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Die Sprachtheorie nach Karl Bühler

Das Organonmodell und seine drei „unbekannten Brüder“ - eine vertiefende Betrachtung

Hausarbeit 2010 27 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Bühlers Axiomatik
2. 1 Axiom A – Das Organon-Modell der Sprache
2. 2 Axiom B – Die Zeichennatur der Sprache
2. 3 Axiom C – Sprechhandlung & Sprachwerk; Sprechakt & Sprachgebilde
2. 4 Axiom D – Wort und Satz. Das S-F-System vom Typus Sprache
2.5 Resümee der Sprachtheorie

3. Rezeptionsgeschichte

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Man mag geneigt sein, zu sagen: Eine weitere Arbeit über Bühlers Organon-Modell? Welche Erkenntnisse mögen daraus noch entspringen? Ich möchte in dieser Arbeit das wohlbekannte und gern zitierte Modell nicht außen vor lassen, doch es soll sich nur einreihen in die Axiomatik, die Bühler für die Linguistik skizziert hat. Die „Brüder“ des Organon-Modell sind im Laufe der Zeit sowohl in der Sekundärliteratur, als auch im Hochschulunterricht wenn nicht unter den Tisch gefallen, so doch sehr nah an die Tischkante geraten. Mit anderen Worten: Sie sind in vielen akademischen Lehrplänen, sowie in der Forschung weit aus dem Fokus der Betrachtung gerückt. Dies ist schade und gebührt der Leistung Bühlers auch nicht die nötige Anerkennung.

Seine Sprachtheorie, dies kann ich hier bereits vorwegnehmen, ist eine umfassende Theorie, die den Rahmen eines linguistischen Modells sprengt. Es ist seiner eigentlichen Berufung als Psychologe zu schulden, dass er sich in seiner Arbeit darauf konzentiert, zu erfassen, wie „die Funktionsweise des Geistes in Beziehung zu den Funktionen des Körpers“ zu verstehen ist.1 Die Sprache wird nicht nur als bloßes organon2 betrachtet, sondern neben der Erstellung einer Funktionstheorie der Sprache, skizziert Bühler auch den allgemeinen Zeichencharakter der Sprache, sowie die Struktur der Sprache (Vierfelderschema) und das System der Sprache (das S-F-Sytem).

Es ist mein Bestreben in dieser Arbeit diese vier Axiome in gleichberechtigter Weise darzustellen und im Anschluss an diese Darstellung einen Überblick über die Rezeptionsgeschichte der Sprachtheorie zu skizzieren, seine Fürsprecher zu zeigen und auch die Kritiker zu erwähnen. Zum Abschluss dieser Arbeit werde ich in einem Fazit die Theorie bewerten und einen Ausblick für die künftige Arbeit mit Bühlers Sprachtheorie geben.3

2. Bühlers Axiomatik

Der Begriff der Axiomatik ist erstaunlicherweise schwer zu umreißen. Betrachtet man die historischen Versuche seiner Definition, „so wird man sehr bald zu dem irritierenden Befund gelangen, daß dem Begriff zwei grundlegend verschiedene und sich wechselseitig ausschließende Bedeutungen unterlegt werden“.4 Es kann etwas Unbestreitbares sein, es kann jedoch auch ein Satz sein, „den nur der eine Dialogpartner als richtige Behauptung der Diskussion zugrunde legen wollte, während der andere Partner mit diesem Bestreben nur bedingt oder auch gar nicht einverstanden war“.5 In dieser Arbeit würde es jedoch zu weit führen, die Wurzel dieses Widerspruches zu suchen. Ich berufe mich für diese Arbeit auf die Definition des Begriffes, die Bühler für seine Arbeit erwählt hat und nach der er folglich arbeitet und verstanden werden will. Axiome sind „notwendig wahre Aussagen, die evidente, unmittelbare einsichtige Wahrheiten zum Inhalt haben und eines Beweises weder fähig noch bedürftig sind“.6 Bühler selbst bezeichnet diese unumstößlichen Wahrheiten als „eine erkenntnistheoretisch (und ontologisch) neutrale Fixierung von Grundsätzen“. (S. 20.) Eine Seite später verwendert er auch die Formulierung „Prinzipien“ (S. 21.), er baut den Begriff für die Erläuterungen seiner Axiome jedoch über das Alltagserständnis hinweg aus. Mit den Worten von Kamp:

Nun bedeutet zwar 'Prinzip' im engeren Sinne tatsächlich dasselbe wie 'Axiom', nämlich 'Grundsatz'. Aber Bühler fasst in der Sprachtheorie den Begriff des Prinzips offensichtlich weiter: er meint allgemein soviel wie 'Grundvoraussetzung', die unter anderem als 'Grund-Satz', aber auch als 'Grund-Begriff', 'Grund-Idee', 'Grund-Modell' oder 'Grund-Aspekt' auftreten kann. [sic!]7

Wenn ich also nun von der Axiomatik der Sprachtheorie spreche, so spreche ich zwar von Grundannahmen beziehungsweise Grundprinzipien der Sprachtheorie, darüber hinaus jedoch auch über Grundvorraussetzungen für das Funktionieren von Sprache überhaupt, sprich von den Grundbedingungen ihrer Existenz.

Bühler hat in seinem Werk diese Grundsätze der menschlichen Sprache auf vier festgelegt. Er betont dabei jedoch selbst, dass es „vermutlich noch mehr derartiger axiomatischer oder axiomnaher Sätze über die menschliche Sprache“ gibt. (S. 21.) Seine vier Axiome decken jedoch ein breites Themenspektrum ab, da sie mehr als Prinzipien repräsentieren, sondern aus „bereits gemachte[n] Erfahrungen“ entstehen. Dadurch sind sie „in diesem Sinne evidente Leitgedanken wissenschaftlicher Arbeit“.8

Bühlers Arbeit ist die einer fundamentalen Erkenntnistheorie, die die Beschränkung einer Einzeldisziplin verlässt, indem er in seinen Gedanken-konstrukten regelmäßig auf wissenschaftliche Nachbardisziplinen zurückgreift. Seine Axiomatik ist, so Ströker, ein

Plural im traditionellen Sinne sämtlicher Einzeldisziplinen, die sich mit der Sprache unter irgendeinem methodischen Aspekt befassen. […] Als Versuch einer Axiomatik dieser Wissenschaften ist sie [...] darauf aus, Grundsätze, Prinzipien, zu fixieren, die das Fundament aller speziellen Forschungsrichtungen bilden.9

Diese Grundsätze möchte ich im Folgenden darstellen.

2. 1 Axiom A – Das Organon-Modell der Sprache

„Ich denke, es war ein guter Griff PLATONS, wenn er im Kratylos angibt, die Sprache sei ein organum, um einer dem andern etwas mitzuteilen über die Dinge.“ [sic!] (S. 24.) Bühler zeigt uns hier die, ich nenne es „Urquelle“, auf welche er für sein erstes Axiom zurückgreift. Er entlehnt den Namen seines Modells dem Kratylosdialog. Es basiert dabei auf drei „Relationsfundamente[n]“, (S. 25.) und einem vierten Punkt, dem Organum, in der Mitte:

Abbildung 1

In der Mitte befindet sich das Zeichen, dargestellt durch den Buchstaben Z. Die Beziehung der drei Relationsfundamente (Sender, Gegenstand und Empfänger) lässt sich grob zunächst so formulieren: Der Sender teilt dem Empfänger etwas über die Dinge (Gegenstände) mit und benutzt dazu das sich in der Mitte befindende Organon. Der Sender wird von Bühler in seinem Werk dabei als „Täter der Tat des Sprechens, […] als Subjekt der Sprechhandlung“ bezeichnet. (S. 31.) Der Empfänger dagegen ist der „Adressat der Sprechhandlung“. (S. 31.) Beide sind für den jeweils anderen ein „Austauschpartner“ (S. 31.). Bühler macht mit dieser Formulierung eines sehr deutlich: Er zieht im Gegensatz zu vielen anderen Sprachforschern, die Sprache als bloßes Abstraktum betrachten, die „lebenden Wesen“ in seine Theorie mit ein. „Zu allem Zeichenhaften in der Welt gehören der Natur der Sache nach Wesen, die es dafür halten und mit ihm als Zeichenhaftem umgehen.“ (S. 47.) Diese Betrachtungsweise ist sicher nicht zuletzt seiner eigentlichen Berufung als Psychologe zu schulden.

Der Sender referiert also über Gegenstände und Sachverhalte mittels der Sprache, die als Mittler (anders gesprochen als Medium) seiner Gedanken fungiert. Bühler spezifiziert dies sehr genau in dem berühmt gewordenen und oft zitierten Absatz:

Die Sprache ist dem Werkzeug verwandt; auch sie gehört zu den Geräten des Lebens, ist ein Organon wie das dingliche Gerät, das leibesfremde materielle Zwischending; die Sprache ist wie das Werkzeug Mittler. Nur sind es nicht die materiellen Dinge, die auf den sprachlichen Mittler reagieren, sondern es sind die lebenden Wesen, mit denen wir verkehren. (XXI f.)

Bühler hat offensichtlich eine instrumentalistische Sprachauffassung, wenn er sagt, die Sprache dient dem Menschen zur Kommunikation. Für ihn sind Sender und Empfänger nicht nur „ein Teil dessen, worüber die Mitteilung erfolgt“. (S. 30.) Für ihn ist vielmehr die Sprache diesen „agierenden Wesen“ untergeordnet. Jene Ansicht hat Bühler von den Anhängern der Lehre Saussures starke Kritik eingebracht. Doch dazu komme ich später.

Nach der kurzen Darstellung der Instanzen möchte ich nun auf das Wesentliche eingehen: Das Organonmodell ist das Funktionsmodell der Sprache. „Die Linienscharen symbolisieren die semantischen Funktionen des (komplexen) Sprachzeichens.“ (S. 28.), die im Schema wie folgt benannt sind: Appell, Ausdruck und Darstellung.

In der Ausdrucksfunktion hat das Zeichen die Funktion die „seelische[n] Erlebnisse des Sprechenden“ kundzutun.10 Das Zeichen sagt als Symptom etwas über die Befindlichkeit des Senders aus. Bei der Appellfunktion wird das Sprachzeichen vom Sender benutzt, um an den Empfänger zu appellieren, eine gewisse Reaktion zu zeigen. Es soll also die Funktion eines sprachlichen Signales erfüllen. Zum Beispiel kann der Sender mit dem Ausruf: „Vorsicht, ein Hund!“ dem Empfänger den Appell geben: „Dieses Tier ist gefährlich, nimm Dich in Acht vor ihm“. Oder die Frage: „Du schreibst einen Brief?“ kann den Appell: „Teile mir mit, worum es geht!“ beinhalten. Es können auch auf den ersten Blick rein deskriptive Äußerungen wie „Die Sonne scheint.“ einen Appellcharakter besitzen. Der Sender appelliert an den Empfänger, dieser solle seinen Standpunkt übernehmen. Das Gegenüber soll die Weltbeschreibung „Die Sonne scheint“ teilen. Die Darstellungsfunktion zuletzt ist „die Leistung der Sprachmittel, Sachverhalte darzustellen“.11 Das Zeichen tritt hier in der Funktion des Symbols auf, dass jene Dinge symbolisch benennen (darstellen) soll. Diese drei Funktionen wirken stets zusammen, wenn auch situationsbedingt unterschiedlich gewichtet.

Die Funktionen nun sind „berufen, es [das Sprachzeichen] dreimal verschieden zum Rang eines Zeichens zu erheben“. (S. 28.) Mit anderen Worten, es bedarf aller drei Funktionen, damit das Zeichen den Wert eines Zeichens hat: Es muss ein Symbol sein, um Gegenstände und Sachverhalte zu beschreiben, es muss ein Symptom für die Gedanken des Senders sein und es muss Signal an den Empfänger sein.

[...]


1 Bühler, Charlotte: Karl Bühler. Eine biographische Skizze. In: Eschbach, Achim (Hrsg.): Bühler-Studien. Band 1. Suhrkamp. Frankfurt am Main 1984. S. 25.

2 Das griechische Wort für „Instrument“. Bühler benutzt auch die lateinische Version „organum“, gleichbedeuted mit „Werkzeug“.

3 Da alle Passagen aus Bühlers Sprachtheorie ausnahmslos aus den im Literaturverzeichnis unter „Primärliteratur“ angegebenen Werkausgaben stammen, werden in der Arbeit verwandte Zitate lediglich mit der Anmerkung der Seitenzahl beschlossen. Als Sekundärliteratur herangezogene Werke werden dagegen gesondert behandelt und mit Fußnoten versehen.

4 Eschbach, Achim: Karl Bühlers Axiomatik und das Axiomensystem der Zeichentheorie. In: Graumann, Carl Friedrich/ Herrmann, Theo (Hrsg.): Karl Bühlers Axiomatik. Fünfzig Jahre Axiomatik der Sprachwissenschaft. Klostermann. Frankfurt am Main 1984. S. 61.

5 Rittter, Joachim (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 1. Schwabe-Verlag. Basel 1971. S. 738 f..

6 Kamp, Rudolf: Axiomatische Leitfäden statt dogmatischer Gängelbänder. Karl Bühlers Beitrag zur Wissenschaftstheorie der Einzelwissenschaften. In: Eschbach, Achim (Hrsg.): Bühler-Studien. Band 1. Suhrkamp. Frankfurt am Main 1984. S. 60.

7 Ebd., S. 72.

8 Ungeheuer, Gerold: Bühler und Wundt. In: Eschbach, Achim (Hrsg.): Bühler-Studien. Band 2. Suhrkamp. Frankfurt am Main 1984. S. 29.

9 Ströker, Elisabeth: Einleitung zur Neuausgabe von Karl Bühlers Die Axiomatik der Sprachwissenschaften. Klostermann. Frankfurt an Main 1969. S. 18 f..

10 Dempe, Hellmuth: Was ist Sprache? Eine sprachphilosophische Untersuchung im Anschluß an die Sprachtheorie Karl Bühlers. Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger G. m. b. H. Weimar 1930. S. 1.

11 Ebd., S. 3.

Details

Seiten
27
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656344384
ISBN (Buch)
9783656344995
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v207304
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – Institut für Germanistik
Note
1,3
Schlagworte
Germanistik Linguistik Sprachwissenschaft Karl Bühler Axiome Das S-F-System Sprechhandlung Sprachwerk

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