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Die Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils in Lateinamerika

Bachelorarbeit 2011 42 Seiten

Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Der historische Kontext
1.1. Vorkolonialzeit
1.2. Kolonialisierung
1.3. Bartolomé de las Casas
1.4. Nachkoloniale Entwicklungen
1.5. Lateinamerika am Vorabend des Konzils
1.6. Fazit

2. Der Beitrag lateinamerikanischer Bischöfe zum Konzil
2.1. Papst Johannes XXIII. und das Konzil
2.2. „Die Kirche der Armen“

3. Die Rezeption des Konzils in Lateinamerika
3.1. Medellín 1968
3.2. Befreiungstheologie
3.3. Puebla 1979
3.4. Santo Domingo 1992, Aparecida 2007

4. Abschliessende Überlegungen

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Einleitung

Die vorliegende Arbeit habe ich einem Kontinenten gewidmet, der von Krieg, Unrecht, sozialen Unruhen und Revolutionen geplagt ist, gleichzeitig aber auch ein paar der schönsten Gegenden der Welt und sehr herzliche Bewohner zu bieten hat. Ich selber durfte in Perú, Bolivien und Brasilien diese wunderbare Erfahrung machen, im Positiven, wie im Negativen. Hierzulande interessiert man sich für diesen immer wieder überraschenden Kontinent höchstens vielleicht mal wenn’s um den Fussball geht. Das ist Schade!

Das Zweite Vatikanische Konzil ist mittlerweile schon fast ein halbes Jahrhundert her; und trotzdem noch hochaktuell: es ist das letzte Konzil, das die katholische Kirche abgehalten hat, und darum mit hoher Verbindlichkeit verbunden. Ich habe manchmal aber auch etwas das Gefühl, dass trotz den vielen Jahren das Konzil noch gar nicht überall wirklich angekommen ist. Oder ist es schon zu lange her, und man hat es bereits vergessen, oder als überholt abgestempelt?

Das Konzil hat eine unbeschreibliche Öffnung der Kirche gebracht, eine allgemeine Stimmung des Aufbruchs. Besonders intensiv waren dabei die Auswirkungen in Lateinamerika. Mit der Theologie der Befreiung kam es zu einer Begeisterung eines ganzen Kontinents. Wie der Name schon sagt, geht es um Befreiung; von Gewalt, Ausbeutung, Unrecht. Dabei spielt sich vieles auf der wirtschaftlich-politischen Ebene ab. Aus diesem Grund ist es auch unmöglich, die ganzen Entwicklungen ohne den historischen Kontext im weiteren Sinne zu verstehen. Daher ist der Geschichte ein relativ grosser Teil gewidmet, weil viele Probleme des 20. Jh. besonders in der Kolonialisierung schon grundgelegt sind. Um ein ganzheitliches Bild zu geben, was mir für eine korrekte Beurteilung der Sachzusammenhänge wichtig scheint, beginne ich schon bei den frühen Anfängen der Geschichte Lateinamerikas. Natürlich muss das eine oder andere Detail ausser Acht gelassen werden. In einem weiteren Schritt ist kurz auf die Rolle der lateinamerikanischen Bischöfe am Konzil einzugehen, bevor wir dann zum Hauptteil und eigentlichen Titel der Arbeit kommen. Dabei orientiere ich mich vorwiegend an den offiziellen Versammlungen der Bischofskonferenzen Lateinamerikas, insbesondere derjenigen in Medellín 1968, die als direkte Rezeption des Konzils gelten kann, und den grössten Einfluss auf den weiteren Verlauf hatte. Eine intensivere Beschäftigung mit den Entwicklungen ab 1980 würde den Rahmen sprengen. Darum geht es in erster Linie um die frühe, unmittelbare Rezeption.

1. Der historische Kontext

1.1. Vorkolonialzeit

Auch wenn wir uns hier zeitlich sehr weit vom eigentlichen Thema entfernen, so sollten wir doch in aller Kürze einen kleinen Blick auf die Anfänge lateinamerikanischer Kultur werfen, um die Gefahr von europäischer Siegergeschichtsschreibung zu umgehen (so à la „die Barbaren können ja froh sein, dass wir sie erobert haben“). Südamerika war nämlich vor der Kolonialisierung kein Niemandsland. Schon ca. 12‘500 v. Chr. waren Menschen nach Lateinamerika eingewandert, wie Funde aus Chile belegen. Die frühen Menschen lebten als Jäger und Sammler und wanderten weit umher. Um 8‘000 v. Chr. setzte die Sesshaftwerdung ein. Man verfügte über Beile und Mahlwerkzeuge, um 5000 v. Chr. auch schon über Wasserfahrzeuge, um nach Kuba, Trinidad oder Hispaniola zu gelangen. Zur selben Zeit begann man auch schon Pflanzen in Kulturen anzubauen und nicht mehr nur wilde zu sammeln. Dazu gehörten z.B. Kürbis, Chili, Avocado, Bohnen und v.a. auch Mais. Im zentralen Andenraum begann man mit der Viehzucht (Lama und Meerschweinchen). Im vierten und dritten vorchristlichen Jahrhundert erfand man die Metallverarbeitung, die Weberei und das Töpfern. Man findet aus diesen Kulturen Sakralbauten, Friedhöfe und auch künstliche Mumien. Um 1‘800 wurden an der peruanischen Küste bereits Bewässerungssysteme angelegt. Aus derselben Zeit gibt es auch Keramikfunde aus Südmexiko, Guatemala und der zentralen Andenregion. Durch diese Entwicklungen gewann auch der Handel an Stellenwert und religiöse und kulturelle Zentren konnten entstehen (im Andenhochland schon ca. 4‘000 v. Chr.) Ab 1‘100 v. Chr. war Chavín de Huántar im Norden Perús mit seiner Architektur, Skulptur und Keramik dominant. Zur selben Zeit spielte die Kultur der Olmeken im Süden Mexikos eine ähnliche Rolle. Diese hatte schon Handelsbeziehungen mit Costa Rica, von wo man Jade und Kakao importierte. Neben einem Kalender mit 260 Tagen entwickelten sie auch schon Ansätze zu einer Schrift.[1]

Ab etwa 200 v. Chr. entwickelten sich die klassischen Kulturen wie die Kultur der Zapoteken mit dem Zentrum Monte Albán. Weiter gab es mehrere hoch entwickelte Stadtstaaten, wie Teotihuacán im heutigen Mexiko, das in seiner Blütezeit von 200 bis 600 n. Chr. ca. 200‘000 Menschen beherbergte. Im Süden Mexikos, auf der Halbinsel Yucatán, entstanden die Mayakulturen. Diese bauten riesige Pyramiden und waren astrologisch gebildet. Um 900 n. Chr. gingen diese klassischen Kulturen unter. Gründe dafür waren Überbevölkerung, Naturkatastrophen sowie Kriege. Neben dem Grossraum Mexiko gab es noch einen weiteren grossen kulturellen Entwicklungspol ab 200 v. Chr.: den Andenraum. Im Norden des heutigen Perús entwickelte sich die Moche- Kultur auf der Basis eines zentralisierten Staatswesens. Ein wichtiges religiöses Ritual war, wie auch für viele andere südamerikanische Kulturen, die Opferung von Gefangenen. Im Süden schloss sich die Lima- Kultur an, noch weiter südlich die Nazca- Kultur mit den bekannten Erdzeichnungen. Auf dem Altiplano um den Titikakasee war Tiahuanaco zum kulturellen Zentrum avanciert, das seinen Höhepunkt um 450 n. Chr. erreichte, sich aber bis 1000 hielt. Der nördliche Nachbar, Huari, wurde um 650 zur grossen Stadt und tätigte Eroberungszüge in den Norden. Die Amazonasvölker wie Tupi oder Guaraní entwickelten sich hingegen sehr langsam, und auch im südlichen Patagonien lebte man lange noch als Jäger und Sammler. So gab es keinen geradlinigen Entwicklungsprozess, sondern höchst unterschiedliche Lebensweisen auf demselben Kontinent.

Ab 900 n. Chr. verschoben sich die Zentren, Reiche fielen auseinander, viele kleine Staaten entstanden. Im 13. Jahrhundert bildeten die Azteken einen solchen Kleinstaat. Zunächst kämpften sie als tributpflichtige Hilfstruppen für andere Herrscher, erlangten dann aber 1431 ihre Unabhängigkeit und waren um 1500 zur Grossmacht geworden. Allerdings bekamen sie durch mächtige Nachbarn auch ihre Grenzen aufgezeigt. Die Azteken Hauptstadt Tenochtitlán hatte etwa 250‘000 Einwohner und war vielen europäischen Hauptstädten an Grösse und Pracht überlegen.

Im Andenraum zersplitterten die Reiche im Kampf um die fruchtbarsten Kokaanbaugebiete. Bedeutung erlangte 1200 das Chimú- Reich mit der Hauptstadt ChanChan an der Nordküste Perús. Diese übernahmen kulturelle und administrative Elemente der Moche und der Huari. So gab es Garnisonen und Verwaltungszentren in den eroberten Gebieten und man forderte Tributzahlungen. Um die Hauptstadt zu versorgen, mussten kunstvolle Bewässerungsanlagen angelegt werden. Religiös gesehen war die Verehrung des Mondes und des Meeres ausschlaggebend. Die bestimmende Hochkultur für den Andenraum in jener Zeit war das Inkareich. Die Inkas siedelten sich im 13. Jh. in der Region Cuzco an. Noch bis ins 15.Jh. blieb deren Einflussgebiet aber ziemlich klein. Erst ihr existenzbedrohender Krieg gegen die rebellierenden Chancas brachte 1438 mit Pachacútec Inca Yupanqui einen starken Heerführer hervor. Er und seine Nachfolger eroberten ein Reich, das von Ecuador bis nach Chile reichte. Die Reichsverwaltung wurde straff gestaltet und es kam zu Vereinheitlichung: die Inkasprache Quechua wurde zur Amtssprache und der Staatskult der Sonne durchgesetzt. Die Herrscher verstanden sich als Abkömmlinge der Sonne. Allgemein gab es in den lateinamerikanischen Kulturen eine starke Einheit von religiöser und zeitlicher Macht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Somit gab es zur Zeit der Ankunft der Europäer in Lateinamerika die beiden Grossreiche der Azteken und Inkas. Der grösste Teil der latein­amerikanischen Bevölkerung lebte aber nach wie vor als nomadische Jäger und Sammler. Diese sind für Eroberungen schwieriger als bereits bestehende Strukturen, die man einfach übernehmen kann. Das hatten auch die Azteken und Inkas schon gemerkt. Lateinamerika hat also bereits vor der Kolonialisier­ung beachtliche Entwicklungen durchlaufen, war aber v.a. auch sehr vielfältig. So gab es ca. 125 verschiedene indigene Sprachfamilien. Gegen Ende des 15. Jh. lebten etwa 50 Mio. Menschen auf dem Kontinent Amerika, 90% davon in Lateinamerika. Eine wichtige Vorbedingung für die Eroberungen der Europäer waren die vielen Konflikte zwischen den eingeborenen Kulturen.

1.2. Kolonialisierung

Im 15. Jh. war Europa von der muslimischen Expansion bedroht, der wichtige Handelsweg über die Seidenstrasse nach Indien war von den Arabern besetzt. In der Folge versuchte man andere Wege dorthin zu finden. Die Portugiesen segelten Afrika entlang und entdeckten die Seeroute nach Indien. Der Papst sicherte ihnen Exklusivrechte an der Westküste Afrikas. Für die rivalisierenden Spanier blieb so nur die Möglichkeit, über den Atlantik einen neuen Weg zu finden. Nach der „reconquista“, also der Rückeroberung ganz Spaniens aus der Hand der Mauren, landete 1492 Christoph Kolumbus für die spanische Krone auf dem neuen Kontinent, in der Erwartung es sei Indien. Deshalb hat er den Eingeborenen auch den Namen „Indios“ gegeben. Der erste Kontakt war mit Jäger-Sammler Kulturen wie den Tainos. Kolumbus beschrieb diese dann als sehr kooperationsbereit und leicht zu bekehren und konnte so Spanien davon überzeugen, weitere Expeditionen durchzuführen, wobei die Investitionen meist von Privaten kamen. Der Papst selbst sprach dem König Spaniens die neuen Länder zu, mit einem gleichzeitigen Auftrag zur Christianisierung. Doch auch Portugal wollte berücksichtigt werden. So kam es 1494 zum Vertrag von Tordesillas, wo die neuen Länder entlang eines Meridians zwischen Spanien und Portugal aufgeteilt wurden, noch bevor man überhaupt ahnte, dass es sich um einen ganzen Kontinent handelte, geschweige denn die Bewohner einbezogen hätte. Mission und Conquista gingen fortan Hand in Hand. Namensgeber für den neuen Kontinent war Amerigo Vespucci, der 1503 einen berühmten Reisebericht schrieb. In der Folge wurde innert kurzer Zeit der ganze Kontinent erobert. 1521 unterwarf Hernán Cortés das Aztekenreich, 1523 folgte Zentralamerika, 1533 eroberte Francisco Pizarro das Inkareich. Bis Mitte des 16. Jh. waren die Eroberungen weitgehend abgeschlossen. Unter anderem spielten die überlegenen Waffen als auch religiöse Vorstellungen der indigenen Kulturen (weisse Männer mit Pferden und Feuerwaffen wurden als Götter gesehen) eine Rolle für den erstaunlichen Erfolg der Spanier. Diese Faktoren waren aber nicht so wichtig wie gemeinhin angenommen und müssen relativiert werden, weil es sich dabei bloss um Überraschungseffekte handelte, die mit der Zeit vergingen. Weit wichtiger war die Tatsache, dass die Spanier von vielen indigenen Völkern unterstützt wurden (so erhoffte man sich z.B. von der Inka- /Aztekenherrschaft befreien zu können) und fremde Krankheiten nach Amerika einschleppten, die für die Einheimischen sehr dezimierend wirkten. Zur Verwaltung der neuen Gebiete wurden Vizekönige eingesetzt. Aus der Entdeckung war die Eroberung geworden, welche sich schliesslich sehr brutal zum grössten Völkermord entwickelte, den die Menschheit je erlebt hat: um die 75 Mio. Menschen haben den Tod gefunden.[2]

Natürlich stellte sich auch die Frage nach der Legitimierung, zumal es sich nicht um herrenlose Gebiete handelte. Dazu diente das „requerimiento“, ein offizielles Dokument, das Frieden anbot und gleichzeitig mit Krieg drohte, sollten die Bekehrung zum christlichen Glauben und die neue Herrschaft abgelehnt werden. Da die Indios den Inhalt aber nicht verstehen konnten, diente es faktisch bloss der Beseitigung von Gewissensbissen seitens der Spanier. Nichtsdestotrotz gab es glücklicherweise auch Theologen, die als Anwälte für die Indiovölker eintraten und mit ihrem Denken schon die Entwicklungen des 20. Jh. beeinflusst haben. Einer davon war ein gewisser Bartolomé de las Casas, dem ein eigenes Kapitel gewidmet ist. Zwar hatte bereits 1500 die spanische Krone die Versklavung von Indios verboten und sie zu freien Untertanen erklärt. Gemäss päpstlicher Bulle hatte die spanische Krone den Auftrag, die Eroberten zu christianisieren. Dies hiess auch Europäisierung. Das bedeutet aber auch, den Indios ihre Identität zu nehmen und eine neue aufzuzwingen. Und wie nimmt man den Indios am einfachsten die Identität? Indem man ihre Kultur zerstört. So wurden massenhaft indianische Kunstwerke, Skulpturen, Bilder usw. entfernt, die traditionelle Kleidung und Theaterspiele, die Erinnerungen an die alte Kultur wach halten konnten, verboten und die spanische Sprache aufgezwungen. Die indianische Religion und Kultur wurde von den meisten Missionaren verteufelt. Zur Christianisierung entwickelte man das System der „encomienda“ (Anvertrauung). Demnach erhielten die Konquistadoren eine bestimmte Anzahl Indios anvertraut, die sie schützen und christlich erziehen sollten, während jene für sie arbeiteten. In der Realität wollten die Eroberer aber einfach nur schnell reich werden und behandelten ihre Anvertrauten wie Sklaven und kamen so auch ihrem Erziehungsauftrag nicht nach. Die Missionsbemühungen waren folglich grösstenteils von den Orden (Franziskaner, Dominikaner u.a.) getragen, aber eigentlich bloss eine Begleiterscheinung; im Zentrum für die meisten Spanier standen das Gold und die Habgier, auch wenn die Missionierung als Hauptbegründung für die Conquista diente.

Die Bettelorden erkannten die faktische Grausamkeit des Encomienda- Systems und begannen es in öffentlichen Predigten anzuprangern. Stellvertretend für den Predigerorden hielt Antonio Montesino 1511 eine epochale Predigt, wo er das Unrecht anklagte:

„Sagt, mit welchem Recht und mit welcher Gerechtigkeit haltet ihr diese Indios in solch grausamer und entsetzlicher Knechtschaft? […] Sind sie etwa keine Menschen? Haben sie keine vernunftbegabten Seelen? Seid ihr nicht verpflichtet, sie wie euch selbst zu lieben? Versteht ihr das nicht? Fühlt ihr das nicht? Wie könnt ihr in einen so tiefen, so bleiernen Schlaf versunken sein? Haltet es für gewiss, dass ihr euch in dem Zustand, in dem ihr euch befindet, nicht besser retten könnt als die Mauren oder Türken, denen der Glaube an Jesus Christus fehlt und die ihn nicht haben wollen.“[3]

1537 erklärte ein päpstliches Machtwort die Indios endgültig zu Menschen. Doch zwischen Theorie und Praxis bestand, wie so oft, weiterhin ein beträchtlicher Unterschied. Trotz dem Vertrag von Tordesillas bekundeten bald auch schon andere europäische Nationen (England, Niederlande, Frankreich) Interesse an Amerika. Frankreich versuchte den Portugiesen Brasilien (wegen dem wertvollen Brasilholz so genannt) streitig zu machen. Darauf begann Portugal eigentlich erst seine Kolonialisierung und vertrieb die Franzosen aus Brasilien. Lateinamerika war wichtiger Rohstofflieferant für die europäischen Grossmächte, vor allem von Gold und Silber. Dies zog auch viele Piraten an, die sich einen Teil vom Kuchen abschneiden wollten. So wurde Lateinamerika immer mehr zu einer freien Zone, wo weiter gekämpft und geplündert werden konnte, auch wenn in Europa Frieden herrschte. Es galt kein Völkerrecht mehr, sondern nur das Recht des Stärkeren. Neben den indigenen Untertanen wurden Millionen „offizielle“ Sklaven aus Afrika nach Amerika verschleppt und schnell mischte sich die Bevölkerung zwischen den drei Rassen, was eine grosse Herausforderung für das Zusammenleben und gegenseitiges Lernen und Anpassen werden sollte.

1.3. Bartolomé de las Casas

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wir sollten uns hier ein wenig eingehender mit Bartolomé de las Casas beschäftigen, weil er oft als Vorgänger der Befreiungstheologie des 20. Jh. ge­nannt wird und somit sehr interessant für unser Thema ist.

Bartolomé de las Casas wurde 1484 in Spanien geboren. Ab 1502 war er zunächst Konquistador und Encomendero in der neu entdeckten Welt und liess sich dann überraschend zum Weltpriester weihen. Als die Dominikanerbrüder in Santo Domingo begannen, das Unrecht anzuklagen, wurde auch er damit konfrontiert. Die dortigen Dominikaner sahen das Encomienda- System als Todsünde. Als Las Casas dann die Beichtabsolution verweigert wurde, begann in ihm ein Prozess der Umkehr. Diese liess ihn dann den ausgebeuteten Indio als den Unterdrückten, den Armen erkennen, den Nächsten, den es zu lieben galt. Bartolomé wurde zum grossen Kritiker des Encomienda- Systems und zum Anwalt derjenigen, die keine Stimme hatten, der Indios. Von nun an arbeitete Las Casas mit den Dominikanern zusammen. Er reiste mehrere Male nach Europa um dort, v.a. dem König, von der entsetzlichen Realität in Lateinamerika zu berichten. Er schildert in seinen Schriften all die Gräueltaten, die er miterleben musste, wohl auch etwas übertreibend, doch trifft er den Nagel damit genau auf den Kopf. Das Problem war nur, dass die spanischen Weltherren überhaupt kein Interesse an einer Veränderung hatten, ihnen ging es ja gut. Selbst die Kleriker waren gespalten. Las Casas blieb freilich nicht bei rein theoretischen Anschuldigungen stehen, sondern versuchte mit allen Mitteln aktiv etwas zu bewegen, auch politisch, z.B. vom König Land für seine eigene friedliche Evangelisierung zugesprochen zu bekommen, welches sonst kein Spanier ausser den Dominikanermönchen betreten dürfe. Doch selbst nach manchen Teilerfolgen waren seine Bemühungen zum Scheitern verurteilt, zu gross war der Widerstand der Mächtigen, und auch Bischöfe und Kardinäle kämpften gegen ihn und intrigierten, wo sie nur konnten. Allzu sehr nur erinnert mich dies an viele Befreiungstheologen, die heute noch genau dasselbe traurige Schicksal erleben. Bartolomé de las Casas zog sich im Folgenden für ein paar Jahre zurück und trat 1522 dem Dominikanerorden bei. Doch sein Herz schlug weiterhin für Friede und Gerechtigkeit für die Indios. Er lebte ja auch inmitten der Geschehnisse. Knapp zehn Jahre nach seiner klösterlichen Versenkung tauchte er wieder auf und machte unbeirrt weiter in seinem Wirken. Und wieder wurde er bekämpft, denunziert und verleumdet, und wieder schaffte er gewisse Erfolge. Wie schon erwähnt, unterzeichnete Papst Paul III. 1537 die Menschenrechtsbulle Sublimis Deus. Doch der Papst konnte sich nicht durchsetzen, der spanische König behauptete seine Oberhoheit. Las Casas konnte König Karl V. dann aber doch noch für seine Ideen gewinnen. 1542 verabschiedete dieser die „Leyes Nuevas“, neue Gesetze, die den Indios Rechte zusichern sollten. Bartolomé de las Casas wurde nach seinem Erfolg 1544 zum Bischof von Chiapas geweiht. Doch der Aufschrei der Kolonisten war gross, und deren Druck brachte den König schliesslich soweit, seine „Leyes Nuevas“ zu widerrufen. Bartolomé des las Casas war stets sehr umstritten. Nicht nur Geschäftsleute, Soldaten oder Politiker verteidigten die Sklaverei, auch intellektuelle Eliten argumentierten gegen eine gleiche Würde der Indios, nicht zuletzt auch an den theologischen Fakultäten. Bei all diesen Kämpfen um Macht, Besitz und eigener Selbstbehauptung waren die doppelten Verlierer stets die Armen, die Indios. Resigniert verzichtete Las Casas auf sein Bistum und versuchte in Europa mehr erreichen zu können.[4]

Zurück in Spanien lieferte sich Las Casas eine grosse Diskussionsschlacht mit Juan Ginés de Sepúlveda, einem äusserst gebildeten Humanisten. Dieser verteidigte die Sklaverei und die Kolonialisierungspraktik der Spanier mit allen Mitteln. Er versteht das „compelle intrare“ im Sinne von Augustinus. Für Las Casas jedoch muss jegliche Gewalt immer ausgeschlossen werden, Mission geschieht durch argumentative Überzeugung, niemals durch Zwang. Die beiden konnten sich nicht verstehen, zu verschieden waren ihre jeweiligen Erfahrungshorizonte. Sepúlveda selber war ja auch nie in Übersee gewesen. Für Las Casas hingegen waren Praxis und Reflexion über die Praxis untrennbar miteinander verbunden (gute alte Dominikanertradition). Er erreichte schliesslich, dass Sepúlvedas Schrift „Democrates alter“ verboten wurde und es trotz Widerstand auch blieb.[5]

Bartolomé de las Casas’ Antwort auf Sepúlvedas Verständnis des „compelle intrare“ (Lk, 14,21ff) war folgende:

„Es wäre schön, wenn Sepúlveda und seine Anhänger diesbezüglich irgendeine Schriftstelle angäben, die besagtes Gleichnis in Sepúlvedas Sinne kommentiert, und zwar derart, dass das Evangelium (das die Gute und Frohe Botschaft ist) und die Vergebung der Sünden mit Waffen und Bombarden verkündet werden sollen, indem man das Volk militärisch unterwirft und mit dem Feuer des Krieges verfolgt. Was hat die Frohe Botschaft mit den Verstümmelungen, Sklavereien, Massakern, Feuersbrünsten, Städteverwüstungen und bekannten Übeln allen Krieges zu tun? In Wahrheit würden sie lieber zur Hölle fahren, als die Vorteile des Evangeliums zu geniessen.“[6]

In seinen späten Jahren korrigierte er auch seine frühere Befürwortung des afrikanischen Sklavenhandels, und optierte schliesslich auch für diese Unterdrückten. Seine massiven Anschuldigungen wurden von den Spaniern als falsche „schwarze Legende“ abgetan. Bartolomé de las Casas starb 1566 in Spanien im Alter von 82 Jahren.

1.4. Nachkoloniale Entwicklungen

Durch die Conquista war der amerikanische Kontinent zu einer riesigen Einwanderungsregion geworden (v.a. in der zweiten Hälfte des 19. Jh. kam es zu einer richtiggehenden Einwanderungswelle). In der Folge der Kolonialisierung lebten nun verschiedene Ethnien miteinander: Indígenas, Europäer und Afrikaner. Europäische Nachkommen, die in Amerika zur Welt kamen, nannte man Kreolen, Mischlinge von Europäer und Indios, Mestizen. Es entstand eine eigene Gesellschaft, die für die spanische und portugiesische Krone trotz aller Bemühungen immer schwieriger zu kontrollieren wurde. Das Reich war zu gross geworden und zu weit war Amerika entfernt. Die Weissen bildeten die Oberschicht und so kam es unweigerlich auch zu Konflikten zwischen den verschiedenen Gruppen, und das Gefälle von Arm und Reich wurde immer grösser. Die katholische Kirche war eine wichtige Stütze des kolonialen Herrschaftssystems und entwickelte sich zur wichtigsten Bildungs- und Sozialeinrichtung. Weiterhin wurde eifrig europäisiert und christianisiert, doch blieb dies zumeist nur oberflächlich. Indianische Traditionen und Riten wurden beibehalten, und verschmolzen mit christlichen Elementen zu einem Synkretismus, der noch bis heute Bestand hat.[7]

[...]


[1] Vgl. Rinke, Lateinamerika (2010) 8–22.

[2] Vgl. Rinke, Lateinamerika (2010) 22–37.

[3] Delgado, Bartolomé de las Casas (1995) 226.

[4] Vgl. Eggensperger/Engel, Bartolomé de las Casas (1991) 37–88.

[5] Vgl. Eggensperger/Engel, Bartolomé de las Casas (1991) 97–102.

[6] Koschorke/Ludwig/Delgado, Aussereuropäische Christentumsgeschichte (2006) 227.

[7] Vgl. Rinke, Lateinamerika (2010) 39–98.

Details

Seiten
42
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656368021
ISBN (Buch)
9783656369585
Dateigröße
807 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v208318
Institution / Hochschule
Université de Fribourg - Universität Freiburg (Schweiz) – Universität Fribourg (CH)
Note
5.5 / 6
Schlagworte
rezeption zweiten vatikanischen konzils lateinamerika

Autor

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Titel: Die Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils in Lateinamerika