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Dark Tourism - Was ist das?

Essay 2012 5 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Moderne Geschichte

Leseprobe

Dark Tourism: Was ist das?

Von Katastrophentourismus hat wohl jeder schon einmal gehört und auch unter Morbid Tourism, Fright Tourism oder Dark Tourism kann man sich zumindest etwas vorstellen. Bei Thanatourism1 wird es schon schwieriger, wenn man kein Griechisch spricht und sich auch mit der griechischen Mythologie nicht auskennt. Doch die Begriffe haben alle etwas gemeinsam: Sie bezeichnen jene Art von Tourismus, dessen Ziele Orte, Attraktionen und Erlebnisse sind, die mit Tod, Katastrophen und Leid zusammenhängen.2 Ehemalige Schlachtfelder, Gräber, Gefängnisse, Orte, die Opfer von Naturkatastrophen wurden oder schlichte Wohnhäuser, die Schauplatz von Morden und anderen Straftaten gewesen sind. Dieser Essay versucht „Licht ins Dunkle“ zu bringen und den Begriff Dark Tourism3 zu erläutern. Auch die Probleme und Kontroversen, die der Dark Tourism mit sich bringt, sollen aufgezeigt werden. Zudem soll beleuchtet werden, was Menschen dazu veranlasst, sich grauenerregende Orte zu besuchen und sich eventuell sogar dabei in Gefahr zu dabei bringen. Gesellschaftliche und psychologische Gründe können dabei helfen, die „Dark Tourists“ in ihrem Handeln zu verstehen. Die Beschreibung der Beweggründe sollen den zweiten Teil dieses Essays ausmachen.

Einen genauen Startpunkt des Aufkommens von Dark Tourism lässt sich nicht feststellen, die zunehmende Mobilität und die Möglichkeit zu reisen ist allerdings eine Grundvoraussetzung. Wichtig ist zudem die Rolle der Medien, die einen mit dem Tod verbundenen Ort, wie einen Autounfall oder die Entdeckung von Massengräbern, erst zum Zielobjekt von Touristen machen, da ohne die Berichterstattung die Popularität der Orte nicht gegeben wäre. Des Weiteren ist eine Vermarktung mithilfe von Souvenirs und ähnlichen Artikeln ebenso fördernd. Es existieren bereits Reiseführer, die zu den grauenerregenden Zielen leiten oder auch Organisationen, welche Touren anbieten. Das Phänomen, dass Orte, Attraktionen und Erlebnisse, die mit Tod, Katastrophen und Leid, immer höhere Besucherzahlen haben und Interesse bei Touristen weckt, hat nun auch die Wissenschaft auf dieses Thema aufmerksam gemacht. So wurde unter anderen die Homepage des Institute for Dark Tourism Research (http://www.dark-tourism.org.uk) der University of Lancashire ins Leben gerufen.4

Eben dieses Institut definiert Dark Tourism wie folgt: „Dark tourism (also known as thanatourism) is the act of travel and visitation to sites, attractions and exhibitions that have real or recreated death, suffering or the seemingly macabre as a main theme. Tourist visits to former battlefields, slavery-heritage attractions, prisons, cemeteries, particular museum exhibitions, Holocaust sites, or to disaster locations all constitute the broad realm of ‘dark tourism’.”5 Wie hier zu sehen, ist der Geltungsbereich von Dark Tourism sehr breit gefächert und schließt auch „recreated“ also nachgebildete Attraktionen (z.B. Nachstellen einer Schlacht) mit ein. Sharpley weist darauf hin, dass die zunehmende Popularität dringend auch das Verständnis dieses Phänomens innerhalb von sozialen, kulturellen, geschichtlichen und politischen Kontext notwendig ist und damit verbunden die weitere Erforschung von Dark Tourism.6

Natürlich wirft der Dark Tourism auch Probleme auf und führt zu Kontroversen, welche insbesondere die ethische Fragwürdigkeit betreffen. Sensationslust oder Voyeurismus wird den Touristen vorgeworfen und die Veranstalter von Touren oder jene, die mit der Vermarktung vom Tod und Leid anderer sowie Katastrophen profitieren, sehen sich mit dem Vorwurf der Geldmacherei auf dem Rücken der Verunglückten konfrontiert. So wurde auch die Aussichtsplattform am Ground Zero stark kritisiert. Vor allem geht es den Vertretern der Gegenseite darum, dass die Mensch, mit deren Tod nun Geld gemacht wird, keine Mitsprachemöglichkeit mehr haben und sich daher nicht gegen eine Vermarktung ihres Unglücks wehren können.7

Kontrovers erscheint außerdem, dass mit dem Tod verbundene Attraktionen für Touristen zufällig an jenen Orten entstanden sind und sie häufig erst durch gezielte Vermarktung populär geworden sind. Profitorientierte Unternehmen und die Medien spielen daher bei der Entstehung solcher dark sites eine entscheidende Rolle.8

Was insbesondere auch für die Bildungsarbeit wichtig ist, ist die Darstellungsweise und Interpretation. Auf welche Weise etwas dargestellt ist, beeinflusst die Wahrnehmung. Ein ehemaliges KZ zum Beispiel benötigt die richtige und korrekte Darstellung der Geschichte, um beim Besucher keine Fehlwahrnehmung der Vergangenheit zu provozieren. Hier wird auch die Macht deutlich, welche von den dark sites ausgeht. Ein sensibler Umgang ist daher dringend notwendig. Dies war auch der Grund, warum 1996 das Haus eines Mörderpärchens im Vereinigten Königreich abgerissen wurde, in dem mehrere Morde von dem Paar begangen worden. Nur durch den Abriss konnte verhindert werden, dass das Haus zu einem makabren Schrein wird. Das Management von Zielen des Dark Tourism ist daher verantwortlich dafür, dass bestimmte Grenzen eingehalten werden, um moralisch vertretbar zu bleiben und dem Geschehenen und dem Tod der Opfer Respekt zu zeugen.9

[...]


1 Thánatos = Griechisch für Tod; Name des gr. Todesgottes

2 Vgl. Richard Sharpley: Shedding Light on Dark Tourism: An Introduction. In: Richard Sharpley/Philip R. Stone (Hrsg.): The Darker Side of Travel. The Theory and Practice of Dark Tourism. Bristol, Buffalo u.a., 2009. S. 3-22. Hier: S. 10.

3 Im weiteren Verlauf werde ich den Begriff Dark Tourism gebrauchen, da dieser den Geltungsbereich am wenigstens einschränkt und auch in der Fachliteratur überwiegend verwendet wird.

4 Vgl. Sharpley 2009. S. 4-5.

5 Zit. n. Homepage des Institute for Dark Tourism Research. Online unter: http://www.dark-tourism.org.uk/faqs (25.09.2012).

6 Vgl. Sharpley 2009. S. 7.

7 Vgl. Ebd. S. 8.

8 Vgl. Ebd.

9 Vgl. ebd. S. 8-9.

Details

Seiten
5
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656365372
Dateigröße
733 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v208772
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover – Historisches Seminar
Note
1,0
Schlagworte
dark tourism

Autor

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