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Figurencharakterisierung durch Sprachverwendung in Theodor Fontanes ,,Irrungen, Wirrungen”

Hausarbeit 2011 18 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Textanalyse
2.1 Lotmans Raumsemantik
2.2 Raumsemantik in Fontanes „Irrungen, Wirrungen“

3. Die soziale Situation der Figuren
3.1 Lene Nimptsch
3.2 Botho von Rienäcker
3.3 Käthe von Sellenthin
3.4 Frau Dörr

4. Sprache als Mittel zur Figurencharakterisierung
4.1 Lene Nimptsch
4.2 Käthe von Sellenthin
4.3 Botho von Rienäcker
4.4 Frau Dörr

5. Zusammenfassung der Ergebnisse

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Fontane hielt die gesprochene Sprache für den Schlüssel zum Charakter und zu den Fähigkeiten eines Menschen; beim Reden mit anderen enthüllten sich für ihn die Unterschiede zwischen den Menschen […].“1

Die Sprache wird auch in literarischen Werken dazu genutzt Figuren zu charakterisieren. Dabei kann eine Figur durch Aussagen von anderen Figuren direkt charakterisiert werden, oder aber die Art und Weise der Artikulation, der Inhalt der Aussagen und die Auswahl der Lexik fungieren als indirektes Mittel der Charakterisierung. Die Art, wie eine Figur Sprache verwendet, kann Hinweise auf die Charaktereigenschaften, die Interessen, den Bildungsgrad, die Herkunft und die Zugehörigkeit einer Figur zu einem bestimmten Personenkreis, liefern.

In der vorliegenden Seminararbeit mit dem Titel „Figurencharakterisierung durch Sprachverwendung in Theodor Fontanes Irrungen, Wirrungen “ möchte ich diese Technik der indirekten Charakterisierung, speziell an dem Roman Irrungen, Wirrungen analysieren. Dazu gehe ich sprachanalytisch vor, das heißt ich untersuche die Sprache verschiedener Figuren im Roman, mit dem Ziel ihrer Charakterisierung. Weiterhin möchte ich zeigen, dass die unterschiedliche Art der Verwendung von Sprache auch Hinweise darauf gibt, welchen Platz die Figuren in der Gesellschaft der erzählten Welt, einnehmen.

Um dies zu realisieren möchte ich in meiner Seminararbeit zunächst den Text nach dem strukturalistisch- semiotischen Raummodell von Jurij M. Lotman analysieren, um die Oppositionen in der erzählten Welt herauszustellen und die Figuren in das Geschehen einordnen zu können. Zur Einordnung der Figuren werde ich mit den äußeren Merkmalen, speziell dem sozialen Stand und der Herkunft beginnen und in einem weiteren Punkt die Charakterisierung durch die Sprachverwendung vornehmen.

Um die Vorgaben des Umfangs dieser Seminararbeit einzuhalten, habe ich eine Auswahl von Figuren getroffen, auf die ich mich konzentrieren möchte. So werde ich meine Analyse an der weiblichen Protagonistin Lene, dem männlichen Protagonisten Botho von Rienäcker, der Adligen Käthe von Sellenthin und der Kleinbürgerin Frau Dörr vornehmen. Mit dieser Auswahl kann ich den Oppositionen der Figuren Ausdruck verleihen und so durch die großen Unterschiede im sozialen Status, Wesen und Sprachgebrauch eine differenzierte Darstellung liefern. In meiner werkimmanenten Interpretation stütze ich mich in meinem Argumentationsaufbau auf die Aufsätze von Walter Hettche und Kurt Wölfel.

2. Textanalyse

2.1 Lotmans Raumsemantik

Der estnische Literatur- und Kulturwissenschaftler Jurij M. Lotman entwickelte mit seinem strukturalistisch- semiotischen Raummodell einen erzähltheoretischen Ansatz zur Analyse von narrativen Texten, in welchem die räumliche Organisation der erzählten Welt im Vordergrund steht.

Lotman verwendet den Begriff „Sujet“, welcher für den „globalen“ Aufbau einer Handlung steht und aus drei obligatorischen Komponenten besteht.

„1. ein semantisches Feld [i.e. eine erzählte Welt], das in zwei komplementäre Untermengen aufgeteilt ist; 2. eine Grenze zwischen diesen Untermengen, die unter normalen Bedingungen impermeabel ist, im vorliegenden Fall jedoch sich für den Handlung tragenden Helden als permeabel erweist; 3. der die Handlung tragende Held.“2

Er unterscheidet zwischen zwei Arten von Texten. Der„sujethafte“ Text ist ein narrativer Text und kennzeichnet sich durch das Ereignis der Überschreitung der Grenze, während der „sujetlose“ Text durch Statik gekennzeichnet ist, die sich aus der Ereignislosigkeit ergibt.3

Durch die Grenze entstehen zwei Seiten oder Räume, die durch „topologische“, „semantische“ und „topographische“ Oppositionen im Spannungsfeld zueinander stehen. Diese Oppositionen ermöglichen eine Systematik im Raum der erzählten Welt, die ''zum organisierenden Element wird, um das herum auch die nicht-räumlichen Charakteristika aufgebaut werden.“4

Wenn man nun von dem „sujethaften“ Text ausgeht, gibt es „revolutionäre“ Texte, in welchen eine Grenzüberschreitung gelingt oder aber „restitutive“ Texte, in welchen eine Grenzüberschreitung missglückt, oder eine Grenzüberschreitung wieder zurückgenommen wird.5 Dieses Modell werde ich im nächsten Punkt an dem Roman „Irrungen, Wirrungen“ anwenden und erläutern.

2.2 Raumsemantik in Fontanes „Irrungen, Wirrungen“

Der von Theodor Fontane verfasste Roman ,,Irrungen, Wirrungen” , welcher im Jahr 1888 in der Vossischen Zeitung erschien, spielt in den 1970er Jahren in Berlin und handelt von der nicht standesgemäßen Liebesbeziehung zwischen dem Adligen Botho von Rienäcker und der Kleinbürgerin Lene Nimptsch.

Das semantische Feld ist in diesem Fall das fiktionale Berlin, welches in die Lebenswelt des Adels und des Kleinbürgertums aufgeteilt wird. Botho überquert die Grenze dieser gegensätzlichen Welten, um eine Beziehung mit Lene einzugehen, beendet allerdings diese Beziehung nach einem Sommer wieder und stellt so die Ordnung des Raums wieder her. Die Verletzung der räumlichen Ordnung durch das Ereignis der Überquerung der Grenze machen den Text zu einem „sujethaften“, aber restitutiven Text, da die Überquerung zwar vorgenommen, aber dann wieder aufgehoben wird.

Topographisch äußert sich der Raum zu Beginn der Erzählung durch die Gärtnerei der Familie Dörr und dem Haus von Lene und Mutter Nimptsch „an dem Schnittpunkte von Kurfürstendamm und Kurfürstenstraße, schräg gegenüber dem Zoologischen“6 und der Wohnung von Botho auf der „Bellevuestraße,“7 als auch den Klub. Semantisch gesehen stehen diese topographischen Gegensätze für den Adel und das Kleinbürgertum, für Armut und Wohlstand. Topologisch wird besonders die Opposition der topographischen Gegensätze von Dorf und Stadt durch die Gegensätze von Weite und Enge differenziert. So klagt zum Beispiel Bothos Onkel Baron Osten: „Ihr schönes Berlin hat alles, aber keine Luft.“8 Die Enge und Weite äußert sich auch dadurch, dass Botho sich in allen Räumen frei bewegen kann, während Lene nicht zu allen Räumen freien Zutritt hat. Botho besucht Lene bei ihr zu Hause, sie spazieren durch die Gärtnerei der Familie Dörr und verbringen gemeinsam Zeit mit den Dörrs und Mutter Nimptsch. Lene allerdings hat keinen Zugang zu Bothos Wohnung oder den gesellschaftlichen Ereignissen seines Standes.

Ein weiterer Ort in der erzählten Welt ist Hankels Ablage, der zunächst für einen neutralen Ort steht. Er ist fernab der gesellschaftlich bestimmten Räume und Lene und Botho können sich bis zu dem Punkt an dem Bothos Kameraden mit ihren Damen auftauchen, gleichermaßen frei bewegen. Zugleich repräsentiert Hankels Ablage auch den Wendepunkt in der Handlung. Die kurzzeitig permeable Grenze, die zu Beginn der Erzählung verwischt wird, wird nach der Trennung von Lene und Botho wieder klar und impermeabel. Die Grenzüberschreitung wird rückgängig gemacht und bestätigt sich räumlich durch die neuen Wohnungen von Lene und Botho. Lene zieht mit ihrer Pflegemutter an das Luisen- Ufer und „Wer kam nach dem Luisen- Ufer? Botho gewiss nicht.“9 Botho zieht mit seiner Ehefrau Käthe von Sellenthin in die „Landgrafenstraße.“10

So bestätigt sich die Trennung räumlich durch die neuen Wohnungen und durch die neuen Partner, welche aus dem selben sozialen Stand sind und so die soziale Ordnung nicht mehr verletzen, sondern bestätigen. So fungieren die literarischen Räume in der erzählten Welt als Spiegel von sozialer Ordnung.

3. Die soziale Situation der Figuren

3.1 Lene Nimptsch

Magdalene Nimptsch ist ein Waisenkind und lebt bei ihrer Pflegemutter Frau Nimptsch. Sie ist in das Kleinbürgertum integriert, allerdings ist ihre wahre Herkunft ungewiss. So spekuliert Frau Dörr, dass „Lene möglicherweise eine Prinzessin“11 sein könnte. Lene und ihre Pflegemutter leben in einem Wohnhaus in dem Ort Wilmersdorf, welches durch die Familie Dörr vermietet wird. Dieses Wohnhaus wurde ursprünglich als Abstellraum genutzt und bietet nun eine sehr einfache und spärliche Wohnmöglichkeit für Frau Nimptsch und ihre Pflegetochter.12 Nach der Trennung von Lene und Botho ziehen die sie und ihre Mutter an das Luisen- Ufer, wo Lene ihnen eine „Prachtwohnung“ mietet und ihre einfache Einrichtung durch neue Möbel aufbessern kann.13 Lene arbeitet von zu Hause aus als Näherin14, allerdings ist ihr Verdienst gering, so dass die Ehe mit Gideon Franke ihr eine finanzielle Sicherheit bietet.15 Sie ist eine junge, fleißige Frau mit einem eher niedrigen Bildungsstand, welcher sich zum Beispiel durch orthographische Fehler in ihren Briefen an Botho16 zeigt.

[...]


1 Craig 1998, S. 229

2 Martinez/ Scheffel 2007, S. 140

3 Martinez/ Scheffel 2007, S. 140

4 Martinez/ Scheffel 2007, S. 140- 141

5 Martinez/ Scheffel 2007, S. 142

6 Fontane, S. 5

7 Fontane, S.37

8 Fontane, S. 43

9 Fontane, S. 129

10 Fontane, S. 123

11 Fontane, S. 8

12 Fontane, S. 9- 10

13 Fontane, S. 128

14 Fontane, S. 15

15 Fontane, S. 132

16 Fontane, S. 41

Details

Seiten
18
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656350446
ISBN (Buch)
9783656350811
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v207712
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Institut für deutsche Philologie
Note
2,0
Schlagworte
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Titel: Figurencharakterisierung durch Sprachverwendung in Theodor Fontanes ,,Irrungen, Wirrungen”