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Eine Betrachtung des Lebens von Attila József und seine Bedeutung in der Inszenierung "W - Arbeiterzirkus" von Arpad Schilling nach Georg Büchners "Woyzeck"

Der Dichter Attila József als Stimme des ungarischen Proletariats

Hausarbeit 2009 20 Seiten

Theaterwissenschaft, Tanz

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitende Worte

2. Attila Józsefs Leben im Kontext der ungarischen Geschichte
2.1 Die frühen Jahre des Attila József
2.2 Bettler der Schönheit
2.3 Studentendasein des jungen Dichters
2.4 Rückkehr in die ungarische Heimat
2.5 Konspirative Arbeiten
2.6 Die letzten Jahre des Attila József

3. Attila Józsefs lyrisches Erbe in Arpád Schillings Inszenierung W – Arbeiterzirkus
3.1 Arpad Schilling und Krétakör
3.2 Die Inszenierung W – Arbeiterzirkus
3.3 Die Bedeutung von Attila József für W – Arbeiterzirkus
3.4 Einbindung der Dichtkunst von Attila József in die Inszenierung W – Arbeiterzirkus
3.4.1 Beschreibung der szenischen Umsetzung des Gedichtes drei Könige in Bethlehem

4. Resümee: W – Arbeiterzirkus in der Rezeption des Woyzeckstoffes

5. Quellenangaben

1. Einleitende Worte

„…[Attila József]‚ein Sohn der Straße und der Erde`, aus dem ungarischen Volksleben, der nationalen Geschichte und aus dem Erlebnisstoff einer konterrevolutionären Epoche eine Dichtung von allgemeiner Gültigkeit und von geradezu enzyklopädischer Vollständigkeit schuf.“[1]

Attila József – der Proletarier mit Weltblick – hatte ein kurzes aber dennoch einschneidendes Leben. Sein lyrisches Erbe verleiht der ungarischen Arbeiterklasse ihre verlorene eigene Wertigkeit. Die folgenden Abschnitte beschäftigen sich mit dem Leben des ungarischen Poeten im Kontext mit geschichtlichen und politischen Geschehnisse in Ungarn zwischen den Jahren 1905 und 1937. Die historische Komponente zeigt den Einfluss auf das bedrückende Lebensgefühl und die Dichtkunst des Attila József: Die Prägung und Färbung einer Klasse sowie eines tragischen Lebens lyrisch umgesetzt zu international anerkannter Weltlyrik.

József steht jedoch im Schatten großer ungarischer, revolutionärer Dichter – doch kann beispielsweise Endre Ady nicht von sich behaupten ein Eingeborener des Proletariats zu sein. Diese Spezifik ist eine einmalige, charakteristische Eigenschaft des Attila József und seiner

weltlich, detaillierte, überaus ehrlichen Dichtung.

Die Inszenierung W – Arbeiterzirkus von dem ungarischen Regisseur Arpad Schilling greift die Problematik der ungarischen Arbeiterklasse in ihrer Bearbeitung des fragmentarischen Stückes Woyzeck von Georg Büchner auf.

Im zweiten Teil dieser Hausarbeit wird die Arbeit von Arpad Schilling, insbesondere die Inszenierung W – Arbeiterzirkus genauer beleuchtet und ein Hauptaugenmerk auf die szenische Umsetzung der Gedichte von Attila József gelegt.

Nacktheit, Körperlichkeit, Feuer, Lautstärke und Ekel – die Inszenierung bedient die Sinne mit befremdeter Ästhetik. Mitleid und Hass, Furcht und Veränderungszwang – Dekonstruktion des emotionalen Haushaltes, eine Inszenierung des ausdrucksvollen Mitfühlens. Obwohl man es manchmal gar nicht möchte – dazwischen die Worte eines Poeten.

2. Attila Józsefs Leben im Kontext der ungarischen Geschichte

Der Arbeiterdichter Attila József durch – und miterlebt ungarische Geschichte. Er leidet unter Klassenständen, wirtschaftlicher Misslage und politischen Regimen. Die folgenden Punkte beschreiben den Lebensverlauf von Attila József in Verbindung mit der politischen Situation Ungarns von den Jahren 1905 bis 1937.

2.1 Die frühen Jahre des Attila József

Am 11. April 1905 erblickte Attila József im Vorort Ferencváros[2], im Süd - Osten Budapests das Licht der Welt. Sein Vater, Áron József, verschwand aus Attilas Leben, als dieser gerade das dritte Lebensjahr vollendet hat. Warum und wohin Áron Jozsef verschwand ist nicht ausreichend belegt.

Attlia Józsefs Mutter, Borbála Pőce, war ab diesem Zeitpunkt alleiniger Versorger der Familie. Aufgewachsen ist Attilas Mutter in Szabadszállás, in jungen Jahren siedelte sie in das 80 Kilometer entfernte Budapest über. Sie arbeitete dort als Putz – und Waschfrau um ihre zwei Töchter und ihren Sohn zu ernähren. Das Elend der Familie war groß, sodass das geringe Einkommen selbst für ein einziges Zimmer unzureichend war. Aufgrund des Bevölkerungszuwachses in Budapest, angeregt durch den Aufschwung zum relevantesten Industriezentrum Ungarns, gab es einen Mangel an Wohngelegenheiten. Die Mutter Borbála sah unter diesen Umständen keine andere Lösung als Attila in eine Pflegefamilie nach Öscöd zu geben.

„Da lebte ich bis zu meinem siebenten Lebensjahr und arbeitet bereits; wie bei den Kindern der Dorfarmen üblich, hütete ich Schweine.“[3]

Im Jahr 1912 nahm Borbála Pőce ihren Sohn Attila wieder zu sich nach Budapest. Er besuchte sogleich die zweite Klasse einer Elementarschule und unterstützte seine Mutter mit Gelegenheitsarbeiten als Laufbursche, Wasserverkäufer im Kino Villág oder klaute heimlich auf Güterbahnhöfen Kohle und Holz.[4]

Nachdem Attentat auf den österreichischen Thronfolger und seine Frau in Sarajewo verstrich das daraufhin gestellte Ultimatum von Seitens des österreichisch – ungarischen Königreiches. Am 28. Juli 1914 verkündet Istvan Tizsa den Kriegseinsatz gegen Serbien. Zu Beginn des ersten Weltkrieges war Attila József neun Jahre alt. Die Verhältnisse der Familie wurden immer ärmlicher und Attila lernte somit bereits in jungen Jahren die Ungerechtigkeit dieser Welt kennen und spüren – Die Aufteilung der Menschen durch ihre Geburt in arm und reich – sowie die daraus resultierende Demütigung, Unterdrückung und materielle Notlage des Proletariats. Trotzdem würde er im Laufe seines Lebens jene Erlebnisse aktivieren, in kreativen Prozessen verschriftlichen und die Menschheit damit berühren.[5]

Der damalige Ministerpräsident István Tisza verkündete im Oktober 1918 die Niederlage Ungarns und das Ende der Realunion mit Österreich. Die Gründung des Nationalrates von oppositioneller Seite, unterstützt von Teilen des Militärs hatte die Bildung einer unabhängigen und demokratischen Regierung unter der Führung von Graf Mihály Károlyi zum Ziel. Ende Oktober erlangte Károlyi die Regierungsgewalt, gestärkt durch die Astern – Revolution[6]. Nun war es an der Zeit das Vermächtnis der 1848er Revolution einzulösen, die Innenpolitik mit demokratischem Charakter zu versetzen und eine Entente freundliche Außenpolitik einzuführen.

Im März 1919 vereinigten sich die Kommunisten mit der Regierung Károlyis zur Sozialistischen Partei Ungarns und führten eine Räterepublik ein. Als Initiator und Beauftragter Lenins wurde Béla Kun gehandelt. Er errichtete einen dominierenden Machtapparat und wandelte Ungarn in eine kommunistische Diktatur. Die Niederschlagung von konterrevolutionären Bewegungen würde später als roter Terror des Schreckensregimes in die ungarische Geschichte eingehen. Die Entente-Mächte erkannten das Regime nicht an, dadurch drangen weiter tschechische und rumänische Militäroffensiven in ungarische Gebiete ein. Kuns militärische Reaktion war die Gründung der Roten Armee, diese verteidigten zuerst noch erfolgreich Ungarns Landbesitz, die Räterepublik kapitulierte jedoch als rumänische Truppen in Budapest einfielen.[7] Am 1. August 1919 trat der Revolutionäre Regierende Rat zurück.[8]

Attila József durchlebte diese brisante Zeit mit Faszination. Kundgebungen, Straßenbälle und Kämpfe brannten sich n seine Erinnerung fest. Ein oft zitiertes und nachhaltiges Ereignis war, als ihm „ Die Broschüre Lenins Staat und Revolution“ von einem kommunistischen Redner auf offener Straße in die Hand gegeben wurde. Diese „bewahrte er bis zu seinem Tod auf“.[9]

Monate später wurde die Diagnose der kranken Mutter bekannt: Gebärmutterkrebs. Während Attila auf dem Land versuchte Lebensmittel zu erbetteln, starb seine Mutter Borbála Pőce am 7. Dezember 1919 in einem Barackenhospital.[10]

2.2 Bettler der Schönheit

Nach dem Tod der Mutter wurde der Ehemann seiner Schwester Jólan, Dr. Ödön Makai, der Vormund von Attila József. Der Autor Miklós Szabolcsi berichtet, dass Attila anderthalb Jahre auf Frachtschiffen gearbeitet hat und währenddessen eine externe Prüfung für die vierte Klasse der Bürgerschule abgelegt hat. Sein Schwager und gesetzlicher Vormund schickte ihn in einen katholischen Orden. Attila József hingegen war griechisch-orthodoxer Konfession und verließ den Orden infolgedessen bereits nach 14 Tagen. Von nun an wurde er Schüler im Demke – Internat in Makó an der Südgrenze Ungarns.[11]

Doch war der junge Mann innerlich zerrissen und einsam. Sichtbar wurde dies in mehreren Freitodversuchen. Anlass seien Pubertätsschwierigkeiten und das Fehlen eines Freundes und Begleiters gewesen.[12]

Im Jahr 1922 verfasste er seinen ersten Gedichtband A Szépség koldusa, Bettler der Schönheit. Gleichzeitig erschienen erste Publikationen in der literarischen und kulturpolitischen Zeitschrift Nyugat, übersetzt Westen. Entstanden ist das Sprachrohr für zeitgemäße Literaten, Philosophen und Künstler, im Januar 1908. Mitwirkender war Endre Ady, einer der größten Kunstdichter Ungarns. Er versammelte „die begabteste[n] Dichter der neuen ungarischen Poesie in einem Lager“.[13]

Nach rumänischen Plünderungen übernahm Admiral Miklós Horthy und die Nationale Armee im November 1919 die politische Machtposition. Zuvor waren Gyula Peidl und István Friedrich nacheinander an einer Regierungsbildung gescheitert. Zwischen den Jahren 1919 und 1920 entwickelte sich der weiße Terror – Gegenpol zum roten Terror – eine ebenso brutale Vereinigung, wobei die Anzahl der Opfer den roten Terror deutlich übertraf.

Eine gewaltvoll erzwungene Wahl berief Horthy zum Reichsverweser in der wiederkehrenden Monarchie. Am 4. Juni 1920 trat der Friedensvertrag von Trianon in Kraft. Dieser besagte, dass Ungarn zwei drittel seines Territoriums verliert und Reparationen zu leisten hat. Eine gesetzlich legitimierte Regierung und das Ende des weißen Terrors wurden zur Aufgabe der

neu-eingesetzten Regierung István Bethlen während der sogenannten Horthy-Ära.

In seinem Curriculum Vitae beschreibt Attila József, dass er mit siebzehn Jahren das Internat verließ und erst als Feldarbeiter, später als Hauslehrer tätig war. Der Entschluss die Abiturprüfung abzulegen wurde von zwei ehemaligen Lehrern befürwortet.[14] Nach erfolgreich bestandenem Abitur, übte er Berufe wie den des Buchvertreters und Bankgehilfen aus. Bevor er sich jedoch weiter seiner beruflichen Karriere widmen konnte, musste er sich zuvor einem juristischen Prozess wegen Gotteslästerung stellen. Grund dafür war das Gedicht Rebellierender Christus. Der Tatbestand der Gotteslästerung konnte nicht aufrecht erhalten werden und somit wurde Attila József vom obersten Gerichtshof freigesprochen.[15]

[...]


[1] József, Attila: Gedichte. Corvina Verlag. Budapest, 1960. S.191.

[2] Übersetzt ins Deutsche bedeutet Ferencváros Franzenvorstadt oder Franzstadt.

[3] Szabolcsi, Miklós: Attila József. Leben und Werk. Akademie – Verlag. Berlin, 1980. S.11.

[4] Vgl. Szabolcsi, Miklós: Attila József. Leben und Werk. Akademie – Verlag. Berlin, 1980.

[5] Vgl. Szabolcsi, Miklós: Attila József. Leben und Werk. Akademie – Verlag. Berlin, 1980.

[6] Eine Revolution durch Unruhen und Demonstrationen hervorgerufen, zwischen dem 18. und 31. Oktober 1918 in ungarischen Städten. Astern sind das Symbol dieser, im deutschen auch Herbstrosenrevolution genannten, Soldaten- und Zivilistenaufstände.

[7] Vgl. Bogyay, Thomas Von: Grundzüge der Geschichte Ungarns. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. 1990, Darmstadt.

[8] Vgl. Fischer, Holger; Gündisch, Konrad: Eine kleine Geschichte Ungarns. Suhrkamp.1999, Frankfurt am Main.

[9] Szabolcsi, Miklós: Attila József. Leben und Werk. Akademie – Verlag. Berlin, 1980. S.14.

[10] Vgl. Szabolcsi, Miklós: Attila József. Leben und Werk. Akademie – Verlag. Berlin, 1980.

[11] Szabolcsi, Miklós: Attila József. Leben und Werk. Akademie – Verlag. Berlin, 1980.

[12] Vgl. József, Attila: Gedichte. Corvina Verlag. Budapest, 1960.

[13] Ady, Endre; Kerényi, Ferenc (Hrsg.): Endre Ady. 1877 – 1919. Institut für kulturelle Auslandsbeziehungen. Budapest, 1977. S.9.

[14] Vgl. József, Attila: Gedichte. Corvina Verlag. Budapest, 1960.

[15] Vgl. József, Attila: Gedichte. Corvina Verlag. Budapest, 1960

Details

Seiten
20
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656343813
ISBN (Buch)
9783656344551
Dateigröße
565 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v207321
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Theaterwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
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