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Utrum Deus sit unus? - Eine Analyse in Thomas von Aquin und Bonaventura

Seminararbeit 2009 16 Seiten

Philosophie - Philosophie des Mittelalters (ca. 500-1300)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Strukturanalyse
2.1 Thomas von Aquin STh I, q. 11, art. 3: Utrum Deus sit unus
2.2 S. Bonaventura I Sent., dist. 2, art. 1, q. 1: Utrum sit unus tantum Deus

3. Interpretation
3.1 Thomas von Aquin STh I, q. 11, art. 3: Utrum Deus sit unus
3.2 S. Bonaventura I Sent., dist. 2, art. 1, q. 1: Utrum sit unus tantum Deus

4. Vergleich zwischen Thomas und Bonaventura
4.1 Differenzen
4.1.1 Methodische
4.1.2 Inhaltliche
4.2 Ähnlichkeiten
4.2.1 Methodische
4.2.2 Inhaltliche

5. Ergebniszusammenfassung

Bibliographie

1. Einleitung

In dieser Arbeit geht es darum, die methodische Herangehensweise von zwei scholastischen Theologen und Denkern an eine klassische Frage aus den Sentenzen des Petrus Lombardus herauszuarbeiten. Die Rede ist vom hl. Thomas von Aquin und vom hl. Bonaventura; beide aus Italien, Zeitgenossen, sie beide starben 1274, waren zugleich Freunde aber auch tiefsinnige Konkurrenten, der erste Dominikaner, der andere Franziskaner.[1] Es handelt sich um die Frage, ob es nur einen Gott gibt. Dass es überhaupt einen Gott gibt wird vorausgesetzt. Thomas hatte dies schon in einer früheren Frage[2] bewiesen. Bei Bonaventura steht die Nichtexistenz anscheinend gar nicht zur Debatte.

Zuerst wird die jeweilige Argumentation analysiert, dann interpretiert und in einem weiteren Schritt wird ein Vergleich zwischen den beiden gezogen. Hier wird man sehen welche Ähnlichkeiten oder Abweichungen bezüglich der Beantwortung derselben Frage durch die beiden existieren. Bei Bonaventura ist die Quaestio aus seinem Sentenzenkommentar genommen, bei Thomas aus seiner Summa Theologiae.

2. Strukturanalyse

2.1 Thomas von Aquin STh I, q. 11, art. 3: Utrum Deus sit unus

Thomas[3] beginnt seine Artikel stets mit der Wendung AD … sic proceditur. Hier bei unserem Beispiel, also dem Articulus III, wäre das: AD TERTIUM... Dann folgt eine weitere Wendung: Videtur quod, also ‚es scheint, dass’, woran sich eine Antwort auf die zu behandelnde Frage anschliesst, und zwar die Gegenteilige Position zu Thomas. Das wäre hier zur Frage, ob Gott Einer ist, die Negation: „Es scheint, dass Gott nicht Einer ist.“[4] Dieses Schema bleibt bei allen Fragen dasselbe. An die erste Behauptung schliesst sich ein erstes Argument an, wobei es sich oft um ein Zitat aus der Heiligen Schrift oder einer Persönlichkeit wie zum Beispiel Aristoteles handelt. Hier ist es ein Schriftbeweis. Das nächste Argument wird mit 2. PRAETEREA eingeleitet, hier ein philosophisches Argument. Weitere Argumente würden einfach mit 3./ 4./ … PRAETEREA fortgeführt, hier gibt es aber nur zwei Argumente. Jetzt kommt die Wende: SED CONTRA, zu Deutsch ‚andererseits’. Dies ist wieder ein Schrift- oder Authoritätsargument, also kein wirklich zwingendes, sondern dient mehr um die Gegenargumentation einzuleiten, ein Übergang. In diesem Fall wird Bezug zur Bibel genommen.

Jetzt, nachdem die Argumente seiner Gegner dargelegt worden sind, kommt die Antwort des hl. Thomas: RESPONDEO. Er antwortet, dass es nur einen Gott geben kann und begründet dies auf dreifache Weise. Anschliessend widmet er sich den Argumenten seiner Gegner, also jenen die zuerst dargelegt wurden. Dazu verwendet er die Formeln AD PRIMUM und AD SECUNDUM und löst jene Argumente auf. Dann kommt die nächste Frage.

2.2 S. Bonaventura I Sent., dist. 2, art. 1, q. 1: Utrum sit unus tantum Deus

Es [5] ist zu beachten, dass im Vergleich zur Summa des Thomas die kleinste Einheit bei Bonaventuras Sentenzenkommentar nicht articulus heisst, sondern quaestio. Articulus ist hier die übergeordnete Einheit.

Die jeweils erste Frage eines Artikels beginnt Bonaventura mit der Formel CIRCA PRIMUM, etwa:‚bezüglich der ersten Frage’. Er wiederholt sie dann und beginnt die Argumentation mit der Bejahung der Frage. Hier also Argumente dafür, dass es nur einen Gott gibt. Dazu verwendet Bonaventura drei Annahmen, hat aber im Gesamten sechs Argumente, die er jeweils mit Item (ebenso) anfängt. Er stellt sich jeweils das Szenarium vor, dass es mehrere Götter gebe. Dann überlegt er sich jeweils für einen bestimmten Sachverhalt die Möglichkeiten; manchmal sind es zwei, manchmal nur eine. Er zeigt dann, dass aber alle Möglichkeiten im Fall von mehreren Göttern nicht aufgehen, woraus resultiert, dass es nur einen Gott geben kann. Dann kommt das SED CONTRA als Einleitung zu den Gegenteiligen Argumenten. Hier sind es vier an der Zahl, wiederum mit Item beginnend. Nachdem jetzt quasi eine Tabelle Pro / Contra aufgeführt worden ist, folgt nun die Schlussfolgerung, die CONCLUSIO. Gleich zuerst gibt Bonaventura in einem frei stehenden Satz kurz und prägnant seine Antwort auf die Frage. Diese kann durchaus auch eine Kombination von Pro/Contra sein, also z.B. eine positive Antwort mit Vorbehalt, oder aber auch eine Präzisierung wie in unserem Fall. Somit sei die Existenz mehrerer Götter nicht bloss unmöglich, sondern nicht einmal vorstellbar (intelligibile). Jetzt kommt der Abschnitt des RESPONDEO, in dem die Antwort weiter ausgeführt wird. Abschliessend folgen noch Lösungen für die Argumente der gegenteiligen Ansicht, jeweils angefangen mit Ad illud. Hier werden also die Contra- Argumente aufgelöst.

3. Interpretation

3.1 Thomas von Aquin STh I, q. 11, art. 3: Utrum Deus sit unus

Thomas macht sich, wie bei allen seinen Fragen, zuerst das Leben schwer indem er sich in seine Gegner hineinversetzt und mit dessen Argumenten arbeitet. Doch dann dreht er den Spiess um und macht jene kaputt. Wie wir schon gesehen haben ist das erste Argument ein Schriftzitat. Es wird eine Stelle aus dem Korintherbrief zitiert, wo es heisst: „Sind doch viele Götter und viele Herren“ (1 Kor 8,5). Er kann das Argument ohne weiteres entschärfen weil an jener Stelle die Rede von den anderen ist, die meinen es gäbe viele Götter, oder z.B. auch Planeten als Götter sehen. Somit wird klar, dass der zitierte Satz nicht die Aussage der Bibel selbst ist, sonder aus dem Zusammenhang gerissen wurde. Denn an jener Stelle wird durch den Apostel Paulus noch präzisiert, dass es nur einen Gott gibt.[6]

Das zweite Argument seiner Gegner betrifft die mathematische Zahl ‚Eins’. Sie könne von Gott nicht ausgesagt werden, da es in Gott keine Menge gibt. Das sich unmittelbar daran anschliessende Argument interpretiere ich so, dass die Behauptung, Gott sei nur Einer, ein Mangel an Vielfalt bedeutet. Ein Mangel allerdings ist gleichbedeutend mit Unvollkommenheit, was von Gott ausgeschlossen werden muss. Deshalb kann Gott nicht Einer sein. Thomas kann auch hierauf antworten. Es ist nämlich zwischen zwei verschiedenen Begriffen der ‚Einheit’ zu differenzieren. Das eine betrifft die mathematische Zahl, also eine Quantität. Dies kann von Stoffen ausgesagt werden, jedoch nicht von Gott. Nehmen wir das Konzept von Form und Materie zu Hilfe. Materie ist die reine unbestimmte Möglichkeit, also das Potential etwas zu werden. Form ist das Determinierende, das Wesen Gebende. Der Mensch z.B. gehört zu den zusammengesetzten Substanzen, er besteht aus Körper und Seele (materia und forma). Gott hingegen gehört zu den einfachen Substanzen, ist also nicht zusammengesetzt. Er besteht nur aus Form, ist somit reinste Aktualität. Diese Eigenschaft kann nur Gott zukommen, da er das einfachste und höchste Wesen ist. Somit spielt sich die Rede von der Einheit Gottes auf einer anderen Ebene ab, nämlich auf der metaphysischen. Dort bedeutet Einheit nicht das Ganzsein eines Körpers, wie zum Beispiel ein ganzes Stück Holz im Vergleich zu einem in Teile zersägtem Stück Holz, sondern eigentlich nichts anderes als Wesen oder Natur. Insofern würde das Wesen des Stücks Holzes auch noch dasselbe bleiben wenn es schon zerstückelt ist. Es muss also jedem Seienden eine innere transzendentale Einheit zugrunde liegen. In diesem Sinne kann von Gott Einheit ausgesagt werden.[7]

Was das anschliessende Argument betrifft, so ruft Thomas in Erinnerung, dass in Gott wohl kein Mangel gefunden wird, aber wir Menschen in unserem Erkennen beschränkt sind und ihn nicht anders fassen können als über das Ausschlussverfahren. Wir können also nur sagen, was er sicher nicht ist, bzw. in der Form der Verneinung ausdrücken was er ist. So ist Gott eben un- körperlich oder un- endlich, aber auch un- vielfältig, im Sinn von „nur“ Einer.[8]

Als erstes Argument für seine eigene Position führt der heilige Thomas ein Schriftbeweis an. „Höre, Israel, der Herr, dein Gott, ist Einer“ (Deut 6, 4). Natürlich ist dies überhaupt kein zwingendes Argument, und das weiss auch Thomas. Es geht mehr um die Autorität der Bibel und dient als Überleitung zur Antwort.

Die Einheit Gottes lässt sich nach Thomas also in dreifacher Weise begründen. Erstens aus seiner Einfachheit: Es wird ein Vergleich gezogen mit Sokrates, als einzigartiges Individuum der Gattung Mensch. Es muss etwas geben, das ihn ausmacht und dafür verantwortlich ist, dass es nur einen einzigen Sokrates gibt. Wenn es dasselbe wäre, das in zu Sokrates als auch zu einem Menschen macht, so wäre er der einzige Mensch. Mit anderen Worten, Sokrates wäre die humanitas. Weil aber Sokrates eine zusammengesetzte Substanz ist, verhält es sich nicht so. Gott hingegen besteht, wie wir schon gesehen haben, nur aus Form und ist somit ein höchst einfaches Wesen. Bei allen geschaffenen Wesen gilt das Prinzip der Realdistinktion von Wesen und Sein. Das bedeutet, dass man sich ein Wesen vorstellen könnte, dass gar nicht wirklich existiert. Bei Gott als einziger Substanz jedoch fällt die Essenz und die Existenz zusammen: „Ich bin der ich bin“ (Ex 3). Gott und seine Göttlichkeit fallen zusammen, er selbst ist seine eigene Natur. Er kann somit das was ihn ausmacht mit niemandem teilen und es ist ausgeschlossen, dass es noch andere Götter geben könnte. Dies ist zugleich auch ein Gottesbeweis, das es Gottes Natur ist zu sein. Das Sein ist sein Wesen.

[...]


[1] Vgl. Hattrup, Eschatologie (2009) S. 195.

[2] Vgl. STh I, q. 2, art. 3.

[3] Vgl. Thomas Aquinas, STh I, q. 11, art. 3 (1934) S. 199-201.

[4] Thomas Aquinas, STh I, q. 11, art. 3 (1934) S. 199.

[5] Vgl. S. Bonaventura , I Sent., dist. 2, art. 1, q. 1 (1883).

[6] Vgl. 1 Kor 8.

[7] Vgl. Christmann , Kommentar (1934) S. 510–518.

[8] Vgl. Thomas Aquinas , STh I, q. 11, art. 3 (1934) S. 201.

Details

Seiten
16
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656359043
ISBN (Buch)
9783656361053
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v208486
Institution / Hochschule
Université de Fribourg - Universität Freiburg (Schweiz)
Note
4.75 / 6
Schlagworte
Philosophie Theologie Thomas von Aquin Bonaventura Einheit Gottes De ente et essentia

Autor

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