Lade Inhalt...

Wandel im Rollenselbstbild deutscher Journalisten und dessen Ursachen

Hausarbeit 2011 9 Seiten

Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Rollenselbstbilder und Wandel
2.1 Berufsvorstellungen und -motive
2.2 Ethische Vorstellungen
2.3 Übertragbarkeit der Ergebnisse

3. Ursachen für den Wandel
3.1 Strukturelle und normative Ursachen
3.2 Historische Ursachen

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Frage nach dem Rollenselbstbild bildet einen zentralen Aspekt der Journalismus­forschung. Thematisiert wird dabei die Selbsteinschätzung der Journalisten bezüglich ihrer Ziele, Arbeitsweisen und Aufgaben. Somit lässt sich das Rollenselbstbild neben persönlichen Präferenzen und redaktioneller Linie als Erklärungsvariable für Nachrichtenselektion und -produktion betrachten (vgl. Donsbach, 2005, S.415, S.418f.), und bietet Anhaltspunkt, um Aussagen über journalistische Arbeitsweisen treffen zu können. Betrachtet man journalistische Produkte als Realitätskonstruktion durch die Journalisten, so wird im Kontext der Funktion des Journalismus für die Gesellschaft deutlich, warum es relevant ist, sich kritisch mit dem Selbstbild von Journalisten auseinanderzusetzen.

Das Mediensystem in Deutschland hat sich seit Ende des zweiten Weltkrieges beträchtlich gewandelt - zu nennen sind hier nebst rechtlichen vor allem strukturelle Änderungen, die Einflussgrößen auf das Rollenselbstbild der Journalisten bilden. Vor diesem, wie auch dem historischen Hintergrund werde ich in der vorliegenden Arbeit Änderungen im Rollenselbstbild deutscher Journalisten darlegen, sowie einen Ausblick auf mögliche zukünftige Entwicklungen geben.

2. Rollenselbstbilder und Wandel

Charakterisierungen von Rollenselbstbildern bilden zumeist Idealtypen, die zwar für eine Kategorisierung hilfreich sind, in ihrer Reinform jedoch nicht in der Wirklichkeit vorkommen. Als Beispiele hierfür sind vor allem die Unterscheidung von partizipativem und neutralem Journalismus, sowie die Differenzierung in „Gatekeeper“ und „Advocate“ nach Morris Janowitz zu nennen (vgl. Donsbach, 2005, S.417, Janowitz, 1975, S. 618f.), auf die sich im Folgenden vorgestellte empirische Studien zum Teil beziehen. Indikatoren zur empirischen Untersuchung der Rollenselbstbilder sind unter anderem Berufsmotive, ethische Vorstellungen, sowie das subjektive Berufsverständnis (vgl. Donsbach, 2005, S.419), auf deren Veränderung ich anhand von vier Untersuchungen (Ehmig 2000, Köcher 1986, Weischenberg/ Löffelholz/ Scholl 1993, Weischenberg/ Malik/ Scholl 2005) eingehen werde.

2.1 Berufsvorstellungen und -motive

Eine auf Basis einer empirischen Untersuchung entwickelte Typologie journalistischer Rollenselbstbilder ist zum Beispiel die Unterscheidung in „Spürhunde“ und „Missionare“ nach Renate Köcher. Auf Basis einer repräsentativen Befragung deutscher und britischer Journalisten typisierte sie erstere als „Missionare“, partizipative Journalisten, deren primäres Rollenselbstbild dem des Anwalts entspricht und deren Berufsmotive sich vor allem in Selbstverwirklichung und Kritisierung von Missständen finden lassen (vgl. Köcher, Table1, S.53). Häufig genannte Berufsvorstellungen bilden das Artikulieren von Beschwerden, der Journalist als „Wächter der Demokratie“ oder als „Sprecher der Benachteiligten“ (vgl. Köcher, 1986, S. 54).

Tabelle: Rollenselbstverständnis deutscher Journalisten

Angaben in Prozent, gerundet

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Trotzdem sieht sich die Mehrheit auch als neutraler Berichterstatter (vgl. Tabelle), was Köcher als eine zunehmende Anpassung des deutschen Selbstbildes an das neutrale, angelsächsische Berufsverständnis interpretiert (vgl. Köcher, 1986, S.59). In diesem Kontext zeigt ein Fallbeispiel zur Berichterstattung über die Gründung einer radikalen Partei jedoch, dass die Prioritätensetzung zwischen verschiedenen Berufsrollen situativen Änderungen unterliegt (vgl. Köcher, 1986, S.57; Table 4, S.58). In der Studie Weischenbergs aus dem Jahr 2005, einer quantitativen Befragung von 1536 deutschen Journalisten, ist der Anteil derer, die sich als neutralen Reporter betrachten, noch einmal gestiegen (vgl. Tabelle). Auch die weiteren in dieser Studie am häufigsten genannten Punkte entsprechen eher einem Verständnis als neutraler Vermittler als dem des Anwalts. „Kritik an Missständen“ zu üben wird nur noch von ca. 58% der Befragten als relevant angesehen, auch das Einsetzen für Benachteiligte und politische Einflussnahme sind nur noch von geringerer Relevanz (vgl. Tabelle).

Vor allem bezüglich der Berufsmotive stellt Köcher zwischen den Befragten nur geringe Altersunterschiede fest (vgl. Köcher, 1986, S.52). Hierbei ist jedoch die Frage zu berücksichtigen, ob es sich bei Veränderungen um bloße Alterseffekte oder tatsächlich um einen Einstellungswandel zwischen verschiedenen Generationen handelt (vgl. Ehmig, 2000, S.49f.). Einen solchen konstatiert Simone Ehmig bezüglich einer Studie aus dem Jahr 1989, bei der sie die nach aktuellem politischem und beruflichem Denken sowie prägenden Lebenserfahrungen Befragten in 3 Generationen aufteilt: „Großväter“ (1909 bis 1935 geboren) „Väter“ (1936 bis 1950 geboren) und „Enkel“ (bis 1966 geboren). Während die „Großväter“ als Berufsmotive häufig die Vermittlung von Werten und Idealen sowie die Möglichkeit, Einfluss auf politische Entscheidungen zu treffen nennen, stehen bei den „Enkeln“ berufliche Freiheit und Selbstverwirklichung im Vordergrund, die Orientierungsleistungen des Journalismus für die Gesellschaft treten zurück (vgl. Ehmig, 2000, S.146ff.). Diese Ergebnisse finden sich von Köcher darin bestätigt, dass jüngere Journalisten das Weiterentwickeln eigener sowie „Kritik an Missständen üben“ signifikant häufiger als Berufsmotive nennen als ältere Journalisten (vgl. Köcher, 1986, S. 52). Insgesamt wird „die Möglichkeit, sich selbst auszudrücken“ von gut zwei Drittel der Befragten als Berufsmotiv genannt (vgl. Köcher, 1986, Table1, S.53), dabei verstehen sich Journalisten nur selten als „jemand, der politischen Einfluss ausübt“ (vgl. Tabelle).

Zwischen den Generationen stellt Ehmig also einen konstanter Wandel im Rollen­selbstbild vom nüchternen, Werte und Ideale vermittelnden Journalistentyp der „Großväter“ hin zu einem weniger missionarisch eingestellten, auf persönliche Freiheit bedachten Typus der „Enkel“ fest, wobei die „Väter“ in nahezu allen untersuchten Aspekten eine Zwischengeneration bilden (vgl. Ehmig, 2000, S.146). Diese Ergebnisse finden sich durch den Vergleich mit den Studien Köchers und Weischenbergs weitgehend bestätigt. Als über die Generationen konstantes vordergründiges Berufsmotiv zeigt sich „die spannende, abwechslungsreiche Tätigkeit“, konstant selten als Berufsmotiv genannt werden die Verdienstmöglichkeiten (vgl. Ehmig, 2000, S.146; Köcher, 1986, Table1, S.53).

[...]

Details

Seiten
9
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656343943
ISBN (Buch)
9783656344537
Dateigröße
401 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v207235
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Publizistik
Note
1,3
Schlagworte
wandel rollenselbstbild journalisten ursachen

Autor

Zurück

Titel: Wandel im Rollenselbstbild deutscher Journalisten und dessen Ursachen