Lade Inhalt...

Erleuchtung und Theosis - Tulku und Gerontes

Ein religionswissenschaftlicher Vergleich zwischen Buddhismus und orthodoxem Christentum

Hausarbeit 2012 28 Seiten

Theologie - Vergleichende Religionswissenschaft

Leseprobe

Inhalt

Einführung

1. Die Welt des Buddhidmus
1.1 Buddha und seine Lehre
1.2 Die fünf ethischen Vorsätze der Buddhisten

2. Die Welt der Orthodoxie
2.1 Der Begriff „orthodox“

3. Erleuchtung
3.1 Erleuchtung im Christentum
3.2 Erleuchtung im Buddhismus

4. Der Begriff Theosis
4.1 Theosis im Christentum
4.2 Voraussetzungen und Ziel der Theosis
4.3 Das Herzensgebet

5. Erleuchtete/Heilige Personen
5.1 Tulku
5.2 Gerontes

Fazit

Bibliographie

Einführung

Erleuchtung ist ein geistlicher Zustand, der den Wunsch der Menschheit nach einem höheren, der Sphäre der Vollkommenheit am nächsten gelegenen, Leben ausdruckt. Der Mensch sehnt sich nach Frieden, Vervollkommnung und Göttlichkeit.

Der Buddhismus und das orthodoxe Christentum sind unterschiedliche Wege der Suche nachgegangen, kamen jedoch im Laufe der Geschichte mehrmals in Berührung. Dabei sind Kontakte und Dialoge entstanden. Es ist erkannt worden, dass beide religiöse Traditionen Elemente und Züge, Praktiken und Theorien antiker philosophischer Bewegungen aufgenommen hatten, diese aber unterschiedlich entwickelten. So erscheinen besonders der Weg und die Voraussetzungen zur Erleuchtung als gemeinsames Gut beider Religionsfamilien. Der grosse Unterschied liegt an das Ziel. Orthodoxe erleuchtete Menschen sehnen sich nach dem göttlichen Tabor-Licht, das Licht der Verklärung Christi. Buddhisten wiederum sehnen sich nach Nirvana und Beendigung des Inkarnationskreises.

In dieser Hausarbeit wird ein Vergleich zwischen Erleuchtung und erleuchtete Personen in beiden Religionsfamilien versucht.

1. Die Welt des Buddhismus

Der Buddhismus ist wenig einheitlich, vielmehr ist er vielfältig[1]. Es lassen sich drei Hauptrichtungen erkennen, die auch geographisch zugeordnet werden können. Der Theravada-Buddhismus in Sri Lanka, Thailand, Myanmar, Laos, Kambodscha und Vietnam, der Mahayana-Buddhismus in China, Korea und Japan und der Vajrayana -Buddhismus im Himalaya und Tibet[2]. Fern der Unterschiede dieser drei Richtungen, die sich in zahlreichen Schulen und Lehrtraditionen entfalten, wie z.B. Yogacara[3] oder Zen[4], besteht eine wesentliche Gemeinsamkeit, nämlich die Berufung auf den historischen Buddha als Gründer des Buddhismus und auf die Verbreitung seiner Lehre[5].

1.1 Buddha und seine Lehre

Der Buddhismus beruft sich auf die Lehren des Siddhartha Gautama, der in Nordindien vor ca. 2500[6] Jahren lebte[7]. Durch eine Reihe von Lebensstationen, die ihn durch Armut und Askese führt, geht er auf die Suche des Wegs der Befreiung vom ewig sich wiederholenden Kreis des Daseins (Samsara[8] ). Er gelangt zur Erleuchtung und löst eine religiöse Reformbewegung aus als „historischer Buddha“[9]. „Buddha“ heisst „Erwachter“ oder „Erleuchteter“ und ist ein Ehrentitel, der sich auf ein Erlebnis bezieht, das als Bodhi[10] d.h. „Erwachen“[11], bezeichnet wird[12]. Der buddhistischen Lehre nach ist damit eine fundamentale und befreiende Einsicht in die Grundtatsachen allen Lebens, aus der sich die Überwindung des Leids im Dasein ergibt, gemeint. Das Ziel der buddhistischen Praxis ist es diese Erkenntnis zu erlangen. Dies kann durch das Befolgen der Lehre des historischen Buddha erreicht werden, wobei Buddha selbst als Vorbild gilt. Von extremer Askese oder Hedonismus und Radikalismus wird strengstens abgeraten. Ein Mittlerer Weg wird empfohlen und praktiziert.[13]

Der Buddhismus blieb der hinduistischen Inkarnationslehere in vieler Hinsicht treu, wie z.B. das immer währende Leid des Daseins, was sich durch die Inkarnationen (Samsara) verewigt und dass das Karma für diese Reproduktion des Leidens verantwortlich ist[14]. Buddha gab dem Karma einen neuen Inhalt. Seiner Lehre nach sind nicht alle Taten, sondern nur die vom Willen ausgehenden Verursacher des Karma[15]. Alles Handeln und Denken bewirkt Karma und führt somit zu weiteren Verstrickungen in der Welt. Karma bezieht sich auf das sinnliche Begehren und das Anhaften an den Erscheinungen der Welt und die daraus folgenden Gedanken und Taten[16]. Diese Lehre wird im Pali-Kanon in die vier edlen Wahrheiten systematisiert:

1. Die Erkenntnis, dass das Leben von Leiden geprägt ist (dukkha)[17]
2. Die Erkenntnis, dass dieses Leiden durch Gier, Hass und Verblendung (3 Geistesgifte) verursacht wird[18]
3. Die Erkenntnis, dass Leid durch Beseitigung dieser Ursachen beendet werden kann (Nirvana)[19]
4. Die Erkenntnis, dass der Weg, der zur Beendigung des Leidens führt, über den Achtfachen Pfad ermöglicht werden kann.

Diese vier edlen Wahrheiten sind vielfach mit dem Vorgehen eines Arztes verglichen worden, nämlich zuerst die Diagnose, dann die Suche nach der Ursache, die Wahl der Therapie und das Verabreichen der Medizin. Die Diagnose lautet ,Leiden’. Ihre Ursache ist die Gier nach Lebens- und Sinnengenüssen, dieTherapie ist das Entfernen dieser Gier, und die Medizin, die die Gier vertreibt, bildet der edle achtteilige Pfad[20].

Als Orientierung für die Praxis gilt der achtgliedrige Pfad: rechte Sicht, rechte Gesinnung, rechte Rede, rechtes Handeln, rechte Lebensführung, rechtes Bemühen, rechte Achtsamkeit und rechte Meditation. Dabei beziehen sich rechte Gesinnung, rechte Rede mid rechtes Handeln ,,auf die drei Arten des Karmas: Gedanken, Worte und Werke. Wenn diese drei in buddhistisch rechter Weise praktiziert werden, haben sich Auswirkungen auf die Lebensführung, den fünften Punkt zum Beispiel bei der Wahl des Berufes — alle Tätigkeiten, die mit dem Toten verbunden sind, sind für einen buddhistischen Laien nicht akzeptabel. Für den Mönch ist die einzig mögliche Form des Lebensunterhaltes das Bitten um Almosen. Das sechste und siebte Glied der Achterreihe, rechtes Bemühen und rechte Achtsamkeit, beziehen sich auf die ersten fünf Glieder, um deren Kontrolle man sich stets auf rechte Art bemühen soll. Mit Achtsamkeit wird im Buddhismus eine strenge Selbstbeobachtung bezeichnet, die in kleinen Schritten jeden Vorgang, sei er körperlich, emotional oder intellektuell, beobachtet mid bewusst macht. Dieser Zustand der Bewusstheit ist stets beizubehalten. Rechte Konzentration bildet den Abschluss des mittleren Pfades, eine Form der Meditation, bei der der Geist auf einen Punkt reduziert wird, bis sich für den Meditierenden der Unterschied zwischen Subjekt mid Objekt aufhebt und die Sinnenwelt für ihn verschwindet. In diesem Moment ist auch das Leiden, das in der Gier nach diesen Sinnesobjekten besteht, aufgehoben. Dies alles betrifft vor allem die Mönche. Für die Laien reduzieren sich die Verhaltensvorschriften auf fünf: nicht töten, nicht lügen, nicht stehlen, nicht ehebrechen, keinen Alkohol trinken[21].

1.2 Die fünf ethischen Vorsätze der Buddhisten

Voraussetzung für erfolgreiche Meditationsübungen im Buddhismus ist ein ethisches Leben. Richtschnur für ein solches Verhalten sind sog. „Trainingsregeln“, denen Buddhisten folgen. Sie sind allerdings keine Gebote, denen unbedingt zu folgen ist. Sie kennzeichnen lediglich das Verhalten bzw. dienen als Orientierung für das Verhalten der Buddhisten. Für diese fünf ethischen Vorsätze gibt es positive und negative Formulierungen:[22]

Aufhören, andere Lebewesen zu töten oder zu verletzen.

Positiv formuliert: Allen mit Freundlichkeit, Offenheit und Wohlwollen begegnen.

Aufhören, etwas zu nehmen, was nicht freiwillig gegeben wurde.

Positiv ausgedrückt: Großzügig handeln und geben.

Aufhören, durch Sexualität Leid zuzufügen.

Positiv: Partnerbeziehungen auf Liebe und Achtsamkeit gründen.

Aufhören, unwahr und verletzend zu sprechen.

Positiv: Ehrlichkeit, Offenheit und achtsame Rede pflegen.

Aufhören, bewusstseinstrübenden Konsum zu praktizieren.

Positiv: Immer gegenwärtige Achtsamkeit und Bewusstheit üben.[23]

Jeder ist frei, Ethik und Meditation nicht zu üben, aber es ist leider unmöglich, das Leben dauerhaft zu genießen. Denn: Der Buddhismus behauptet, dass weltliches Leben letztlich unbefriedigend ist und im Vergleich zum spirituellen Leben nur geringe Freuden bietet. Das schließt nicht aus, dass man im gewöhnlichen Leben zeitweise Glück und Freude erleben kann. Die Menschen versuchen, ihr Glück festzuhalten, scheitern jedoch immer. Sie können Krankheiten, Alterungsprozesse und dem Tod nicht entrinnen. Der Buddhismus behauptet, dass Unzufriedenheit und Leidenserfahrungen unvermeidbare Eigenschaften menschlicher Existenz sind. Sie entstehen aus der menschlichen Neigung, selbstsüchtig zu begehren, was jedoch zu keinem dauerhaften Glück führt. Das Begehren der Menschen führt sie letztendlich in leidhafte Zustände. Der Buddhismus ist optimistisch, einen Weg aus diesen Leiden aufzuzeigen durch die Vision von Existenz, die völlig frei von Leiden ist, voll innerem Frieden und Glück.[24]

[...]


[1] Antes, Peter: Grundriss der Religionsgeschichte. Von der Prähistorie bis zur Gegenwart, in: Theologische Wissenschaft. Sammelwerk für Studium und Beruf, hrsg. von Traugott Jähnichen, Otto Kaiser, Eduard Lohse, Adolf Martin Ritter, Ulrich Schwab, Bd. 17, Stuttgart: Kohlhammer, 2006, S. 60.

[2] Ebd.

[3] Jones, Lindsay (Ed. in Chief): Encyclopedia of Religion, USA: Macmillan Reference, 22005, Volume 14: S. 9897.

[4] Dumoulin, Heinrich: Zen Buddhism. A History. Volume 1: India and China, Bloomington: World Wisdom Books, 2005, S. xvii.

[5] Ebd.

[6] Bechert, Heinz: The Date of the Buddha Reconsidered, in: Indologica Taurinensia 10, 1982, S. 29–36; Bechert, Heinz: Die Lebenszeit des Buddha – das älteste feststehende Datum der indischen Geschichte? In: Nachrichten der Akademie der Wissenschaften in Göttingen. Philologisch-Historische Klasse, Jg. 1986, Nr. 4; Gombrich, Richard: Rezension von Heinz Bechert: Die Lebenszeit des Buddha, in: Göttingische gelehrte Anzeigen 246, 1994, H. 1/2, S. 86–96.

[7] Schmidt-Glintzer, Helwig: Der Buddhismus, München: C.H. Beck, 22007, S. 15.

[8] Harvey, Peter: An Introduction to Buddhism: Teachings, History and Practices, Cambridge University Press, 1990, S. 103.

[9] Snelling, John: The Buddhist handbook. A Complete Guide to Buddhist Teaching and Practice, London: Century Paperbacks, 1987 , S. 81.

[10] Coomaraswamy, Ananda: Buddha and the Gospel of Buddhism, Boston: University Books, 1975, S. 225.

[11] Freiberger, Oliver/Kleine, Christoph: Buddhismus. Handbuch und kritische Einführung, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2011, S. 39.

[12] Wardner, A.K.: Indian Buddhism, Delhi: Motilal Banarsidass Publishers, 2000, S. 47-48.

[13] Μπενετάτου, Μαριάννα: «Το ασκητικό ιδεώδες κατά τον αρχαίο βουδδισμό και στωικισμό», Ελληνική Φιλοσοφική Επιθεώρηση 3 (1986), S. 164-174.

[14] Obeyesekere, Gananath: Imagining Karma: Ethical Transformation in Amerindian, Buddhist, and Greek Rebirth, University of California Press, 2002, S. 99.

[15] Παπαλεξανδρόπουλος, Στέλιος: Κείμενα ιστορίας θρησκευμάτων. Τεύχος δεύτερο: ο Βουδισμός, Αθήνα: Πανεπιστημιακές παραδόσεις, 2010, S. 5.

[16] Payer, Alois: Karma und Wiedergeburt im Buddhismus : Vortrag. Fassung vom 26. Juni 2000. In: http://www.payer.de/einzel/karma.htm. (Stand: 01.09.2012).

[17] Thich Nhat Hanh: The Heart of the Buddha's Teaching, Three River Press, 1999, S. 11; Sucitto, Ajahn: Turning the Wheel of Truth: Commentary on the Buddha's First Teaching, Shambhala, 2010, S. 2.

[18] Dalai Lama: The Meaning of Life, translated and edited by Jeffrey Hopkins, Boston: Wisdom, 1992, S. 4 und 42.

[19] Hindson, Ed: The Popular Encyclopedia of Apologetics, Eugen, Oregon: Harvest House Publishers, 2008, S. 264; Edkins, J.: The Nirvana of the Northern Buddhists , in: The Journal of the Royal Asiatic Society of Great Britain and Ireland, Coverage: 1835-1990 (Vol. 2 - New Series, No. 2), S. 59-79.

[20] Antes, Peter: S. 65

[21] Ebd.

[22] Hutter, Manfred: Die Weltreligionen, München: C:H: Beck, 32008, S. 30.

[23] Der Weg aus dem Leiden heraus, in: http://www.bruckunst.at/Buddhismus_der_weg.html (Stand: 03.09.2012).

[24] Frommer, Julia: Buddhistische Ethik als Thema des katholischen Religionunterrichts, München: GRIN, 2006, S. 24-27.

Details

Seiten
28
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656350293
ISBN (Buch)
9783656350774
Dateigröße
610 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v207774
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam
Note
2,0
Schlagworte
Buddhismus Orthodoxie Tulku Gerontes Erleuchtung Theosis

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Erleuchtung und Theosis - Tulku und Gerontes