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Die sozialkritische Darstellung von Kirche, Liebe und Ehe in Heinrich Bölls "Und sagte kein einziges Wort" am Beispiel ausgewählter Protagonisten

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 20 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die kapitalistische Leistungsgesellschaft - Bölls Kritik an der katholischen Kirche
1.1 Die Vermieterin Frau Franke
1.2 Der Bischof

3. Liebe und Ehe in den fünfziger Jahren – Bölls Kritik an tradierten Geschlechterrollen
1.3Fred Bogner
1.4Käte Bogner
1.5Fred und Käte Bogners Liebesbeziehung

4. Fazit

1. Einleitung

Wie meistens, wollte ich im Grund auch nur eine Liebesgeschichte schreiben.[1]

Nach Selbstaussagen von Böll basieren die meisten seiner Werke auf Liebesgeschichten. Mit Blick auf seine frühen Romane der späten 1940er und frühen 1950er gewinnt man jedoch den Eindruck, dass diese unter anderem auch aufgrund der dort kritisch beleuchteten Kriegs- und Nachkriegssituation eher Gegenbilder zu (traditionellen) Liebesgeschichten aufzeigen.[2] Auch Bölls 1953 erschienene Roman Und sagte kein einziges Wort thematisiert eine Liebesgeschichte und wirft zugleich einen zeitgenössischen Blick auf die fünfziger Jahre der Bundesrepublik, die geprägt wurden durch die vergangenen Kriegsjahre und das aufkommende Wirtschaftswunder. Dabei geht es in Bölls Werken, die eine Thematisierung dieser Nachkriegszeit vornehmen, immer auch um die Herausbildung von Strukturen der sozialen Ungerechtigkeit, die für den Einzelnen vielfältige Problemen mit sich bringen.[3] Bölls Realitätsdarstellung ist also mitunter sozialkritisch angelegt.

Die Leserinnen und Leser von Und sagte kein einziges Wort erfahren von diesen Problemen, indem Böll seine beiden Hauptfiguren ihre Erfahrungen und Gedanken darstellen lässt. Dies geschieht in den 13 Kapiteln alternierend jeweils aus der Ich-Perspektive der Protagonisten Kate und Fred Bogner heraus.[4] Balzer stellt diesbezüglich fest:

Wenn auch nur durch die subjektivistische Optik der beiden Hauptgestalten gesehen und beschränkt auf den Ausschnitt einer Stadt (nie genannt, dennoch unverkennbar Köln), so gibt der Roman dennoch einen typischen und damit wahren Eindruck der bundesdeutschen Wirklichkeit der 50er Jahre […].[5]

Mit der Wahl seiner Protagonisten setzt Böll dabei auf das Kleinbürgertum, auf die ‚kleinen Leute’ und Benachteiligten, und vermittelt so deren spezifischen Alltagsprobleme beim Versuch, sich einzurichten, bedrängt von materieller und moralischer Not. Ausdrücklich im Roman Und sagte kein einziges Wort angesprochen werden beispielsweise die Wohnungsnot sowie die drückende Armut am Beispiel der Familie Bogner.[6] Aber auch die Kritik an bestehender Scheinheiligkeit, Manipulation und Korruption in der Gesellschaft wird am Beispiel der katholischen Kirche überdeutlich dargestellt.[7] Die Naziherrschaft und die Langzeitfolgen des Krieges erscheinen dabei jedoch ebenso nebensächlich wie die Frage nach der Schuld.[8]

Wie nun einführend deutlich gemacht wurde, unternimmt Bölls Roman Und sagte kein einziges Wort eine sozialkritische Haltung gegenüber der westdeutschen Nachkriegszeit der fünfziger Jahre. In dieser Hausarbeit soll daher folgende Frage untersucht werden: Welche kritische Haltung nimmt Heinrich Bölls Und sagte kein einziges Wort hinsichtlich der getrennt voneinander zu betrachtenden Themen Kirche und Geschlechterrollen ein? Der Frage soll dabei mithilfe einer Charakterisierung und - bei den Themen Liebe und Ehe – mithilfe der Diskussion über dargestellte Geschlechterbilder – nachgegangen werden. So wird zunächst die Kritik an der Kirche am Beispiel der Vermieterin Frau Franke und dem Bischof erläutert, um dann die Kritik an den Geschlechterrollen in Bezug auf die Ehe und Liebe zwischen Käte und Frank Bogner zu erarbeiten.

2. Die kapitalistische Leistungsgesellschaft - Bölls Kritik an der katholischen Kirche

Im Roman lässt sich eine deutliche Kritik am unmenschlichen Verhalten der katholischen Amtskirche als Institution feststellen, wie sie wohl in keiner seiner literarischen Schriften sonst zu finden ist.[9] So wird durch die Schilderungen von Käte und Fred Bogner ein Bild von einer Ungerechtigkeit schürenden Kirche vermittelt, die „sich an den Werten der restaurierten kapitalistischen Leistungsgesellschaft orientiert.“[10] So begünstigt sie mit ihrer Ausrichtung die Wohlhabenden und vernachlässigt die Armen. Konkret wird kritisiert, dass sie nach 1945 zwar genug freistehende Räume hatte, diese jedoch nicht im Sinne einer Solidarisierung mit den Bedürftigen zu Unterkunftszwecken anbot.[11] Ironischerweise droht Kätes und Freds Ehe, die nun gerade von der Kirche als geheiligte Institution gefeiert wird, auch deshalb in die Brüche zu gehen, weil sie keine größere Wohnung von der zuständigen kirchlichen Behörde bekommen haben.[12]

Parallel zur Kirche wird der Drogeristenverband gesetzt, deren Kongress fast zeitgleich zu der kirchlichen Prozession stattfindet. Es finden sich im Roman zahlreiche Passagen, bei denen auf die Austauschbarkeit beider Organisationen hingewiesen wird. So gibt es beispielsweise die Arbeitsgemeinschaft ‚Die katholische Drogerie’ und der Vetter des Bischofs ist „Vorsitzender des Drogistenverbandes.“[13] Deutlicher kann der Verweis auf die kommerzielle Ähnlichkeit vieler Organisationen im Nachkriegsdeutschland sowie insbesondere die Kritik an der Kirche kaum sein.[14] Die katholische Kirche erscheine, so Durzak, selbst als merkantiler Betrieb, als Drogerie, die sich zwar nicht der körperlichen, aber der seelischen Kosmetik des Menschen widme.[15] So zeigt sich die katholische Kirche als eine Institution unter vielen, „die allmählich wieder zu Prosperität und moralischer Gleichgültigkeit den andern gegenüber zurückfindet.“[16]

Dieses soeben beschriebene unmoralische und kapitalistische Verhalten der Kirche als Institution findet in Und sagte kein einziges Wort seine Entsprechung unter anderem in den Personen der Vermieterin und des Bischofs.[17]

2.1 Die Vermieterin Frau Franke

Die zentrale weibliche Figur neben Käte Bogner und dem Mädchen aus der Imbissbude ist Frau Franke. Sie, die von einem alten städtischen Händlergeschlecht abstammt, wird deutlich zu den anderen Frauenfiguren in Und sagte kein einziges Wort kontrastiert. Frau Franke fungiert als Repräsentantin der Institution Kirche und kann als aktives Mitglied in der katholischen Kirche beschrieben werden, das sich ehrenamtlich in diversen Ausschüssen engagiert. Dafür erhält sie einiges an Entgegenkommen, bedenkt man nur einmal der „Tatsache, daß sie jeden Morgen die heilige Kommunion empfängt, jeden Monat den Ring des Bischofs küßt […].“[18] Diese Tatsachen mögen von außen noch nicht sonderlich verwerflich erscheinen, doch mit ihrem Handeln und Denken demonstriert sie „die typischen Reaktionsbildungen des analen Charakters […].“[19] Deswegen stellt Käte Bogner auch fest: „Frau Franke ist mit sechzig noch eine schöne Frau; der merkwürdige Glanz ihrer Augen aber, mit denen sie alle fasziniert, flößt mir Schrecken ein [...].“[20] Denn sie ist „der Prototyp der gewissenhaften Katholikin, der allen kirchlich auferlegten Pflichten pünktlich und regelmäßig nachkommt. Für ihre Mitmenschen besitzt sie jedoch kein Mitgefühl.“[21] Dieser Mangel an Mitgefühl und Herzlichkeit erfährt die Familie Bogner besonders deutlich. So ist Frau Franke hauptverantwortlich dafür, wie bzw. wo Kate und Fred Bogner mit ihren drei Kinder leben müssen. Als Vorsitzende der kirchlichen Wohnungskommission verweigerte sie der Familie nämlich eine große Wohnung, nur, um dann selbstlos wirken zu können und der Familie eines ihrer Zimmer anbieten zu können.[22] Dieses Zimmer ist jedoch für eine fünfköpfige Familie viel zu klein, Rückzugs- und Spielmöglichkeiten sind nicht möglich. So leiden Kätes Kinder besonders unter Frau Frankes Kontroll- und Sauberkeitszwang. Zur Enge des Zimmers kommen der unaufhörliche Zerfall der Wände und die damit verbundene staubige Luft.[23] Diese Situation wird noch durch das Bewusstsein verschärft, dass das Ehepaar Franke hingegen eine geräumige Vier-Zimmer-Wohnung zur Verfügung haben, da die „kirchlichen Behörden ihr die Dringlichkeit dieses Raumes bescheinigt haben […].“[24] Neben dieser Scheinheiligkeit an christlicher Nächstenliebe wird auch ihre Religiosität als ein Handel mit Gott entlarvt.[25] So hat Käte auch Angst, dass sie ihre Kinder nicht vor Frau Frankes Hartherzigkeit schützen kann. Denn warmherzig zeigt diese sich nur gegenüber dem Geld:

Frau Franke wird nur bei seltenen Gelegenheiten sanft: zunächst, wenn sie von Geld spricht. Sie spricht das Wort mit einer Sanftmut aus, die mich erschreckt, so wie manche Leute: Leben, Liebe, Tod oder Gott aussprechen, sanft, mit einem leisen Schrecken und einer großen Zärtlichkeit in der Stimme. Der Glanz ihrer Augen wird matter, und ihre Züge werden jung, wenn sie von Geld du von ihrem eingemachten spricht, beides Schätze, deren Verletzung sie nicht zuläßt.[26]

[...]


[1] Böll, Heinrich zit. nach Falkenstein, Henning (1996): Heinrich Böll. Berlin: Morgenbuch-Verl. S. 45.

[2] vgl. Falkenstein (1996), S. 59.

[3] vgl. Kovács, Kálmán (1992): Das Menschenbild Heinrich Bölls. Univ., Diss.--Teilw. Debrecen, 1989. Frankfurt am Main: Lang. S. 17.

[4] vgl. Zylinski, Leszek (1997): Heinrich Bölls Poetik der Zeitgenossenschaft. Torun: Uniwersytet Mikolaja Kopernika. S. 117.

[5] Balzer, Bernd zit. nach Zylinski (1997), S. 118.

[6] vgl. Durzak, Manfred (1979): Der deutsche Roman der Gegenwart. Entwicklungsvoraussetzungen und Tendenzen. Heinrich Böll, Günter Grass, Uwe Johnson, Christa Wolf, Hermann Kant. Stuttgart u.a.: Kohlhammer. S. 76.

[7] vgl. Vogt, Jochen (1987): Heinrich Böll. München: Beck. S. 49.

[8] vgl. Forster, Heinz/Riegel, Paul (1995): Die Nachkriegszeit 1945-1969. Deutsche Literaturgeschichte Band 11. München: Dt. Taschenbuch-Verl. S. 121.

[9] vgl. Herlyn, Heinrich (1996): Heinrich Böll als utopischer Schriftsteller. Untersuchungen zum erzählerischen Werk. Bern: Lang. S. 157.

[10] Graßmann, Ellen (2004): Frauenbilder im deutschen Roman der fünfziger Jahre. Univ., Diss.--Mainz, 2003. Frankfurt am Main: Lang. S. 28.

[11] vgl. Herlyn (1996), S. 157.

[12] vgl. Graßmann (2004), S. 28.

[13] Böll, Heinrich (1973): Und sagte kein einziges Wort. Haus ohne Hüter. Das Brot der frühen Jahre. Köln/Berlin: Kiepenheuer & Witsch. S. 137.

[14] vgl. Durzak (1979), S. 78.

[15] vgl. Durzak (1979), S. 80.

[16] Durzak (1979), S. 79.

[17] vgl. Durzak (1979), S. 81.

[18] Böll (1973), S. 23f.

[19] Herlyn (1996), S. 171.

[20] Böll (1973), S. 23.

[21] Laude, Kristina (2005): Das Bild der Frau in ausgewählten Werken Heinrich Bölls. Online verfügbar unter: http://www.boell-frauenbild.de/3_2_1_kein_wort.htm [Letzter Zugriff: 14.10.2009].

[22] vgl. Reid, J. H. (1991): Heinrich Böll. Ein Zeuge seiner Zeit. München: Dt. Taschenbuch-Verl. S. 123.

[23] vgl. Garske, Volker (1998): Christus als Ärgernis. Jesus von Nazareth in den Romanen Heinrich Bölls. Univ., Diss.--Paderborn, 1996. Mainz: Matthias-Grünewald-Verl. S. 42f.

[24] Böll (1973), S. 23.

[25] vgl. Durzak (1979), S. 80.

[26] Böll (1973), S. 27.

Details

Seiten
20
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656342618
Dateigröße
559 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v207189
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg – Institut für Germanistik
Note
2,0
Schlagworte
darstellung kirche liebe heinrich bölls wort beispiel protagonisten

Autor

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