Lade Inhalt...

Zur Stigmatisierung von Fußballfans

Hausarbeit 2011 20 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffliche Klärungen
2.1 Stigmatisierung
2.2 Fußballfan

3 Fußball als Zuschauersport

4 Zur Entwicklung von Fankultur

5 Typologie des Fußballfans

6 Die unvermeidliche Veränderung der Fankultur

7 Kommerzialisierung und Aussperren der „wahren Fans“

8 Vorherrschende Konfliktpotentiale, die Stigmatisierung verstärken
8.1 Konfliktpotential Medien
8.2 Konfliktpotential Polizei und Ordnungsdienste
8.3 Konfliktpotential Fußballverbände

9 Beispiele für Stigmatisierung von Fußballfans

10 Fazit

1 Einleitung

„Fans werden als Gewalttäter stigmatisiert“ (Gensing) – so lautet die Überschrift eines Interviews aus dem Jahr 2007 mit Matthias Bettag, Sprecher von BAFF, dem Bündnis Aktiver Fußballfans, der vereinsübergreifenden Interessenvertretung deutscher Fußballfans. Wie relevant ist diese Aussage? Die nachfolgende Arbeit möchte aufzeigen, ob Fußballfans wirklich stigmatisiert werden und wie es zu dieser Entwicklung kam. Dazu wird die Entstehung von Fankultur beleuchtet, wie die Fußballinteressierten sie heute in den deutschen Fußballstadien kennen. Eingeschlossen werden auch die aktuellen Konfliktfelder mit denen sich Fußballfans bzw. die Ultras[1] von heute auseinanderzusetzen haben. Anhand von Beispielen soll schließlich versucht werden, die oben gestellte Frage zu beantworten und die Aussage von Bettag zu überprüfen.

2 Begriffliche Klärungen

2.1 Stigmatisierung

Um der oben gestellten Frage nachgehen zu können, soll zuerst der Begriff der Stigmatisierung geklärt werden.

Die Griechen schufen den Begriff einst, um mit ihm auf körperliche Zeichen aufmerksam zu machen, die sie als ungewöhnlich empfanden oder die etwas Schlechtes über den moralischen Zustand des Trägers aussagten. Diese Zeichen wurden dem Träger auf unterschiedliche Art und Weise zugefügt, sodass er öffentlich sichtbar als gebrandmarkt zu erkennen war. Bei den Stigmatisierten handelte es sich zumeist um Verbrecher, Sklaven oder Verräter (vgl. Goffman 1967 S. 9).

Eine weitere Definition findet sich bei Grausgruber, bei dem der Begriff des Stigmas als ein physisches, psychisches oder soziales Merkmal beschrieben wird, durch das sich eine Person von allen übrigen Mitgliedern einer Gruppe negativ unterscheidet und aufgrund dessen soziale Deklassierung, Isolation oder allgemeine Verachtung folgen können (vgl. Grausgruber 2005 S. 20). Im Rahmen dieser Arbeit ist nach Ansicht des Autors auch der Begriff der Diskriminierung nach Grausgruber treffend, der sozialwissenschaftlich als Ungleichbehandlung definiert wird, als „ungleiche, herabsetzende Behandlung anderer Menschen nach Maßgabe bestimmter Wertvorstellungen oder aufgrund unreflektierter, z. T. auch unbewusster Einstellungen, Vorurteile und Gefühlsladungen“ (vgl. Grausgruber 2005 S. 20). Die zu Stigmatisierung und Diskriminierung führenden Einstellungen entwickeln sich laut Grausgruber überall da, wo Menschen zusammen sind und es Vorstellungen über Verhaltensweisen gibt. Durch diese Vorstellungen bildet der Mensch Kategorien durch die er andere Personen einordnen und ihnen eine, wie Goffman es nennt, „soziale Identität“ zuordnen kann (vgl. Grausgruber 2005 S. 20).

2.2 Fußballfan

Auch für den Begriff des Fans gibt es einige unterschiedliche Definitionen. An dieser Stelle sollen einige nach Ansicht des Autors treffende Begriffserklärungen erwähnt werden.

Eine wissenschaftliche Begriffsbestimmung legt Hans Ulrich Herrmann vor: „Fans bilden meistens eine räumliche und visuell von den übrigen habituellen Zuschauern unterscheidbare, relativ kohärente Subgruppe, die sich durch starke affektive Bindung an das jeweilige Bezugsobjekt in relativ unveränderter Zusammensetzung von Heimspiel zu Heimspiel wiederholt.“ Hans Ulrich Herrmann (zitiert aus Aschenbeck 1998 S. 90).

In einer Broschüre der Polizei findet sich folgende Definition (zitiert aus Aschenbeck 1998 S. 90): „Fußballfans sind für uns somit alle jungen fußballinteressierten Leute, die schon vor Fußballspielen die Nähe Gleichgesinnter suchen und während des Spiels in einer dichtgedrängten Menge stehen, die Stimmung macht, die stark macht, die andere einschüchtert oder zumindest beeindruckt, die jedenfalls die Aussicht eröffnet, etwas zu erleben.“.

Arndt Aschenbeck zählt in seiner Publikation weitere Definitionen auf, die den Rahmen dieser Hausarbeit allerdings sprengen würden. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass einer jeden dieser Definitionen eines der folgenden sechs Merkmale innewohnt (vgl. Aschenbeck 1998 S. 93):

- prinzipielle Vereinstreue
- äußere Zeichen der Zugehörigkeit zum Verein oder einem Fanclub (Symbole, Anstecker, Schal, Mütze, Fahnen etc.)
- Stehen in der Fankurve
- Anfeuerungsrufe und –lieder bei den Spielen der Mannschaft
- Solidaritäts- und Gemeinschaftsgefühl
- Männlichkeitsnormen

3 Fußball als Zuschauersport

„Die Geschichte des Fußballs, dies ist nur den wenigsten bewusst, ist bei genauerer Betrachtung eine Geschichte des Aufruhrs, der Ausschreitungen, der Unordnung, kurz des ‚abweichenden Verhaltens’.“

Norbert Elias (zitiert aus Aschenbeck 1998 S. 10)

Dieses Zitat ist zunächst auf die Entstehung des beliebtesten Ballspiels der Welt gemünzt. Fußball, zu seinen Anfängen als „Village“ oder „Folk Football“ bekannt, war ursprünglich ein ziemlich unorganisiertes Spiel, bei dem es keine festen Regeln gab und Spieler und Zuschauer kaum voneinander zu trennen waren (vgl. Aschenbeck 1998 S. 10). Es entwickelte sich in der Folge aber mehr und mehr zum Zuschauermagneten. Waren im Jahr 1872 gerade einmal 2.000 Zuschauer Zeugen des FA-Cup-Finales[2], vervielfachte sich diese Zahl bereits 1901 auf 111.000 Zuschauer und erreichte einen Höhepunkt, als 1923 ca. 250.000 Zuschauer im Londoner Wembley-Stadion das FA-Cup-Finale zwischen den Bolton Wanderers und West Ham United verfolgten[3]. Etwas später war der gleiche Trend auch in Deutschland zu verzeichnen (vgl. Sommerey 2010 S. 30).

Heute hat die höchste deutsche Spielklasse, die Bundesliga, den größten Zuschauerzuspruch aller Topligen Europas mit einem Zuschauerschnitt von knapp 42.000 Besuchern pro Spiel (vgl. Abb. 1). Gründe hierfür liegen vor allem in den modernen Stadien, der im Vergleich zu England oder Italien, einfach erhältlichen Tickets und der zunehmenden Eventisierung und Kommerzialisierung auf die später eingegangen wird. Zum Vergleich, in Italien stehen veraltete Stadion, die aufgrund des umständlichen Kartenverkaufs selten ausverkauft sind.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Zuschauerdurchschnitt der vier größten Ligen Europas im Vergleich (Quelle: Eigene Darstellung. Datenbasis www.weltfussball.de Stand: 22. März 2011)

4 Zur Entwicklung von Fankultur

Die Wurzeln zur Herausbildung einer Fanidentität sind ebenfalls in England zu finden. Durch die Industrialisierung kam es im ganzen Königreich zu einer Landflucht. Die Bevölkerung zog es aus ihrem heimischen sozialen Umfeld in die Stadt auf der Suche nach Arbeit. Dies hatte auch den weit reichenden Verlust von sozialen Kontakten zur Folge der irgendwie aufgefangen werden musste (vgl. Sommerey 2010 S. 33). Dafür bot sich im ausgehenden 19. Jahrhundert der Fußball an, bei dem die Menschen auf Gleichgesinnte trafen. Zusätzlich zu diesem Fakt gesellte sich die Tatsache zunehmender Freizeit durch entstandene Arbeitszeitverkürzung und größere Geldressourcen im Zuge sinkender Lebenshaltungskosten. Weitere Ursachen für den Erfolg des Fußballs waren „die Affinität des Sports zur Industriearbeit, welche von Einsatz, Kondition und Robustheit geprägt war“ (Sommerey 2010 S. 33) und die Möglichkeit, jenseits der vom Taylorismus geprägten Industriearbeit seiner Kreativität freien Lauf zu lassen. Auch bei dieser Entstehungsgeschichte weist Deutschland signifikante Parallelen zu England auf. Hier war die Einführung des Acht-Stunden-Arbeitstages und die daraus hervorgegangene Furcht vor „Herumlungern und Sich-Betrinken“ (Sommerey 2010 S. 34) Triebfeder zum Aufschwung des Massenphänomens Fußball. Es ist deshalb auch nicht verwunderlich, dass es in diesen Jahren vor allem die Arbeitervereine waren, die den größten Zulauf und daraus resultierend die größten Erfolge verbuchen konnten.

In der Mitte des vergangenen Jahrhunderts begann sich der Fußball schrittweise immer mehr zu einer professionellen und kommerzialisierten Sportart hin zu verändern. Waren die Spieler der Nachkriegszeit meist regional verbundene Akteure, die sich fannah gaben und ein hohes Identifikationspotential aufzeigten, so wurden mit der Einführung der Bundesliga und der damit einhergehenden Professionalisierung finanzielle Aspekte für viele Spieler wichtiger. Dieser bleibt seinem Verein nur dann treu, bis er sich finanziell verbessern kann, oder bessere Aussichten auf sportlichen Erfolg sieht. Dies zog eine wachsende Distanz zu den Fans nach sich (vgl. Sommerey 2010 S. 34).

[...]


[1] Der Begriff Ultra im Zusammenhang mit Fußballfans wird später in dieser Arbeit definiert.

[2] Der „Football Association Challenge Cup“ ist der englische und gleichzeitig der älteste Pokalwettbewerb der Welt

[3] Dieses Finale ging als „White Horse Final“ in die Geschichte des FA-Cups ein. Siehe dazu: (o.V.) (2011): 1923 FA Cup Final. Wikipedia. Online unter: http://en.wikipedia.org/wiki/1923_FA_ Cup_Final Abgerufen am: 29. März 2011

Details

Seiten
20
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656358893
ISBN (Buch)
9783656360315
Dateigröße
609 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v208522
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Pädagogik
Note
1,3
Schlagworte
Fußball Fans Stigmatisierung Fußballfans Soziale Arbeit Soziologie Sozialpädagogik Polizei Ultras Pilz

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Zur Stigmatisierung von Fußballfans