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Die Geburt der Essais aus dem Geiste der Freundschaft

Die Beziehung und Freundschaft zwischen Michel de Montaigne und Étienne de La Boétie und deren Bedeutung für die Entstehung der Essais

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 24 Seiten

Literaturwissenschaft - Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitende Bemerkungen/Vorwort

2. Analyse und Interpretation des Essais „Über die Freundschaft“

3. Die strukturelle und konzeptionelle Bedeutung des „Discours de la servitude volontaire“ innerhalb der Essais Montaignes

4. La Boéties Freundschaftskonzeption in seiner „Abhandlung über die freiwillige Knechtschaft des Menschen“

5. Vive la liberté!

6. Zwischenfazit

7. Freundschaft und Freiheit

8. Freundschaft im Angesicht des Todes

9. Freundschaftliche Kultivierung der Gesprächs- und Diskussionskunst

10. Die Vorrede Montaignes im und als Zeichen der Freundschaft

11. Abschließende Bemerkungen/Nachwort

12. Literaturverzeichnis

Die Geburt der Essais aus dem Geiste der Freundschaft

-Die Beziehung und Freundschaft zwischen Michel de Montaigne und Étienne de La Boétie und deren Bedeutung für die Entstehung der Essais-

„Daß ein solcher Mensch [sc. Montaigne] geschrieben hat, dadurch ist wahrlich die Lust auf dieser Erde zu leben vermehrt worden. Mir wenigstens geht es seit dem Bekanntwerden mit dieser freiesten und kräftigsten Seele so, daß ich sagen muß, was er von Plutarch sagt: <Kaum habe ich einen Blick auf ihn geworfen, so ist mir ein Bein oder ein Flügel gewachsen.> Mit ihm würde ich es halten, wenn die Aufgabe gestellt wäre, es sich auf der Erde heimisch zu machen.“

(Friedrich Nietzsche, Unzeitgemäße Betrachtungen)

1.Einleitende Bemerkungen/Vorwort

Am Anfang war die Freundschaft. Diese These soll am Beginn vorliegender Arbeit stehen, die zwei Werke behandeln will, deren Anfangsimpuls eine geradezu idealtypische Freundschaft bildet und welche gleichzeitig diese zum Hauptthema und zur Grundidee selbiger Arbeit erhebt. Die Rede ist hierbei zum einen von den Essais des berühmten humanistischen Denkers und philosophischen Moralisten Michel de Montaigne[1] (1533-1592) und zum zweiten dem Discours de la servitude volontaire des umfassend humanistisch gebildeten Parlamentariers und Gerichtsrats Étienne de La Boétie (1530-1563). Montaigne und La Boétie verband Zeit ihres Lebens eine enge, ja geradezu „vollkommene Freundschaft“[2], wie Montaigne es in seinen Essais formuliert. Im Zuge der Analyse und Interpretation des 28. Kapitels aus dem Ersten Buch der Essais „De l’amitié“, die zugleich den ersten wichtigen Teil dieser Arbeit einnehmen wird, werden wir ausführlich und eindrücklich die Bedeutung und Besonderheit dieser Freundschaft kennenlernen. In einem zweiten Schritt soll dann der Diskurs von La Boétie besprochen und im Hinblick auf unsere Eingangsthese diskutiert werden. Die Arbeit versucht in diesem Konnex zu zeigen, welch spezifischen und gewichtigen Einfluss La Boétie und seine Werke, insbesondere der „Discours de la servitude volontaire“ und seine darin entwickelte Freiheitskonzeption „für die Entstehung und die besondere Formgebung“[3][4] der Essais hatte. Es sollen hierbei also auch intertextuelle Bezüge im Oeuvre dieser beiden großen Gelehrten aufgezeigt werden, die für das Verständnis und die Rezeption unabdingbar sind, da deren Werke vollständig „aufeinander bezogen“[5] sind. Denn es ist meines Erachtens als Tatsache anzusehen, dass man nicht über Montaigne nachdenken, reden oder schreiben kann, ohne dass der Name La Boétie zur Sprache kommt, was umgekehrt genauso gilt.[6] Diesen Beweis versucht die vorliegende Arbeit mit ihrem Thema anzutreten, deren Begründung und Motivation sie zugleich aus selbigem herzuleiten sucht. Für dieses Vorhaben sollen in darauffolgenden Schritten noch zwei weitere wichtige Schriften von Montaigne herangezogen werden: Erstens der „Brief an seinen Vater über den Tod von La Boétie“ und zweitens die Vorrede Montaignes zu den von ihm gesammelten und zusammengestellten Werken La Boéties. Zudem wird auch ein weiteres großes Kapitel aus dem Dritten Buch der Essais kurz betrachtet und in den Gesamtzusammenhang und die Thematik der Arbeit miteinbezogen werden: „De l’art de conferer.“ Die Synthese der aus diesen einzelnen Arbeitsschritten gewonnenen Erkenntnisse, Analyse-bzw. Interpretationsergebnisse soll dann in einem abschließenden Schritt plausibel hergestellt und somit die eingangs formulierte Grundthese überzeugend bewiesen werden.

2. Analyse und Interpretation des Essais „Über die Freundschaft“

Beginnen wir nun mit dem ersten Schritt und widmen uns dem Kapitel „De l’amitié“ aus den Essais von Montaigne. Bereits auf der ersten Seite dieses „edelsten, menschlichsten und wärmsten seiner Essays“[7] erwähnt Montaigne explizit La Boétie und seinen Traktat „Abhandlung über die freiwillige Knechtschaft[8], das im Französischen den Titel „Discours de la servitude volontaire“[9] trägt. Montaigne lobt diesen für die damalige Zeit politisch so geistreichen, sowie hellsichtigen Diskurs aufs Höchste und nennt diesen die „Vermittlerin unserer ersten Bekanntschaft“[10], welchem er sich aus diesem Grunde „ganz besonders verbunden“[11] fühlt. Somit hat diese Abhandlung die Freundschaft zwischen Montaigne und La Boétie eingeleitet und vor diesem Hintergrund den entscheidenden Impuls für Montaignes Essais gegeben, insbesondere für das Kapitel „De l’amitié“ um das es hier im Folgenden gehen soll. Ergänzend zu der bereits oben erwähnten Beschreibung der Freundschaft Montaignes zu La Boétie als „vollkommene Freundschaft“, bemerkt Montaigne, dass die Freundschaft an sich „die Krönung der Gesellschaft“[12] bildet. „Das Lebenselixier der Freundschaft ist der vertrauliche Umgang“[13], heißt es weiter. An dieser Stelle liefert Montaigne demnach bereits eine unabdingbare Voraussetzung bzw. konstitutive Bedingung für die Entstehung und Aufrechterhaltung einer Freundschaft zwischen zwei Menschen. Dies will Montaigne hauptsächlich auf solche Menschen verstanden wissen, die sich durch freie und selbstbestimmte Wahl zu einer derartigen Freundschaft gemeinsam entschlossen und vereint haben. Dieser Umstand scheint Montaigne deswegen von so großer Bedeutung zu sein, da er eine solche Freundschaft definitorisch-explikativ, sowie ideell-symbolisch von derjenigen unterscheidet und abgrenzt, die man gemeinhin zu seiner Familie bzw. seinen Verwandten pflegt. Freundschaften jener letztgenannten Provenienz sind, so Montaigne, nur bedingt möglich, weil hierbei gerade das konstitutive Element der freien Willensentscheidung fehlt. Eine wahre Freundschaft setzt eine wahre Wahl- und Willensfreiheit voraus: „Nichts hingegen ist so voll und ganz das Werk unsres freien Willens wie Zuneigung und Freundschaft.“[14] Das in dem obigen Zitat erwähnte Element des ‚Vertrauens‘ ergänzt Montaigne hier um dasjenige der ‚Zuneigung‘, ohne die eine wahre Freundschaft nicht möglich ist bzw. gar nicht zustande kommen kann. In den folgenden Passagen dieses Kapitels der Essais reflektiert Montaigne grundlegend über das Wesen und die Art einer wahren, idealen Freundschaft und deren wesentliche Merkmale. Er schreibt: „In der Freundschaft … gibt es kein Geschäft und keinen Handel[15], sie beschäftigt sich ausschließlich mit sich selbst.“[16] Freundschaft ist immer sich selbst genügender Selbstzweck und niemals instrumentalisiertes Mittel für andere Zwecke.[17] In ihr herrscht eine „vollkommne[n] Übereinstimmung und Seelenharmonie“[18], ein „Harmonisieren[s] zweier Willen“[19], die sich eben frei und selbstbestimmt zu einer solchen Freundschaft entschlossen und zusammengeschlossen haben. Montaigne sieht in einer solch idealen Freundschaft gar eine Auflösung des eigenen Ichs bzw. Selbst der jeweilig miteinander Befreundeten, zumindest eine Aufhebung aller Grenzen, Trennungen und Schranken zwischen diesen: „Bei der Freundschaft hingegen, von der ich spreche, verschmelzen zwei Seelen und gehen derart ineinander auf, daß sie sogar die Naht nicht mehr finden, die sie einte.“[20] Eben jenes Einheitsbewusstsein und jene Seelen-und Herzenseintracht kennzeichnete die Freundschaft zwischen Montaigne und La Boétie: „Wenn man in mich dringt zu sagen, warum ich Étienne de la Boétie liebte[21], fühle ich, daß nur eine Antwort dies ausdrücken kann: »Weil er er war, weil ich ich war.«“[22] An späterer Stelle heißt es noch pointierter: „Er ist ich.“[23] Montaigne spricht in Bezug auf diesen Freund von „eine[r] auf mir unerklärliche Weise eingreifende[n] Schicksalsmacht, die diesen Bund gestiftet hat.“[24] „Wir umarmten uns schon in unsren Namen.“[25]„ - ich glaube gar, durch eine Fügung des Himmels.“[26] Bei der ersten Begegnung, die, laut Montaigne, „zufällig“[27] erfolgte, „fühlten wir uns so zueinander hingezogen, ja so miteinander bekannt und verbunden, daß wir von Stund an ein Herz und eine Seele waren.“[28] Hierbei bezieht sich Montaigne auf die „höchst treffende[n] Definition des Aristoteles“[29], bei dem wahre Freunde „nur noch eine einzige Seele in zwei Körpern sind.“[30][31] Ein in diesem Zusammenhang weiteres ausdrucksstarkes Bekenntnis von Montaigne zu seiner Freundschaft mit La Boétie muss hierbei noch erwähnt werden: „Unsre Seelen sind derart einträchtig im Gespann gegangen und haben sich mit derart glühender Liebe wechselseitig durchdrungen, mit derart glühender Liebe[32][33] bis ins innerste Innere hinein wechselseitig offenbart, daß ich nicht nur seine wie die meine kannte, sondern mich sogar bereitwilliger ihm anvertraut hätte als mir selbst.“[34] Es ist dies eine Freundschaft, die Montaigne meint, „wo man sich aus der tiefsten Tiefe des Herzens heraus dem andern zuwendet“.[35] Ein paar Seiten davor macht Montaigne erstmalig auch auf das literarisch-poetische Talent seines Freundes La Boétie aufmerksam, wenn er bemerkt, dass dieser über jene vollkommene Freundschaft „ein hervorragendes lateinisches Gedicht“[36] schrieb, in welchem er gleichermaßen die schier einmalige Stellung dieser besonderen Freundschaft literarisch verarbeitet hat. Dieses Gedicht wird weiter unten noch einmal Erwähnung finden.

Die folgenden erläuternden Beschreibungen und Versuche, diese unikale Freundschaft begrifflich, sowie geistig und seelisch näher zu (er)fassen, müssen bloße Annäherungen und Versuche bleiben, da es wahrscheinlich, so auch Montaigne, zum Wesen einer solchen Freundschaft gehört, dass sie sich per definitionem jedweder begrifflichen Beschreibung, sowie versprachlichenden Vereinnahmung entziehen muss. Dazu Montaigne selbst: „…was weiß ich welche Quintessenz aus allem, die meinen ganzen Willen ergriff und mitriß, um sich in seinen zu versenken und darin zu verlieren; die seinen ganzen Willen ergriff und mitriß, um sich in meinen zu versenken und darin zu verlieren: mit gleichem Wetteifer, mit gleichem Hunger. Ich sage verlieren, denn wir behielten wahrhaftig nichts, was uns noch gehört hätte, nichts, was entweder sein oder mein gewesen wäre.“[37] Dieses Zitat führe ich an dieser Stelle deswegen so ausführlich an, da es nicht nur ein gutes Résumé der Freundschaftskonzeption Montaignes ist, sondern auch, weil in ihm mehrmals, der so bedeutsame Begriff des Willens vorkommt, der uns weiter oben schon begegnet ist und auch im weiteren Verlauf der Arbeit eine besondere Rolle spielen wird, insbesondere bei der Besprechung des „Discours de la servitude volontaire“ von La Boétie. Denn in der Vereinigung von zwei Menschen zu einer idealen, vollkommenen Freundschaft geht es Montaigne auch gerade um ebenjene „Verschmelzung der Willen“.[38]

[...]


[1] Geboren als Michel Eyquem

[2] Michel de Montaigne, Essais, Erste moderne Gesamtübersetzung von Hans Stilett, Erstes Buch, Frankfurt: Goldmann Verlag 1998, S.290

[3] Stephan Hoffmann, Etienne de La Boétie. Discours de la servitude volontaire. Abhandlung über die freiwillige Knechtschaft, Würzburg: ERGON Verlag 2005, Aus: Spektrum Politikwissenschaft, Band 31, S.7

[4] Der bis heute äußerst bedeutende und einflussreiche Romanist Hugo Friedrich bezeichnet im Zusammenhang dieser ‚besondere[n] Formgebung‘ die ganz eigene und spezifische Art und Kunst des Philosophierens Montaignes als „essayistisches Meditieren und Schreiben“, bzw. als ein „in Einfällen elastisch sich bewegende[s] Denken und Schreiben“, welches „nicht ein geringeres Denken bedeutet“, sondern „vielmehr eine unersetzbare andere Art des Denkens, die ihre eigene Geschichte und Formensprache hat“ darstellt.

Hugo Friedrich, Montaigne, Tübingen und Basel: A. Francke Verlag, 3. Auflage 1993, S.5, S.28

[5] Hoffmann, a.a.O., S.7

[6] Vgl. hierzu die rhetorisch-fragende Bemerkung von Michel Magnien: „Peut-on longuement parler de Montaigne sans, à un moment ou à un autre, parler de La Boétie?“

In: Michel Magnien, Etienne de La Boétie, Bibliographie des Ecrivains Français, volume 7, Paris: Memini 1997, S.131

[7] Friedrich, a.a.O., S.229

[8] Montaigne, Essais, Erstes Buch, a.a.O., S.285

[9] In manchen Quellen bzw. Ausgaben mit dem Zusatz „ou le Contr’un“ versehen.

[10] Ebd., S.286

[11] Ebd., S.286

[12] Ebd., S.287

[13] Ebd., S.287

[14] Ebd., S.288

[15] Höchstens kann man ein ‚Geschäft‘ bzw. ‚Handel‘ in der Freundschaft zwischen Montaigne und La Boétie in dem konkordialen Sinne konstatieren, wie sie Friedrich beschrieben hat: „Ein Nehmen und Schenken waltet zwischen ihnen, wo der Nehmende zum Wohltäter wird, weil er dem andern das Glück des Schenkens erlaubt.“

Friedrich, a.a.O., S.228

[16] Montaigne, Essais, Erstes Buch, a.a.0., S.290

[17] Vgl. hierzu auch das Zitat von Montaigne einige Seiten später: „Die unsere [sc. Freundschaft] hatte kein anderes Vorbild als sich selbst, nur an sich selbst ließ sie sich messen.“ Ebd., S.294

[18] Ebd., S.291

[19] Ebd., S.289

[20] Ebd., S.293

[21] Man bemerke hierbei den von Montaigne verwendeten Begriff der „Liebe“ in Bezug auf La Boétie!

[22] Ebd., S.293

[23] Ebd., S.299

[24] Ebd., S.293

[25] Ebd., S.293

[26] Ebd., S.293

[27] Ebd., S.293

[28] Ebd., S.293

[29] Ebd., S.297

[30] Ebd., S.297

[31] Siehe hierzu auch die ausdrucksstarke Bemerkung Friedrichs „…mittels Freundschaft die letzte Spur antiken Geistes und echter Humanität in eine heruntergekommene Welt zu retten.“ Friedrich, a.a.O., S.230

[32] Auch hierbei ist die Repetition der Formulierung „glühender Liebe“ sehr auffällig!

[33] Desweiteren greift Friedrich den Begriff der Liebe auf, wenn er im Hinblick auf diesen Essai von Montaigne schreibt : „ Montaigne spricht in der Schwermut eines Liebenden, dem der Geliebte weggestorben ist und mit ihm die Geniezeit der eigenen Seele. Ebd., S.228

[34] Montaigne, Essais, Erstes Buch, a.a.0., S.295/296

[35] Ebd., S.299

[36] Ebd., S.294

[37] Ebd., S.294

[38] Ebd., S.296

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