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„Annexation is the order of the day”. Die Aufteilung Afrikas und der Entstehungsprozess Nigerias in der Berichterstattung der Times

Der Wandel der „öffentlichen Meinung“ in Großbritannien

Bachelorarbeit 2012 79 Seiten

Geschichte - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Methodische Überlegungen

3. Vor der Aufteilung: Die Jahre bis zur Berlin-Konferenz (1861-1884)
3.1. Britische Wirtschaftsinteressen in Westafrika und eine Politik der minimalen Verpflichtung
3.1.1. „Official indecision“ in den 1860er Jahren
3.1.2. Französische und britische Expansionsbestrebungen in den 1870er Jahren
3.2. Die Diskussionen um Westafrika
3.2.1. Westafrika verlassen?
3.2.3. Das wachsende Interesse an Westafrika und die Zurückhaltung der Times in den 1870er Jahren

4. Die erste Phase der Aufteilung Nigerias (1884-1895)
4.1. Ereignisse und Entwicklungen
4.1.1. Die Berlin-Konferenz 1884/85: England als „Niger Power“
4.1.2 Der Wettlauf um Protektionsverträge zwischen Hewett und Nachtigal
4.1.3. Die Royal Niger Company: Wiederbelebung des Chartered Company-Modells (1886)
4.1.4. England und Frankreich: Rivalitäten und Abkommen (1890-93)
4.2. Die Berichterstattung über die Berlin-Konferenz
4.2.1. Eine Bestandsaufnahme vor der Konferenz
4.2.2. Die Berlin-Konferenz ein Erfolg?
4.2.3. Die Stimme der Kaufleute und Industriellen: C.S. Salmons Forderung nach Annexionen
4.2.4. Irritationen zwischen Nachbarn: England, Deutschland und die Kamerunfrage
4.3. Die Royal Niger Company in der Kritik (1887-1890)
4.3.1. Unruhen auf dem Niger
4.3.2. Moralische Kritik: Der Leserbrief J.G. Lovells in der Daily News
4.3.3. The real position: Die Meinung der Times
4.3.4. Die Position der Royal Niger Company
4.3.5. Beschwerden aus Deutschland und die Reaktion der Times
4.3.6. Die Diskussionen um eine mögliche Ausweitung des Herrschaftsgebiets der Royal Niger Company
4.4. Die Darstellung des französisch-englischen Abkommens von
4.5. Die Darstellung des deutsch-englischen Abkommens von

5. Die endgültige Aufteilung der Niger-Region (1895-1898)
5.1. Ereignisse und Entwicklungen
5.1.1. Joseph Chamberlain und die neue imperiale Haltung im Kabinett Salisbury
5.1.2. Der letzte Streitpunkt: Borgu
5.1.3. Die französisch-englische Nigerkonvention von
5.2. Die Darstellung der Times
5.2.1. Chamberlains Ernennung zum Kolonialminister und seine ersten Amtshandlungen in den Leitartikeln der Times
5.2.2. Die Rechtfertigung der Eroberungen von Nupe und Ilorin in der Times
5.2.3. Die Diskussionen um die Zukunft der Nigerterritorien
5.2.4. Die Definierung von nationalen Identitäten im Zuge der englisch-französischen Rivalitäten
5.2.5. Die Kritik der Times an den Anti-Imperialisten im House of Commons
5.2.6. Die Bewertung der französisch-englischen Nigerkonvention

6. Fazit

7. Quellenverzeichnis

8. Literaturverzeichnis

9. Anhang
9.1. Karte zur Nigerkonvention, veröffentlicht in der Times am
9.2. Karte über britische Besitzungen in Westafrika und Vorstöße der europäischen Kolonialmächte
9.3. Zeitleiste über Ereignisse und Verträge

1. Einleitung

„We seem (…) to have conquered and peopled half the world in a fit of absence of mind.”[1] Diese oft zitierte Aussage von John Robert Seeley, einem der bekanntesten britischen Historiker des 19. Jahrhunderts, enthält zwei Thesen über die Art und Weise, wie das britische Empire entstanden ist: Erstens habe der Genese dieses Weltreichs keine kohärente politische Strategie zugrunde gelegen. Vielmehr sei die Initiative zur Erschließung neuer Märkte und somit neuer Gebiete von Kaufleuten ausgegangen, den so genannten „men on the spot“, die von London Interventionen und den Schutz ihrer Handelsinteressen forderten, wenn diese bedroht waren.[2] Zweitens seien die Briten insgesamt ihren kolonialen Besitzungen gegenüber relativ gleichgültig gewesen. Die Kolonien seien nicht als zu Großbritannien gehörig angesehen worden und es habe kaum Interesse an kolonialen Angelegenheiten bestanden. Beide Thesen dienen als Ausgangspunkt für diese Fallstudie zur Berichterstattung der Times über den kolonialen Wettlauf in Westafrika.

Dabei steht „das Wie der öffentlichen Kommunikation“[3] im Vordergrund, wenn untersucht wird, welche Sicht die Times auf den imperialen Wettlauf und Englands Rolle in diesem hatte. Der Quellenanalyse liegen mehrere Leitfragen zugrunde. Wie wurden der Erwerb von Kolonien und die Herrschaft in diesen in der Zeitung dargestellt und gewertet? Wurde ein imperialer Enthusiasmus vermittelt und geschürt? Wie wurde der Wert des Empire insgesamt betrachtet? Mit Stolz auf die Hegemonialposition als Quelle und Symbol für Macht und Stärke oder mit Skepsis ob der Gefahr, in fremde Konflikte hineingezogen zu werden? Gab es moralische Bedenken hinsichtlich der Praktiken in den Kolonien? Wie werden die anderen im Wettlauf um Afrika involvierten europäischen Nationen gesehen?

Seeleys These über den Mangel an politischen Strategien ist insofern relevant, als die historischen Ereignisse, die zu den willkürlichen Grenzen Nigerias geführt haben, nicht als bekannt vorausgesetzt und daher in dieser Arbeit zunächst rekonstruiert werden müssen. Dabei spielt die Frage nach dem Zusammenspiel von wirtschaftlichen und politischen Interessen und Strategien durchaus eine Rolle. Gallagher und Robinson legten mit ihrer einflussreichen Theorie des „Official Mind“ den Fokus auf die Rolle der Regierungen in London.[4] Cain und Hopkins hingegen haben in ihrer Theorie des „gentlemanly capitalism“ dargelegt, dass die Interessen der Regierungen denen der City of London weitgehend ähnlich waren[5]. Jedoch ist ihr Fokus vor allem auf die Beispiele Ägyptens und Südafrikas gerichtet und wird so der Vielfalt des Britischen Empires und vor allem den Geschehnissen in Westafrika nicht gerecht. Diesen Mangel aufgreifend liefert John Darwin einen neueren Ansatz für eine Systematik der britischen Expansion, der die Eigendynamiken betont, die dem Expansionsprozess zugrundelagen.[6] Darwin zeigt zudem, wie vielfältig das Repertoire an Expansionstechniken und Herrschaftsformen[7] war und wie flexibel diese angewendet wurden. Er verweist aber auch darauf, dass die Politik nicht immer von klaren Kriterien geleitet wurde, sondern Empire-Politik immer auch experimentell und opportunistisch war.[8] Das Werk Gallaghers und Robinsons ist für diese Arbeit trotz ihres Alters von Bedeutung, da es eine gute Rekonstruktion der politischen Ereignisse, sowie Informationen zu den Ansichten und Motiven der Politiker liefert.[9]

Von noch größerer Relevanz als die Frage nach den politischen Motiven und Strategien ist jedoch Seeleys These über die Gleichgültigkeit der Briten gegenüber ihren zahlreichen Kolonien in Übersee. In der Forschung ist diese Frage nach dem Einfluss des Empires auf Großbritannien erst in den 1980er Jahren in den Fokus gerückt worden.[10] Besonders MacKenzie hat sich hier mit der Herausgeberschaft der Reihe „Studies in Imperialism“ hervorgetan. Erstmals wurde die Vorstellung revidiert, dass Imperialismus von geringer Relevanz für die britische Gesellschaft war. Vielmehr sei Imperialismus nicht nur eine politische, militärische oder diplomatische Angelegenheit, sondern eben auch ein prägendes Phänomen britischer Kultur gewesen. Bis heute gibt es kontroverse Diskussionen darüber, wie sehr in der britischen Gesellschaft eigentlich Imperialismus oder Chauvinismus[11] verwurzelt waren.[12] Insgesamt kann man die wissenschaftlichen Publikationen zu dieser Frage in drei Schulen einteilen. Die Maximalisten, wie MacKenzie, gehen davon aus, dass das Empire fundamentalen Einfluss auf die britische Gesellschaft haben musste.[13] Minimalisten insistieren hingehen, dass die Briten ihr Empire insgesamt gleichgültig betrachteten und Imperialismus für weite Teile der Bevölkerung lediglich eine untergeordnete Rolle gespielt habe.[14] Porters 2004 veröffentlichte Studie über die „absent-minded imperialists“[15] zeigt nicht nur im Titel eine gewisse Anlehnung an Seeley und erregte teils starke Kritik. Unter anderem wurde ihm eine Beschönigung von Großbritanniens imperialer Vergangenheit vorgeworfen. Die Kritik, vor allem von MacKenzie und den Vertretern der ‚maximalistischen‘ Schule, veranlasste Porter einige seiner Thesen zu revidieren.[16] Auch er hat erkannt, dass es im Zeitalter des Hochimperialismus, ab den 1880er Jahren, einen Wandel gibt. So ist mittlerweile Konsens, dass „im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts (…) der Stellenwert des Empire im öffentlichen politischen Bewusstsein Großbritanniens“[17] deutlich zunahm.

Ziel dieser Arbeit ist zu ergründen, wie der Erwerb von Kolonien in der Zeit des Hochimperialismus in der Öffentlichkeit gesehen wurde. Welche Reaktionen, Stimmungen, Meinungen und Diskussionen gab es? Porter und MacKenzie untersuchten verschiedenste Bereiche des öffentlichen Lebens auf ihren imperialen Charakter. MacKenzie behauptete, dass viele Institutionen durch eindeutige Propaganda in Großbritannien zur „Imperialisierung“ der Gesellschaft beigetragen hätten, u.a. das Militär, Schulen, Jugendbewegungen, Kirchen, Missionsgesellschaften, öffentliche Unterhaltungsveranstaltungen und Jugendbücher.[18] Aus seiner Untersuchung ausgenommen war allerdings die Presse. Zu Recht wurde Gallaghers und Robinsons diplomatiegeschichtliche Studie über das „official mind of Imperialism“ dafür kritisiert, die Rolle der Presse auszuklammern. Laut Thompson, der den Einfluss des Empires auf die britische Politik untersuchte, sei es unrealistisch, dass Empire-Politik[19] betrieben wurde, ohne die Organe der öffentlichen Meinung zu berücksichtigen:[20]

„(…) the mainsprings of imperial campaigning are to be found not in party or parliamentary structures but in extra-parliamentary activism and press agitation.“[21]

Auch Berke kritisierte die Vernachlässigung des „Kolonialenthusiasmus der Öffentlichkeit als Antriebskraft für imperiale Aktivitäten“[22]. Dennoch mangelt es noch an Detailstudien zur Rolle einzelner Zeitungen und deren Rolle beim Wandel der „öffentlichen Meinung“[23].

2. Methodische Überlegungen

Diese Arbeit ist chronologisch gegliedert und in drei aufeinander folgende Hauptkapitel unterteilt, die jeweils mit der Rekonstruktion der historischen Ereignisse beginnen. Darauf folgt jeweils die Analyse der Berichterstattung der Times zu den zuvor beschriebenen Ereignissen.[24] Als Zäsuren, die die Kapitel unterteilen, werden zum Einen die Berlin-Konferenz 1884/84 und zum Anderen die Ernennung Joseph Chamberlains als Kolonialminister im Jahr 1895 gesehen. Beim quellenkritischen Umgang mit zeitgenössischen Presseartikeln ergeben sich zwei Schwierigkeiten. Erstens betrifft dies die Frage, inwiefern die Artikel die „öffentliche Meinung“ prägten oder von ihr geprägt wurden. Dies scheint ein wechselseitiger Prozess zu sein, der nicht immer eindeutig geklärt werden kann. Die Times spiegelt also einerseits den Wandel der öffentlichen Meinung wider, trägt andererseits aber auch dazu bei. Zweitens ist es unmöglich, die Motive, die einem Artikel zugrunde liegen, zu klären. Besonders da die Artikel ohne Angabe des Autors veröffentlicht wurden, sind die Beweggründe unklar. Leitartikelschreiber wurden oft unter Druck gesetzt in eine bestimmte Richtung zu schreiben.[25] Aber auch persönliche Kontakte von Politikern zu den Redaktionen der Zeitungen mögen eine Rolle gespielt haben. Joseph Chamberlain beispielsweise verfügte über sehr gute Kontakte zu Journalisten.[26] Aber es ist auch nicht gänzlich auszuschließen, dass die Artikel die persönliche Meinung des Autors widerspiegeln. So limitiert auch Brown das Potenzial des Quellentyps Presseartikel: „At best it might allow one to trace editorial attitudes, but not to account for the motives that informed them.”[27] Dennoch bedeutet dies keineswegs, dass Presseartikel für Historiker keine brauchbaren Quellen sind. Ihr Potenzial sollte trotz gewisser Einschränkungen nicht unterschätzt werden.

Zeitungen waren das Hauptmedium für Politiker, um sich selbst zu informieren und um ihre Ansichten den Wählern publik zu machen.[28] Darüber hinaus können Presseartikel aufgrund des Mangels an empirischen Meinungsumfragen im zu untersuchenden Zeitraum[29] wichtige Hinweise auf die „öffentliche Meinung“ geben und dabei als „Gradmesser für die zeitgenössische Sicht der Ereignisse“[30] fungieren. In der Geschichtswissenschaft gibt es jedoch durchaus unterschiedliche Annäherungen an diesen komplizierten Begriff der „öffentlichen Meinung“. Schaarschmidt verwendete bei seiner Analyse der Berichterstattung über den deutsch-französischen Krieg von 1870/71 den Begriff der „public opinion“ in Anlehnung an Yeric/Todd[31] als Gesamtheit aller geäußerten Einstellungen zu einem Thema zu einem bestimmten Zeitpunkt. Diese Definition ist für diese Fallstudie, die sich auf eine Zeitung fokussiert, jedoch nicht brauchbar. Es wird nicht versucht, einen Überblick über das gesamte Spektrum der Empire-Berichterstattung der britischen Presse zu leisten, sondern die Berichterstattung der Times im Wettlauf um Nigeria zu analysieren. Von größerem Wert ist daher die von Requate empfohlene Unterscheidung mehrerer Teilöffentlichkeiten und deren getrennte Untersuchung.[32] Insbesondere der untersuchte Zeitraum zeichnet sich durch eine zunehmende politische Segmentierung aus, die sich auch in der Vielfalt der Presselandschaft widerspiegelt.

Wenn also Bezug auf die „öffentliche Meinung“ genommen wird, so umfasst dieser Begriff in erster Linie die Leserschaft der Times. Diese umfasste die am politischen Diskurs teilhabenden Mitglieder des Bürgertums und der Aristokratie. Die Times wurde allerdings auch im Ausland als wichtigste britische Zeitung und semi-offizielles Regierungsorgan angesehen.[33] Zwar hatte die Times sich im Laufe des 19. Jahrhunderts den Spitznamen „the thunderer“ dadurch erarbeitet, dass sie oft eine klare Meinung äußerte, etwa im Falle der Ausweitung des Wahlrechts 1832.[34] Aber zum Ende des 19. Jahrhunderts wurde eine zu starke Parteilichkeit in innenpolitischen Angelegenheiten abgelehnt, um eine möglichst breite Leserschaft anzusprechen. So schrieb der Herausgeber der Times George Earl Buckle über die bisherige und zukünftige Ausrichtung der Zeitung in einem Brief an den neuen Besitzer Arthur Fraser Walter im Juli 1895: „(…) the ‚critical‘ or ‚umpire‘ attitude of the Paper (…) is certainly the right one.“[35] Damit ist aber noch nicht klar, welche Rolle die Times in den außen- und kolonialpolitischen Auseinandersetzungen spielte.

Auch wenn sie im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts nicht mehr die auflagenstärkste Zeitung[36] war, so war sie doch eine der bedeutendsten Qualitätszeitungen der politischen Richtungspresse.[37] Dass die Vielfalt der Zeitungslandschaft im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts durch technische Entwicklungen in der Zeitungsindustrie deutlich zunahm und die Times im zu untersuchenden Zeitraum eine von ca. 150 Tageszeitungen war, sollte ihren Einfluss jedoch nicht schmälern.[38] Der Einfluss einer Zeitung kann denn auch nicht nur an Auflage und Verbreitung gemessen werden.[39] Auch wenn die Times eine begrenzte Leserschaft hatte, so war diese doch äußerst einflussreich.[40] Wie stark die Times vom Imperialismus geprägt war und selbst imperialistische Meinungen verbreitete, soll in dieser Arbeit herausgefunden werden. Für die Erfassung der „öffentlichen Meinung“ ist es sinnvoll, eine der täglich erscheinenden Zeitungen auszuwählen, da diese eine größere Quantität an Quellen liefern und ein „Nachweis von relativ kurzfristigen Veränderungen (…) am ehesten in solchen tagesaktuellen Medien zu erwarten“[41] ist.

Wenn wie in dieser Arbeit nach Meinungen gesucht wird, die in einer Zeitung vermittelt werden, so sind in erster Linie Leitartikel von besonderer Relevanz, aber auch Korrespondenten-Berichte können Meinungen enthalten. Darüber hinaus eignen sich Leserbriefe und Versammlungsberichte, um aktuelle Debatten und Meinungen in der Öffentlichkeit zu zeigen, die über die Redaktion der Zeitung hinausgehen. Die zur Analyse zur Verfügung stehenden Zeitungen sind begrenzt. Imperialistische Boulevardzeitungen, wie die Daily Mail[42] oder der auflagenstarke konservative Daily Telegraph sind nicht zugänglich. Allerdings sind diese Zeitungen erst ein Phänomen des ausgehenden 19. Jahrhunderts.[43] Die Times bietet hier eine gewisse Kontinuität, die bei den neuen „tabloids“ nicht gegeben ist. Auch aus diesem Grund scheint der gewählte Fokus auf die Times sinnvoll.[44]

Den „Wettlauf um Afrika“ zum Untersuchungsgegenstand zu machen, bietet sich vor allem deshalb an, da im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts neu aufsteigende Kolonialmächte den bis dahin lange Zeit nahezu konkurrenzlosen Briten ihre Hegemonialposition streitig machten. Aufgrund der Vielfältigkeit des Britischen Empires ist eine Fallstudie, die repräsentativ für das gesamte Kolonialreich war, nicht möglich. Nigeria ist jedoch ein Beispiel von besonderem Interesse. Denn an der Westküste Afrikas prallten britische Interessen mit französischen und deutschen Expansionsbestrebungen aufeinander. Das Gebiet, das die Briten später Nigeria nennen sollten, grenzte im Osten an die deutsche Kolonie Kamerun und im Westen an das große, unter französischer Herrschaft stehende Gebiet Französisch-Westafrikas. Dabei war Nigeria die einzige westafrikanische Kolonie Großbritanniens, der eine relativ große territoriale Expansion zugrunde lag. Das Hinterland der Kolonien Gold Coast (heute Ghana), Gambia und Sierra Leone war jeweils frühzeitig von den Franzosen in Besitz genommen worden, sodass dort die Gelegenheit zur Expansion verstrichen war. Im Falle Nigerias war das Ziehen der kolonialen Grenzen ein wesentlich längerer Prozess, der durch die Konkurrenzsituation die Spannungen und Rivalitäten zwischen den europäischen Mächten verschärfte.

3. Vor der Aufteilung: Die Jahre bis zur Berlin-Konferenz (1861-1884)

3.1. Britische Wirtschaftsinteressen in Westafrika und eine Politik der minimalen Verpflichtung

Britische Interessen in Westafrika gab es seit dem Atlantischen Dreieckshandel, bei dem westafrikanische Küstenorte als Umschlagsplätze fungierten. Als 1807 durch den Slave Trade Act in Großbritannien der Sklavenhandel verboten worden war, führte die Suche nach neuen Märkten zu einem Anstieg im Handel mit anderen Gütern, in erster Linie Palmöl.[45] Britische Kaufleute handelten nicht nur mit den bereits bestehenden Kolonien Gold Coast und Sierra Leone, sondern auch mit den Führern der indigenen Stämmen im Nigerdelta. Bereits in den 1830er Jahren hatten britische Kaufleute hier ihren informellen Einfluss etabliert.[46] Mit der rapiden Entwicklung der britischen Industrie wuchs der Bedarf an Palmöl, das für die Produktion von Seifen, Schmiermitteln und Kerzen benötigt wurde.[47] In der Folge wurden Palmöl-Importe zunehmend profitabel und vervierfachten sich im Zeitraum bis 1850.[48]

Allerdings war der Handel nicht der einzige Grund für britische Aktivitäten in der Region. Die britische Marine war ebenfalls präsent, um den Sklavenhandel zu unterbinden, der als Nachwirkung von Kriegen unter den Stämmen der Yoruba[49] wieder auftrat.[50] Aus dem gleichen Grund wurde im Jahr 1849 John Beecroft als Consul for the Bights of Benin and Biafra [51] berufen. Aber erst 1861 wurde dieses Gebiet zur Kronkolonie. Im gleichen Jahr etablierte Großbritannien formal seinen Einfluss durch die Annexion von Lagos. Offensichtlich war die britische Regierung durchaus gewillt, formale Annexionen durchzuführen, um den Handel britischer Kaufleute zu sichern. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sich britische Aktivitäten auf informelle Einflussmöglichkeiten beschränkt, um die politischen Verpflichtungen so gering wie möglich zu halten.[52]

3.1.1. „Official indecision“ in den 1860er Jahren

Auch wenn zu Beginn der 1860er Jahre bereits formale Annexionen stattgefunden hatten, so waren sie doch eher die Ausnahme in der britischen Kolonialpolitik in Westafrika vor Beginn des eigentlichen „Wettlaufs um Afrika“[53]. Von Seiten der Politik war eine weitere Ausdehnung der formalen Herrschaft nicht gewollt, geschweige denn geplant, da finanzielle und politische Verpflichtungen vermieden werden sollten.[54] Die britischen Regierungen der Mitte des 19. Jahrhunderts hatten keine Einwände gegen Handelsstationen in fernen Regionen, so lange sie weder politisch noch finanziell dafür haften mussten.[55] Im Jahr 1865 empfahl ein Sonderausschuss des Unterhauses in einem Bericht sogar

„(…) that all further extension of territory or assumption of Government, or new treaties offering any protection to native tribes would be inexpedient; and that the object of our policy should be to encourage in the natives the exercise of those qualities which may render it possible for us more and more to transfer to them the administration of all Governments, with a view to our ultimate withdrawal from all, except, probably, Sierra Leone.”[56]

Diese Skepsis gegenüber kolonialer Expansion und auch den Verpflichtungen in den bereits bestehenden westafrikanischen Gebieten muss jedoch im Kontext des zweiten Aschanti-Krieges (1863-1864) an der Gold Coast gesehen werden. In diesem Krieg mussten die Briten hohe Verluste hinnehmen, die nicht nur durch die Gefechte, sondern in erster Linie durch Krankheiten verursacht wurden.[57] Das Ziel der Kostenreduzierung war vor allem ein Anliegen des Finanz- und des Außenministeriums.[58] Aber die Abneigung gegen die kolonialen Besitzungen in Westafrika wurde nicht von allen Abgeordneten geteilt. Auch wenn der Sonderausschuss aus Mitgliedern beider Parteien bestand, repräsentierte er nicht das gesamte Spektrum an Meinungen, das es unter britischen Politikern gab. Speziell die Abgeordneten der Industrie- und Hafenstädte wie Manchester, Liverpool, Birmingham, Glasgow und Bristol sprachen sich für mehr formale Kontrolle über die westafrikanischen Territorien aus, um den Handel zu schützen.[59] Daher kann eine gewisse Ambivalenz unter britischen Politikern konstatiert werden, wenn es um die Frage ging, welches Ausmaß formale Kontrolle und territoriale Expansion haben sollten. Uzoigwe spricht daher von „official indecision“[60] unter den politischen Akteuren.

3.1.2. Französische und britische Expansionsbestrebungen in den 1870er Jahren

In den 1870er Jahren begannen sich die Vorzeichen zu wandeln, unter denen die britische Westafrikapolitik stand. Bis dato hatten die Rivalitäten mit den Franzosen eher dazu beigetragen, dass britische Politiker koloniale Aktivitäten in Westafrika mit Zurückhaltung und Skepsis sahen. Es gab durchaus Befürchtungen, dass durch koloniale Interessenkonflikte die Spannungen zwischen beiden Ländern wiederbelebt werden könnten.[61] Annexionen größerer Gebiete hätten nur unnötigerweise den Konkurrenzkampf geschürt und den Wettbewerb um Einflussgebiete verschärft. Wenn die Franzosen, die statt auf freien Handel auf Protektionismus setzten, größere Gebiete annektierten, hätte dies die britischen Handelsinteressen stark gefährdet. Daher, so die Argumentation, sollte den Franzosen nicht durch eigene Annexionen Anlass zur Expansion gegeben werden. Von diesen Überlegungen ausgehend unterstützte vor allem das Außenministerium eine „policy of restraining advance“[62]. In den 1870er Jahren waren britische Kaufleute in Aufruhr, da es mehrere französische Expeditionen in das westafrikanische Hinterland gegeben hatte. Sie forderten die britische Regierung auf, die zuvor recht vage formulierten Ansprüche auf die westafrikanischen Gebiete offiziell zu bestätigen.[63]

Die Franzosen waren jedoch nicht die einzigen, die sich in das westafrikanische Binnenland vorwagten. Britische Kaufleute erlangten Zugang zum Niger und begannen direkten Handel mit den indigenen Völkern des Hinterlandes. Bislang hatten britische Kaufleute stets nur mit Mittelsmännern im Nigerdelta und nicht mit den Produzenten selbst gehandelt. Sie verfügten aber weder über die finanziellen Mittel noch über den politischen Einfluss, um die Franzosen aus den Gebieten fernzuhalten oder die Regierung von territorialen Annexionen zu überzeugen. Dies änderte sich erst als 1879 mit der Gründung der United African Company[64] der Zusammenschluss aller britischen Kaufleute der Region vollzogen wurde. Der Vorsitzende der Handelskompanie, George Taubman Goldie, ein „Vollblutimperialist romantischer Prägung“[65], hatte das Ziel, ein großes Gebiet unter formale Herrschaft zu stellen und so zur Größe des britischen Empires beizutragen. Im Rückblick auf seine Karriere sagte er: „My dream, as a child, was to colour the map red.“[66] Die von Goldie gegründete Handelskompanie wurde stark genug, die französische Konkurrenz auszuschalten. Zu Beginn der 1880er Jahre hatten die Franzosen diesen Konkurrenzkampf endgültig verloren und die National African Company ein Handelsmonopol in der Nigerregion etabliert.[67] Die Gründung einer Handelskompanie unter Führung des mit guten Verbindungen ausgestatteten Goldie hatte den britischen Kaufleuten in der Region nicht nur eine Zunahme an wirtschaftlicher Stärke, sondern auch gesteigerten politischen Einfluss beschert. Eben dieser Handelskompanie war es gelungen, Großbritannien eine Vormachtstellung in der Region zu sichern. Bereits 1884 agierte die National African Company de facto als eine Art Regierung.[68]

3.2. Die Diskussionen um Westafrika

Die kolonialpolitischen Maßnahmen der 1860er Jahre in Westafrika fanden in der Times kaum Beachtung. Die formalen Annexionen der Buchten von Benin und Biafra, sowie der Hafenstadt Lagos im Jahr 1861 wurden in Leitartikeln und Leserbriefen weder thematisiert noch erwähnt. Dies liegt wohl daran, dass das territoriale Ausmaß und die wirtschaftliche Bedeutung dieser Kolonien noch relativ gering waren. Möglicherweise war aber auch das öffentliche Interesse an kolonialen Erwerbungen zu dieser Zeit gering. Während des Amerikanischen Bürgerkrieges rückte Westafrika allerdings, wenn auch nur für kurze Zeit, stärker in den Fokus. Denn durch den Krieg waren die Baumwollimporte aus den USA eingeschränkt oder zumindest stark gefährdet. In einem Leitartikel wird die Hoffnung bekundet, die Abhängigkeit von den USA überwinden und in den Kolonien Baumwolle anbauen zu können.[69] Neben Westafrika nennt der Autor als potenzielle Anbaugebiete für Baumwolle auch Ägypten, aber vor allem Indien, das er in dieser Hinsicht als „land of hope“[70] ansieht. In mehreren Leserbriefen wurde in den Jahren 1861 bis 1863 darüber gestritten, ob in Westafrika überhaupt Baumwolle in ausreichendem Maße kostengünstig produziert werden konnte.[71] Es gab also durchaus eine gewisse Skepsis gegenüber dem wirtschaftlichen Potenzial Westafrikas.

3.2.1. Westafrika verlassen?

Wie der Bericht des Sonderausschusses des Unterhauses von 1865 gezeigt hat, gab es zu dieser Zeit Stimmen, die nicht nur einer Expansion in Westafrika skeptisch gegenüber standen, sondern sogar die bestehenden Besitzungen aufgeben wollten. Den Antrag, durch eine Kommission den Wert der westafrikanischen Kolonien untersuchen zu lassen, stellte am 21. Februar 1865 der konservative Abgeordnete Charles Adderley. Zwei Tage später erschien in der Times ein Leitartikel, der sich in dieser Frage klar positionierte.[72] Der Autor unterstützt den Antrag Adderleys und wertet es als gutes Zeichen, dass die „öffentliche Meinung“ in Großbritannien nicht mehr den Unsinn und die Grausamkeiten ertrage, die die Aufrechterhaltung der Handelsstationen und die Unterdrückung des Sklavenhandels in Westafrika mit sich bringen. Folgt man den Ausführungen des Autors, mutet es gar absurd an, dass Großbritannien überhaupt Kolonien in Westafrika besitzt, da Europäer in diesem Teil der Erde kaum überleben könnten. Die Besitzungen in Westafrika werden als Auswüchse eines übertriebenen Imperialismus mit mitunter zweifelhaften Beweggründen - Habgier und Philanthropie - dargestellt:

„On the most pestilential coast in the world, under a scorching sun, amid jungle and marsh, from which fetid exhalations arise to strike down Europeans by fever and cholera, the former greed or the present humanity of England has planted four settlements.”[73]

In Bezug auf Englands Rolle als Imperialmacht sieht der Autor einen Wandel in der öffentlichen Meinung, der sich exemplarisch in einer Aussage Lord Stanleys zeige, wonach England nicht mehr Weltpolizei spielen könne, da es wichtigere innenpolitische Themen gebe. Der Autor unterstützt diese Ansicht: „(…) it is by no means the duty of England to play the part of a Quixote for the benefit of the African aborigines.”[74] Hier soll die Unmöglichkeit einer endgültigen Eliminierung des Sklavenhandels unterstrichen werden. Früher, so der Autor, seien derartige Aussagen noch als inhuman und egoistisch angesehen worden. Nun, so scheine es, sei es aber die Meinung der meisten Briten. Da Westafrika aufgrund der klimatischen Bedingungen und des geringen Umfangs des britischen Handels dort weder für Siedlungskolonien noch für Handelskolonien eigne, stellt der Autor abschließend an den Sonderausschuss des Unterhauses gerichtet folgende rhetorische Frage, die seine beiden Hauptargumente zusammenfasst:

„(…) is it necessary any longer for us to fill the graves of West Africa with English dead, and throw away a large yearly sum which might be devoted to the relief and improvement of our own people?“[75]

Die Aufrechterhaltung der Kolonien und die Unterdrückung des Sklavenhandels erfordern laut Aussage des Autors zu hohe menschliche und finanzielle Opfer. Es scheint, als zeige sich besonders in Bezug auf Westafrika in den 1860er Jahren eine gewisse Kolonialmüdigkeit.[76] Die teils ernüchternden Erfolge in der Bekämpfung des Sklavenhandels und die Verluste im Aschantikrieg trugen dazu bei, dass man Großbritanniens Präsenz in den Kolonien in Frage stellte und sich wieder verstärkt innenpolitischen Problemen zuwandte.[77] Die imperiale Mission, zur Zivilisierung der Eingeborenen zu handeln, wird in diesem Leitartikel skeptisch gesehen.

Aber diese Kolonialismuskritik und -verdrossenheit dauerte nicht lange an, wie das aufkommende Interesse im folgenden Jahrzehnt zeigen sollte. So stellt Stuchtey fest: „Gerade dieser konkurrenzlose, jeglichen globalen Nebenbuhlern weit überlegene (…) Imperialismus konnte sich in Grenzen Empire-Skepsis, Kolonialmüdigkeit und sogar radikale Kritik großzügig leisten.“[78] Offensichtlich war auch die Times von der herrschenden Kolonialskepsis erfasst und so ist der Vorwurf Stuchteys, dass die Times „ihren Kolonialenthusiasmus selbst in Zeiten schwerer Krisen nicht bändigen konnte“[79] übertrieben und nicht gerechtfertigt. Vielmehr scheint die Times dem aktuellen Trend der Kolonialskepsis zu folgen.

3.2.3. Das wachsende Interesse an Westafrika und die Zurückhaltung der Times in den 1870er Jahren

Laut MacKenzie kam es ab Beginn der 1870er Jahre immer wieder zu vereinzelten Ausbrüchen von öffentlichem Interesse an imperialen Angelegenheiten.[80] Auch in den politischen Diskurs kehrte das Empire ab den 1870er Jahren wieder zurück.[81] In Bezug auf die Nigerregion stieg das Interesse zu Beginn der 1880er Jahren wieder an: zum einen bedingt durch die französischen Militärexpeditionen in das Hinterland ihrer Kolonien, zum anderen durch die Ausweitungen britischer Handelsaktivitäten seit den 1870er Jahren. Dies lässt sich exemplarisch an einem Versammlungsbericht und einem Bericht über französische Expeditionen in der Times zeigen. Dass es zu diesen Entwicklungen keine Leitartikel gibt, zeugt jedoch von einer gewissen Zurückhaltung der Zeitung bei der Unterstützung von Expansionsbestrebungen.

1880 wurde in der Times über eine Sondersitzung der Manchester Chamber of Commerce berichtet, bei der der Gouverneur der britischen Kolonie Gold Coast, Samuel Rowe, einen Vortrag hielt.[82] Er berichtet von seinen Handelserfahrungen in Westafrika und weist darauf hin, dass in den letzten Jahren das Interesse an einer Erschließung des Hinterlands geweckt worden sei. Er berichtet weiter von Versuchen der Franzosen, über den Senegal und den Niger in das Landesinnere des Kontinents vorzustoßen und dort erste Eisenbahnstrecken zu bauen. Offenbar war Rowe von der Chamber of Commerce eingeladen, um sein Wissen über den Handel in Westafrika zu teilen. Er nutzte diese Gelegenheit, um Werbung für Westafrika als Handelsort zu machen und sah die Möglichkeit, die „Zivilisierung“ der Eingeborenen mit eigenen Wirtschaftsinteressen zu kombinieren:

„(…) England, as a civilizing and humanizing Power, should do all she can to help barbarous nations to the knowledge of those principles which had raised this country to such a pitch of greatness. But if, in developing the interests of another country, we could also develop the interests of our own, he thought (…) it would be the right thing to do.”

Hier wird durch die in Versammlungsberichten übliche Verwendung des Konjunktivs die Distanz zu den Aussagen deutlich. Ein expliziter Kommentar bleibt aus. Dies gilt auch für die Aussagen Rowes, mit denen dieser die Möglichkeit britischer Exporte nach Westafrika betont.

Ähnlich verhält es sich im Falle eines sehr ausführlichen Berichts über die Expedition des französischen Entdeckers Bayol.[83] Auch hier gibt es keinen expliziten Kommentar, keine klare Meinungsäußerung seitens des Autors. Allerdings zeugen die ausführliche Beschreibung und Fruchtbarkeit des Landes sowie die Betonung der Größe der französischen Annexionen ein gesteigertes Interesse an und eine gewisse Faszination für Westafrika. Hier zeigt sich ein starker Kontrast hinsichtlich des vermittelten Bildes von Westafrika. Während diese Region Mitte der 1860er Jahre als lebensfeindlicher Ort beschrieben wurde, wird nun die Schönheit und das Potenzial der Region vermittelt.

4. Die erste Phase der Aufteilung Nigerias (1884-1895)

4.1. Ereignisse und Entwicklungen

4.1.1. Die Berlin-Konferenz 1884/85: England als „Niger Power“

Als sich auf der Berlin-Konferenz 1884/85 die europäischen Staatsoberhäupter trafen, standen drei Aspekte auf der Agenda. Erstens ging es um den freien Handel im Kongobecken, seinen Zuflüssen und dem Niger. Zweitens erarbeitete die Konferenz Grundregeln für die Besitznahme afrikanischer Territorien. Darüber hinaus wurden während der Konferenz zwischen den verschiedenen europäischen Staaten Gebietsansprüche geklärt.[84] In Bezug auf Westafrika war es das Ziel britischer Politik, als „Niger Power“[85] aufzutreten, d.h. als die Nation, die den Handel auf dem Fluss allein dominiert und kontrolliert. Verglichen mit dem Bericht des Sonderauschusses des Unterhauses von 1865 zeigt sich hier ein Kontrast hinsichtlich der Ziele und Einstellungen gegenüber dieser Region. Der Grund dafür war vermutlich der Anstieg des Handelsvolumens aufgrund der Arbeit der vereinigten Handelskompanie von Goldie. Was dieses Ziel betrifft, hatte Großbritannien Erfolg. Jedoch waren die Konsequenzen der Konferenzbeschlüsse noch weitreichender. Diese legten nämlich neue allgemein gültige Regeln für die Annexion von Territorien fest. Um Ansprüche auf ein Gebiet geltend zu machen, musste nun die effektive Besetzung nachgewiesen und die anderen teilnehmenden Nationen informiert werden. In den folgenden Auseinandersetzungen mit Frankreich und Deutschland hatte diese Regel wichtige Implikationen, da Großbritannien den informellen Einfluss formalen Annexionen vorzog. Insgesamt trug die Konferenz dazu bei, das Wettrennen um Kolonien erst richtig anzutreiben[86], auch wenn der eigentliche Startpunkt des „Scramble for Africa“ meist auf die britische Besetzung Ägyptens 1882 datiert wird.

[...]


[1] Seeley, John Robert: The Expansion of England. Two Courses of Lectures. London 1883, S. 10.

[2] Aktuelle Überblickswerke zum britischen Empire bestätigen diese Verallgemeinerung. Siehe z.B. Wende, Peter: Das Britische Empire. Geschichte eines Weltreichs, München 2008, S. 201.

Requate, Jörg: Öffentlichkeit und Medien als Gegenstände historischer Analyse, in: Geschichte und Gesellschaft 25, 1999, S. 5-32, hier S. 14.

[4] Gallagher/Robinson: Africa and the Victorians. The Official Mind of Imperialism, London/Basingstoke 1974.

[5] Cain, Peter/Hopkins, Antony: British Imperialism. Innovation and Expansion 1688-1914. London/New York 1993..

[6] Darwin: Imperialism and the Victorians. The Dynamics of Territorial Expansion, in: English Historical Review 112 (1997), S. 614-642.

[7] Für die verschiedenen Herrschaftsformen (informale Herrschaft von Handelskompanien, Kronkolonien, Protektorate oder Mandate und deren Unterscheidungsmerkmale siehe z.B. Wende 2008, S. 221ff.

[8] Darwin, S. 621f.

Ebenso folgende Überblickswerke zur Aufteilung Afrikas: Chamberlain, Muriel Evelyn: The Scramble for Africa, Harlow 1974.; MacKenzie, John: The Partition of Africa 1880-1900 and European Imperialism in the Nineteenth Century, London/New York 1983.; Wesseling, Hendrik: Teile und Herrsche. Die Aufteilung Afrikas 1880-1914, Stuttgart 1999. In Bezug auf die Entstehung Nigerias ist Hirshfields diplomatiegeschichtliche Studie von besonderem Interesse. Hirshfield, Claire: The Diplomacy of Partition. Britain, France and the Creation of Nigeria 1890/1898, Den Haag 1979.

[10] Bis dahin waren Zentrum des Empires (Großbritannien) und die Peripherien (die Kolonien und Dominions) in der Forschung stets getrennt voneinander betrachtet worden.

[11] Chauvinismus hier im ursprünglichen Sinn als übersteigerter Nationalismus.

[12] Auch aktuell gibt es in Teilen der britischen Öffentlichkeit die Meinung, dass die britische Gesellschaft noch immer stark von ihrer imperialen Vergangenheit geprägt ist. Siehe z.B.: Bragg, Billy: Jingoisim is no answer to England’s ebbing power, in: The Guardian online, 17.02.2012, http://www.guardian.co.uk/commentisfree/2012/feb/17/jingoism-england-ebbing-power, Zugriff: 13.08.2012.

[13] MacKenzie, John: Propaganda and Empire. The Manipulation of British Public Opinion 1880-1960, Manchester 1984.; ders. (Hg.): Imperialism and Popular Culture, Manchester 1986.

Vertreter einer dritten Schule, die Thompson „Elusivists“ nennt, weichen diesen scharfen Gegensätzen aus, indem sie vorsichtiger und allgemeiner formulieren, dass das Empire bestehende soziale, ökonomische und politische Trends reflektierte und verstärkte, statt sie in eine Richtung zu lenken. Siehe: Thompson, Andrew: The Empire strikes back? The Impact of Imperialism on Britain from the mid 19th century, Harlow 2005, S. 4.; Für ein Beispiel für diese Richtung der Forschung siehe: Cannadine, David: Ornamentalism. How the British saw their Empire, London u.a. 2001.

Porter, Bernhard: The Absent-Minded Imperialists. Empire, Society, and Culture in Britain, New York 2004.

[16] Siehe: Porter: Further Thoughts on Absent-Mindedness, in: Journal of Imperial and Commonwealth History 36 Vol. I, 2008, S. 111-117. Es gilt jedoch auch zu beachten, dass Porters Thesen auch durchaus positive Kritiken bekamen, die die zu starke Bedeutung des Imperialismus für übertrieben hielten.

[17] Wende, S. 212.

[18] MacKenzie, John: Propaganda and Empire, Manchester 1984, S. 3.

[19] Auch wenn oft die Konservativen mit dem Imperialismus des letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in Verbindung gebracht werden, gab es auch bei den Liberalen eine starke imperialistische Gruppierung, die Liberal Imperialists. Auch in der Labour-Bewegung waren imperialistische Ansichten verbreitet, allerdings variierten hier die Ausprägungen. Zwar kritisierte die britische Linke insgesamt die offene Ausbeutung der Eingeborenen in den Kolonien und Ausbrüche von Jingoismus in Großbritannien. Dennoch überwog die Ansicht, dass wenn Imperialismus existieren musste, so sollte er doch besser durch Großbritannien durchgeführt werden als durch andere europäische Nationen. Siehe Ward, Paul: Britishness since 1870, London 2004, S. 30f.

Thompson, Andrew: Imperial Britain. The Empire in British Politics, 1880-1932, Harlow 2000, S. 2.

[21] Ebd., S. 10.

Berke, Aurelia: Imperialismus und nationale Identität. England und Frankreich in Afrika 1871-1898, Frankfurt am Main 2003, S. 5.

Der Begriff der öffentlichen Meinung wird wie bei Geppert in Anführungszeichen verwendet, da es sich bei diesem Begriff um einen „zeitgenössischen Konnotationen verhaftete(n) Quellenbegriff“ handelt, dessen Bedeutung sich nicht nur historisch, sondern auch geographisch unterscheidet. Geppert, Dominik: Pressekriege. Öffentlichkeit und Diplomatie in den deutsch-britischen Beziehungen (1896-1912) (Veröffentlichungen des Deutschen Historischen Instituts London 64), München 2007, S. 23.; Ein veralteter Begriff der „public opinion“ findet sich beispielsweise in einem Artikel der Pall Mall Gazette aus dem Jahr 1870, der zwischen „public clamour“, „public sentiment“ und „public opinion“ unterscheidet und als wahren Träger öffentlicher Meinung exklusiv den gebildeten Bürger sieht und Mitglieder der Arbeiterklasse und der Mittelschicht ausschließt. Siehe Schaarschmidt, Thomas: Außenpolitik und öffentliche Meinung in Großbritannien während des deutsch-französischen Krieges von 1879/71, Frankfurt am Main 1993, S. 25.

[24] Dabei wird bei der Rekonstruktion der Ereignisse das Präteritum, bei der Analyse der Zeitungsartikel zumeist das Präsenz verwendet.

[25] Brown, Lucy: Victorian News and Newspapers, Oxford 1985, S. 88.

[26] Koss, Stephen: The Rise and Fall of the Political Press in Britain. The Nineteenth Century, London 1981, S. 12; Ebd. S. 219.

[27] Brown, S. 27.

[28] Thompson 2000, S. 62.

[29] Das britische Sozialforschungsinstitut Mass-Observation begann im Jahr 1937 erstmals systematisch das Alltagsleben und auch die Meinung der Bevölkerung zu erfassen.

[30] Schramm, Martin: Das Deutschlandbild in der britischen Presse 1912-1919, Berlin 2007, S. 17.

[31] Yeric, Jerry/Todd, John: Public Opinion. The Visible Politics, Itasca 1989.

[32] Requate, S. 9.

[33] Koss, S. 102.

Wäscher, Till; Institut für Medien- und Kommunikationspolitik: Http://www.mediadb.eu/forum/zeitungsportraets/the-times-of-london.html, Zugriff: 07.07.2012.

[35] Zitiert nach Koss, S. 360.

[36] Für Statistiken über Auflagen und Verbreitungen von Zeitungen im viktorianischen England siehe Brown, S. 52f.

[37] Geppert, S. 18.

[38] Thompson 2000, S. 62.

[39] Koss, S. 25.

[40] Thompson 2000, S. 62.

Wittek, Thomas: Auf ewig Feind? Das Deutschlandbild in den britischen Massenmedien nach dem ersten Weltkrieg, München 2005, S. 12.

[42] Das Selbstbild der Daily Mail drückte der Herausgeber folgendermaßen aus: Die Zeitung sei „the embodiment and mouthpiece of the imperial idea“. Zitiert nach: Kaul, Chandrika: Popular Press and Empire: Northcliffe, India and the Daily Mail, 1896-1922, in: Catterall, Peter/Seymour-Ure, Colin/Smith, Adrian(Hg.): Northcliffe’s Legacy. Aspects of the British Popular Press 1896-1996, Basingstoke/London 2000, 45-70, S. 49.

[43] Die Daily Mail wurde 1896, der Daily Express 1900 gegründet. Beide gehörten zum Northcliffe-Konzern.

[44] Lediglich an einer Stelle wird zum Kontrast der in der Öffentlichkeit zu beobachtenden Meinungen ein Leserbrief aus der Daily News herangezogen. Diese kann als „linksliberales Gegengewicht zur Times“ (Schaarschmidt, S. 34) angesehen werden.

[45] Neben Palmöl wurden in geringerem Umfang auch tropische Hölzer, Kakao und Baumwolle aus Westafrika nach Großbritannien importiert. Wende , S. 220. Im Gegenzug wurden vor allem Textilien aus Manchester, Eisenwaren und Waffen aus Sheffield und Birmingham und aus den Niederlanden importierte Spirituosen nach Westafrika exportiert. Chamberlain, S. 46.

[46] Hirshfield, S.5.

[47] Ebd.

[48] Ebd, S.6.; Verglichen mit anderen afrikanischen Regionen, war der britische Handel mit der Westküste Afrikas noch immer relativ gering. Cain/Hopkins, S. 353.

[49] Die Yoruba sind ein westafrikanisches Volk, das heute vor allem im Südwesten Nigerias lebt.

[50] Hirshfield, S.5.

[51] Die Buchten von Benin und Biafra (letztere ist auch bekannt als Bucht von Bonny) im Golf von Guinea liegen jeweils westlich und östlich des Nigerdeltas.

[52] MacKenzie 1983, S. 15.

[53] Der Beginn der Aufteilung Aufrikas wird meist auf die britische Besetzung Ägyptens 1882 datiert.

[54] Hirshfield, S.6.

[55] Chamberlain, S. 47.

[56] Zitiert nach: Chamberlain, S. 120.

[57] MacKenzie 1983, S. 15.

Uzoigwe, Godfrey: Britain and the Conquest of Africa. The Age of Salisbury, Ann Arbor 1974, S. 66.

[59] Chamberlain, S. 60.

[60] Uzoigwe, S. 28.

[61] MacKenzie 1983, S. 15.

[62] Ebd.

[63] MacKenzie 1983, S. 17.

[64] Im Jahr 1881 wurde diese Handelskompanie in National African Company umbenannt. Beide waren Vorläufer der 1886 mit einer Royal Charter ausgestatteten Royal Niger Company.

[65] Wesseling, S. 171.

[66] Zitiert nach: Wesseling, S. 171.

[67] Wesseling, S. 173.

[68] Ebd.

[69] The Times, Nr. 24328, 19.08.1862, S. 8.

[70] The Times, Nr. 24328, 19.08.1862, S. 8.

[71] The Times, Nr. 23891, 27.03.1861, S. 12. Leserbrief von Alfred Churchill, Vorsitzender der African Aid Society; The Times, Nr. 23893, 29.03.1861, S. 7. Leserbrief eines unter dem Pseudonym “Fact” schreibenden Lesers.; The Times, Nr. 23894, 30.03.1861, S. 11. Leserbrief von Alfred Churchill; The Times, Nr. 24648, 27.08.1863, S. 5.

[72] The Times, Nr. 25116, 2302.1865, S. 8. Leitartikel anlässlich Charles Adderleys Antrag auf Kommissionsbildung zur Untersuchung des Wertes der westafrikanischen Kolonien Großbritanniens.

[73] The Times, Nr. 25116, 2302.1865, S. 8.

[74] The Times, Nr. 25116, 2302.1865, S. 8.

[75] Ebd.

[76] Die Kolonialmüdigkeit bezog sich aber nicht auf das gesamte Empire. Ein Rückzug aus Indien war selbst für Kritiker des britischen Kolonialismus nicht denkbar. Zu groß war der wirtschaftliche und symbolische Wert Indiens. Stuchtey, Benedikt: Die europäische Expansion und ihre Feinde. Kolonialismuskritik vom 18. bis in das 20. Jahrhundert, München 2010, S. 189.

[77] Stuchtey, S. 194.

[78] Ebd., S. 21.

[79] Ebd., S.

[80] MacKenzie 1986, S. 2f. Als Beispiele nennt MacKenzie u.a. den Tod David Livingstones 1873, den dritten Aschantikrieg 1874, den Jameson Raid 1895/96 und den zweiten Burenkrieg 1899-1902.

[81] Thompson 2000, S. 8. Dabei verweist er besonders auf Disraelis Crystal Palace-Rede 1872.

[82] The Times, Nr. 30046, 23.11.1880, S. 6.

[83] The Times, Nr. 30421, 03.02.1882, S. 4.

[84] Robinson, Ronald: The Conference in Berlin and the Future of Africa, 1884-1885, in: ders./Förster, Stig/Mommsen, Wolfgang (Hg.): Bismarck, Europe and Africa. The Berlin Africa Conference 1884-1885 and the Onset of Partition, Oxford 1988, S. 1-32, hier S. 10f.

[85] Chamberlain, S. 55.

[86] Robinson 1988, S. 12.

Details

Seiten
79
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656363842
ISBN (Buch)
9783656364856
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v208909
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg – Institut für Geschichte
Note
1,3
Schlagworte
Imperialismus Öffentliche Meinung British Empire Times Kolonialismus Großbritannien Kolonialpolitik Palmöl Zeitungen Presse Westafrika Nigeria

Autor

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Titel: „Annexation is the order of the day”. Die Aufteilung Afrikas und der Entstehungsprozess Nigerias in der Berichterstattung der Times