.O. S.41

[84] a.a.O. S.70

[85] a.a.O. S.61

[86] Hier zeigen sich deutliche Parallelen zu Husserl / Blumenberg [Blumenberg 1981, 27] - Krise als Erhellung der Situation und Initialisierung eines Umdenkprozesses.

[87] Jaspers 1931, S.129

[88] Heidegger 1953, GA 7, S.37

Details

Seiten
89
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656365396
ISBN (Buch)
9783656366829
Dateigröße
723 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v209110
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Institut für Philosophie
Note
1,0
Schlagworte
Technik Technikphilosophie Philosophie der Technik Philosophie Philosophie des 20. Jahrhunderts

Autor

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Titel: Entwicklung der Philosophie der Technik im 20. Jahrhundert