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"Handeln oder gehandelt werden": Im Spannungsverhältnis zwischen Schein und Sein der Figur Strapinsky in Gottfried Kellers ´Kleider machen Leute´

Hausarbeit 2009 13 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

I. EINLEITUNG

II. STRAPINSKYS AUFTRETEN
II.1. Strapinskys Charakterisierung
II.2. „Motivation von hinten“

III. DIE SCHEINWELT

IV. DIE GESELLSCHAFT

V. NETTCHEN ALS FORTUNA

VI. SCHLUSS

VII.1. PRIMÄRLITERATUR
VII.2. SEKUNDÄRLITERATUR

I. EINLEITUNG

„Der weite Mantel, in den der Protagonist Wenzel Strapinsky aus Seldwyla gehüllt ist, veranschaulicht den Wechsel von standesgebundener zu individueller Kleidung, [...] Er bringt kulturelle Wunschbilder hervor und erzeugt Illusionen, [...].“[1]

Der Schneidergeselle Wenzel wird in der Goldacher Gesellschaft mit seinem Mantel durch einen Zufall für einen polnischen Grafen gehalten. Dass die äußere Erscheinung eines Menschen nicht immer zu Tage tritt wie sie eigentlich ist, zeigt uns der Autor. Der Leser wird in einen Zustand versetzt, bei dem er den Signifikanten nicht mehr in Beziehung zum Signifikat, dem wirklich Seienden findet.[2]

Im Folgenden werde ich der Frage nachgehen, inwiefern der Schneidergeselle durch die Gesellschaft in die Rolle eines Grafen versetzt wird. „Handelt“[3] ihn die Gesellschaft aufgrund seines Scheins oder wirkt Strapinsky aktiv und individuell in der Spannung zwischen Schein und Sein, vielleicht auch mithilfe einer Macht an dem Verlauf der Novelle[4] mit?

Bei der Analyse werde ich zunächst auf die Figur Strapinsky eingehen und seine Entwicklung herausarbeiten. Anschließend untersuche ich die Stadt und das soziale Umfeld Strapinskys, sowie dessen Liebesbeziehung zu Nettchen.

II. STRAPINSKYS AUFTRETEN

II. 1. Strapinskys Charakterisierung

Der Schneidergeselle Wenzel Strapinsky befindet sich auf einer einsamen Landstraße, völlig mittellos und ohne Gepäck. Er trägt

„[...] einen weiten dunkelgrauen Radmantel [...] mit schwarzem Samt ausgeschlagen, der seinem Träger ein edles und romantisches Aussehen verlieh, zumal dessen lange schwarze Haare und Schnurrbärtchen sorgfältig gepflegt waren und er sich blasser, aber regelmäßiger Gesichtszüge erfreute.“ (Kleider, S. 3)

Es ist dem Schneider ein Bedürfnis auf sein Äußeres zu achten, er strebt nach einer edlen Optik. Die Weite des Mantels verweist auf Strapinskys Streben nach Individualität, denn im Kontrast zu seinem schlanken Körperbau sucht die Weite des Mantels, Grenzen zu überwinden.[5] Es ist kein Übermut, der den Schneidergesellen dazu bringt, sich als jemand auszugeben, der er nicht sein kann. Wenzels Streben nach einem gepflegten Aussehen findet sich in seiner Erziehung begründet. Wenzel erzählt in einer Rückblende von seiner Herkunft:

„Davon hatte sie [seine Mutter] eine feinere Art bekommen als die anderen Weiber des Dorfes und war wohl auch etwas eitel; denn sie kleidete sich und mich, ihr einziges Kind, immer etwas zierlicher und gesuchter als es bei uns Sitte war.“ (Kleider, S. 48)

Wenzel erklärt sein Verlangen nach außerordentlicher Kleidung als eine anerzogene Eigenschaft, die in Form von Eitelkeit hervortritt, eine „Selbstdarstellung“[6]. Es stecken keine bösen Absichten dahinter und kein Wunsch, sozial aufzusteigen. Dass Wenzel diesen Einschub hervorbringt, ist von großer Wichtigkeit, denn nur so erfährt man seine wahre Identität durch den vorherigen Lebenslauf, eine „´retrospektive Teleologie´“.[7] Wenzel entpuppt sich als ein eigenständiges Individuum das einen Sinn für Schönheit hat. Man kann nicht behaupten, dass Strapinsky durch seinen vorgegebenen Schein mit Absicht versucht seine Herkunft zu verleugnen, denn mit sich trägt er: „[...] einen Fingerhut, welcher er, in Ermangelung irgendeiner Münze, unablässig zwischen den Fingern drehte, [...].“ (Kleider, S. 3) Den Fingerhut trägt er als Zeichen seines Standes mit sich. Auf den ersten Blick ist dieser für die Mitmenschen jedoch nicht zu erkennen und zeigt dadurch die Spannung zwischen Schein und Sein.[8] Es ist reine Eitelkeit aufgrund derer er sich dazu gezwungen sieht, wegzuziehen: „Er konnte deshalb nur in größeren Städten arbeiten, wo solches nicht zu sehr auffiel; [...].“ (Kleider, S. 4) Wenzel erweist sich durch diese Aussage als ein Handelnder, er möchte seine Seinsart beibehalten und sieht so keine andere Möglichkeit, als in eine größere Stadt umzusiedeln um unauffälliger nach seinem eigenen Willen leben zu können. Das zeigt, dass Wenzel sich durchaus bewusst ist, dass sein äußerlicher Schein in der normierten Ständegesellschaft zu Problemen führen kann. Aus diesem Grund untersteht er sich nicht in seiner Hungersnot zu betteln. Er ist sich bewußt, dass die Menschen ihm aufgrund seiner schönen Kleidung nichts geben würden. Dass Wenzel sich den Tatsachen fügt und sich der Realität untergibt ist hiermit vorgeführt, da es ihm nicht in den Sinn kommt das Betteln in die Tat umzusetzen. In seinen zärtlichen und romantischen Gebärden erfährt man von welchen Sehnsüchten er träumt:

„- Anstatt an der Sehnsucht nach einem würdigen Dasein, nach einem gütigen Herzen, nach Liebe lebenslang zu kranken [...] wäre ich einen Augenblick lang groß und glücklich gewesen und hoch über allen, [...].“ (Kleider, S. 47)

Strapinsky weist romantische Vorstellungen auf. Ihm ist nicht an Prunk und Glanz gelegen, sondern sucht ein liebevolles Herz, das ihn in einen Zustand des höchsten Glücks versetzen soll. Er wirkt damit keineswegs passiv, man erkennt ein ruhiges Streben nach Glück, das er sich erfüllen möchte.

Die weiteren Fügungen werde ich nun erläutern um zu sehen, wie Strapinsky sich an den Begebenheiten beteiligt. Nach einem Zufall, wie er vielen Reisenden begegnet, nimmt ein Kutscher ihn mit. Dieser führt ihn zu einem Gasthof, wo er „[...] sich willenlos in das Haus [...].“ (Kleider, S. 5) führen lässt. Diese Willenlosigkeit kann in seiner Anpassungsfähigkeit begründet werden; er versucht sich immer zu fügen. Später möchte er versuchen, dem Haus zu entfliehen, doch der Duft des Essens beraubt ihn „[...] vollends seines Willens [...].“ (Kleider, S. 8) Da Wenzel seit Antritt der Reise Hunger leidet, verfügt hier nicht sein freier Wille, sondern ein natürliches Grundbedürfnis über ihn. Wenzel ist sich seiner peinlichen Situation bewusst, doch bleibt er mit seiner feinen Art der Gesellschaft, in der er freundlich empfangen wird erhalten. Das deckt sich mit seiner vornehmen Lebensart, die er auszuleben versucht. Seine Bedenken über die Bewirtung führen ihn zur Verzweiflung, später wird diese unter Alkoholeinfluss jedoch gemildert. Das ist eine weitere menschliche Fügung, die ihre natürliche Begründung hat. Man kann nicht behaupten, dass Wenzel dadurch von der Gesellschaft „gehandelt“ wird, vielmehr nimmt er unter seinem eigenen Einverständnis die Entwicklung hin, wenn das Angebot passt. In einer weiteren Fügung begibt er sich in die Abendgesellschaft der Gaststätte, auch hier passt er sich an, allerdings versucht er seinerseits sein „Sein“ im Schein für die Gesellschaft zu wahren. Bei der Spielgesellschaft gibt er zu: „´Ich habe nicht ein solches Geldstück.´“ (Kleider, S. 17) Er legt offen, dass er kein Geld mit sich trägt. Erst mit der Einführung Nettchens bemerkt man einen Wechsel in der Gesinnung Wenzels. Zuerst schleichend, indem er versucht gewählter zu sprechen. Dennoch bekommt Wenzel aufgrund seines Handelns ein schlechtes Gewissen und beabsichtigt seine Reise fortzusetzen. Zufällig trifft er bei der Abreise wieder auf Nettchen. Dies ist der ausschlaggebende Punkt.

Ich werde den Fortgang analysieren, wie sich Wenzel weiter verhält.

[...]


[1] Anne Fleig: „Märtyrer seines Mantels“. Gottfried Kellers Novelle „Kleider machen Leute“. In: Der Deutschunterricht 60 2008, 4, S. 31.

[2] Vgl. Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8., verbesserte und erweiterte Auflage, S. 747.

[3] Wie auch im Titel benutze ich an dieser Stelle bewußt das Verb, da es im Hinblick auf die Darstellung Strapinskys mir sehr treffend erscheint.

[4] Gottfried Keller: Kleider machen Leute. Novelle, Anmerkungen von Rolf Selbmann, Durchgesehene Ausgabe 2000, Stuttgart 2009. RUB Nr. 7470. (Fortan als „Kleider“ direkt im Text zitiert.)

[5] Vgl. Anne Fleig, „Märtyrer seines Mantels“, S. 34.

[6] Anne Fleig, „Märtyrer seines Mantels“, S. 33.

[7] Philip Ajouri: Erzählen nach Darwin. Die Krise der Teleologie im literarischen Realismus: Friedrich Theodor Vischer und Gottfried Keller. Berlin 2007, S. 35. Der Begriff erklärt ein „Entwicklungskonzept“, bei dem die Figur erst am Lebensende die vorherigen Lebensereignisse schildert. Er spielt eine wichtige Rolle beim Aufbau von Identität.

[8] Vgl. Axel Dunker: Ein „historisch-ethnographischer Schneiderfestzug“: die Ikonographie der Fortuna als Reflexionsfigur in Gottfried Kellers Erzählung „Kleider machen Leute“. In: Wirkendes Wort 52 2002, 3, S. 361.

Details

Seiten
13
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656369394
ISBN (Buch)
9783656369479
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v208786
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
2,0
Schlagworte
handeln spannungsverhältnis schein sein figur strapinsky gottfried kellers leute´

Autor

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