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„Nachhaltige Entwicklung“ - Eine kritische diskurs- und hegemonietheoretische Analyse nach Ernesto Laclau und Chantal Mouffe

Hausarbeit 2010 27 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Abstract / Zusammenfassung

2. Einleitung

3. Theoretischer Rahmen

4. Historischer Hintergrund des Diskurses um „nachhaltige Entwicklung“

5. Momente des Diskurses, Logik der Differenz und tendenziell leerer Signifikant

6. Logik der Äquivalenz

7. Anwendung der neueren Hegemonietheorie von Laclau

8. Schlussbetrachtung

9. Literaturverzeichnis

1. Abstract / Zusammenfassung

„Sustainable Development“ - A critical discourse- and hegemony-theoretical analysis according to Ernesto Laclau and Chantal Mouffe

This paper examines by the help of the poststructuralist discourse- and hegemony-theory of Ernesto Laclau and Chantal Mouffe how the discourse of ,sustainable development' was able to become hegemonic. The analysis shows that this is mainly due to differences power, the reconciliation of growth and sustainabilty and the existence of the tendentially empty signifier ,sustainable development'. The tendentially empty signifier achieves to represent particular moments like growth, the market, environmental protection and development as the positive universality that has to be strived for. In addition to that the paper indicates what the counter-hegemonic and more radical approaches would require in order to be more influential.

„Nachhaltige Entwicklung“ - Eine kritische diskurs- und hegemonietheoretische Analyse nach Ernesto Laclau und Chantal Mouffe

Dieser Aufsatz untersucht mit Hilfe der poststrukturalistischen Diskurs- und Hegemonietheorie von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe wie der Diskurs um „nachhaltige Entwicklung“ hegemonial werden konnte. Die Analyse hat dabei gezeigt, dass vor allem Machtunterschiede, die Versöhnung von Wachstum und Nachhaltigkeit sowie das Vorhandensein des tendenziell leeren Signifikanten ,nachhaltige Entwicklung' für die Hegemonialisierung verantwortlich sind. Der tendenziell leere Signifikant schafft es dabei, partikulare Momente wie Wachstum, Markt, Umweltschutz und Entwicklung als das positive und allgemeinhin Anzustrebende zu repräsentieren. Durch die Analyse wird darüber hinaus gezeigt, was den gegen-hegemonialen und radikaleren Ansätzen fehlt, um mehr Einfluss zu erlangen.

2. Einleitung

Wenn man unvoreingenommen den Begriff „nachhaltige Entwicklung“ hört, so werden das die meisten zunächst für etwas generell unterstützenswertes halten. Denn Entwicklung ist ja insbesondere in den „unterentwickelten“ Ländern nötig und außerdem sind wir natürlich alle an Weiterentwickelung interessiert. Zudem ist den meisten Menschen in Deutschland mittlerweile bewusst, dass man dabei etwas für die Umwelt tun muss, dass alles also möglichst nachhaltig sein sollte, um soziale, ökologische und wirtschaftliche Aspekte in Übereinstimmung zu bringen.

Was verbirgt sich aber konkret hinter dem Begriff und damit hinter dem Konzept der „nachhaltigen Entwicklung“? Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass es einen hegemonialen Diskurs gibt, der vor allem auf Wachstum, Modernisierung, Technisierung und Verwissenschaftlichung setzt (Dingler 2003: 250-251). Daneben gibt es alternative und sehr viel radikalere Ansätze zum Thema Entwicklung und Umwelt, die aber nicht hegemonial sind (z.B. Dingler 2003: 342-383). Damit ergibt sich als nächstes die Frage, wie es dazu gekommen ist, dass es einen hegemonialen Diskurs der „nachhaltigen Entwicklung“ gibt.

Insbesondere die Diskurs- und Hegemonietheorie von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe erscheint ideal um dieser Frage nachzugehen. Nach ihr grenzt sich ein Diskurs durch antagonistische Beziehungen von seinem Äußeren ab, wobei das Äußere aus anderen Diskursen besteht (Laclau/Mouffe 2006: 143-148, 161-167). Darüber hinaus interessiert sich die Theorie dafür, wie Bedeutungen fixiert werden und wie Hegemonie erreicht wird (Stäheli 2006: 255), wobei letzteres durch die neuere Hegemonietheorie von Laclau mit ihren vier hegemonialen Beziehungen spezifiziert wurde (Laclau 2000a: 53-58, Laclau 2000b: 207-212).

Die Anwendung der Theorie von Laclau und Mouffe ist insbesondere interessant, da sie nach meinem Kenntnisstand noch nicht konsequent auf den Diskurs der ,nachhaltigen Entwicklung' angewendet wurde. Bisherige Arbeiten zum Thema nutzen fast ausschließlich die Diskurstheorie von Foucault (Hajer 1995, Eblinghaus/Stickler 1996, Escobar 1996, Williams 1997)[1]. Diese erscheint allerdings nicht als eine so „begrifflich streng organisierte und konsistente Diskurstheorie“ (Stäheli 2006: 256) wie die von Laclau und Mouffe und sie thematisiert insbesondere kaum, wie ein Diskurs hegemonial wird. Lediglich Aram Ziai (2009) nutzt ausschließlich die Theorie von Laclau und Mouffe. Allerdings bezieht sich seine Analyse eher auf Entwicklungsprojekte statt auf den Diskurs „nachhaltiger Entwicklung“ und er nutzt im Prinzip nur das Konzept des leeren Signifikanten. Johannes Dingler (2003) hat eine sehr ausführliche und ausgereifte Diskursanalyse der ,nachhaltigen Entwicklung' vorgelegt, weshalb hier oft auf dieses Werk Bezug genommen wird, zumal es zu den neuesten Darstellungen des Diskurses zählt. Dingler wendet im Wesentlichen die Diskurstheorie von Foucault an, nutzt aber auch Elemente von Laclau und Mouffe. Dabei wird der Diskurs allerdings nicht mit den Logiken der Differenz und Äquivalenz dargestellt und auch das Konzept des tendenziell leeren Signifikanten wird nicht genutzt, obwohl ,nachhaltige Entwicklung' als „leerer Begriff“ bezeichnet wird (Dingler 2003: 199).

Die Forschungsfrage dieses Aufsatzes lautet daher: Wie kann mit Hilfe der Diskurs- und Hegemonietheorie von Laclau und Mouffe die Hegemonialisierung des Diskurses um ,nachhaltige Entwicklung' erklärt werden?

Meine Hypothese ist dabei, dass solch eine Analyse entsprechend der Theorie von Laclau und Mouffe die wichtigsten Gründe der Hegemonialiserung zeigt und dass sich somit auch Hinweise ergeben, wie die nicht-hegemonialen Ansätze mehr Anziehungskraft ausüben können.

Dabei bezieht sich in diesem Aufsatz „nachhaltige Entwicklung“ nicht nur darauf, wie sich die Industriestaaten nachhaltiger entwickeln können. Es soll insbesondere auch um Entwicklung im globalen Süden gehen. Zu bemerken ist außerdem, dass sich der Diskurs um ,nachhaltige Entwicklung' auf unterschiedlichen Ebenen abspielt. Dingler (2003: 197) nennt zum Beispiel wissenschaftliche, politische und gesellschaftliche Debatten. Dieser Aufsatz soll dabei im Wesentlichen auf die politische und gesellschaftliche Dimension begrenzt bleiben. Schwerpunkt sind also vor allem die Positionen, die im Rahmen der Vereinten Nationen und von internationalen Organisationen geäußert werden. Ein gutes Beispiel ist die Weltbank, die sich sehr stark für ,nachhaltige Entwicklung' einsetzt. Mit inbegriffen in diesem politisch-gesellschaftlichen Diskurs sind aber natürlich auch Regierungen, gesellschaftliche Kräfte im Allgemeinen und teilweise die Wissenschaft.

Analyseeinheit sind zum Teil Originaldokumente wie der Brundtland-Bericht. Oft wird allerdings auch auf Sekundärliteratur zurückgegriffen, um bereits vorhandene Bewertungen aus der Wissenschaft einfließen zu lassen. Im Folgenden wird kurz der theoretische Rahmen erläutert, der in diesem Aufsatz Anwendung findet. Für ein besseres Verständnis soll dabei auch knapp auf die Grundlagen der Theorie eingegangen werden. Danach wird die Geschichte des Diskurses nachhaltiger Entwicklung kurz dargestellt, um den Diskurs dann nach den Logiken der Differenz und Äquivalenz zu analysieren, wobei auch auf den tendenziell leeren Signifikanten eingegangen wird. Mit Hilfe der vier Dimensionen hegemonialer Beziehungen nach Laclau soll dann abschließend begründet werden, warum es zur Hegemonialiserung kam. Am Schluss werden die Ergebnisse zusammengefasst und es wird darauf eingegangen wie die alternativen Ansätze mehr Gewicht erlangen könnten.

3. Theoretischer Rahmen

Die Theorie von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe, die dem Poststrukturalismus zuzuordnen ist, lehnt Konzepte ab, die die Gesellschaft mit einem letzten Fundament, wie zum Beispiel der Ökonomie denken und ist damit anti-essentialistisch (Stäheli 2006: 254). Hinzu kommt, dass nach poststrukturalistischen Theorien Bedeutung lediglich durch die Differenz zwischen Signifikaten[2] erzeugt wird; Bedeutung und Identität werden also nur durch Differenz und Exklusion produziert und das Verhältnis zwischen Signifikat und Signifikant[3] muss so stetig reproduziert werden (Ziai 2009: 195). Identitäten werden dabei durch diskursive Artikulationen hergestellt, wobei jede Identität erst in Relation zu einer anderen Bedeutung erlangt (Stäheli 2006: 257). Dabei „gibt es keine gesellschaftliche Identität, die völlig geschützt ist vor einem diskursiven Äußeren, das sie umformt“ (Laclau/Mouffe 2006: 148) und somit kann es auch nie eine endgültige Bedeutungsfixierung geben (Laclau/Mouffe 2006: 150). Da der Diskursbegriff bei Laclau und Mouffe nicht nur sprachliche Texte umfasst, sondern den Begriff des Sozialen ersetzt (Stäheli 2006: 257), ergibt sich daraus, dass nicht nur Identitäten und Diskurse, sondern das Soziale und das Politische insgesamt kontingent, also veränderbar sind. Aus dieser Erweiterung des Diskursbegriffs folgt auch, dass eine diskursive Artikulation als politischer Akt zu begreifen ist (Stäheli 2006: 259). Ein Diskurs wird dabei abgegrenzt, indem er als die strukturierte Totalität definiert wird, die aus der artikulatorischen Praxis hervorgeht (Laclau/Mouffe 2006: 141).

Für die Analyse von Diskursen ist es nützlich, die zwei nach Laclau und Mouffe vorherrschenden Logiken zu betrachten, nämlich die Logik der Differenz und die der Äquivalenz (Laclau/Mouffe 2006: 167-175). Die Logik der Differenz verdeutlicht dabei, dass es innerhalb eines Diskurses verschiedene Momente gibt, die unterschiedliche Bedeutung haben, z.B. Wachstum und Technologie im Diskurs der ,nachhaltigen Entwicklung'. Da durch die Artikulation Elemente Bedeutung erlangen, spricht man nun von Momenten (Laclau/Mouffe 2006: 141). Wenn der Diskurs auf sein Außen stößt, wirkt die Logik der Äquivalenz, indem die Bedeutungsunterschiede innerhalb des Diskurses nahezu verschwinden und die Abgrenzung nach außen das Wichtigste wird. Die Momente des Diskurses verhalten sich also jeweils äquivalent zu den Momenten des Außens und es entstehen zwei Äquivalenzketten.[4] Die Momente des Innens und des Außens unterliegen dabei jeweils antagonistischen Beziehungen zueinander, das heißt sie definieren sich über das jeweils gegnerische Moment, welches sich im gegnerischen Diskurs beziehungsweise im Außen des eigenen Diskurses befindet (Stäheli 2006: 263-264).

Was trägt nun dazu bei, dass ein Diskurs gegenüber den oder dem anderen hegemonial wird? Nach der neueren Hegemonie-Theorie von Laclau gibt es vier hegemoniale Beziehungen (Laclau 2000a: 53-58, Laclau 2000b: 207-212, siehe auch Nonhoff 2006: 237-239): Erstens entstehen hegemoniale Verhältnisse aufgrund ungleicher Machtverhältnisse, sodass ein Akteur oder eine Gruppe von Akteuren eine besondere Akzeptanz erfährt. Gemäß den Grundannahmen der Theorie müssen diese Machtunterschiede allerdings als diskursiv begründet gesehen werden und nicht durch die Materialität von Akteuren oder Konzepten. Zweitens kann es Hegemonie nur geben, wenn die Dichotomie zwischen Allgemeinem und Partikularem diskursiv überwunden wird, wenn also das Allgemeine durch das Partikulare verkörpert wird. Drittens werden tendenziell leere Signifikanten[5] benötigt, die dazu dienen, dass das Partikulare das Allgemeine repräsentiert. Der tendenziell leere Signifikant ist dabei ein sprachliches Zeichen, welches sich zunehmend von seiner ursprünglichen Bedeutung löst und behelfsmäßig die Identität des ganzen Diskurses repräsentiert (Nonhoff 2006: 239, Stäheli 2006: 261). Viertens folgt aus dem Vorangegangenen, dass Repräsentation für die Hegemonie unerlässlich ist, da das Allgemeine sich nicht offensichtlich, sondern durch das Partikulare zeigt (siehe auch Nonhoff 2006: 239).

An dieser Stelle sei allerdings nochmals darauf hingewiesen, dass der leere Signifikant nur tendenziell leer ist und es in der Empirie niemals ,reine' leere Signifikanten gibt (Stäheli 2006: 261). Somit kann das Allgemeine niemals vollständig repräsentiert werden und es kann keine endgültige Aufhebung des Widerspruchs zwischen Partikularem und Allgemeinem geben. Somit kann jede Hegemonie in Frage gestellt und brüchig werden.

4. Historischer Hintergrund des Diskurses um „nachhaltige Entwicklung“

Im Folgenden soll ein kurzer Überblick über die Geschichte des Konzepts der ,nachhaltigen Entwicklung' gegeben werden. Dies erscheint für eine Analyse des Konzepts unabkömmlich; außerdem werden dadurch diskursive Verschiebungen deutlich.

Die Debatte um nachhaltige Entwicklung wird erst seit 30 bis 40 Jahren geführt. Der Begriff der Nachhaltigkeit ist allerdings weitaus älter. Er wurde das erste Mal 1713 von dem Erzgebirger von Carlowitz verwendet, demzufolge für eine dauerhafte Waldwirtschaft die Abholzungsrate nicht größer als die Aufforstungsrate sein darf (Pittel 2004: 537). Dieses aus der deutschen Forstwirtschaft stammende Konzept ist „bis heute die Grundregel nachhaltiger Nutzung erneuerbarer Ressourcen“ (Pittel 2004: 537).

Mit dem verstärkten Auftreten von ökologischer Kritik Anfang der 70er Jahre (Harborth 1993: 22) kam es dazu, dass Nachhaltigkeit im Verhältnis zu Entwicklung und Wachstum diskutiert wurde. So fand 1972 in Stockholm die erste UN-Umweltkonferenz statt. Der globale Süden bestand dabei auf Wachstum und Entwicklung und sah sowohl die Armut in den Entwicklungsländern als auch die Konsummuster des Nordens als wesentliche ökologische Probleme an; der Norden kritisierte stattdessen die Bevölkerungsexplosion als ökologisches Risiko und setzte auf striktere Umweltschutzmaßnahmen (Reed 1996: 26). Ebenfalls im Jahre 1972 erschien die vom „Club of Rome“ in Auftrag gegebene Studie „Die Grenzen des Wachstums“ (Meadows u.a. 1972). Demzufolge würden die absoluten Wachstumsgrenzen der Erde in den nächsten hundert Jahren erreicht, wenn Weltbevölkerung, Industrialisierung, Umweltverschmutzung, Nahrungsmittelproduktion und Ausbeutung natürlicher Rohstoffe sich mit den bisherigen Änderungsraten weiterentwickelten (Meadows u.a. 1972: 17). Die Schlussfolgerung ist ein Nullwachstum von Bevölkerungszahl und (realem) Industriekapital (Meadows u.a. 1972: 155), wobei Harborth (1993: 23) dies als einen schweren Angriff auf das vorherrschende Paradigma der aufholenden Entwicklung sieht.

[...]


[1] Für eine kurze Zusammenfassung und Bewertung siehe Dingler (2003: 203-206).

[2] Das Bezeichnete.

[3] Das Bezeichnende.

[4] Die Widersprüchlichkeit der beiden Logiken wird von Stäheli (2006: 260) aufgezeigt.

[5] Der tendenziell leere Signifikant spielt bereits in der Diskurstheorie von Laclau und Mouffe eine wichtige Rolle.

Details

Seiten
27
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656365501
ISBN (Buch)
9783656366553
Dateigröße
703 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v208955
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Institut für Politik- und Kommunikationswissenschaft
Note
Schlagworte
nachhaltige entwicklung laclau mouffe diskursanalyse hegemonietheorie diskurs leerer signifikant politische theorie

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