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Desintegrationspotenziale bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund

Bachelorarbeit 2010 55 Seiten

Soziologie - Kinder und Jugend

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Integration und Desintegration in modernen Gesellschaften
2.1 Das Konzept sozialer Integration
2.2 Analysen zur Desintegration

3 Dimensionen der Integrations-Desintegrations-Dynamik
3.1 Anomie
3.2 Konflikt
3.3 Ausgrenzung und Ungleichheiten
3.4 Kontrolle

4 Jugendliche im Migrationskontext

5 Was bedeutet Gewalt?
5.1 Der Begriff der „Gewalt“
5.2 Der Begriff der ,,Jugendkriminalitat“

6 Aktuelle Situation jugendlicher Gewalt
6.1 Gewalt im Hellfeld
6.2 Gewalt im Dunkelfeld
6.3 Wie entsteht Gewalt? - Erklarungsansatze

7 Der Bielefelder Desintegrationsansatz
7.1 Konzept in den 1990er Jahren
7.2 Aktuelles Theoriekonzept
7.3 Der Migrationsbezug
7.4 Kritik am Desintegrationsansatz

8 Fazit

1 Einleitung

Die Konzeptionen und empirischen Analysen zur Integrations- und Desintegrationsproblematik im modernen Gesellschaften werden in Zeiten der Globalisierung immer ofter zum Gesprachsthema, sowohl wissenschaftlich als auch in der breiten Offentlichkeit. Zugleich wird immer mehr daruber diskutiert welche Integrationsmodi in der heutigen Zeit in nationalen Gesellschaften noch wirksam sind. Ein Beispiel dafur konnte die Frage sein, welche Rolle gemeinsam geteilte Werte spielen, oder was die Ursachen steigender Jugendkriminalitat, vor allem bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund, in einem Sozialstaat wie Deutschland sind.

Immer ofter sieht man sich in Deutschland mit dem Klischee der auslandischen, gewaltbereiten Jugendlichen konfrontiert. Und fast immer haben diese Jugendlichen aufgrund dieser Klischees mit Vorurteilen zu kampfen. Sie sprechen kaum deutsch, gehen nicht zur Schule oder finden keine Arbeit, da sie keine oder nur eine schlechte Ausbildung haben, sind gewaltbereit und haben eine geringe Frustrationstoleranz.

Doch stimmt das wirklich? Sind Jugendliche mit Migrationshintergrund gewaltbereiter als deutsche Jugendliche? Und wennja, wie lasst sich das erklaren? 1st das nur ein Vorurteil das sogar die wissenschaftlichen Befunde beeinflusst, oder ist er wirklich so?

Im Rahmen dieser Arbeit soll die Frage beantwortet werden, ob Jugendliche mit Migrationshintergrund gewaltbereiter sind als deutsche Jugendliche. Und welche die Desintegrationspotenziale modernen Gesellschaften sind, die diese Gewaltbereitschaft erklaren konnten?

Dazu soll im ersten Teil auf die Integration und Desintegration in modernen Gesellschaften eingegangen werden. Die beiden Konzepte werden vorgestellt und analysiert und es wird darauf geschaut welche Folgen der Modernisierungsprozess auf die Integration und Desintegration hat. Zunachst werden die Dimensionen der Integrations-Desintegrationsdynamik vorgestellt: Anomie, Konflikt, Ausgrenzung und Ungleichheiten und Kontrolle, um danach die Desintegrationspotenziale auf Jugendliche mit Migrationshintergrund und Jugendgewalt ubertragen zu konnen.

Im zweiten Teil setzen wir uns dann mit dem Phanomen ,,GewaltM auseinander, unter der gleichen Perspektive: die der Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Dazu werden zunachst grundlegende Annahmen zum Begriff der „Gewalt“ sowie der „Jugendkriminalitat“ vorgestellt. Auf dieser Grundlage werden danach aktuelle Daten von Gewaltvorkommen Jugendlicher mit Migrationshintergrund, im Vergleich zu deutschen Jugendlichen, dargestellt. Dazu werden Daten des Bundeskriminalamtes, aus der polizeilichen Kriminalstatistik aus dem Jahr 2008, sowie aus Dunkelfeldstudien aus den USA herangezogen.

Der letzte Teil beschaftigt sich dann mit den Ursachen von Jugendgewalt. Nachdem einige Erklarungsansatze von Jugendgewalt vorgestellt werden, wird das Hauptaugenmerk auf Wilhelm Heitmeyers ,,DesintegrationsansatzM gelegt. Sowohl die Anfange aus den 1990er Jahren, als auch die aktuellste Theorie werden vorgestellt, um die Defizite und Lucken der ersten Annahmen kritisch betrachten zu konnen. Die Theorie, auch ,,Bielefelder Desintegrationsansatz“ genannt, wird danach in Bezug auf Jugendliche mit Migrationshintergrund betrachtet um die forschungsleitende Frage weiterverfolgen zu konnen. Heitmeyers Theorie stellt den grofiten Teil der Arbeit dar, solljedoch keinen universellen Anspruch haben. Deshalb werden danach auch einige kritische Stimmen dazu aufgefuhrt.

Im Fazit dieser Arbeit werden dann verschiedene Aspekte zur Beantwortung der Forschungsfrage betrachtet.

2 Integration und Desintegration in modernen Gesellschaften

2.1 Das Konzept sozialer Integration

Die Frage nach der Integrationsfahigkeit modemer Gesellschaften ist in den letzten Jahren immer mehr zu einem sowohl wissenschaftlich, als auch offentlich diskutiertem Thema geworden.

Die zentralen Fragen der Integrations-Desintegrationsdynamik sind: „Was treibt die Gesellschaft auseinander?“ und „Was halt die Gesellschaft zusammen?“ (Imbusch/Heitmeyer 2008, S.29). Diese haben im Angesicht der Globalisierung weiter an Bedeutung gewonnen.

Der Begriff der Integration wurde u.a. von Spencer im 19. Jahrhundert in die Soziologie eingefuhrt. Laut seiner Definition versteht man unter sozialer Integration ,,einen Prozess zur Herausbildung von 'Ganzheiten' aus Teilen.“ (Imbusch/Heitmeyer 2008, S. 29). Das Defizit dieser Definition ist, dass sie nicht hinreichend zwischen relationalen und absoluten Integrationsbegriffen, wie auch zwischen Personen und Rollen sowie Institutionen und Funktionen differenziert. Es handelt sich hierbei um eine grundlegende Frage der Soziologie, die zahlreiche Theorieelemente integrieren muss. Die Notwendigkeit einer umfassenden Theorie scheint im Zuge des rapiden Wandels der heutigen Zeit mehr und mehr gegeben zu sein, da Desintegration weitreichende negative Folgen fur moderne Gesellschaften und die in ihnen lebenden Menschen hat.

Phanomene wie Arbeitslosigkeit, Armut, Depression, fremdenfeindliche Gewalt und Kriminalitat werden als schon fast normale Begleiterscheinungen modernen Gesellschaften gewertet. Die heutige Gesellschaft kann durch ihre politische Einflussnahme nicht mehr dafur sorgen, dass das individuelle und soziale Leben von immer weniger Desintegration gekennzeichnet ist, das Gegenteil scheint eher der Fall zu sein.

Angesichts der Ambivalenzen sozialer Modemisierung und angesichts der Folgen vom Differenzierung und Individualisierung, mit ihren unvorhersehbaren Konsequenzen, nimmt die Integrationsproblematik rasant zu.

Laut Peters (1993) wird soziale Integration als gelungene Losung von drei Problemen bezeichnet: „Probleme der Orientierung in der objektiven Welt, Stiftung und Ausbildung individueller und kollektiver Identitaten sowie Kriterien und Verfahren konfligierender Interessen ohne die Integritat aller Betroffenen zu verletzen.“ (Imbusch/Heitmeyer2008, S.31)

Hierbei handelt es sich um drei Formen sozialen Integration, die eine gewisse interne Beziehung zueinander aufweisen und soziale Integration als eine Mischung zwischen Freiheit und Bindung ansehen:

- Die funktionale Koordination, d.h. die zweckmafiige Organisation von Aktivitaten zur Reproduktion und um Desorganisation zu vermeiden,
- Die moralische Integritat, d.h. Ausgleich konfligierender Interessen und solidarischer Beistand um z.B. Anomie oder Gewalt zu verhindern,
- Die expressive Gemeinschaft, d.h. die Ausbildung von individueller und kollektiver Identitat um Entfremdung, emotionale Deprivation und Sinnverlust vorzubeugen. (vgl. Imbusch/Heitmeyer2008, S.31).

Friedrichs/Jagodzinski (1999) knupfen an dieser Sichtweise an und stellen die Frage der Geltungsweite sozialer Normen, sprich ob diese noch fur alle Mitglieder einer Gesellschaft gelten, oder es dabei zu einer gesellschaftlichen Desintegration kommt.

Ihre Analyse bringt eine weitere Perspektive ein: die Makro-, Meso- und Mikroebene.

Auf der Makroebene wird, im Anschluss an Durkheim, die soziale Differenzierung hervorgehoben. Auf der Mikroebene spielen die Individualisierung und die Rational- Choice-Theorie eine wichtige Rolle. Um die Verbindung zwischen Mikro- und Makroebene herzustellen werden z.B. Religion und Recht herangezogen, als intermediare Organisationen die den gemeinsamen gesellschaftlichen Wertekonsens herstellen.

Im Rahmen des „Bielefelder Desintegrationsansatzes“ unterstreicht Heitmeyer mehrmals, dass der Begriff der Integration keinesfalls mit einem einfachen, positiven Sinn in Verbindung gebracht werden soll. ,,Traditionelle Integration hat nicht nur die ambivalente Qualitat von sozialer Bindung und Kontrolle beinhaltet, sondern war bekanntlich immer auch festen Machthierarchien, Rollenfestlegungen, Konformitatszwangen fundiert, deren Durchsetzung nicht nur uber einen hohen Grad von normativer Selbstverstandlichkeit verlief, sondern auch mit Gewalt abgesichert wurde“. (Heitmeyeru.a. 1995, S.59).

2.2 Analysen zur Desintegration

Desintegration wird als ein zentrales Problem moderner Gesellschaften anerkannt und ist eines der wichtigsten Bestandteile von Individualisierungsprozessen.

Desintegration kann auf vier verschiedenen Ebenen dargestellt werden: auf sozialstruktureller, institutioneller, sozialer und personaler Ebene (auf dieser Ebene konnen beispielsweise durch inkonsistente Erziehung negative Folgen fur die Identitatsbildung entstehen).

Im Rahmen des Bielefelder Desintegrationsansatzes, der im weiteren Verlauf dieser Arbeit vorgestellt werden wird, unterscheidet Heitmeyer zusatzlich zu den vier Ebenen noch zwei Subkategorien: die Desorientierung auf der kulturellen Ebene und die Desorganisation auf der strukturellen Ebene (vgl. Heitmeyer u.a. 1995, S.56):

A) Desorientierung auf der kulturellen Ebene:

Hier geht es zum einen um Grenzfestsetzungen innerhalb individualisierter Gesellschaften, bei Regelverstofien, zum anderen um die Ubereinstimmung gemeinsam geteilter Werte innerhalb dieser Gesellschaft. Desorientierung entsteht durch Konkurrenzdruck und den Druck einzigartig sein zu mussen.

Man muss immer besser sein als die anderen und dabei versuchen auch noch einzigartig zu sein. Dies fuhrt dazu, dass man sich nicht mehr an die anderen orientieren kann, weil man dann ja nicht mehr einzigartig sein wurde und dabei komplett orientierungslos wird.

B) Desorganisation auf struktureller Ebene:

Als Beispiele fur Folgen der Desorganisation fuhrt Heitmeyer „isolierte und anonymisierte Lebensformen“ und die unnotige/uberflussige Teilnahme an Institutionen an. (vgl. Heitmeyeru.a. 1995, S.56).

„Desintegration in der hier vertretenden komplexen Fassung verweist also u.a. auf desorientierende Anteile im Bereich von Werten und Normen; hat deorganisatorische Folgen im Bereich der Beteiligung an gesellschaftlichen Institutionen. Besondere Problemlagen sind dann zu erwarten, wenn sich in sozialen Beziehungen und Lebenszusammenhangen emotional-kulturelle und strukturelle Probleme verbinden.“ (Heitmeyeru.a. 1995, S.56).

Jugendliche konnen ganz leicht in eine Individualisierungsfalle geraten, die erzeugt wird durch den Druck der von Familie und der restlichen Umwelt ausgeubt wird, einen eigenen Weg zu finden, was Beruf, Familie, Einstellungen und Geschmacker angeht. Dabei droht einerseits emotionale Desintegration, andererseits emotionale Nichtakzeptanz von Seiten der Umwelt (vgl. Heitmeyer u.a. 1995, S.57). Die Folgen sind dann entweder eine objektive, oder eine relative/subjektive Deprivation.

Objektive Deprivation bezeichnet jede Form sozialer Ausschliefiung, die durch die Zugehorigkeit zu einer sozialer Randgruppe oder Armut zustande kommt. Beispiele hierfur sind: soziale Ungleichheiten, Statusunterschiede, prekare wirtschaftliche Lage. Vom relativer oder subjektiver Deprivation sprechen wir, wenn ein Individuum durch den Vergleich mit anderen ihm ahnlichen Personen in einer Gruppe feststellt, dass es benachteiligt wird. Es sind also subjektiv wahrgenommen Unterschiede, die sich von Fall zu Fall unterscheiden konnen. Seine Wunsche und Erwartungen werden nicht komplett oder gar nicht erfullt und dadurch fuhlt sich das Individuum minderwertig. Die Diskrepanz die sich zwischen den Erwartungen des Individuums und der wahrgenommen Realitat bildet, fuhrt dazu, dass dieses Individuum unzufrieden ist und dieser Unzufriedenheit eventuell durch Gewalt Ausdruck verleiht. ,,Individualisierung als kulturelle Norm gilt fur alle. Die damit verheifienden und mit Aufforderungscharakter oder Anpassungsdruck verbundenen Realisierungschancen sind zwischen den Angehorigen der unterschiedlichen Milieus strukturell zunehmend ungleichverteilt“ (Heitmeyeru.a. 1995, S. 58).

3 Dimensionen der Integrations- Desintegrations- dynamik

3.1 Anomie

Der Begriff der Anomie wurde vor uber 100 Jahren von Emil Durkheim in die Soziologie eingefuhrt, vor allem in Rahmen seiner Untersuchungen zur Arbeitsteilung, sowie in seinem Buch uber den Selbstmord. Durkheim stutzt sich bei seinen Ausfuhrungen auf den Begriff der ,,moralischen Anomie“ des Philosophen Guyan. Dieser hatte den Begriff im positiven Sinne genutzt, um eine moderne Form der Moral auszudrucken, ,,die sich nicht mehr auf sozial generierte, institutionell fixierte Regeln stutzen sollte, sondern individuell zu gestalten sei“ (Helmut Thome 2008, In: Imbusch/Heitmeyer 2008, S. 225). Durkheim meint hingegen mit „Anomie“ bestimmte gesellschaftliche „Pathologien“, insbesondere Defizite normativer Regulierung.

Die zweite Quelle mit der der Anomiebegriff in Verbindung gebracht wird, sind die Aufsatze von Robert K. Merton, uber „Social Structure and Anomy“.

Die Anomie-Theorie ist eine der am meisten und intensivsten diskutierten Theorien der Soziologie. So hat sich der Begriff in Laufe der Zeit weiterentwickelt und ausgedehnt. Problematisch wird es wenn nicht zwischen „sozialer Anomie“ als Merkmal sozialer Systeme und „psychischer Anomie“ als Merkmal von Personen unterschieden wird. Sowohl Merton als auch Durkheim sehen Anomie als soziales Phanomen, als Zustand der Norm- und Regellosigkeit, die sowohl einzelne Personen betreffen kann, als auch eine komplette Gesellschaft, vor allem im Zuge schnellen sozialen Wandels, insbesondere in Zeiten beschleunigten wirtschaftlichen Wachstums oderNiedergangs.

Die (moglichen) Verlierer in diesem anomischen Zustand, mussen bestimmte Strategien entwickeln um die neu entstandene Situation zu bewaltigen. Sie konnen sich, trotz ihrer Frustrationen, weiterhin konform der Normen verhalten, oder aber auch ein anomisches Verhalten entwickeln, „mit dem sie sich von den bisherigen Zielen oder legitimen Mitteln oder von beidem abkehren - ersatzlos (...) oder unter Ruckgriff auf alternative (einschliefilich kriminelle) Mittel“ (Helmut Thome 2008, In: Imbusch / Heitmeyer 2008, S. 227). Da sowohl legitime als auch illegitime Mittel (wie Bestechung oder Betrug) ungleich verteilt sind, besteht hochstwahrscheinlich ein Zusammenhang zwischen materieller Benachteiligung und dem Einsatz korperlicher Gewalt.

Die Bedurfnisse der Menschen und die Verfugbarkeit der Mittel geraten aus dem Gleichgewicht. Entweder werden die Mittel zu knapp oder die Bedurfnisse werden „entgrenzt“, so dass die Menschen das ,,Mafi fur das was ihnen realistischer- und legitimerweise zusteht“ (vgl. Helmut Thome 2008, In: Imbusch/Heitmeyer 2008, S.228f.) verlieren.

Die Menschen werden dadurch Opfer ihrer Aspirationen, konnen ihre eigenen Fahigkeiten nicht mehr richtig einschatzen und wissen nicht mehr was ihnen gut tut und was nicht. Es fehlt ihnen an Orientierung, sie erleiden einen Identitatsverlust. Dadurch steigt sowohl die Selbstmordrate, als auch die Bereitschaft zur Anwendung von Gewalt (vgl. Helmut Thome 2008, In: Imbusch / Heitmeyer 2008, S.229).

Ein wichtiges Zitat aus Mertons Arbeit lautet: „Anomy signifies the state of mind of one who has been pulled up by his moral roots, who has no longer any standards, but only disconnected urges, who has no longer any sense of continuity, of folk, of obligation. The anomic man has become spiritually sterile, responsive only to himself, responsible to no one. He derides the values of other men. His only faith is the philosophy of denial. He lives on the thin life of sensation between no future and no past“ (Merton 1968, S.216, vgl. auch Helmut Thome 2008, In: Imbusch / Heitmeyer2008, S.226)

Genau dies sind auch die Aspekte die im weiteren Verlauf wichtig fur die Erklarung von Jugendgewalt sein werden.

3.2 Konflikt

Konflikte werden in der Wissenschaft als soziale Tatbestande definiert, an denen mindestens zwei Parteien (Einzelpersonen, Gruppen oder sogar Staaten) beteiligt sind. Konflikte beruhen auf Unterschiede in der sozialen Lage und/oder in den Interessen der konfligierenden Parteien (vgl. Bonacker/Imbusch 2006 in Imbusch/Heitmeyer 2008, S. 301).

Soziale Konflikte stellen eine besondere Dimension der Integrations- Desintegrationsdynamik dar, da sie zum einen fur Desintegrationsprozesse stehen, zum anderen aber auch Integration gewahrleisten konnen. Konflikte findet man in jeder Art von Gesellschaft wieder, jedoch sind sie sehr haufig negativ belastet und werden mit Gewalt, Streit und Aggression assoziiert. Konflikte sind jedoch an sich erstmal nicht gut oder schlecht, lediglich die Art der Austragung entscheidet daruber ob sie einen positiven oder negativen Einfluss haben.

Die wichtigsten klassischen Denker der Konflikttheorie sind Karl Marx, Max Weber und Georg Simmel. Fur Marx und Weber sind Konflikte machtsoziologisch unterfuttert, wahrend fur Simmel Konflikte nicht nur das Resultat gesellschaftlicher Strukturen sind, sondern Bestandteile sozialer Prozesse.

Laut Marx entstehen Konflikte aus ,,den vertikalen Aufbau der Gesellschaft und einer hierarchischen Sozialstruktur, die zu einer ungleichen Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums fuhrt.“ (Peter Imbusch 2008, In: Imbusch/Heitmeyer 2008, S.302).

Es gibt vier Arten sozialer Konflikte, die unterschiedliche Gegenstande zum Inhalt haben:

- Verteilungskonflikte: Guter und deren Besitz,
- Machtkonflikte: Entscheidungsbefugnisse und autoritare Positionen,
- Anerkennungskonflikte: symbolisches Kapital und Identitaten,
- Rechtskonflikte: Durchsetzung und Geltung von Normen.

(vgl. Peter Imbusch 2008, In: Imbusch/Heitmeyer 2008, S. 304)

Wichtig fur die Integrations-Desintegrations-Dynamik sind soziale Konflikte nicht zuletzt im Hinblick ihrer Nutzlichkeit. Soziale Konflikte haben positive Funktionen fur moderne Gesellschaften. Zum einen tragen soziale Konflikte zum gesellschaftlichen Wandel bei. Durch Konflikte bleiben Normen veranderbar. Zum anderen konnen Konflikte soziale Integration begunstigen. Eine demokratische Gesellschaft ist auf unvermeidbare Konflikte im politischen Raum angewiesen. Solange Konflikte geregelt ausgetragen werden und nicht in Gewalt ausarten, ist fehlender Konsens kein Problem fur den Zusammenhalt der Gesellschaft (vgl. Peter Imbusch 2008, in: Imbusch/Heitmeyer 2008, S.305).

3.3 Ausgrenzung und Ungleichheiten

Mit Ausgrenzung oder Ausschliefiung verbinden wir in der Alltagssemantik oft Assoziationen eines „Innen“ und eines „Aufien“.

„Eine bestimmte Gruppe, die gemeinsame Interessen teilt, schliefit sich ungeachtet aller Konkurrenz der Akteure untereinander zusammen, um Dritte aufien vor zu halten und dadurch bestimmte soziale und okonomische Chancen zu monopolisieren“ (Ferdinand Sutterluty 2008, In: Imbusch/Heitmeyer 2008, S.389).

In modernen, demokratischen Gesellschaften habe wir immer ofter das Problem, dass sich bestimmte Akteure und soziale Gruppen „drinnen“ befinden, wahrend andere abgestofien werden und sich somit „draufien“ wiederfinden. Die Anzahl der Akteure die ausgeschlossen werden wachst, das zeigen verschiedene empirische Analysen.

Von Ausgrenzung oder Exklusion kann man nur dann sprechen, wenn man von bestimmten Inklusionsstandards spricht. Wenn es keine Inklusionserwartungen gibt, wird auch Exklusion nicht wahrgenommen.

Eine wichtige gesellschaftliche Entwicklung die zur Ausgrenzung gefuhrt hat ist die „drastische Reduzierung von Erwerbschancen vor allem fur gering qualifizierte Bevolkerungsgruppen“ (Ferdinand Sutterluty 2008, In: Imbusch / Heitmeyer 2008, S.389), die eine anwachsende Gruppe von Arbeitslosen entstehen liefi. Diese werden dauerhaft von der Erwerbsarbeit ausgeschlossen und konnen dadurch nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Einige Wissenschaftler sprechen in diesem Zusammenhang auch von „Uberflussigen“.

Bude (1998) spricht davon, dass quasi jeder in der Gesellschaft „uberflussig“ werden konnte. „Das Risiko nicht mehr gebraucht und daher ausgeschlossen zu werden, hat heute weniger mit sozialer Herkunft, Schichtzugehorigkeit und Bildungsstand zu tun.“ (Ferdinand Sutterluty, In: Imbusch/Heitmeyer 2008, S. 391)

Das Problem das Ausgeschlossenheit ist jedoch haufig bei Personen mit Migrationshintergrund festzustellen, obgleich die Individuen sich so behandelt fuhlen (also es nur die subjektive Wahrnehmung ist), oder sie tatsachlich von der Gesellschaft, durch Verordnungen und Gesetze ausgeschlossen werden. Und dieser Aspekt wird umso wichtiger in Zusammenhang mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund, denn diese befinden sich in der Orientierungsphase und sind dadurch viel anfalliger fur Diskriminierungen und Exklusion.

3.4 Kontrolle

Kontrolle verleiht nicht nur Sicherheit angesichts Bedrohungen von Desintegrationsprozessen (anomische Tendenzen, Kriminalitat, abweichendes Verhalten), Kontrolle vermittelt zugleich auch Sicherheit. Denn was kontrolliert werden kann, ist nicht mehr gefahrlich.

Kontrollen haben dabei unterschiedliche Auspragungen, von staatlicher Kontrolle, uber unterschiedliche Formen gesellschaftlicher Kontrolle bis hin zur Selbstkontrolle eines Individuums (vgl. Peter Imbusch 2008, In: Imbusch/Heitmeyer 2008, S. 463).

Kontrolle kann sowohl formal in Erscheinung treten, in Form gesetzlicher Verfahren die Sanktionen zur Folge haben, oder informed, ausgeubt durch Autoritatspersonen in der Gesellschaft, die sich nicht auf gesetzliche Normen beziehen, z.B. Lehrer, Eltern, Familie oder Freundeskreis. Die letzteren haben eine hohe Orientierungs- und Leitfunktion was bestimmte Verhaltensweisen angeht.

Bei der Selbstkontrolle handelt es sich „um die Verinnerlichung von Werte und Normen im Zuge der Sozialisation“ (Peter Imbusch 2008, In: Imbusch/Heitmeyer 2008, S. 463).

Eine weitere Unterscheidung wird zwischen primarer und sekundarer Kontrolle gemacht. Die primare Kontrolle wird von sog. Primargruppen, wie die Familie und der Freundeskreis ausgeubt und hat einen informellen Charakter. Die sekundare Kontrolle dagegen wird von Institutionen wie z.B. Unternehmen oder staatliche Instanzen, zu denen man keinen so engen Bezug hat, ausgeubt, deren Kontroll- und Sanktionsbefugnisse aber weitreichend sein konnen.

,,Kontrolle dient also dazu, ein bestimmtes normkonformes Verhalten zu ermoglichen, aber auch zu erzwingen - dies ist zugleich die Ambivalenz von Kontrolle. Abweichendes Verhalten soll hingegen verhindert und soziale Probleme sollen zumindest reduziert werden.“ (Peter Imbusch 2008, In: Imbusch/Heitmeyer 2008, S. 464).

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Details

Seiten
55
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656356950
ISBN (Buch)
9783656359678
Dateigröße
935 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v208337
Institution / Hochschule
Universität Bremen
Note
1,3
Schlagworte
Migration Jugendliche Gewalt Migrationshintergrund Desintegration

Autor

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Titel: Desintegrationspotenziale bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund