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Die Repräsentation der Migration. Aspekte der kritischen Migrationsforschung

von Lisa Fink (Autor)

Ausarbeitung 2012 12 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

1. Einleitung

Im Zeitalter der Globalisierung und der wachsenden Mobilität, sind Migrationsbewegungen als fester Bestandteil des Weltgeschehens nicht mehr wegzudenken. Dabei ist Migration ein weiter Begriff, nicht nur für die Bewegungen von Individuen, sondern auch ganzer Menschengruppen, die entweder innerhalb von Räumen, oder auch raumübergreifend, innerhalb eines Staates, oder zwischen unterschiedlichen Staaten, stattfinden.

In dem vorliegenden Aufsatz sollen, im Rahmen des Seminars „Die Repräsentation der Mi­gration“ Perspektiven, aus denen sich das Thema Migration im Denken, Sprechen und Vi- sualisieren manifestiert, auf ihre Prämissen und Einflüsse untersucht und auf Diskurse, Ak­teure, Praktiken und Orte der Repräsentation der Migration eingegangen werden.

Auf Grund der beschränkten Kapazität eines Seminaraufsatzes, soll der Fokus dabei auf die Texte „Migration, Tourismus und das Recht auf einen Ort“ von Tom Holert, Erol Yildiz „Urban Recycling. Migration als Großstadt-Ressource“, Gisela Welz: „Inszenierungen der Multikulturalität: Paraden und Festivals als Forschungsgegenstände“, sowie „Es geht nicht um einen Dialog. Integrationsgipfel, Islamkonferenz und Anti-Islamismus. Werner Schiffauer und Manuela Bojadzijev im Gespräch“ gelegt werden.

2. Die Repräsentation der Migration

2.1 „Migration, Tourismus und das Recht auf einen Ort“, Tom Holert

In seinem Text „Migration, Tourismus und das Recht auf einen Ort“ befasst sich Tom Holert mit der Thematik der Migrations- und Tourismusströmungen sowie der Lebenswelt dieser beiden Gruppen. Er erörtert dabei die zentrale Fragestellung, ob das Phänomen der Mi­gration und des Tourismus wirklich strikt voneinander zu trennen sind, indem er verglei­chend auf Unterschiede und, insbesondere, Gemeinsamkeiten in der Lebenswelt, sowie in den Handlungsmustern beider Strömungen hinweist und somit die beständige Wechselbe­ziehung zwischen Migranten und Touristen verdeutlicht.

„Die Sehnsucht nach einem besseren Leben hat die Gesellschaften in Bewegung gesetzt“ (S.239). Diese besagte Sehnsucht nach einer Verbesserung der eigenen Lebensqualität kann als die zentrale Gemeinsamkeit bezüglich der Motive und Beweggründe sowohl für Migranten, als auch für Touristen gesehen werden, einen Ort A zu verlassen, um sich - auf unterschiedliche Dauer- an einem Ort B aufzuhalten.

Was Migranten und Touristen des Weiteren allgemein verbindet, ist, dass beide Gruppen „Pole in einem Kontinuum der temporären Mobilität, das alle derzeitigen Formen des Unterwegs- seinsumfasst“ bilden (S.240).

Migration und Tourismus bedingen sich dabei gegenseitig. So wirkt der Tourismus auf ge­wisse Weise als Ursache von Migration, und umgekehrt (S.240). Am Beispiel der Mittel­meerinsel Lampedusa wird aufzeigt, dass eine solche Region auf Grund der Flüchtlings­probleme auf Touristen auch abschreckend wirken kann (S.241).

Grundsätzlich stellt die Definition der Begriffe „Tourist“ und „Migrant“ eine Herausforderung dar, die Festlegung bezieht sich dabei auf die Unterscheidung nach Aufenthaltsdauer und Beschäftigung (S.241). Es wird deutlich, wie schwierig, jedoch notwendig das Hinterfragen der genauen Definition von Begriffen ist. Da es sich aber sowohl bei Tourismus, als auch bei Migration nicht um „einfache Reisen von A nach B und wieder zurück“ handelt, ist das Ziel der vorübergehende Aufenthalt an einem Ort. So gesehen stellt auch der Tourismus eine Art der Migration dar, wodurch sich die strikte Unterscheidung erübrigt (S.242).

Eine Gemeinsamkeit sowohl bei Tourismus, als auch bei Migration, stellt das Motiv der Flucht dar. Während der Tourist aus dem Alltag „flieht“, also eine gewisse Anti-Struktur er­sehnt, flieht der Migrant eventuell vor den Missständen in der eigenen Heimat und sucht in der Zielregion geradezu eine Struktur, an der er sich orientieren kann. Dieses „Ergänzungs­verhältnis der Bedürfnisse“ ist einer der Gründe dafür, dass sich die Wege der Migranten und Touristen sehr oft kreuzen (S.243).

Als eine weitere Gemeinsamkeit gilt die Bedeutung von medial vermittelten Bildern. So­wohl der Migrant, als auch der Tourist folgt einer Vision der Zielregion, die ihm medial ver­mittelt wurde und auf die er seine jeweiligen Wunschvorstellungen projiziert. Migrantische, wie auch touristische Aufenthalte stehen dadurch unter enormem Erfolgsdruck (S.244).

Bei dem Phänomen der „Schleuser“ überschneiden sich Tourismus und Migration eben­falls, da Migranten durch die Abschottung Europas gezwungen sind, auf Umwegen nach Europa zu kommen, wie eben beispielsweise als Tourist (S.245).

Auch die Reise, der Weg als Ziel, stellt in beiden Fällen eine Überschneidung dar, die Rei­se ist also von erheblicher Bedeutung (S.245).

Ebenfalls in beiden Fällen findet eine Art „erstarrte Bewegung“ statt, denn die Touristen, wie auch die Migranten, halten sich über einen Zeitraum an einem bestimmten Ort auf, ob­wohl ihr eigentliches Leben, bzw. ein wichtiger psychisch-mentaler Teil davon, an einem anderen Ort, etwa dem Herkunftsland, stattfindet (S.247). Es fehlt also in beiden Fällen eine gewisse „Normalität“ (S.248).

Ein wesentlicher Unterschied bezüglich beider Gruppen ist, dass Touristen in der jeweili­gen Umgebung auffallen und sie mitprägen wollen, während Migranten, insbesondere ille­gale, eher untertauchen (S.248). Unterkünfte haben dabei generell einen „hybriden, multi­funktionellen Charakter“für temporäre Aufenthalte (S.251).

Sowohl bei Migration, als auch bei Tourismus ist der Verlust von Raum und Zeit-Gefühl ein zentraler Aspekt (S.253). Dass entstehende Heterotypen eine neue Ordnung des Raumes bewirken, beeinflusst und fördert vermutlich Tourismus und Migration, wurde aber bis zu einem nicht zu unterschätzenden Grad auch durch sie bewirkt. Die daraus entstehenden neuen Verflechtungen führen gleichzeitig zu einer zunehmenden Auflösung von Grenzen. Letztere sind lediglich noch als eher administrative Ordnungseinheit zu verstehen (S.254). Diese neue Raumordnung führt gleichzeitig zu einem neuen Zeitgefühl. Im Falle der Tou­risten und Migranten, als weitere Gemeinsamkeit, verliert sich die getaktete Zeit zuneh­mend, um sich „in Zuständen des Wartens, der unendlichen Möglichkeiten, der Langeweile“ aus­zudehnen, um sich dann wieder „hektisch und ereignishaftu zusammenzuballen (S.254). Deutlich wird hier die, neben der Bewegung und dem Wunsch nach einer Steigerung der Lebensqualität, zentralste Gemeinsamkeit des Tourismus, wie auch der Migration: eine neue Raum-Zeit-Matrix, ausgelöst durch den Lauf der Globalisierung, als zunächst einmal neutrales, neues Lebensgefühl, das Tourismus und Migration zwangsläufig teilen. Diese Neustrukturierung bringt also auch eine gewisse Formlosigkeit mit sich (S.258).

Weniger als Gemeinsamkeit, sondern vielmehr als negativer Berührungspunkt, können Konflikte zwischen Migration und Tourismus genannt werden, etwa zwischen den Arbeits­migranten, die gegen die Ungleichheit im Zusammenhang mit dem Massentourismus in Dubai kämpfen (S.261).

Einen weiteren negativen Aspekt stellt das Problem der Integration von Migranten in die je­weilige Gesellschaft dar. Politisch-soziale Gegebenheiten sollten neu hinterfragt werden. Es sollte demnach gar nicht in erster Linie um die „viel beschworene Freiheit der Bewegung, sondern um das Recht auf einen Ort und auf dessen politische und kulturelle Gestaltung“ gehen (S.265). In diesen Prozessen zur Einigung auf die „Einhaltung von transparenten aufenthalts­und arbeitsrechtlichen Standards“, gewinnt die Gemeinde als Ort des lokalen Engagements an Bedeutung. Touristen sollten in diesem Kontext in den Integrationsprozess einbezogen werden, was als Vorschlag für einen weiteren, positiven Berührungspunkt zwischen den beiden Strömungen des Tourismus und der Migration gesehen werden kann (S.264).

Quelle: Holert, Tom/Terkessldls, Mark (2006): Fliehkraft. Gesellschaft in Bewegung - von Migranten und Tou­risten. Köln. S.239-265.

2.2 „Urban Recycling. Migration als Großstadt-Ressource“, Eroi Yildiz

In der Einleitung zu seinem Buch „Urban Recycling. Migration als Großstadt-Ressource“ stellt der Autor Erol Yildiz seine zentrale These in den Vordergrund, dass Urbanisierung grundsätzlich ohne Migration überhaupt nicht denkbar ist (S.12).

Es sind ausgerechnet jene Stadtviertel, die -trotz ihrer Bedeutung für Städte- im Laufe der jahrhundertelangen Geschichte der Migrationsströmungen zunächst als Arbeiterviertel dienten, als Ausländerviertel oft in Verruf gerieten, als Ghettos bezeichnet nicht sonderlich beliebt sind und immer häufiger gar als „Parallelgesellschaften“ bezeichnet werden. Bei diesen ins Abseits drängenden, negativen Zuschreibungen handelt es sich um unhinter- fragte, pauschalierende Abwertungen, die einen „wissenschaftlichen Mythos“ darstellen, um ein „Dispositiv“, anhand dessen „Normalität definiert und so gesellschaftliche Macht organi­siert wird“ (S.12).

Auf Grund dieses wissenschaftlichen Mythos wird die Tatsache vernachlässigt, dass Mi­gration einen wesentlichen Beitrag zu der Entwicklung und Modernisierung marginaler Stadtviertel leistet, dass also nicht von „Parallelgesellschaften“ gesprochen werden kann, sondern es sich vielfach um „wenn auch unter prekären Bedingungen realisierte - Erfolgsge­schichten“ handelt (S.13). Gerade die genannten Quartiere nämlich, die von der Stadtpla­nung oftmals vernachlässigt worden waren, stellen heute vielfach, durch das Zutun der Mi­granten, bedeutende Viertel mit einer hohen Dichte an Geschäften, Dienstleistungen und gastronomischem Angebot dar, so dass man sie als „die Lebensader vieler Großstädte“ bezeichnen kann(S.13).

In der Einleitung zu seinem Buch „Urban Recycling“ stellt der Autor den Inhalt seines Wer­kes vor, welches nicht, aus der üblichen Perspektive, die Problemzusammenhänge der Mi­gration in Städten, sondern im Gegenteil, die erheblichen Vorteile durch städtische Migran­ten und die Bewohner migrantischer Stadtviertel als „Experten ihres Alltags“ darstellt. Es geht also darum zu untersuchen, wie diese Bewohner ihr Leben unter diesen schwierigen Umständen meistern und darum, wie vernachlässigte Stadtteile von Migranten wiederbe­lebt, „recyclet“ werden. Es geht also, kurz gesagt, „um Gegenbilder zu den gängigen urbanen Krisendiskursen“ (S.13).

Die Vorstellung von „Parallelgesellschaften“ ist demnach unangebracht und nicht denkbar, da Menschen durch städtische Strukturen geradezu gezwungen sind, im ständigen Aus­tausch, etwa den Handel betreffend, zu leben (S.15).

Beiträge aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen belegen die Diskrepanz zwischen der allgemeinen Betrachtungsweise und der Binnenperspektive der Bewohner jener Stadtbezirke, also zwischen allgemeinen pauschalen Zuschreibungen und der hete­rogenen Alltagswelt jener Menschen. Es ist letztendlich die politische und mediale Artikula­tion, die soziale Wirklichkeit erzeugt und festigt (S.16).

Die gesammelten Beiträge sollen überdies Potentiale und Ressourcen der von Migration geprägten Stadtteile verdeutlichen. Es geht dabei etwa um die Alltagsstrategien der Mi­granten, der Entwicklung von Stadtteilen vom Arbeiter- zum Einwandererviertel (S.18), um Beziehungsdynamiken und Konflikte innerhalb solcher Stadtteile, sowie um die Frage, wel­chen Profit man aus dem Versuch ziehen kann, den bedeutenden Beitrag der Migranten­viertel für die Ökonomie anzuerkennen (S.19), in der Hoffnung, dass diese Beiträge ,,zu ei­ner veränderten Sicht auf migrationsgeprägte Stadtquartiere beitragen und zum Weiterdenken an­regen“ (S.20). Die Nutzung ebendieser Potentiale, indem beispielsweise Kleinunterneh­men, die zum Aufschwung der Stadtviertel beitragen, gezielt gefördert und in die Verant­wortung für die Entwicklung des jeweiligen Viertels miteinbezogen werden, sollte einen Aspekt der Stadtpolitik darstellen (S.17).

Die Vorstellung von separaten, in sich abgeschlossenen Stadtvierteln mit heterogenen Be­völkerungsformen ohne jegliche Wechselbeziehungen ist nicht mehr zeitgemäß und ist es auch nie gewesen. Das Ziel sollte sein, eine neue Perspektive und ein neues Verständnis, Offenheit für das Bewusstsein der beiderseitigen Abhängigkeit und die Potentiale, die sich aus dieser Vielfalt ergeben, die unabänderlich zu einer modernen Stadt gehört, zu fördern und die gängigen negativen und die mit Problemen assoziierten Vorstellungen bezüglich migrantisch geprägter Viertel abzubauen.

Quelle: Yildiz, Erol/Mattausch, Birgit (2009): Einleitung. In: Dies. (Hg.): Urban Recycling. Migration als Groß­stadt-Ressource. Gütersloh u.a. S. l2.21.

2.3 „Inszenierungen der Multikulturalität: Paraden und Festivals als Forschungsgegenstän­de“, Gisela Welz

In ihrem Text geht Gisela Welz auf die immer häufiger stattfindenden urbanen Großstadt­veranstaltungen in Form von multikulturellen Festivals, sowie auf Aspekte der kulturwis­senschaftlichen Auseinandersetzung mit dieser Thematik ein.

Multikulturelle Veranstaltungen vermitteln die Idee kultureller Vielfalt und die kulturelle Auf­geschlossenheit von Städten (S.221).

Eine Forschungsrichtung bezüglich derartiger Veranstaltungen beschäftigt sich mit der Re­konstruktion der Vorstellungen von „kultureller Differenz und Vielfalt“, sowie mit der Frage, welche Rolle diese Vorstellungen -vermittelt etwa durch Paraden- bei der gesellschaftli­chen Verarbeitung von Migration spielen. Ebenso relevant für die Forschung sind die Ef­fekte dieser Veranstaltungen, wie deren Machart und Wirkungsweise, wie auch die Kultur­geschichte der Repräsentation fremder Kulturen in diesen Darstellungsformen. Sie stellen außerdem eine typische Erscheinungsform der Entwicklung von Städten im Zuge der Glo­balisierung dar (S.222).

Als Basis für Festivals dienen die Annahmen, dass etwa Einwanderer durch kulturelle An­dersartigkeit geprägt seien, z.B. durch ihren ethnisch-nationalkulturellen oder religiösen Hintergrund. Der Status oder die sozio-ökonomische Ungleichheit werden hierbei eher ver­nachlässigt (S.224). Des Weiteren dienen sie dazu, die kulturelle Repräsentanz der Mi­granten -vor dem Hintergrund eines kulturellen Relativismus- zu stärken, während die mit­gebrachten Traditionen als Bereicherung für das kulturelle Leben der Aufnahmegesell­schaft verstanden werden (S.225). Umstritten bleibt jedoch die Frage, ob die sozio-ökono­mische Ungleichheit damit bewusst determiniert werden soll, als auch, ob derartige Veran­staltungen als Maßnahme des Konfliktmanagements dienen sollen (S.225).

Die kulturelle Vielfalt, die durch Festivals vermittelt wird, wird als exotische Fremdheit empfunden und stellt somit ein Faszinosum dar. Die expressiven Kulturformen werden da­her geradezu als Kunst inszeniert, indem diese Kunst als „völkerverbindend“ präsentiert wird (S.225). Festivals dieser Art können daher als Verstehungsprozess diverser Kulturen angesehen werden, als Maßnahme zur Förderung der gemeinsamen Annäherung und ei­nes Bewusstseins für Pluralismus und Gleichheit (S.225). Es stellt sich dabei jedoch u.a. die Frage, in wie weit hier eine Verdinglichung der jeweiligen Kulturen stattfindet (S.227) und ob es sich bei Festivals wirklich um eine Plattform zur politischen Artikulation der Ein­wanderer, oder um eher kulinarischen Multikulturalismus handelt, also der Unterhaltung der Aufnahmegesellschaft dient. Sie können auch als Versuch angesehen werden, kultu­relle Vielfalt als politisch korrekte Weltsicht zu vermitteln (S.226).

Multikulturelle Festivals sind durch spezifische Kriterien gekennzeichnet, die die Organisa­toren auswählen, um die Idee kultureller Vielfalt zu vermitteln, wie durch expressive Kriteri­en, z.B. Musik und Tanzdarbietungen, die eine Fernwirkung erzielen sollen, in dem sie in zeitlich abgegrenzten Einheiten präsentiert werden, durch das Erreichen einer eindeutigen Verknüpfbarkeit von Gruppen mit für diese Kultur vermeintlich typischen Elementen, sowie die Aufteilung der Gruppen in gleiche Größe und Beschaffenheit, wodurch der Eindruck von Pluralität gleichwertiger Teile vermittelt werden soll. Dieses Konzept vermittelt den Eindruck „statischer, geschlossener, homogener, eindeutig bezeichenbarer Gruppen“. Es stellt sich hierbei jedoch die Frage, in wieweit Kulturen auf diese Weise als austauschbar und beliebig dargestellt werden. Das Festival nimmt gewissermaßen einen Standpunkt jenseits der Kulturen und über den Menschen ein, die es repräsentiert (S.228).

Die Verfügbarmachung und der Konsum fremder Kulturen ist heute als fester Bestandteil der urbanen Kulturpolitik nicht mehr wegzudenken, die Stadt zeigt sich demnach als festi- valisierter Raum, in dem kulturelle Vielfalt erfassbar ist (S.229). Auch in Stadtteilen, die ei­ner Gentrifizierung unterliegen, können Festivals und Paraden von kulturpolitischer Bedeu­tung sein, indem sie helfen, die ehemals vernachlässigten Stadtviertel, die nun saniert und renoviert wurden, aufzuwerten (S.230). Die Festivals können auf diese Weise einen Stadt­teil aufschließen und Konflikte innerhalb der dort ansässigen Bevölkerung entschärfen, in­dem sie den eher vernachlässigten Gruppen neue Aufmerksamkeit zukommen lassen (S.231).

Multikulturelle Festivals können also als Mittel der Kulturinszenierung begriffen werden, wobei Inszenierung in diesem Fall keine Verfälschung bedeuten muss. Das Handeln der Beteiligten und die Bedeutung, die ihre Mitgestaltung an derartigen Veranstaltungen für sie hat, sollte dabei berücksichtigt werden. Eine „Selbstethnisierung“ ist dabei nicht auszu­schließen. Diese möglichen Motive und Handlungsspielräume der Beteiligten stellen bis­lang noch ein zu wenig beachtetes Forschungsfeld dar (S.232).

Quelle: Welz, Gisela (2007): Inszenierungen der Multikulturalität: Paraden und Festivals als Forschungsge­genstände. In: Schmidt-Lauber, Brigitta (Hg.): Ethnizität und Migration. Einführung in Wissenschaft und Ar­beitsfelder. Berlin. S. 221-233.

2.4 Es geht nicht um einen Dialog. Integrationsgipfel, Islamkonferenz und Anti-Islamismus. Werner Schiffauer und Manuela Boiadziiev im Gespräch

Das Kapitel aus dem Buch „No integration“ von Sabine Hess, Jana Binder und Johannes Moser, stellt ein Gespräch zwischen dem Islamwissenschaftler Werner Schiffauer und der Rassismustheoretikerin Manuela Bojadzijev im Rahmen der Reihe „No integration?“ an den Münchner Kammerspielen dar. Zentrale Themen sind dabei der „Nationale Integrati­onsgipfel“, die „Deutsche Islam Konferenz“ und deren gesellschaftliche Wirkungen. Nach einer politischen Einschätzung dieser Institutionen werden von den Experten Fragen der Integration, die Frage, ob tatsächlich eine Zunahme des politischen Islamismus unter Mi- granten festzustellen ist, sowie die Frage nach der Rolle, die feministische Argumentatio­nen und die Einwanderergesetze in diesem Zusammenhang spielen, diskutiert (S.171).

Bei der Islamkonferenz handelt es sich lediglich um einen scheinbaren Versuch, in einen Dialog mit den in Deutschland lebenden Muslimen zu treten. Das tatsächliche Ziel der Re­gierung, das hinter der Konferenz steckt, ist, die Migranten, bzw. den Islam „auf eine spezi­fische Weise in die deutsche Gesellschaft zu integrieren“, sie an die Leitkultur heranzuführen, also den Normen und politischen Interessen der Aufnahmegesellschaft anzupassen, wäh­rend die Interessen der Muslime dabei vernachlässigt werden (S.172). Diesem „Integrati­onsimperativ“ liegt das Ideal zu Grunde, einen gemeinsamen Wertekonsens zu teilen, dem sich muslimische Migranten demnach anzupassen haben, um Teil der Gesellschaft sein zu können. Werner Schiffauer schlägt vor, dieses zweifelhafte Ideal durch eine Vernetzung al­ler gesellschaftlichen Akteure zu ersetzen, da gerade ein Wertekonsens zu Konflikten füh­ren kann. Innerhalb eines Netzes hingegen gäbe es Interessensschnittstellen, die den Zu­sammenhalt innerhalb der Gesellschaft sichern könnten, ohne von jedem geteilt werden zu müssen. Dieses Modell ist jedoch insofern kritisch zu hinterfragen, da es die Gleichbe­rechtigung aller Akteure voraussetzt, und dethematisiert, dass diese in der realen Hierar­chie nicht gegeben ist (S.174). Diese Vernachlässigung der tatsächlichen Hierarchien spiegelt sich auch in der Entscheidung wieder, die Form des „Nationalen Integrationsgip­fels“ zu wählen, da die Form des Gipfels hier Integration vermittelt, während sie Aus­schluss praktiziert und reproduziert (S.173). Es sollte insgesamt eher um die Verteidigung von Konflikten gehen, da ein Konsens schließlich immer auf Hierarchien basiert (S.175).

Das Ziel des Programms „No integration“ ist, die staatliche Politik der Integration zurückzu­weisen, die lediglich die Pflichten der Migranten aufzeigt und die Integration des Individu­ums an die Leitkultur fordert, ohne dessen Individualität und insbesondere dessen bereits erbrachten Integrationsleistungen zu berücksichtigen. Diese sollten vielmehr anerkannt und eine Einmischung Außenstehender in die Debatte um einen wahr oder falsch verstan­denen Islam vermieden werden, um den Widerstand und die Zuspitzung der Konflikte zu vermeiden, anstatt sie durch Debatten zu fördern (S.176). Es lässt sich außerdem bei der Idee des säkularen Staates ein Widerspruch von Öffentlichkeit und Privatheit bei den De­batten feststellen, da die religiösen Aspekte des migrantischen Lebens in den Debatten überschätzt werden. Die praktizierte Religion ist schließlich der privaten Sphäre zuzuord­nen, nicht aber zentral für die öffentliche Debatte (S.177).

Dass Zuschreibungen von Außen enormen Einfluss auf die „Islamisierung“ von Jugendli­chen spielen, macht deutlich, welche Gefahr ein gesellschaftlicher Diskurs darstellen kann, etwa wenn er dem Islam verallgemeinernd eine Schuld z.B. für die Jugendkriminalität zuspricht. Das große Interesse an dieser Thematik führt eher zu einer Hin-, als zu einer Abwendung (S.178). Es stellt sich daher die Frage, wie man die Ausbildung eines europäischen Rassismus verhindern kann, bei dem Anti-Islamismus eine zentrale Rolle spielt (S.180). Bezüglich derartiger rassistischer Zuschreibungen müssen auch die Zusammenhänge zwischen Feminismus und Migrationspolitik hinterfragt werden. Es sollte dabei nicht allein um die Bekämpfung sexistischer und patriarchaler Rollenmuster gehen, sondern insbesondere um die Klärung, welche Bedingungen zur Stärkung und Selbstbestimmung der betroffenen Frauen notwendig wären, es geht also nicht nur um die Forderung nach Schutz (S.182). Es lässt sich, obgleich in den Debatten um familiäre Gewalt bislang keine klärende Antwort gefunden werden konnte, beobachten, dass in den Medien generell jene Meinung vertreten wird, die von Einzelfällen aus einer Minderheitenposition, da diese auf große Resonanz beim Publikum stößt und dieses sich darin bestätigt sieht, dass das, was es immer schon gedacht hat, tatsächlich zutrifft, es also Recht haben müsse (S.183). Es muss hinterfragt werden, ob die Debatte um die Zwangsheirat letzten Endes nicht auch politische Interessen widerspiegelt und demnach weniger mit Feminismus zu tun hat, als vielmehr mit der Restriktion der Familienzusammenführung in der Migrationspolitik (S.184).

Für eine Migrationspolitik, die ganz ohne Rassismus auskommt, ist es notwendig, dass diese Politik möglichst auf Unterscheidungen nach Nationalitäten verzichtet. Sie sollte überdies das bereits in den Einwanderergemeinden bestehende Potential fördern und eine Begeisterung für das Land wecken, was Begeisterung für eine Gesellschaft meint, „die Freiheiten und Rechte garantiert“. Insbesondere muss endlich von der Angst vor dem „Miss­brauch der Freiheit“ durch Menschen mit Migrationshintergrund abgelassen werden, man sollte vielmehr darauf vertrauen, dass auch die Einwanderer stolz darauf wären, Teil einer freiheitlichen Gesellschaft zu sein, was auch das Ende des Toleranzdiskurses einschließt, da es sich dabei lediglich um einen Diskurs handelt, „der eigentlich sagt, die anderen sollen sich anpassenu (S.184) Es muss nicht um einen Diskurs der Toleranz, sondern des Re­spekts gegenüber den Anderen „auf gleicher Augenhöhe“ gehen. Es sollte demnach darauf hingearbeitet werden, Hierarchien abzubauen und eine Migrationspolitik, die frei von Ras­sismus ist, zu erreichen, so dass daher die grundsätzliche Ambivalenz der Gesellschaft abgebaut werden muss, die zunächst Arbeitskräfte anwirbt, um sie schließlich wieder zu kanalisieren und zu verhindern (S.185).

Quelle: Schiffauer, Werner/Bojadzijev, Manuela (2007): Es geht nicht um einen Dialog. Integrationsgipfel

Islamkonferenz und Anti-Islamismus. In: Hess, Sabine/Binder, Jana/Moser, Johannes (Hg.): No integration?! Kulturwissenschaftliche Beiträge zur Integrationsdebatte in Europa. S.171-185.

3. Schlusswort

Nach der Lektüre der behandelten Texte dürfte dem Leser deutlich geworden sein, dass bestimmte Motive unter Rhetoriken zu dem Thema Migration ständig re-produziert werden. Dies kann für politische Reden, Kampagnen, Berichterstattungen, Ausstellungen, ebenso wie für die Wissenschaftspraxis gelten, wobei selbstbestimmte Bilderproduktionen der Migration meist gänzlich unberücksichtigt bleiben oder wiederum im Sinne der jeweiligen nationalen Perspektive transformiert.

Das Verhältnis von Migration und Nation sollte in der kritischen Migrationsforschung daher besonders im Mittelpunkt stehen und deren Bestimmung und Definitionen diskutiert werden. Auch im Rahmen von Universitäts-Seminaren, die sich mit Bildern und Debatten der Migration befassen, wie jenes, in dessen Rahmen dieser Aufsatz verfasst wurde, sollte deutlich gemacht werden, dass der Blick auf Migration und deren Akteure meist aus der Perspektive der jeweiligen Nation erfolgt und dass beispielsweise Sesshaftigkeit dabei als Normalität angesehen wird, während Migrationsbewegungen einen Ausnahmefall darstellen. Kultur dient hierbei als Mittel zur Differenzierung und Festlegung nach vermeintlich eindeutigen Eigenschaften mit weitreichenden Folgen hinsichtlich des Zuganges zu gesellschaftlich legitimierten Sphären und Handlungsmöglichkeiten.

Quelle:http://www.volkskunde.unimuenchen.de/studium_lehre/bachelor/lehrveranstaltungen1/aktuelles_vlz/w p5/index.html

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Details

Seiten
12
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656367383
ISBN (Buch)
9783656369066
Dateigröße
424 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v209099
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Volkskunde/ Europäische Ethnologie
Note
2,0
Schlagworte
Migration Repräsentation Bilder Debatten Selbstbild Nation

Autor

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    Lisa Fink (Autor)

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