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Die komplexe Erinnerungskultur zur NS Geschichte

Am Beispiel der Gemeinde Sandbostel

Essay 2012 9 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg

Leseprobe

„Wer jetzt noch sagt, daß hier ein Lager

gewesen ist, der muß ‘ne Runde ausgeben.“

Dieses Zitat stammt aus den 1970er Jahren von dem ehemaligen Bürgermeister einer kleinen Gemeinde im Nordwesten Deutschlands. Die Gemeinde um die es geht, heißt Sandbostel. Wenn Sie jetzt denken: „Davon habe ich noch nie etwas gehört. Was soll denn da passiert sein?“, dann ist dies überhaupt nicht verwunderlich. Lange Jahre haben die Bürger versucht, die Überreste der dunkelsten Zeit der deutschen Geschichte in Vergessenheit geraten zu lassen. Im Zweiten Weltkrieg befand sich hier ein Kriegsgefangenenlager der Wehrmacht. Wenige Wochen vor seiner Befreiung, am 29. April 1945, übernahm die SS einen Lagerabschnitt. Hier wurden KZ-Häftlinge aus dem Vernichtungslager Neuengamme untergebracht, die im Zuge der Evakuierungsmärsche nach Sandbostel gekommen waren. Das Lager, oder genauer das Stammlager B des Wehrkreises Zehn (Stalag X B), bildet den Mittelpunkt der Vergangenheitsbewältigung der Gemeinde Sandbostel und der dazugehörigen Ortschaften. Das Interessante ist allerdings, dass man hier nicht von einer Bewältigung sprechen kann, denn Erinnerungen an das Lager wurden verdrängt und selbiges von der Außenwelt abgeschottet. Erst in den letzten Jahren rückte die Geschichte des Lagers wieder in Öffentlichkeit.

Das eingangs erwähnte Zitat verdeutlicht den Umgang mit der eigenen Geschichte sehr gut. Allerdings muss an dieser Stelle zwischen der kollektiven Erinnerungskultur auf Bundesebene und der regionalen Erinnerungskultur in der Gemeinde Sandbostel unterschieden werden. Generell ist die Erinnerungskultur in kleinen Ortschaften sehr viel emotionaler und nicht so sachlich wie auf Bundesebene. So auch im hier gewählten Beispiel. Die These die es hier zu überprüfen gilt, sagt, dass bis heute, auf Grund der Emotionalität, in Bezug auf das Lager, keine wirkliche Auseinandersetzung mit der Geschichte stattgefunden hat. In diesem Essay sollen die verschiedenen Ursachen dafür beschrieben und diskutiert werden. Vorweg sei gesagt, dass es sich die Aufarbeitung hier als sehr komplex darstellt und sich nicht an einer einzelnen Aktion festmachen lässt. Zudem finden sich auch Punkte die im Widerspruch zu einander stehen. Leider gibt es nur sehr wenig Literatur zu diesem Themenbereich, was einen objektiven Blick auf die Situation erschwert.

Den ersten Schritt zur Aufarbeitung der Vergangenheit findet man nicht etwa im Lager, wie man vielleicht vermuten würde, sondern auf der etwa zwei Kilometer entfernten Kriegsgräberstätte. Diese wurde bereits kurz nach Befreiung des Lagers durch britische Soldaten sowie einige ehemalige Häftlinge errichtet. Es handelt sich hier also um eine aufgezwungene Verlagerung der Erinnerung vom eigentlichen „Tatort“ hin zur Kriegsgräberstätte. Eigentlich handelt es sich nicht um eine Kriegsgräberstätte im eigentlichen Sinne, denn hier sind keine Soldaten begraben, die im Krieg gefallen sind. Es ist nämlich in erster Linie der Lagerfriedhof für die Häftlinge des Stalag X B. Schon an der Benennung zeigt sich das gespaltene Verhältnis der Bewohner zum Lager. Ebenso versteckt wie es heute das Lager ist, findet man die Kriegsgräberstätte fernab der Hauptstraße in einem kleinen Waldstück. Auch heute noch bildet diese Stätte den Mittelpunkt der Erinnerungskultur der Gemeinde. Bis in die 1990er Jahre bestand sie allerdings ohne einen direkten Bezug zum ehemaligen Lager. Nur die eingesessenen Bürger wussten über ihre Geschichte Bescheid, sprachen aber lange Zeit nicht darüber. Zwar kann eine Kriegsgräberstätte bei der Verarbeitung des Geschehenen helfen, allerdings wurde diese nicht von Leuten genutzt. Gründe dafür sind zum einen der fehlende persönliche Bezug, da ja niemand der Bewohner am Bau beteiligt war und zum anderen dort nur Tote aus anderen Nationen begraben wurden. Es war also mehr eine Gedenkstätte für die Angehörigen der Opfer, als für die Leute der Gemeinde Sandbostel. So ist es auch nicht verwunderlich, dass die Grabpflege in den Nachkriegsjahren ausgeblieben ist und die Stätte verwahrloste. Hier schließt sich auch die Verdrängung des Leidens der Opfer an und die damit verbundene Hervorhebung der eigenen Opferrolle und Emotionen an.

Auslöser für dieses Verhalten waren die Geschehnisse, die sich unmittelbar vor und nach der Befreiung des Lagers abspielten. Zuvor waren die Ortschaften weitestgehend vom Krieg verschont, aber mit dem Kampf um das Lager war der Krieg direkt vor der Haustür. Beim Beschuss wurden mehrere Häuser zerstört und viele Menschen verletzt. Viele flüchteten in benachbarte Dörfer, um Schutz zu suchen. Nach der Befreiung des Lagers waren vor allem die Bewohner des Ortes Mintenburg von Plünderungen betroffen. In der Ortschronik von 1996 finden sich einige Zeitzeugenberichte, in denen beschrieben wird, wie sowjetische Gefangene kurz nach deren Freilassung die Häuser plünderten und sogar eine Person erschossen.[1] Sicherlich darf man hier nicht verallgemeinern und sagen, dass alle sowjetischen Gefangenen plünderten. Es gibt auch Berichte, in denen das Gegenteil beschrieben wird. Da die Chronik erst knappe 50 Jahre nach Kriegsende erschienen ist, kann man nicht mehr sagen, wie viel Zeitzeugenaussagen auch der tatsächlichen Wahrheit entsprechen und wie viel im Laufe der Jahre verzerrt wurde. Dass es Plünderungen gegeben hat, kann allerdings als Tatsache festgehalten werden.[2] Aber dennoch ist nachvollziehbar, warum gerade in den Nachkriegsjahren der eigene Opferstatus in den Mittelpunkt gestellt wurde. Man gab dem Lager die Schuld am eigenen Unglück und besonders den Leuten, die plünderten. Unter diesem Gesichtspunkt ist auch verständlich, warum sie den Opfern auf der Kriegsgräberstätte nicht gedachten. Waren es doch die Kameraden und Landsleute derer, die ihre Häuser verwüstet hatten. Sicherlich spielt auch dieser Aspekt mit in die Verwahrlosung des Friedhofs hinein. Auf Grund von Protesten im Ausland, die den Zustand der Kriegsgräberstätte bemängelten, wurde diese 1949 grundlegend umgestaltet und erhielt den Charakter eines Waldfriedhofs. Gleichzeitig stellt diese Aktion eine neue Phase der Erinnerungskultur in dieser Gegend dar.

[...]


[1] Ehrhardt, Michael: Dorfchronik Mintenburg 1796 – 1996, Mintenburg 1996, S. 115f.

[2] hier ergänzend zu Ehrhardt: Borgsen, W., Volland K.: Stalag X B Sandbostel. Zur Geschichte eines Kriegsgefangenen- und KZ-Auffanglagers in Norddeutschland, 1939-1945, Bremen 1991, S. 216ff.

Details

Seiten
9
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656369752
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v209034
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
1,3
Schlagworte
Stammlager Sandbostel Stalag X B Kriegsgefangenenlager Bergen-Belsen Gedenkstätte

Autor

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