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Frauenkonzeption in Arthur Schnitzlers "Reigen"

Hausarbeit 2008 24 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung

2. Historische Voraussetzungen
2.1 Frauen und Gesellschaft: Patriarchat versus Emanzipation
2.2 Die Frau aus psychologisch-medizinischer Sicht
2.3 Die Frau in der Kunst der Jahrhundertwende:
„femme fragile“ versus „femme fatale“

3. Frauenkonzeption im Drama Reigen
3.1 Typenproblematik
3.2 Figurenanalyse
3.2.1 Die Dirne
3.2.2 Die Junge Frau
3.2.3 Die Schauspielerin

4. Die Frauengestalten des Reigen im Spiegel des Frauenbildes um 1900
4.1 Die Dirne – eine typische Prostituierte?
4.2 Die junge Frau als Ehefrau
4.3 Die Schauspielerin und die Emanzipation
4.4 „Femmes fatales“ oder „Femmes fragiles“?

5. Fazit

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Der Mann muß hinaus

In's feindliche Leben,

Muß wirken und streben

[...]
Und drinnen waltet

Die züchtige Hausfrau,

Die Mutter der Kinder,

Und herrschet weise

Im häuslichen Kreise“[1]

heißt es in Friedrich Schillers „Lied von der Glocke“ von 1799. Hundert Jahre später hatten sich die Geschlechterrollen kaum verändert und das Idealbild der Frau als Hausfrau und Mutter war weiter gültig. So erscheint es ganz passend, wenn in Arthur Schnitzlers Drama Reigen von 1896/97 der bourgeoise Ehemann Schillers Worte gebraucht, um seiner Frau zu erklären: „Man ist nicht immer der liebende Mann, man muss zuweilen hinaus ins feindliche Leben, muss kämpfen und streben!“[2] Die übrigen vier männlichen Figuren im Reigen, vom Soldaten bis zum Grafen, würden ihm hierin wohl zustimmen: Der Mann verlässt das Haus, um sich mit den Widrigkeiten des Lebens zu befassen; er ist derjenige, der „kämpfen“ muss, während die Frau ihm ein bequemes Heim bereitet und die Kinder aufzieht.

Soweit die bürgerliche Weltsicht um die Jahrhundertwende. Arthur Schnitzler erkannte aber auch die Scheinheiligkeit und Doppelmoral seiner Zeit und entlarvte diese in den zehn Dialogen des Reigen. Die fünf darin vorkommenden Frauengestalten entsprechen keineswegs der „züchtigen Hausfrau“ aus Schillers „Glocke“; gerade die junge Ehefrau genügt diesem Anspruch der Tugendhaftigkeit nicht, wenn sie ihren Gatten ohne Anzeichen von Gewissensbissen betrügt.

Wie aber werden die Frauengestalten in Arthur Schnitzlers Reigen dargestellt? Inwiefern entsprechen oder widersprechen sie den zeitgenössischen Vorstellungen über die Frau? Diese Fragen möchte ich im Folgenden versuchen zu beantworten. Dazu sollen zuerst die historischen Bedingungen beschrieben, anschließend einzelne Frauenfiguren des Dramas untersucht werden, das heißt die Dirne, die Junge Frau und die Schauspielerin: Ihre sozialen Rollen bilden den wohl deutlichsten Kontrast, ebenso wie die Umgehensweise zwischen ihnen und ihren Partnern. Um diese Figuren möglichst eingehend untersuchen zu können ohne den Umfang der Arbeit zu überdehnen, werde ich auf die Untersuchung von Stubenmädchen und süßem Mädel verzichten. Abschließend möchte ich die Zusammenhänge zwischen den historischen Frauenkonzeptionen und denen des Reigen darstellen.

2. Historische Voraussetzungen

Um die Frauenfiguren im Reigen näher untersuchen und deuten zu können, ist es wichtig, zuerst einen Blick auf den zeitgeschichtlichen Kontext des Dramas zu werfen. Genauer soll unter den folgenden Punkten dargestellt werden, welche Positionen und Rollen die Frau in der österreichisch-deutschen Gesellschaft um die Jahrhundertwende innehatte. Dabei spielt die bürgerliche Auffassung von Moral und Gesellschaftsordnung die wesentlichste Rolle. Drei verschiedene Aspekte sollen beleuchtet werden: nämlich die Stellung der Frau in der patriarchalisch strukturierten Gesellschaft; die medizinisch-psychologischen Erkenntnisse über die Natur der Frau; und die künstlerischen Darstellungen von unterschiedlichen Frauentypen.

2.1 Frauen und Gesellschaft: Patriarchat versus Emanzipation

Während bis weit ins 19. Jahrhundert hinein die Geschlechterrollen klar festgelegt waren und über jeden Zweifel erhaben schienen, hatte die patriarchalische Gesellschaftsordnung um 1900 bereits Risse bekommen. Der „‚Krieg der Geschlechter’“, schreibt Jacques Le Rider, sei „eines der großen Themen der Epoche“.[3] Insbesondere feministisch-emanzipatorische Bewegungen klagten größere Freiheiten und die Selbstbestimmung der Frau ein. Frauenrechtlerinnen stellten „vorhandene Mängel“ am vorherrschenden Gesellschaftssystem fest und forderten eine „Besserstellung des weiblichen Geschlechts“.[4]

Solche Forderungen, die die jahrhundertelange männliche Vorherrschaft in Frage stellen, wurden von vielen Männern, aber auch Frauen, als Bedrohung empfunden. Vielfältige kontroverse Diskussionen über die Stellung der Frau – sowohl politischer als auch literarischer oder wissenschaftlicher Art – waren kennzeichnend für die Zeit um 1900. Ein überzeugter Vertreter der patriarchalischen Gesellschaftsordnung war der Neurophysiologe Paul J. Möbius, der Frauen die Fähigkeit zu vernünftigem und kritischem Denken absprach und feministische Bewegungen als Bedrohung empfand.[5] Sein Anspruch an die Frau war, ähnlich wie beim Großteil seiner Zeitgenossen, der der Mutterschaft, denn „ein Weib, das nicht Mutter ist, hat seinen Beruf verfehlt“.[6] Gleichzeitig war er der Meinung, dass Bildungszugang Frauen – und damit insbesondere auch der Gesellschaft – schaden würde, nämlich insofern, dass gebildete Frauen offensichtlich weniger geneigt waren, Kinder zu bekommen als ungebildete.[7]

Ehefrau und Familienmutter – das waren nicht nur in Möbius’ Augen, sondern seit jeher die einzigen Berufe achtbarer Frauen. Elisabeth Gnauck-Kühne beschreibt in ihrer statistischen Studie „Die Deutsche Frau um die Jahrhundertwende“, was die „Frauen-Frage“[8] und die Ausübung von außerhäuslichen Berufen durch Frauen rechtfertige: Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts sei die Frau „gezwungen worden, selbstständig zu arbeiten und selbstständig zu denken“. Als Ursachen dafür nennt Gnauck-Kühne die „Revolution in der Produktionsordnung durch die Maschine und die Revolution in den Anschauungen durch den individualistischen Zeitgeist“.[9] Zum einen habe die Frau einen Großteil ihrer häuslichen Aufgaben verloren, da die meisten Hausbedarfsgüter nicht mehr selbst produziert, sondern nur noch käuflich erworben werden müssten. Gleichzeitig fielen vor allem in den Großstädten hohe Lebenshaltungskosten an, weswegen die Erwerbstätigkeit von Frauen gerechtfertigt sei.[10] Die Frau habe auch begonnen, über ihre Situation nachzudenken und ihre Forderungen zu äußern, schreibt Gnauck-Kühne. Seit 1791 in Frankreich die „Erklärung der Frauenrechte“ erfolgte, sei die Frau selbstbewusster geworden. Vor allem aber habe sie erkannt: „Ich bin nicht nur Gemeinwesen, ich bin Individuum“.[11]

Gerade die Individualität aber wurde Frauen noch um 1900 abgesprochen. Eine eigene Meinung sollten sie nicht haben, sondern die des Vaters oder des Ehemannes annehmen. Der Gatte im Reigen ist das beste Beispiel für die patriarchalischen Auffassungen des Bürgertums im Fin de Siècle. Für ihn versteht es sich von selbst, dass seine Frau sein Urteilsvermögen anerkennt und sich seinem Willen unterordnet beziehungsweise keinen eigenen Willen hat. Als er ihr verkündet, dass wieder eine Zeit, in der sie „nur in guter Freundschaft miteinander“ gelebt hätten, vorüber sei, wagt die Junge Frau den Einwand: „Wenn es aber... bei mir anders wäre.“[12] Diese Möglichkeit einer eigenständigen Entscheidung seiner Frau wird vom Gatten aber sogleich mit einem bestimmten „Es ist bei dir nicht anders“[13] abgetan. Wie es für Schnitzlers Zeitgenossen selbstverständlich war, sieht er die Ehe für heilig an; er fürchtet ihre „Entweihung“[14] und verurteilt entschieden verheiratete Frauen, die eine außereheliche Affäre haben. Doch die Doppelmoral der Zeit wird deutlich, wenn er in der folgenden Szene selbst seine Frau mit dem Süßen Mädel betrügt. Aber auch seine Erwähnung der „vielfachen Erlebnisse, die [Männer] notgedrungen vor der Ehe durchzumachen haben“[15] zeigt, dass hinsichtlich der Sexualmoral für Männer nicht die gleichen Regeln galten wie für Frauen.

Genau diese „Erlebnisse“ schienen nämlich für die Entwicklung junger Männer unentbehrlich zu sein, wenngleich die „armen Geschöpfe“[16], die dafür benötigt wurden, in der Gesellschaftsordnung den untersten Platz einnahmen. Die Prostituierte wurde im besten Falle für ihr Los bemitleidet, meist jedoch scharf verurteilt. Sich für Geld zu verkaufen, scheinbar aus animalischen Trieben, wurde als besonders verwerflich angesehen.[17] Dass Prostitution vor allem ein Ergebnis problematischer ökonomischer Verhältnisse war und viele Frauen aus unteren Gesellschaftsschichten oft keine andere Wahl hatten als sich auf diese Weise ein Zubrot zu verdienen, blendete man zumeist aus. Vielmehr wurde der Lebenswandel der Prostituierten einer Vernachlässigung in ihrer sittlichen Erziehung zugeschrieben. Durch diese Vernachlässigung nämlich konnte die Natur der Frau, der eine stark sinnlich-sexuelle Ausprägung zu eigen sei, nicht in die moralisch richtigen Bahnen geleitet werden.[18]

2.2 Die Frau aus psychologisch-medizinischer Sicht

Die für moralische Verirrungen scheinbar so anfällige weibliche Natur und vor allem die weibliche Sexualität beschäftigte auch die Wissenschaft seit Ende des 19. Jahrhunderts. Sexualwissenschaftler wie Richard von Krafft-Ebing, dessen Psychopathia Sexualis 1886 erschien, trugen zum Boom des Themas „Sexualität“ bei. Dieses Werk stellt laut Michael Eder „das Kompendium des Sexual-Wissens seiner Zeit“[19] dar. Der „liebste Untersuchungsgegenstand“ der Sexualwissenschaftler um 1900 war die Frau, genauer „die Formen ihrer gesunden und kranken ‚Sexualität’“.[20] Die Ansichten über die weibliche Natur gingen dabei oft weit auseinander. Die „enggeschnürte Sexualmoral des 19. Jahrhunderts“[21] stand fortschrittlicheren Geistern wie Sigmund Freud gegenüber, der die frigiden Moralvorstellungen seiner Zeit ablehnte und beispielsweise die Aufklärung der Jugend forderte.[22] Ein offenerer Umgang mit Sexualität schien ihm angebracht. Gleichzeitig zeigen aber freudsche Termini wie „weiblicher Defekt“ und „dunkler Kontinent“, dass auch seine Sicht auf das weibliche Geschlecht nicht gänzlich ungetrübt war; tatsächlich erschien auch ihm das Weibliche als „rätselhaft“ und gewissermaßen bedrohlich.[23]

Eine Bedrohung in Hinblick auf die Frau oder das Weibliche im Allgemeinen empfanden aber vor allem Autoren wie Otto Weininger oder der oben erwähnte Paul J. Möbius. Letzterer schreibt im Vorwort zur ersten Ausgabe seiner Abhandlung „Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes“, dass „die geschlechtliche Gleichmacherei [...] ein besonders grosses [sic] Uebel [sic]“[24] sei. Die Forderungen von Feministinnen nach Gleichstellung der Frau stellen ihm zufolge eine Gefahr für die Menschheit dar. Diese wäre nämlich durch die Emanzipation der Frau und die daraus folgende Ablehnung der Mutterrolle vom Aussterben bedroht.[25] Möbius fordert außerdem, dass „die Ärzte sich eine klare Vorstellung von dem weiblichen Gehirn- oder Geisteszustande verschaffen, daß [sic] sie die Bedeutung und den Wert des weiblichen Schwachsinnes begreifen“.[26] Im Übrigen sieht er die Frau geistig und körperlich als „Mittelding zwischen Kind und Mann“[27] ; vom logisch-denkenden Mann unterscheide sie sich darin, dass sie „ausschließlich instinktiv“ handle, denn „der Instinkt [spielt] beim Weibe eine größere Rolle [...] als beim Manne“.[28]

[...]


[1] Friedrich Schiller: „Das Lied von der Glocke.“ In: „Projekt Gutenberg“. Spiegel-Online Kultur. http://gutenberg.spiegel.de (3. 9. 2008).

[2] Arthur Schnitzler: Reigen. Zehn Dialoge. Frankfurt a.M. 372004, S. 57.

[3] Jacques Le Rider: Arthur Schnitzler oder Die Wiener Belle Époque. Wien 2007. S. 107.

[4] Elisabeth Gnauck-Kühne: Die Deutsche Frau um die Jahrhundertwende. Statistische Studie zur Frauenfrage. Berlin 1904. Vorwort (o. S.).

[5] Vgl. Rüdiger H. Mueller: Sex, Love and Prostitution in Turn-of-the-Century German-Language Drama. A. Schnitzler’s ‚Reigen’, F. Wedekind’s ‚Die Büchse der Pandora: Eine Monstertragödie’, and L. Thoma’s ‚Moral’ and ‚Magdalena’. Frankfurt a.M. 2006, S. 12-13: „[Möbius is] likely the most notorious and provocative proponen[t] of female infertiority […] In his opinion, women lacked the ability to reason and to think critically”.

[6] Paul J. Möbius: Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes. Neu hrsg. von Susanne Wäckerle. München 1990, S. 86.

[7] Vgl. Ebd., S. 14.

[8] Gnauck-Kühne: Deutsche Frau, S. 1.

[9] Ebd., S. 3.

[10] Vgl. Ebd., S. 20ff.

[11] Ebd., S. 25.

[12] Schnitzler: Reigen, S. 52.

[13] Ebd., S. 52.

[14] Ebd., S. 54.

[15] Ebd., S. 53.

[16] Ebd.

[17] Vgl. Mueller: Sex, Love..., S. 19.

[18] Vgl. Ebd., S. 20ff.

[19] Michael Eder in: Thomas Koebner: Arthur Schnitzler. Reigen. Reclam Erläuterungen und Dokumente. Stuttgart 1997, S. 149.

[20] Ebd.

[21] Ariane Thomalla: Die ‚femme fragile’. Ein literarischer Frauentypus der Jahrhundertwende. Düsseldorf 1972, S. 60.

[22] Vgl. Johannes G. Pankau: Sexualität und Modernität. Studien zum deutschen Drama des Fin de Siècle. Würzburg 2005. S. 48: “Freud fordert […] von Schule und Elternhaus eine möglichst weitgehende sexuelle Aufklärung.”; vgl. auch Beate Lakotta: „Triebwerk im Keller der Seele“. In: Der Spiegel 18 (2006), S.161.

[23] Carola Hilmes: Die Femme fatale. Ein Weiblichkeitstypus in der nachromantischen Literatur. Stuttgart 1990. S. 43.

[24] Möbius: Schwachsinn, S. 11.

[25] Vgl. Möbius: Schwachsinn, S. 16; S. 14: „Die modernen Närrinnen sind schlechte Gebärerinnen und schlechte Mütter.“

[26] Ebd., S. 42.

[27] Ebd., S. 28.

[28] Ebd., S. 31.

Details

Seiten
24
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656355854
ISBN (Buch)
9783656357605
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v208334
Institution / Hochschule
Universität Regensburg
Note
1,0
Schlagworte
frauenkonzeption arthur schnitzlers reigen

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