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Das Scheitern des jungen Helmbrecht bei Wernher der Gärtners "Helmbrecht"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 16 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. EINLEITUNG

II. DIE DARSTELLUNG DES HELMBRECHT
II. 1. Zur Haube
II. 2. Zur Kleidung und Charakterisierung

III. DER „HOMO NOVUS“

IV. DIE VATER-SOHN GESPRÄCHE
IV. 1. Die Ordnung
IV. 2. Tugendadel gegen Geburtsadel
IV. 3. Die Prophezeiung

V. „DIE WEIBERVERSCHWÖRUNG“

VI. DIE MACHT DER ORDNUNG

VII. SCHLUSS

VIII. LITERATURANGABEN

I. EINLEITUNG

„In jedem Fall aber gilt: erst als soziales Wesen wird der Mensch zum Menschen. Ein Ausschluß aus der Gemeinschaft ist gleichbedeutend mit seinem Tod“[1] Wie es einem Menschen des späten 13. Jahrhunderts ergeht, der sich von der mittelalterlichen Norm entfernt und sich der Standesordnung widersetzt, zeigt Wernher der Gartenaere mit der Erzählung von Helmbrecht.

Die Ständemobilität, das vor- oder unvorsätzliche Verlassen des individuellen Standes wird in der Literatur des Mittelalters mehrfach diskutiert.[2] Es handelt sich um die Thematik der Gesellschaftsmobilität, die seit dem Hohen Mittelalter immer stärker in der Literatur erscheint.

Thema der Analyse wird sein, ob sich bei Helmbrecht[3] von Wernher dem Gärtner das ´Scheitern´ in der Gesellschaft nachweisen läßt. Ich werde auf verschiedene Umstände eingehen, zum Beispiel die Haube und seine Kleidung und vor allem auf die Familienkonstellation. Der Fokus soll dabei auf die Begebenheiten gerichtet werden, die Helmbrechts Misslingen am öffentlichen Leben vorantreiben.

II. DIE DARSTELLUNG DES HELMBRECHT

II. 1. Zur Haube

Helmbrecht erhält im Auftrag seiner Schwester eine von einer Nonne prächtig gestickte Haube. Diese stellt die ´Verflechtung´ mit der ganzen Erzählung dar.[4] Auf allen Seiten der Haube hat die Nonne verschiedene motivische Abbildungen eingearbeitet. Zunächst möchte ich auf die gestickte Darstellung der Rabenschlacht eingehen, die wohl erst nach der Entstehung des ´Helmbrecht´ schriftlich überliefert wurde. Allerdings kann man davon ausgehen, daß die Erzählung schon vorher mündlich im Umlauf war. Die Verbindung zu Helmbrecht ist deutlich: die Kinder ´Orte und Scharf´ machen sich auf in den Kampf gegen Ermanerich, obwohl die Eltern dies verboten haben. Das Nichtbefolgen des elterlichen Gebots ist ein „[...] Ungehorsam gegenüber der elterlichen Gewalt [...][5] “, genau wie wir es bei Helmbrecht vorfinden, und verweist auf Helmbrechts bevorstehenden Untergang. Eine mit Seide eingenähte höfische Tanzszene zwischen zwei Damen befindet sich auf der vorderen Seite. Nach diesem eleganten und oberflächlichen Leben sucht der junge Helmbrecht, symbolisiert durch höfischen Tanz. Der Tanz versetzt den Menschen in Freude, genau wie Helmbrecht ein Leben in Freude beginnen möchte. Allerdings kann man behaupten, daß Helmbrecht wegen seines ungerechtfertigten Benehmens, einen ironisierten ´Totentanz´ als Abbildung auf der Kappe trägt. Helmbrecht spielt das Schicksal zum letzten Tanz auf, bevor es ein Ende mit ihm nimmt und der Tod ihn einholt.[6]

Die Troja-Abbildungen zeigen auf der rechten Seite der Haube die Belagerung, dann die Eroberung Trojas mit der Flucht des Aeneas und die Zerstörung der Stadt. Grund und Ursache sind dargestellt. Der Untergang der „[...] hochmütigen Stadt Troja [...]“[7] nimmt das Ende von Helmbrecht vorweg. Aeneas entkommt diesem Los mithilfe der Götter durch seine Flucht aus Troja. Er gehorcht seinem Vater Anchises und wird sein Leben nicht verlieren.[8] „„Geschildert wird offenbar am Beispiel des troischen Helden, wie ein Sohn sich seinem Vater gegenüber verhalten soll““[9] Auf der linken Seite der Haube wird der Kampf Karl des Großen gegen die Heiden dargestellt. Karl kann man als positiven Helden interpretieren und ihn neben Aeneas stellen als Repräsentanten des Guten. Aeneas und Karl können als „Warnung und Mahnung zum gerechten Leben gemeint sein“[10]. Es sind jedoch zwei alternative Lebenswege abgebildet.[11] Die zweite Möglichkeit stellt der Held Roland bei der Karlsabbildung dar. Allgemein versinnbildlicht er die „Vermessenheit“ und „desmesure“, die ihn und viele andere das Leben kosteten.[12] Helmbrecht und Roland scheitern aufgrund der ´superbia´. Helmbrecht nimmt nämlich die abgebildeten Szenen und die sinnbildlichen Zusammenhänge gar nicht wahr. Sein reales Auffassungsvermögen über die irdisch konstruierten Elemente ist von seiner Gier nach sozialem Aufstieg geblendet. Deshalb nimmt er nur den Vogelstreifen wahr; die Vögel, als Element der Luft, sind auf ihn bezogen; eine Vorausdeutung auf sein Schicksal.[13]. Er befindet sich nicht mehr auf dem Boden der Tatsachen.

[...]


[1] Claudia Brinker-von der Heyde: Literarische Spielregeln der Kleinfamilie. Untersuchungen zum Armen Heinrich und zum Helmbrecht. In: Jahrbuch für Internationale Germanistik 32 (2000), S.45.

[2] Man denke zum Beispiel an das „Buch der Rügen“.

[3] Wernher der Gärtner: Helmbrecht. Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch.Herausgegeben, übersetzt und erläutert von Fritz Tschirch. Bibliographisch ergänzte Ausgabe 2002. (RUB Nr. 9498).

[4] Hermann Bausinger: Helmbrecht. Eine Interpretationsskizze. In: Studien zur deutschen Literatur und Sprache des Mittelalters. Festschrift für Hugo Moser zum 65. Geburtstag. Berlin 1974, S. 201.

[5] Erika Langbroek: Warnung und Tarnung im Helmbrecht. Das Gespräch zwischen Vater und Sohn. Helmbrecht und die Haube des Helmbrecht. In: AbäG 36 (1992), S. 153.

[6] Vgl. Erika Langbroek, S. 152f.

[7] Ebd., S. 156.

[8] Erika Langbroek, S. 156f.

[9] Ebd., S. 156.

[10] Ebd., S. 157.

[11] Ebd., S. 157.

[12] Ebd., S. 159.

[13] Ebd., S. 164f.

Details

Seiten
16
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656364757
ISBN (Buch)
9783656364870
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v208782
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
2,0
Schlagworte
Wernher der Gärtner Helmbrecht Ständemobilität Ordnung Hybris

Autor

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