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Orte des Rückzugs in Jean-Jacques Rousseaus "Julie ou la Nouvelle Héloise"

Funktion und Deutung des Elysée-Gartens und des Hochgebirges

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 25 Seiten

Didaktik - Französisch - Literatur, Werke

Leseprobe

1 Einleitung

2 Ästhetik, Landschaft und Garten

3 Landschaften der Rückzugsorte
3.1 Gebirge
3.1.1. Das Haut-Valais
3.1.1.1. Beschreibung der Landschaft
3.1.1.2. Natürliche Gesellschaften der Gebirgslandschaft
3.1.1.3. Stilistische Mittel zur Landschaftsbeschreibung
3.1.1.4. Bedeutung als Rückzugsort
3.1.2 Meillerie
3.1.2.1. Saint-Preux' erster Aufenthalt in Meillerie
3.1.2.2. Saint-Preux' zweiter Aufenthalt in Meillerie
3.1.2.3. Stilistische Mittel zur Landschaftsbeschreibung
3.1.2.4. Bedeutung als Rückzugsort
3.1.3 Das Gebirge als Rückzugsort
3.2 Garten
3.2.1. Elysée-Garten
3.2.1.1. Die Atmosphäre von Clarens
3.2.1.2. Konzeption und Ästhetik
3.2.1.3. Ein Ort im Jenseits
3.2.1.4. Natürliche Gesellschaften im Garten
3.2.1.5. Stilistische Mittel zur Landschaftsbeschreibung
3.2.1.6. Bedeutung als Rückzugsort

4 Natur und Landschaft im Roman

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In der vorliegenden Arbeit sollen die unterschiedlichen Natur- und Landschaftsbilder in Jean-Jacques Rousseaus Julie ou La Nouvelle Heloïse 1 auf ihre Ästhetik, sowie Funktion und Wirkungsweise als Rückzugsorte untersucht werden. Besonders hervorgehoben werden sollen das (Hoch-)Gebirge sowie die Gartengestaltung von Julies Elysée-Garten, die aufgrund von ausreichend Material im Primärtext ausgiebig analysiert werden können.2

Ziel dieser Arbeit soll die Beantwortung der Frage sein, wie Natur durch die einzelnen Figuren des Romans ästhetisch dargestellt wird, was sich die Figuren des Romans mit ihrem Aufenthalt in der Natur erhoffen, ob sie die Natur ihretwillen betrachten oder sie doch nur als eine Reflexionsmöglichkeit ihrer eigenen innersten Gefühle benötigen. Außerdem soll grundlegend dargestellt werden, wie bedeutsam die Natur für das Gesamtkonzept des Romans ist.

Vor Beginn der Textanalyse soll eine Definition von Landschaft und Ästhetik grundlegend klären, was allgemein betrachtet ästhetische Wahrnehmung von Landschaft im 18. Jahrhundert ist und weshalb auch die Form des Romans nicht unerheblich zu sein scheint. Nachfolgend werden die im Zusammenhang des Textes bedeutsamen Landschaftsbilder dargestellt, Beschaffenheit und Sprachgebrauch dieser entworfenen Bilder untersucht werden. Wichtig ist dabei die ästhetische Darstellung und die Rückzugsfunktion der unterschiedlichen Orte. Die elementare Frage dieser Arbeit ist, ob die Figuren die Welt um sich herum ästhetisch wahrnehmen oder ob auch andere Funktionen und Aufgaben durch den Aufenthalt in der Natur erfüllt werden, die mit dem Seelenzustand der Figuren zusammenhängen. Vier Ideen von solchen Funktionen der Natur gibt beispielsweise Gisela Zimmermann3, die im Zuge der Analyse genauer vorgestellt werden. Mit Hilfe dieser Funktionsbeschreibungen können auch andere Wirkungen der Natur bestimmt werden, die herausheben, weshalb Natur als besonders als Rückzugsort geeignet ist.

Im Schlussteil soll ein umfassender Gesamtüberblick Naturdarstellungen im kompletten Werk bewerten und funktionale oder ästhetische Aspekte einzelner natürlicher Orte gegenüberstellen.

2 Ästhetik, Landschaft und Garten

Dieser Teil der Arbeit behandelt die Eingrenzung des Themengebiets Ästhetik, Landschaft und Garten, um eine Basis für weitergehende Analysen zu bilden. „Landschaft ist Natur, die im Anblick für einen fühlenden und empfindenden Betrachter ästhetisch gegenwärtig ist […].“4 Es darf, um die Natur ästhetisch erleben zu können, kein praktischer Nutzen im Aufenthalt zu finden sein.5 Was schön ist und was nicht hat sich im Laufe der Zeit geändert. Erst ab 1720 fand man in England eben jene Gärten, die wir als typisch englisch bezeichnen6, die anders waren als die wohl geformten Gärten, die sonst in Frankreich zu finden waren (mit ihrer typischen „symmetrische[n] Anordnung“ wie sie beispielsweise in Versailles repräsentativ vorzufinden ist).7 Reiseberichte aus exotischen Ländern, Abenteuer in fremden Regionen mit unbekannten Gewächsen und Tieren waren damals der Auslöser, um den ästhetischen Geschmack der Menschen dieser Zeit nachhaltig zu beeinflussen.8 Neue Gartenformen, spannende Berichte aus fernen Ländern also bringen die Menschen dazu, in Bäumen, Blumen und Gräsern in ihrer unmittelbaren Umgebung einen ästhetischen, vom Zweck (z.B. der Repräsentation, Macht) losgelösten Charakter zu entdecken. Der Wunsch nach mehr Schönheit und Exotik und immer weniger Wissenschaft und Regeln im eigenen Garten wächst. „ Les fleurs sont faites pour amuser en passant, et non pourêtre si curieusement anatomisée. “ 9 Für die ästhethische Darstellung von Natur ist auch die Form des untersuchten Romans nicht zu vernachlässigen, da diese hier eine bedeutsame Rolle bekommt: Die (wenn auch unfreiwillige)10 Wahl der Briefform für diesem Roman erwies sich als klug und weitsichtig. Subjektive Eindrücke (vor allem von Landschaften), tiefgründige Gefühle und stille Sehnsüchte werden im Brief unvermittelt dargestellt, es entsteht eine „größere Nähe zur Lebens- und Erfahrungswelt“ der Leser.11

Marmontel sagt dazu:12

« La narration est plus vive et plus touchante, l'effusion des sentiments plus naturelle, le Lecteur plus attentif, plus impatient, plusému, car il se met tour à tour place de l'Acteur qui parle et de celui quiécoute; il oublie l'Auteur, il s'oublie lui-même; il ne voit, il n'entend que les personnages qui sont en sc è ne, ce qui fait le charme d'illusion. »

Diese Illusion ist wichtig und passend für das aufklärerische Zeitalter, da allgemeine Fragestellungen so konkret am Subjekt beantwortet werden konnten, jene Antworten niemals aber eine Regel oder Norm entwarfen, immer nur Denkanstöße lieferten. Durch die extreme Fokalisierung auf das schreibende Subjekt, rücken auch Naturerlebnis und Landschaftsbild immer näher an den Leser heran, zeigen unvermittelt und unverfälscht, aber auch mit einer gewissen Wertigkeit verbunden, ihr ästhetisches Potenzial, denn Ästhetik ist immer individuell, an das Subjekt gebunden.13 Dieses unzensierte Erleben von Bäumen, Bergen und Bächen durch die Feder eines empfindsamen und fühlenden Menschen ist nicht zuletzt ein Grund für den Ende des 18. Jahrhunderts aufkeimenden Boom in Richtung der Alpen, einst Schreckgespenst der Menschen.14

Berge waren seit jeher für den Menschen unüberquerbar, unbesteigbar und ihre tiefen Schluchten unpassierbar. Kein Wunder also, dass in früheren Jahrhunderten, in denen es weder Asphaltierung noch Motorisierung gab, Berge eher Hindernis und Ärgernis anstatt Anschauungsobjekt waren:

« J'aimerais beaucoup les Alpes s'il n'y avait pas les montagnes. » 15

Für Rousseau, aufgewachsen am Genfer See, sind die Alpen eher ein Ort mit heimatlicher, nostalgischer, durch seine Exilflucht auch sehnsüchtiger Konnotation. Es war nun ein Leichtes, seine Chimären Julie und Claire an die Ufer des Genfer Sees zu platzieren, ein Ort, den er selbst auch nur genießen will, ohne Nutzen, ohne Zweck. Festzuhalten ist also, dass ästhetisches Wahrnehmen von Landschaft im 18. Jahrhundert mit einem sich verändernden Bewusstsein von Naturerleben einhergeht. Das durch die Aufklärung hervorgehobene Subjekt wird zum Mittelpunkt; dass, was vorher schön für die Allgemeinheit war, ist nun für das neuartige Landschaftserlebnis unerheblich.

Aufgrund dieser Erkenntnisse ist die Darstellung und Wiedergabe von Landschaft in Julie ou La Nouvelle Heloïse durchaus ästhetischer, weil subjektiver Natur, doch die abschließende Frage, ob die Figuren auch die Natur ihretwillen wahrnehmen soll im nachfolgenden Analyseteil geklärt werden.

3 Landschaftsbilder

3.1 Gebirge

3.1.1 Das Haut Valais

3.1.1.2 Beschreibung der Landschaft

Es soll hierbei insbesondere der Brief XXIII der ersten Abteilung16 aufgrund seiner detaillierten Landschaftsbeschreibungen analysiert werden.

Saint-Preux geht auf Wunsch von Julie ins Gebirge, sucht Zuflucht an einem Ort, der ihm Ruhe und Abgeschiedenheit garantieren kann, damit er sich ganz seinen Träumereien hingeben kann ( „ Je voulais rêver [ … ]. “ )17, in denen er und seine Julie wieder vereint sind. Doch die Abwesenheit Julies, die Entfernung zu ihr18 und die eindrucksvolle Gebirgslandschaft um ihm herum lassen ihn nicht, zwingen ihn geradezu, die umliegende Welt wahrzunehmen:

„ [...], et j'enétais toujours détournépar quelque spectacle inattendu. “19

Saint-Preux ist beeindruckt von diesen, von ihm bislang unerkannt gebliebenen Naturbildern, er entdeckt einen „ mélangeétonnant20 von zivilisierter und wilder Natur, zeigt sich abseits von Arbeit und Gesellschaft hingerissen von Lichtspielen an Felswänden, tosenden Wasserfällen und tiefen Tälern:

« [...] la nature semblait encore prendre plaisir à s'y mettre en opposition avec elle même, [ … ]. »21

Es scheint außerdem, als würde er erstmals überhaupt die unterschiedlichen Jahreszeiten erkennen können, die ihm im Hochgebirge des Haut-Valais aufgrund der verschiedenen Klimazonen alle gleichzeitig begegnen22 ; Stimmungen und Gefühle von düster bis strahlend, Schnee und Blumen, zeigen sich ihm an einem einzigen Ort.23

3.1.1.3 Natürliche Gesellschaften der Gebirgslandschaft

In jenem Hochgebirge also trifft Saint-Preux auf die Bewohner dieser felsigen Region. Er beschreibt sie in seinem Brief als einfach und ruhig24 und vor allem als sehr gastfreundlich. Bewundernswert erscheint ihm auch folgende Tatsache:

« Ils en usent entre eux avec la même simplicité; les enfants enâge de raison; [ … ] sontégaux de leurs p è res, les domestiques s'asseyent à la table de leurs maître [ … ]. »25 Saint-Preux wirkt stark beeindruckt von dieser Gleichheit unter den Menschen, die er hier weitab der Zivilisation findet. « [...] l'amant trouve l'atmosph è re qui s'accorde avec la puretéde son amour. »26 Es ist eine Welt, wie er sie sich höchstwahrscheinlich auch für sich und Julie wünschen würde. Gesellschaftliche Normen zwangen ihn zur Flucht, da die Liebschaft nicht auffliegen darf;27 hier oben in der Einsamkeit findet er Gesellschaftsformen, die er sich ersehnt und in denen eine Flucht nie nötig gewesen wäre. Es ist nahezu idyllisch, eine ideale Gesellschaft, die er Julie hier mit all ihren Vorzügen präsentiert. Die Bewohner selbst würden von ihrem Lebensraum wahrscheinlich nüchterner sprechen, da sie in ihm vorrangig einen Nutzen sehen, kaum einen Blick für die bunten Blumen haben dürften, wenn es für sie ums Überleben geht.

3.1.1.4 Stilistische Mittel zur Landschaftsbeschreibung

Saint-Preux' Schilderungen sind lebhaft, versuchen die Mannigfaltigkeit dieser Landschaft durch Aufzählungen der einzelnen Elemente zu beschreiben, ihrer durch zahlreiche Adjektive Herr zu werden.28 Als rhetorisches Mittel verwendet Saint-Preux Wiederholungen ( „ Tantôt, d'immense roches, [ … ]; tantôt des hautes et bruyantes cascade [ … ]; tantôt un torrent [ … ]. “ )29, um der Beschreibungen Wirkung zu verstärken. Andererseits zeigt diese Art der Darstellung eine so ungeheure Vielfalt, dass sie so kaum als begreifbare Einheit wirkt, da sie viel zu übermächtig mit all ihren Facetten einzuwirken scheint.30

[...]


[1] Rousseau, Jean-Jacques (1845): Julie ou La Nouvelle Heloïse. Paris: Charpentier, Libraire-Éditeur.

[2] Ich werde die Stadt, ihre Lebenswelt und Darstellung im Text in dieser Arbeit vernachlässigen. In dieser Arbeit sind Natur und Landschaft die wichtigen Elemente, nicht der entstehende Kontrast zur Stadt.

[3] Zimmermann, Gisela (1998): Die Hochgebirgslandschaft im 18. und frühen 19. Jahrhundert, Joseph Anton Kochs Alpenlandschaften und die Alpen in der zeitgenössischen Dichtung und Literatur, Wetzlar: U. Will,S. 171.

[4] Ritter, Joachim (1994): Landschaft. Zur Funktion des Ästhetischen in der modernen Gesellschaft. In: Subjektivität. Sechs Aufsätze, Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 150

[5] Ritter (1994), S. 151

[6] Wagner, Birgit (1985): Gärten und Utopien. Natur- und Glücksvorstellungen in der französischen Spätaufklärung.Wien u.a.: Hermann Böhlaus Nachf. , S. 29

[7] Wagner (1985), S. 24

[8] Wagner (1985), S. 28

[9] Rousseau (1845), S. 547/548

[10] LeCercle, Rousseau et l'art du roman, Paris: Librairie Armand Colin, S. 69

[11] Pabst, Esther Suzanne (2007): Die Erfindung der weiblichen Tugend. Kulturelle Sinngebung und Selbstreflexion im französischem Briefroman des 18. Jahrhunderts, Berlin: Wallenstein Verlag, S. 85

[12] Marmontel, Ouellet 1972, S. 1224 zitiert nach Pabst (2007), S. 96

[13] Siegmund, Andrea (2002): Die romantische Ruine im Landschaftsgarten. Ein Beitrag zum Verhältnis der Romantik zu Barock und Klassik. Würzburg: Königshausen & Neumann, S. 35

[14] Vgl.: Séité, Yannick (2002): Du livre au lire. La Nouvelle Héloïse. Roman du Lumières, Paris: Honoré Champion, S. 183 und Behbahani, Nouchine (1989): Paysage rêvés, paysages vécus dans La Nouvelle Heloïse de J.J. Rousseau, Oxford: The Alden Press, S. 39

[15] Vgl.: Behbahani (1989),S. 40, schrieb dies John Spens (zitiert nach Claire-Eliane Engel, La littérature alpestre, p. 2)

[16] Rousseau (1845), S. 78-87

[17] Ebda., S. 78

[18] Vgl.: Wagner (1985), S. 71

[19] Rousseau (1845), S. 78

[20] Ebda., S. 79

[21] Ebda., sowie Wagner (1985), S. 72: Lichtspiele und Jahreszeiten sind sonst eher unauffällig

[22] Rousseau (1845), S. 79

[23] Zimmermann (1998), S. 170

[24] Rousseau (1845), S. 81

[25] Rousseau (1845), S. 83

[26] LeCercle (1969), S. 160

[27] Vgl.: Zimmermann (1998), S. 167

[28] Vgl.: Rousseau (1845), S. 86: beispielsweise„simples“,“aimable“,“agréablement“

[29] Rousseau (1845), S. 78

[30] Brankel, Jürgen (2004): Naturgefühl und Landschaftsschilderung bei Jean-Jacques Rousseau, Wien: Turia + Kant, S.62

Details

Seiten
25
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656362760
ISBN (Buch)
9783656363484
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v208850
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Institut für Romanische Sprachen, Literatur und Kultur
Note
2,0
Schlagworte
orte rückzugs funktion deutung elysée-garten hochgebirge jean-jacques rousseaus julie nouvelle héloise

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