Lade Inhalt...

Der emotionale Charakter einer musikalischen Verführung durch den Rattenfänger von Hameln

Eine quellenhistorische Analyse

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 37 Seiten

Musik - Sonstiges

Leseprobe

I nhaltsverzeichnis

Einleitung und These

Kapitel 1 - Vorstellung der Sage und der Methodik
a.) Darstellung der Sage und der Theorien zum historischen Ereignis
b.) Die Rezeptionsgeschichte des Stoffes im Überblick
c.) Analytische Werkzeuge: Die Emotionstheorien und ihre Anwendung

Kapitel 2 - Die Quellen der Sage
a.) Heinrich von Herford (u.a.), Cantena aurea, Nachtrag (1430/50)
b.) Athanasius Kircher, Musurgia unversalis (1650)
c.) Jakob und Wilhelm Grimm, Deutsche Sagen (1816)

Kapitel 3 - Musik als Verführung
a.) Literarische Bearbeitungen der Rattenfängersage
b.) Das Motiv einer Entführung durch Musik im europäischen Märchen
c.) Eine systematisch-vergleichende Analyse aller Quellen

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Anhang

Einleitung und These

Der Rattenfänger von Hameln ist als Sagenstoff wahrscheinlich nahezu jedem kulturhistorisch interessierten Menschen in Europa und Amerika vertraut. Die ungeheure Bekanntheit dieser Sage auch außerhalb des deutschsprachigen Raumes lässt sich auf eine Rezeptionsgeschichte von über 500 Jahren zurückführen, die einzigartig für das Genre der Sage ist. In den letzten hundert Jahren hat die Forschung durch die vielschichtige Quellenlage entscheidende Fortschritte bei der Feststellung des historischen Kerns der Sage gemacht, im besonderen sind Heinrich Spanuth, Wolfgang Wann, Hans Dobbertin und Norbert Humburg zu nennen. So gilt der Kinderauszug von Hameln 1284 heute als historisches Faktum, auch wenn die genauen Umstände weiterhin im Dunkeln liegen. Bereits im 16. und besonders 17. Jahrhundert begann man nach den Hintergründen dieser Geschichte zu fragen, jedoch weniger zur Feststellung des historischen Gehalts als zum Herausstellen von christlich-moralischen Fragen, so z.B. in der barocken Predigt- und Traktatliteratur.

Die zweite große Epoche der Rezeption ist die Romantik im 19. Jahrhundert, geprägt von der nunmehr definitiven Fassung der Brüder Grimm. Hier entstanden die ersten literarischen Bearbeitungen der Sage, nach Anlegen der Definition eines primär unterhaltenden Textes. Die bekanntesten davon sind die Gedichte von Goethe, Brentano/von Arnim und Robert Browning im englischsprachigen Raum. Damals begeistert aufgenommen, jedoch heute fast vergessen ist das als „Aventiure“ bezeichnete epische Gedicht von Julius Wolff. Bis heute fasziniert die Sage die Literatur mehr als die Musik, so entstanden im 20. Jahrhundert u.a. Dramen von Carl Zuckmayer und Michael Ende und eine Vielzahl populärer Romane. Die musikalische Rezeption scheint jedoch aus heutiger Sicht auf das Gedicht von Goethe beschränkt, so z.B. in Vertonungen von Franz Liszt und Hugo Wolf. Andere Kompositionen des 19. Jahrhunderts wie z.B. eine Oper von Victor Neßler nach J. Wolff oder eine symphonische Dichtung von Paul Geisler sind heute komplett vergessen oder sogar verschollen.

Die Forschung bewegte sich in jüngerer Zeit weg von dem historischen Ereignis, das als nicht weiter beleg- und überprüfbar gilt. Stattdessen wurden in der Betrachtung der Rezeptionsgeschichte wertvolle Erkenntnisse zur literarischen Gattung der Sage gewonnen. Am „Rattenfänger von Hameln“ lässt sich wie an keiner anderen Sage zeigen, wie sich der Blickwinkel auf eine Geschichte mit der Zeit veränderte. Bisher weitgehend unbeachtet ist jedoch die Sage als Träger von emotionalem Gehalt, was umso mehr erstaunt wenn man bedenkt, dass letztlich Emotionen für die Überlieferung eines Geschehnisses in Geschichten-, sprich Sagenform verantwortlich sind. Die hier vorliegende Arbeit hat zum Ziel, diese Lücke zu schließen und eine emotionstheoretische Analyse in verschiedenen Stadien der Rezeption vorzunehmen. Dazu sollen u.a. die Emotionstheorien nach Sir Anthony Kenny, William Lyons und Ronald de Sousa verwendet werden, welche exemplarisch für neuere Theorien von Emotionalität als analytische Werkzeuge zur Anwendung kommen.

Die Eingangs- und Leitthese dieser Arbeit lautet, dass sich ein wesentlicher Erkenntnisgewinn über die Rolle von Emotionen als motivierender Faktor in Sage und Märchen aus einer kritisch-analytischen Betrachtung des „Rattenfänger von Hameln“ ziehen lässt. Das Motiv der Verführung durch Musik wird dabei auf verschiedenen Ebenen beleuchtet, was zu einem umfassenden Gesamtbild und letztlich einer emotionstheoretischen Deutung dieses Sagenmotivs führen soll. Zudem werden so Betrachtungen über eine sich verändernde Emotionalität in der Rezeption über die Jahrhunderte möglich, die nirgendwo sonst derart konkret sein könnten. Die Akteure der Sage, die Kinder als Verführte und besonders der Rattenfänger als Verführer, durchlaufen dabei faszinierende Transformationsprozesse, nicht zuletzt durch ein sich veränderndes Verständnis des emotionalen Gehalts der Sage.

Kapitel 1 - Vorstellung der Sage und der Methodik

a.) Darstellung der Sage und der Theorien zum historischen Ereignis

Der Grundgehalt der Sage des „Rattenfänger von Hameln“ in der Überlieferung ab 1565 ist schnell erzählt, sie besteht im Wesentlichen aus zwei Handlungen oder Episoden. Ausgehend von der „endgültigen“ Fassung der Brüder Grimm von 1816, die ab dem 19. Jahrhundert als primär relevant gesehen werden muss, lässt sich die Geschichte wie folgt darstellen: Die Stadt Hameln an der Weser litt unter einer großen Rattenplage. Da kam ein fahrender Rattenfänger und Pfeifer[1] in die Stadt und bot den Stadtherren an, Hameln gegen einen gewissen Lohn von den Ratten zu befreien. Der Handel wurde getätigt und der Pfeifer in bunten Gewändern (daher „Bunting“[2] /„Pied Piper“[3] ) spielte auf seiner Flöte/Pfeife (auch Silberpfeife[4], Sackpfeife, Pfeifchen), woraufhin sich alle Ratten um ihn versammelten und ihm bis an die Weser folgten, wo sie ertranken. Als die Stadtherren ihm jedoch den versprochenen Lohn verweigerten, drohte er sich zu rächen (und verließ die Stadt). Er pfiff abermals (am Sonntag, als die Erwachsenen in der Kirche waren[5] ), doch nun kamen die Kinder angelaufen und zogen mit ihm aus der Stadt an den Kalvarien-/Köppenberg. Hier verschwanden sie spurlos, nach späterer Überlieferung in den Berg hinein, der sich für sie öffnete und danach wieder schloss, im wörtlichen Sinne „vom Erdboden verschluckt“.

An den hier in Klammern gesetzten angedeuteten Variationen und Ergänzungen lässt sich bereits erkennen, welch eine Vielzahl von variierenden Details vorliegt. In Kapitel 2 soll auf diese näher eingegangen werden, die detaillierte Analyse ist jedoch auch dort auf die drei wichtigsten Quellen beschränkt. Zunächst lassen sich hier vier wesentliche Sagenmotive ausmachen: a.) Musik als Mittel der Verführung, b.) Kindesentführung bzw. Entführung durch höhere Mächte, c.) der Rattenfänger/Spielmann/Pfeifer als „unehrlicher“ Landfahrer, d.) die Begründung auf ein historisches Ereignis. Das wesentliche Unterscheidungsmerkmal der Sage zum Märchen ist der historische Kern, der in diesem Fall ungewöhnlich gut rekonstruiert und belegt ist, auch wenn sich die Quellenlage mehr durch ihre Diversität als die herausragende Glaubwürdigkeit einzelner Belege auszeichnet. Nach Betrachtung der vorliegenden Lektüre zum derzeitigen Forschungsstand stellt man fest, dass die Theorien über den Hintergrund des Hamelner Kinderauszugs mindestens so divers sind wie die diesbezügliche Quellenlage. Einigkeit herrscht nur darüber, dass dieses Ereignis stattgefunden hat, außerdem gelten die äußeren Rahmenbedingungen, wie sie der Merkvers in der Bungelosenstraße am Rattenfängerhaus von 1602/03 beschreibt, als gesichert:

„ANNO. 1284. AM DAGE. JOHANNIS ET PAVLI. WAR DER. 26 IVNII. DORCH. EINEN. PIPER. MIT. ALLERLEI. FARVE. BEKLEDET. GEWESEN. CXXX KINDER. VERLEDET. BINNEN. HAMELN. GEBON. TO CALVARIE. BI DEN KOPPEN. VERLOREN.“[6]

Außer diesem finden sich noch einige andere Merkverse, die als literarische Gattung vor allem für die Zeit des späten Mittelalters eine Quelle verlässlicher Informationen darstellen, da die äußeren Vorgaben durch Metrum und Reimschema spätere Veränderungen durch mündliche Tradierung einschränken. So blieben die Kerninformationen eines Ereignisses erhalten, was sich im Vergleich verschiedener Merkverse untereinander bestätigt, da diese sich auffallend ähneln. Bernd Ulrich Hucker konnte in der Aufstellung seiner Genealogie zeigen, dass gerade für die Zeit von 1280-1380 auffallend viele Merkverse nachweisbar sind.[7]

Zu Beginn ist die Unterscheidung zwischen historischen und fabulierenden Quellen, die bereits Ansätze von Mythen- oder Sagenbildung erkennen lassen, entscheidend. Die Cantena aurea oder auch „Lüneburger Handschrift“ als ältestes erhaltenes Schriftstück, das in einer Notiz letzter Hand von 1430/50 explizit über den Kinderauszug berichtet, gehört bereits zu letzterer Gruppe.[8] Sie erwähnt wie auch die Merkverse keinen Rattenfänger, sondern nur einen Piper, also einen fahrenden Spielmann oder Pfeifer. Die gesamte Vorgeschichte des betrogenen Rattenfängers wurde nachträglich hinzugedichtet, vermutlich von Graf Froben Christoph von Zimmern und seinem Sekretär Johannes Müller 1565 oder einer verschollenen Quelle, auf die sie sich beziehen, denn hier taucht das Konstrukt erstmals auf.[9] Demnach können einzig die Merkverse als historische Quellen angesehen werden, auch die Theorien zum Hamelner Kinderauszug gründen sich hauptsächlich auf diese und die Cantena aurea.

Aus der Vielzahl von Überlegungen und Thesen sind jene zur Ostkolonisation am weitesten verbreitet und genießen in Fachkreisen die meiste Anerkennung. Demnach sind die Hamelner Kinder vielmehr junge Bürger der Stadt, die ausziehen um Böhmen, Mähren und Schlesien, nach mittlerweile widerlegten Theorien des 19. Jahrhunderts Siebenbürgen, zu kolonisieren.[10] Angeworben wurden sie von einem Lokator in auffallend bunter Kleidung, der sich mit einer Pfeife oder Flöte ankündigt. Der Kontakt zu den Heimgebliebenen wäre abgebrochen, ein Teilaspekt, dem oft das gut funktionierende Informationsnetz der Hanse entgegengehalten wird. Vielleicht lagen die Generationen auch im Streit, wonach der Auszug ein Auflehnen gegen die hierarchische Gesellschaft der Eltern wäre.[11] Der Spielmann wurde damals wie auch der Rattenfänger zu den unehrlichen Leuten gerechnet, seine Freiheit war nicht selten mit Vogelfreiheit verknüpft, denn die Rechte und ganz besonders das Ansehen eines Stadtbürgers blieben ihm verwehrt. Letztlich war er aber sicher auch eine Projektionsfläche für unausgelebte Wünsche und Träume, so z.B. der Ausbruch aus den rigiden Gesellschaftsstrukturen und ein selbstbestimmtes Leben.[12] Dadurch erhält das fahrende Volk im Bild der mittelalterlichen Gesellschaft eine Ambivalenz, die es so faszinierend machte und maßgeblich am Überleben der Geschichte beteiligt gewesen sein dürfte. Dieser Punkt wird in der emotionstheoretischen Analyse noch von Bedeutung sein, da gerade modernere Autoren wie Zuckmayer auf diese psychologisch spannende Theorie zurückgreifen.

Eine andere Theorie, die in diesen Kontext passt und vielseitig verknüpfbar ist, bezieht sich auf das mittelalterliche Phänomen der Tanzwut, auch „Veitstanz“ genannt. Mehrere historische Quellen berichten von Anlässen, an denen sich die Menge durch Tanzen in einen ekstatischen Zustand versetzte.[13] Von dem möglichen Hintergrund des Konsums halluzinogener und euphorisierender Substanzen abgesehen, sagen diese Vorkommnisse vor allem etwas über unterdrückte Emotionen oder auch Ängste aus, die anderweitig nicht ausgelebt werden konnten. Der Kirche galt das Tanzen als gotteslästerlich, läuft es doch mit seiner schnellen Euphorie der Frömmigkeit und Gottesfurcht grundlegend zuwider. Da das Tanzen aber auch ein Gefühlsausdruck und damit ein Katalysator für aufgestaute Emotionen ist, sah sich die Kirche als geistliche Obrigkeit mit der Möglichkeit von Aufruhr und Rebellion konfrontiert.[14] Daher verteufelte sie es und spielte so heidnischen Gruppierungen in die Hände, die sich im Geheimen zu rituellen Tänzen und Opferzeremonien trafen. Möglicherweise kam es zu solchen Handlungen auf dem Kalvarien- oder Koppenberg, ersterer hatte als Hinrichtungsstätte vielleicht eine besondere Faszination. Das Verschwinden ließe sich hier mit einem Erdrutsch oder Erdbeben erklären, siehe „vom Erdboden verschluckt“, wobei dies natürlich auch als eigene Theorie aufgefasst werden kann.[15]

Da die Pest erst ab 1305 in der Gegend um Hameln vorkommt, wurde sie durch die Datierung lange als Hintergrund des Kinderauszugs ausgeschlossen. Werner Ueffing zeigte jedoch eine mögliche Datierung auf 1350 auf,[16] wodurch Theorien wie die Flucht vor der Pest oder aber der Auszug von Pest- oder Leprakranken aus der Stadt durch einen Schellenknecht in auffallend bunter Kleidung, möglich werden.[17] Die Eltern hätten einem solchen Ereignis wie die gesamte mittelalterliche Gesellschaft hilflos gegenübergestanden und in rückblickender Verklärung nachvollziehbarerweise nach Schuldigen gesucht. Auch war die Ansteckungsgefahr so groß, das die Kranken möglicherweise im Geheimen aus der Stadt in die nahegelegenen Berge geführt worden wären. Vielleicht ist auch die später hinzugedichtete Vorgeschichte kein Zufall, denn Ratten galten schon im Mittelalter als Überbringer der Pest. Aus mangelnder Hygiene war man sich jedoch unklar, wie beide Übel zu bekämpfen seien, daher die Hilflosigkeit und die Beauftragung fahrender Rattenfänger. Weitere Theorien, die jedoch alle durch die Datierung auf 1284 entkräftet werden, schließen einen Kinderkreuzzug (eher frühes 13. Jh.), die Schlacht bei Sedemünde gegen den Bischof von Minden (1259) und ein Bergwerksunglück ein (im 13. Jh. ist kein Bergbau in der Region nachweisbar).

b.) Die Rezeptionsgeschichte des Stoffes im Überblick

Die dargestellten Theorien zum Hamelner Kinderauszug variierten mit der Zeit sehr stark, doch sie alle sind eher in die jüngere Rezeptionsgeschichte der Sage zu verordnen. Erste Ansätze von wissenschaftlichen oder gar quellenhistorischen Erklärungen finden nicht vor der Aufklärung statt. Dennoch gibt es in der großen Rezeptionsepoche des Barock bereits einige aus heutiger Sicht vorwissenschaftliche Erklärungsversuche. Diese werden dabei naturgemäß von vorhergehenden Überlegungen in der protestantischen und seltener auch katholischen Exempel- und Predigtliteratur des 16. Jahrhunderts beeinflusst.

Der erste gedruckte Bericht über den Rattenfänger von Jobus Fincelius ist ersterer Kategorie zuzuordnen. Er beschreibt in seinen Wunderzeichen von 1556 den Rattenfänger als eine Inkarnation des Teufels, eine Deutung, die im Kontext des 16. Jahrhunderts nicht überrascht.[18] Diese Verteufelung des Rattenfänger-Pfeifers im Wortsinn hat weitreichende Folgen, die bis in unsere Gegenwart reichen. Über Johannes Weyer und Athanasius Kircher bis hin zu Johann Wolfgang von Goethe[19] und Bertolt Brecht[20] durchzieht diese Verknüpfung die Rezeption wie ein roter Faden. Damit kann der Text von Fincelius als einer der einflussreichsten über den Hamelner Kinderauszug gelten, evtl. sogar als Primärbezugstext des 15. und 16. Jahrhunderts. Eine derartige Breitenwirkung, die vermutlich der Drucklegung geschuldet ist, wurde vor den Brüdern Grimm nicht mehr erreicht. Tatsächlich kehrte er das Bild des Pfeifers, wie es im Nachtrag zur Cantena aurea von 1430/50 vermittelt wird, komplett um: Hier war der Pfeifer noch ein Jüngling von dreißig Jahren, der auf einer Silberpfeife spielte und für seine Kleidung von allen, die ihn sahen, bewundert wurde.[21]

Abgesehen von dem Bericht des Fincelius, der sich wesentlich auf die Figur auswirkte, war noch ein anderer Text vergleichbar einflussreich. Eventuell ist es die Chronik des Grafen Froben Christoph von Zimmern, bei der wie erwähnt nicht eindeutig ist, ob sie den Ursprung des Rattenfängermotivs darstellt, jene Verschmelzung zweier Archetypen des fahrenden Volkes zu einem. Sicher konnte das neue Motiv jedoch erst durch den Arzt Johannes Weyer größere Wirkung entfalten, vor allem in seiner einflussreichen Dämonologie gegen die Hexenverbrennung.[22] Parallel dazu erscheinen moralisierende Exempeltexte wie z.B. von Andreas Hondorff, der die Eltern warnt, ihre Kinder zu behüten.[23] Der Weg zur barocken Traktatliteratur ist von hier aus nicht mehr weit, obgleich der Schritt vom neutralen oder bewertenden Bericht zum kritischen, vorwissenschaftlichen Traktat ein entscheidender in Richtung Aufklärung ist. Das lässt sich besonders an dem musiktheoretischen Werk des 17. Jahrhunderts, die Musurgia universalis von Athanasius Kircher, erkennen. Er stellt den Rattenfänger erstmals in den Kontext einer größeren „wissenschaftlichen“ Betrachtung über Akustik, in dem u.a. auch die biblische Geschichte der Trompeten von Jericho analysiert wird. Im Fall der Rattenfängersage verbleibt er zwar bei der Frage, „was dieß für eine Pfeifen gewesen / und wie dessen sonus solche Kraft haben können?“[24], dennoch ist dies der Beginn einer wissenschaftlichen Debatte, die noch lange andauern wird.

[...]


[1] „Piper“, vgl. u.a. nieder- und frühhochdeutschen Merkverse, häufig in Form von Hausinschriften, s.u.

[2] vgl. u.a. Jakob und Wilhelm Grimm, „Nr. 244 Die Kinder von Hameln“, in: Deutsche Sagen, Frankfurt am Main 1999, Erstdruck 1816 (1. Band), S. 281 ff., vgl. Anhang

[3] vgl. Richard Verstegan, A restitution of decayed intelligence, Antwerpen 1605; Robert Browning, „The Pied Piper of Hamelin“, in: Bells and Pomegranates, No. III: Dramatic Lyrics, London 1842

[4] vgl. Heinrich von Herford (u.a.), Cantena aurea („Lüneburger Handschrift“), Nachtrag letzter Hand, 1430/50

[5] vgl. beide Ergänzungen u.a. bei Grimm, Frankfurt a.M. 1999 [1816]

[6] Inschrift in der Bungelosenstraße /Ecke Osterstraße am „Rattenfängerhause“, das 1602/03 erbaut wurde; zit. nach Hans Dobbertin, Quellensammlung zur Hamelner Rattenfängersage, Göttingen 1970, S. 53

[7] vgl. hierzu Bernd Ulrich Hucker, „Der Auszug der Hämelschen Kinder 1284 aus quellenkritischer Sicht“, in: Geschichten und Geschichte. Erzählforschertagung in Hameln Oktober 1984, hrsg. im Auftrag der Stadt Hameln von Norbert Humburg, Hildesheim 1985, S. 89 ff.

[8] Heinrich von Herford (u.a.), Cantena aurea („Lüneburger Handschrift“), Nachtrag letzter Hand, 1430/50, in: Hans Dobbertin, Quellensammlung, Göttingen 1970, S. 15 f.

[9] vgl. Chronik des Grafen Forben Christoph von Zimmern & Johannes Müller, 1565; in: Hans Dobbertin, Quellensammlung, Göttingen 1970, S. 24 f.

[10] u.a. favorisiert von Wolfgang Wann und Heinrich Spanuth; vgl. Lutz Röhrich, „Begrüßung und Eröffnung“, in: Geschichten und Geschichte, hrsg. von N. Humburg, Hildesheim 1985, S. 7 ff.

[11] Zuckmayer greift u.a. diese Theorie auf; vgl. Carl Zuckmayer, Der Rattenfänger. Eine Fabel, Hamburg 1975

[12] vgl. Günther Kampfhammer, „Sage und Geschichte. Neue Überlegung zur Erzählforschung am Beispiel der Hamelner Rattenfänger“, in: Geschichten und Geschichte, hrsg. von N. Humburg, Hildesheim 1985, S. 13 ff.

[13] vgl. u.a. Bernd Ulrich Hucker, „Der Auszug der Hämelschen Kinder 1284 aus quellenkritischer Sicht“, in: Geschichten und Geschichte, hrsg. von N. Humburg, Hildesheim 1985, S. 89 ff.

[14] vgl. Gisela Just, Magische Musik im Märchen. Untersuchungen zur Funktion magischen Singens und Spielens in Volkserzählungen (= Artes populares 20), hrsg. von L. Röhrich, Frankfurt a.M. 1991, S. 43 ff.

[15] Eine Theorie, die z.B. von der Aufklärung gegenüber magischem Öffnen des Berges bevorzugt wurde.

[16] Die alternative Datierung auf 1350 bezieht sich auf einen vieldiskutierten Eintrag im „Donat“ genannten Hamelner Statutenbuch von 1375, wonach sich der obskure Zusatz „post exitum puerorum… cc°lxxxiij“ zur Datumsangabe 1351 auf die Zahl der Tage nach dem Auszug bezieht; vgl. Werner Ueffing, „Die Hamelner Rattenfängersage und ihr historischer Hintergrund“, in: Geschichte und Geschichten, hrsg. von N. Humburg, Hildesheim 1985, S. 185 ff.; bezogen auf: Hans Dobbertin, Quellensammlung, Göttingen 1970, S. 12 f.

[17] vgl. zur „Leprosen“-Theorie Marianne Rumpf, „Die Hamelner Rattenfängersage medizinhistorisch gedeutet“, in: Geschichte und Geschichten, hrsg. von N. Humburg, Hildesheim 1985, S. 29 ff.

[18] Jobus Fincelius, Wunderzeichen, Teil 1, Vorwort 1555, 1. Aufl. 1556; in: Hans Dobbertin, Quellensammlung, Göttingen 1970, S. 23 f.

[19] Hier ist weniger auf das bekannte Rattenfänger-Gedicht „Ich bin der wohlbekannte Sänger“ (vgl. Anhang) denn auf den Hexensabbat im Faust I angespielt, wo Faust und Mephisto dem Rattenfänger begegnen.

[20] vgl. das auf Hitler gemünzte satirische Gedichte „Die wahre Geschichte vom Rattenfänger zu Hameln“, in: Gedichte und Gedichtfragmente 1928 - 1939, Berlin/Weimar, 1993

[21] „Quidam adolescens de xxx annis, / pulcher et omnino bene vestitus […]“, zit. nach Heinrich von Herford (u.a.), Cantena aurea („Lüneburger Handschrift“), Nachtrag letzter Hand, 1430/50, in: Hans Dobbertin, Quellensammlung, Göttingen 1970, S. 15

[22] Johannes Weyer (Wierus), „De praestigiis daemonum ac incantationibus veneficiis“, 4. Aufl., Basel 1577, in: Hans Dobbertin, Quellensammlung, Göttingen 1970, S. 32 f.

[23] Später wurde die Moral von v. Arnim in der „Wunderhorn“-Fassung aufgegriffen, vgl. Andreas Hondorff, Promptuarium exemplorum, 1573/80; in: H. Dobbertin, Quellensammlung, Göttingen 1970, S. 29

[24] „Quaeritur igitur quisnam ille sonus fistulae tantae virtutis fuerit?“, zit. nach Athanasius Kircher, Musurgia universalis, Liber IX, Caput 3, Rom 1650, deutsche Teilübersetzung von Andreas Hirsch, „Von den Kindern zu Hammel“, Schwäbisch Hall 1662, Faksimile Kassel 2006, S. 201

Details

Seiten
37
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656365433
ISBN (Buch)
9783656367093
Dateigröße
726 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v209093
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Musikwissenschaftliches Seminar
Note
1,0
Schlagworte
rattenfänger hameln verführung gebrüder grimm sagen emotionen emotionsphilosophie emotionstheorien quellenanalyse athanasius kircher robert browning julius wolff carl zuckmayer anthony kenny ronald de sousa william lyons bunting pied piper cantena aurea

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Der emotionale Charakter einer musikalischen Verführung durch den Rattenfänger von Hameln