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Rezension: Pierre Bourdieu - Ein Soziologischer Selbstversuch

Rezension / Literaturbericht 2012 12 Seiten

Soziologie - Allgemeines und Grundlagen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Biographische Angaben zu Pierre Bourdieu

Einleitung

Akademisches Feld der 50-er Jahre

Algerien

Kindheit, Jugend, Studienzeit

Schlussfolgerung und Kritik

Literaturverzeichnis

Biographische Angaben zu Pierre Bourdieu

Pierre Bourdieu[1], geboren am 1. August 1930 in Denguin, der Region Aquitanien in Frankreich, als Sohn eines Bauern, später Postbeamten, seine Mutter war Hausfrau, gilt als einer der bedeutendsten Soziologen des 20. Jahrhunderts. Er besuchte von 1941 bis 1947 das Lycée (Gymnasium) in Pau, von welchem er 1948 auf das angesehene Lycée Louis-le-Grand in Paris wechselte, welches er 1951 mit einem Baccalauréat abschloss. 1951 bis 1954 widmete er sich dem Studium der Philosophie an der Faculté des Lettres der Sorbonne in Paris und an der École Normale Supérieure in Paris, welche als eine der angesehensten Grandes Écoles gilt und die Eliteschmiede der Französischen Gesellschaft darstellt. 1954 erreichte Bourdieu die Aggrégation, welche die Erlaubnis zum Lehren an einem Lycée darstellt – eine sehr schwer zu erreichende und sehr angesehene Position in der Französischen Gesellschaft. Dieser Tätigkeit ging er 1954-1955 am Lycée von Moulins nach, bevor er zum Militärdienst in Algerien zur Zeit des Bürgerkriegs einberufen wurde. 1958 bis 1960 hatte er eine Assistentenstelle an der Faculté des Lettres, einer Universität in Algerien inne, bevor er 1960 als Assistent an der Faculté des Lettres an der Sorbonne in Paris bei Raymond Aron wirkte. Bis zu seinem unerwarteten Tod aufgrund einer Krebserkrankung 2002 wirkte er gestaltend auf die Soziologie des 20.-ten Jahrhunderts nicht nur in Frankreich und Europa, sondern mit weltweiter Rezeption seiner Theorien und empirischen Befunde.

Bourdieus hauptsächliche Leistung war die Entwicklung der „Theorie der Praxis“ in welcher er die Begriffe Habitus, Kapital, Klasse, soziales Feld, sozialer Raum aus anderen Forschungsrichtungen entlehnt und weiterentwickelt, um eine empirisch überprüfbare Theorie der sozialen Ungleichheit und sozialen Mobilität zu schaffen. Weiter war Bourdieu in der Wissenschaftstheorie maßgebend für die Zusammenführung des Subjekt und Objekts in der sozialwissenschaftlichen Forschung. In seinen späten Jahren wirkte er gestaltend im politischen Feld mit, indem er sich gegen den Neoliberalismus positionierte. Seine Bedeutung wurde untermauert durch die Kondolenzliste nach seinem Ableben, welche sich wie ein Who’s who des wissenschaftlichen und politischen Zeitgeschehens liest (vgl. Schwingel 2009: 7).

Einleitung

„Ich beabsichtige hier nicht, einer Schriftgattung zu huldigen, von der ich oft genug gesagt habe, wie gefällig und zugleich trügerisch sie ist: die Autobiographie.“ (7)[2]

Bourdieus „soziologischer Selbstversuch“ möchte, wie er in dem ersten Satz des Buches festhält keine Autobiographie sein, sondern eine ihm „angemessen erscheinende Sicht der Dinge“ (7). Eine an sich akzeptable Absicht, wenn jemand nach einer gewissen Lebenszeit den Entschluss fasst, das Erlebte schriftlich mitzuteilen, wäre Bourdieu nicht Zeitlebens jemand gewesen, der wissenschaftliche Methodik, vorgefundene gesellschaftliche Zustände, aber auch sich selber als einen Teil des zu Erforschenden ständig hinterfragt hätte. So hat er im Jahr 1986 den Artikel „L’illusion biographique“ – „Die biografische Illusion“ veröffentlicht, in welchem er Kritik äußert, dass Biografie als ein zeitlich und logisch orientierter Zusammenhang gesehen wird (vgl. Liebau 1990: 83) – verantwortlich hierfür macht Bourdieu den Eigennamen, der als Institution aus Zeit und Raum herausgenommen wird und von Veränderungen ausgeschlossen ist (vgl. Bourdieu 1986). Jedoch geht mit dieser Verwendung des Eigennamens eine extreme Abstraktion der Identität der Person einher (vgl. Liebau 1990: 86). Für Bourdieu ist statt Biografie der Begriff „Trajectoire“ – Laufbahn treffender; darunter sind Positionen zu verstehen, „die nacheinander von demselben Akteur (oder derselben Gruppe) in einem Raum eingenommen werden, der sich selbst ständig entwickelt und der unausweichlichen Transformationen unterworfen ist“ (Bourdieu 1998). Bourdieu selber ist aus einfachen Verhältnissen bis an die Spitze der Gesellschaft gelangt, ohne sich jedoch jemals selbst vollständig zu diesem Feld gehörig zu fühlen. Inwiefern die Veränderungen des Raums, und die soziologische Beschreibung dieser Veränderungen im Buch gelungen ist, wird im Rahmen dieser Rezension besprochen.

Passend zur geäußerten Kritik an der klassischen Biographie, folgt Bourdieus Selbstversuch keiner Chronologischen Ordnung, sondern gliedert sich grob in drei Teile:

Zunächst beschreibt er das akademische Feld in Frankreich zu Beginn seines Studiums und seiner ersten akademischen Tätigkeiten in den 50-er und 60-er Jahren des 20.-ten Jahrhunderts. An dieser Stelle spart er nicht mit Kritik an den damaligen Zuständen, oder wichtigen Akteuren, es kommt der Eindruck auf, es handle sich um eine – nach einer extrem erfolgreichen Laufbahn und weltweiter Bedeutung im Bereich der Soziologie und darüber hinaus – Abrechnung aus unangreifbarer Position mit seinen Kontrahenten der damaligen Zeit.

Als zweiter grober Gliederungsteil lässt sich seine Zeit in Algerien, seine dortigen Forschungen, sowie im Anschluss die Übertragung der Methoden und Erkenntnisse auf seine Forschungen im Französischen Béarn identifizieren.

Als letzten Teil beschreibt er seine familiäre Herkunft, seine Kindheit, sowie die schwierig anmutende Zeit im Internat während seiner Ausbildung.

Akademisches Feld der 50-er Jahre

„Verstehen heißt zunächst das Feld verstehen mit dem und gegen das man sich entwickelt“ (11). Bourdieu schreibt an dieser Stelle, wie seiner Meinung nach „Institutionelle Riten“ eine „Selbstsicherheit (oder Überheblichkeit)“ erzeugten, und die École als „eine der Hochburgen des intellektuellen Lebens“ (13) erscheinen ließen. Philosophie – das Studienfach Bourdieus – galt zur damaligen Zeit als Königsdisziplin schlechthin – erzeugte bei Abschluss eine „Selbstsicherheit […], die zuweilen an die Unbewusstheit einer triumphalen Ignoranz heranreichte“ (13). Kritisiert wird auch der „Glaube an die „Allmacht der rhetorischen Erfindungsgabe“ (13), wobei hier Bourdieu offenbar seine früheren Lehrer beim Namen, und nicht im allzu guten Zusammenhang erwähnt: Michel Alexandre und Jean Beaufret. Gleichzeitig gelten die Ansprüche eines intellektuellen Philosophen als derartig hoch, dass es sich verbietet, sich mit „niederen“ Gegenständen oder Fächern zu beschäftigen, zu welchen zur damaligen Zeit auch die Sozialwissenschaften gehörten. Die Ablehnung dieser Wissenschaften, sowie anderer Themenbereiche wie des Marxismus, der Weberschen Staatslehre, sieht Bourdieu durch ein verändertes Feld aufgrund von Studentenprotesten 1968 zumindest ansatzweise beendet. Bourdieu beschreibt auch kurz wie das Gefühl der Abgehobenheit zustande kommt, indem zum einen „Interessenssolidaritäten“ und „Habitusaffinitäten“ herrschen, als auch ein „sozial konstruierte[s] Gefühl von >>überlegenem Wesen<< zu sein“ (15), welches durch die Zusicherung und Erwartung von gegenseitiger Verherrlichung aller ihrer Akteure entsteht - gleichzeitig kritisiert Bourdieu eine „mentale Distanz zur Welt“ (16).

[...]


[1] Für die Biografischen Angaben siehe Universität Graz

[2] Die Zitate des folgenden Textes stammen, sofern nicht anders gekennzeichnet, aus Bourdieu (2002): Ein soziologischer Selbstversuch. 1. Auflage. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag.

Details

Seiten
12
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656349327
ISBN (Buch)
9783656349723
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v207583
Institution / Hochschule
Johannes Kepler Universität Linz – Abteilung Theoretische Soziologie und Sozialanalysen
Note
1,0
Schlagworte
Bourdieu Ein soziologischer Selbstversuch Rezension Biographieanalyse Lebenslaufforschung Pierre Bourdieu Biographie

Autor

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Titel: Rezension: Pierre Bourdieu - Ein Soziologischer Selbstversuch