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Luther und die Gnade: Eine Betrachtung des Gnadenverständnisses im Kontext der reformatorischen Wende

Diplomarbeit 2012 65 Seiten

Theologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Eine Definition der Gnade

3. Theologie Luthers in den Frühschriften
3.1 Luthers frühes Gottesverständnis
3.2. Das frühe Promissioverständnis im Zusammenspiel mit Demut und Glauben
3.3 Das Gericht
3.4 Luthers früher Schriftzugang
3.5 Die Selbstkasteiung und der Kampf gegen das sündige Fleisch
3.6 Die guten Werke
3.7 Der Gedanken vom extra nos in der Römerbriefvorlesung
3.8 Die frühe Betrachtungsweise von Römer 1,17/18
3.9 Simul iustus et peccator

4. Erstes Zwischenfazit

5. Die reformatorische Wende
5.1 Das Reformatorische in der Lehre Luthers
5.2 Zeitliche Einordnung der reformatorischen Wende und Augustins Einfluss aufLuther

6. Theologie des späteren Luther
6.1 Luthers späterer Zugang zur Heiligen Schrift
6.2 Die spätere Betrachtungsweise von Römer 1,17/18
6.3 Disputation über des Menschen Vermögen und Willen ohne die Gnade von 1516
6.4 Sermon von der zweifachen Gerechtigkeit von 1518
6.5 Die Hebräerbriefvorlesung (1517/1518)
6.5.1 Christus als Hoherpriester
6.5.2 Schriftzugang im Hebräerbrief
6.6 Heilsgewissheit durch Glauben
6.7 Disputation zur Erforschung der Wahrheit und zum Trost der angefochtenen Gewissen (1518)
6.8 Luthers Gnadenverständnis im Galaterkommentar (1519)

7. Fazit

8. Abschluss

Literaturverzeichnis
Primärliteratur
Sekundärliteratur
Onlinequellen

1. Einleitung

Es ist diese uralte und schon so oft gehörte Geschichte aus dem Lukas­Evangelium, der die Grundthematik dieser Erarbeitung so pointiert formuliert wie kaum eine andere. Sie handelt von einem sehr wohlhabenden Vater, welcher zwei Söhne hatte. Tragischerweise kennen diese ihren Vater gar nicht richtig, ihre Beziehung scheint distanziert, Austausch findet kaum statt und so beschließt der Jüngere von ihnen die Sachen zu packen und das Heim zu verlassen. Zuvor holt er sich aber noch sein Erbe ab, was der Vater ihm auch ohne weiteres aushändigt. Die erste Zeit scheint für den Ausreißer gut zu verlaufen. Mit dem Geld erfüllt er sich alle Wünsche; er lebt in Saus und Braus und merkt erst spät, das ihm die Finanzen so langsam knapp werden. Schließlich ist er bankrott, alles hat er verprasst, nichts bleibt ihm mehr. Er leidet große Not und wendet sich an einen Bauern. Bei ihm findet er zumindest eine Anstellung als Schweinehirte, der fürchterlichsten und verunreinigendsten aller Arbeiten und zur täglichen Verpflegung reicht es trotz aller Schufterei immer noch nicht. In seiner Verzweiflung begehrt er sogar von den Schoten der Schweine zu essen, doch selbst diese werden ihm verwehrt. Nun denkt er an die früheren Tage zurück, als es ihm noch gut ging und er keinen Mangel kannte. Sogar den Tagelöhnern seines Vaters geht es so gut, dass sie im Überfluss leben können, denkt er sich. Ob er es wagen solle, zurück zum Vater zu gehen? Er könnte ihm anbieten, für ihn als Sklave zu arbeiten und natürlich würde er sich entschuldigen für sein Versagen. Ja, wie ein Versager, so fühlte er sich jetzt. Es gab nichts, worauf er noch stolz sein konnte. Er hatte alles ruiniert, er war am Ende. Und er fürchtete sich schrecklich, so vor seinen Vater zu treten. Doch als Alternative wäre ihm wohl nur der Hungertod geblieben und so machte er sich schweren Schrittes auf in die Heimat. Von Weitem hatte sein Vater täglich nach seinem Sohn Ausschau gehalten und als er ihn schließlich am Horizont erblickte, da konnte er nicht anders, als ihm vor lauter Freude entgegenzulaufen. Der Sohn war irritiert, versuchte sich noch zu entschuldigen. Er war überwältigt von der Freundlichkeit, der Gnade, mit welcher sein Vater ihm begegnete. Vor Überschwang über die Heimkehr, beschenkte der Vater seinen Sohn mit dem besten Gewand, einem Ring und Sandalen sowie einem gemästeten Kalb. Der Vater war so überglücklich, dass er sofort ein rauschendes Fest feiern ließ.

Wenig später erfuhr der ältere Sohn von den neuen Ereignissen. Er war fassungslos und tief gekränkt. Wie konnte der Vater seinen jüngeren Bruder nur so beschenken, dies hatte er doch niemals verdient, das gesamte Erbe hatte er verschleudert. Er dagegen hatte viele Jahre treu und ergeben gedient, aber niemals auch nur ein Böckchen erhalten, um mit seinen Freunden zu feiern. Als der Vater die Reaktion des älteren Sohnes erfuhr, erwidert er einen sehr bemerkenswerten Satz: „Kind, du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, ist dein. Aber man muss doch jetzt fröhlich sein und sich freuen; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden und verloren und ist gefunden.[a]

Ich habe diese Geschichte ausgewählt, weil sie wunderbar das Thema dieser Arbeit verdeutlicht - die Gnade . Der jüngere Sohn macht in diesem Gleichnis alles falsch; verunglimpft nicht bloß sein eigenes Leben, sondern vergeudet auch noch das Erbe des Vaters. Doch weil er seine Fehler einsah, überschüttete der Vater ihn mit Barmherzigkeit. Da war kein Vorwurf, keine Anklage; stattdessen nur Annahme und Gnade. Auf der anderen Seite der ältere Sohn, der diese Gnade immer hätte haben können, doch verkannte er sie Jahr um Jahr und statt sich der Segnungen des Vaters zu erfreuen wurde er zunehmend bitterer.

Zwischen der Situation des jüngeren Sohnes und Martin Luther gibt es erstaunlich viele Parallelen. Zwar läuft Luther nicht vom Vater (Gott) fort, aber hat auch er zunächst ein eher negativ geprägtes Bild von ihm, wie es ebenso beim jüngeren Sohn gewesen sein muss, da er sonst kaum ausgerissen wäre. Gemeinsam ist beiden außerdem ein entscheidendes Erlebnis, welches ihr Leben schlagartig positiv verändert, da sie fortan ihren Vater mit anderen Augen sahen.

Das Thema dieser Wissenschaftlichen Hausarbeit ist „Luthers Gnadenverständnis im Kontext der reformatorischen Wende“. Mir in meiner Arbeit soll es darum gehen, welche Vorstellung Luther von der Gnade im Laufe derjenigen Zeit entwickelte, in der die sogenannte reformatorische Wende angesiedelt wird. Es geht um die Untersuchung, wie sehr Luthers Denken in diesen Jahren bereits von Gnade geprägt oder in welchem Maße er den Begriff Gnade verstanden hatte. Auch geht es darum festzustellen, wo genau Verschiebungen sichtbar werden. Eng verwoben ist dieses Thema mit dem Gottesbild, wie Luther Gott sieht und damit, wie er annimmt, dass Gott ihn oder den Menschen ganz allgemein betrachtet. Gnade steht bei Luther im dichten Zusammenhang mit den drei weiteren der vier sogenannten „Solus“, nämlich Christus, der Heiligen Schrift und dem Glauben. Unabdingbar wird es daher sein, auch hierauf ausführlich Bezug zu nehmen.

Mir geht es insbesondere darum zu vergleichen, wie sich Luthers Verständnis der Gnade innerhalb weniger Jahre, also etwa zwischen 1513 bis 1520, maßgeblich änderte.

Vorrangig stütze ich meine Erarbeitungen auf den Band 1 von „Luther deutsch - Die Werke Martin Luthers in neuer Auswahl für die Gegenwart“, herausgegeben von Kurt Aland von 1969.

Die Struktur der Arbeit ist so konzipiert, dass ich zunächst eine sachliche Definition der Gnade vorwegstelle, anhand dieser sich Luthers Erkenntnisstand zu den jeweiligen Zeitpunkten während der reformatorischen Wende bestimmen lässt. Die Zeitpunkte werden zunächst grob in frühes und spätes Verständnis geteilt. Für die „frühere Zeit“ betrachte ich Luthers Schriften „Erste Vorlesung über die Psalmen 1513/1515“ sowie die „Vorlesung über den Römerbrief 1515/1516“.

Zum späteren Verständnis untersuche ich insbesondere Luthers „Vorlesung über den Hebräerbrief 1517/18“ und betrachte zusätzlich die „Disputation über des Menschen Vermögen und Willen ohne die Gnade 1516“ , den „Sermon über die zweifache Gerechtigkeit 1518“, die „Disputation zur Erforschung der Wahrheit und zum Trost der erschrockenen Gewissen 1518“, sowie den „Galaterkommentar“ von 1518.

Anhand dieser Schriften sollen diese beiden Zeitabschnitte also etwa 1513-1516 sowie 1516-1521 miteinander verglichen werden. Die Überlappung der Zeitspannen verdeutlich sehr gut, dass sich Luther in einem Wandel, ja in einem Prozess, befand, der sich trotz eines einschneidenden Erlebnisses nicht sofort vollkommen änderte.

Es soll herausgearbeitet werden, inwieweit sich Luthers Thelogie in Bezug auf die Gnade veränderte.

Zu Beginn dieser Erarbeitung soll eine Definition des Gnadenbegriffs aus der Zusammenstellung mehrerer theologischer Wörter- und Fachbücher zusammengetragen werden.

Eine rein sachliche Begriffsbestimmung öffnet die Augen für die Entfernung, aus welcher Luther zu bestimmten Zeitpunkten während der reformatorischen Wende die Gnade betrachtet hat. Hier wird es darum gehen, genauer hinzusehen. Als herausragender Theologe seiner Zeit war ihm der Gnadenbegriff als solcher freilich niemals unbekannt, auch lange vor der eigentlichen Erkenntnis nicht. Mit dem Wendepunkt veränderte sich aber seine Betrachtungsweise, d.h. seine Theologie und dementsprechend seine Vorstellung von Gnade beträchtlich.

Nach der Begriffserklärung möchte ich auf die Theologie Dr. Martin Luthers in den Jahren 1513 - 1516 zu sprechen kommenb. Danach nehme ich auf die Reformatorische Wende Bezug und versuche zu klären, worin das eigentlich Reformatorische zu finden ist. Außerdem soll eine zeitliche Einordnung vorgenommen werden.

Anschließend widme ich mich, vergleichend zur „Frühtheologie“ der Theologie des Reformators aus den Jahren 1516 - 1521. Wobei ich überwiegend beim Hebräerbrief aus 1517/18 verharren werde. Im Schlussresümee möchte ich Luthers verschiedene Ansätze mit der im Anfang dargelegten Definition von Gnade in Bezug setzen, um somit herauszuarbeiten, wie nah er ihr am Ende der reformatorischen Wende um 1521 gewesen ist.

2. Eine Definition derGnade

Nach dem Theologen Otto Hermann Pesch beschreibt Gnade eine unverdiente, unverhoffte sowie „unbegreifliche Zuwendung der Liebe Gottes zum Menschen, die diesen zum Heil in der Lebensgemeinschaft mit Gott führt, indem sie sich selbst aufdeckt und befreiend überwindet.[1] “ Sie ist Kennzeichen und Ausdruck der Wertschätzung Gottes gegenüber der Menschheit und sie ist gewissermaßen nach neutestamentlichem Zeugnis die Wirklichkeit Gottes selbst.[2]

Das Merkmal des Unverdienten ist bei weitem kein Nebenkriterium, da sich an ihm - wie später zu sehen sein wird - der reformatorische Gedanke Luthers entzündet. Einzig und allein ungerechtfertigt kommt die Gnade zur Entfaltung. Wenn der Mensch aus sich heraus versucht, sie zu erwirken, so muss dies zwangsläufig scheitern, da die Gnade immer nur als Geschenk von Gott gegeben wird. Gottes Zuwendung, seine Gnade, zeigt sich immer freiwillig. Er gibt und tut es, weil es seinem Wesen entspricht, nichtweil ein menschliches Anrecht vorliegt.

Wie in 'Neues Handbuch der theologischen Grundbegriffe' nachzulesen ist, ist der Umfang der Gnade für den Menschen unbegreiflich, denn obgleich dieser von der 'Liebe Gottes' spricht, so hat er doch nur eine sehr begrenzte Vorstellung von der Größe und dem Gewicht dieser Worte, auch wenn ihm bewusst ist, dass sich Gottes Liebe im Kreuzestod seines Sohnes offenbart. Gnade wird mit dem Ziel gegeben, den Menschen in eine Lebensgemeinschaft zwischen Gott und den Menschen zurückzuführen. Dabei muss die Gnade unbedingt den Charakter der Freiwilligkeit beibehalten. Ob sie angenommen oder abgelehnt wird, entscheidet letztlich der Mensch selbst.

„In gleicher Weise, wie die Gnade Gottes ein exklusives Geschenk an den Menschen ist, gilt umgekehrt, daß die Gnade Gottes den Menschen nicht übergeht, ihn gleichsam vergewaltigt, sondern seine Person berücksichtigt und damit auch ablehnbar bleibt.“[3]

Wäre dies nicht gegeben, so hieße Gnade letztlich Zwang.

Andererseits ist das gnädige Zuwendungshandeln Gottes nicht durch einen auf Recht und Gehorsam basierendem Bundesvertrag begründet, sondern in seinem liebenden Willen. Gott selbst „tritt in seiner Gnade dem Menschen nicht als bloßer Bundespartner gegenüber, der auf seinem Recht besteht, sondern als der Begründer dieses Bundesverhältnisses, welches zwar durch den Menschen auf das Gröbste verletzt wurde, nun aber , der unbedingten, grenzenlosen Liebe des Schöpfers zu seinem Geschöpf wegen, außer Kraft gesetzt wird, um dem Rettungs- und Erlösungshandeln Gottes Platz und Raum zu geben.“[4] Schlussendlich ergibt sich, dass die Definition der Gnade völlig identisch mit der Botschaft des christlichen Glaubens ist. Ein Weglassen der Gnade in der Theologie, würde gleichfalls bedeuten, auf Evangelium, Glauben und auf christliche Verkündigung überhaupt zu verzichten. Manifest wird Gnade im Evangelium ganz konkret an der Person Jesus Christus. Dessen Tod und Auferstehung sind der Erweis der Gnade Gottes, welcher der gesamten Menschheit zugekommen ist und mit seinem Handeln hat er ihr stellvertretend das Heil erwirkt.[5]

Ebenso argumentiert auch „Religion in Geschichte und Gegenwart“, die die beiden theologischen Leitbegriffe Liebe und Gnade gleichsetzt, welche sich in Gottes Rettungsakt mit der Opferung seines Sohnes Jesus vergegenwärtigen.[6]

3. Theologie Luthers in den Frühschriften

3.1 Luthers frühes Gottesverständnis

UmdasJahr 1513 beginnt für Luther ein ganz bedeutendertheologischer Umformungsprozess, der viele theologische Kernthemen wie Glauben, Rechtfertigung, Heilsgewissheit oder Demut betrifft. Grundlage dieser Themen ist Luthers Verständnis darüber, wie Gott selbst ist und wie der Mensch von Gott her gesehen wird. Diese Sicht Luthers ist letztlich ausschlaggebend für seine Auffassung der Gnade.

Bei der Lektüre der Frühschriften Luthers, wie der ersten Psalmvorlesung und der Vorlesung über den Römerbrief, wird der Leser (noch) in eine Atmosphäre von beständiger Unsicherheit und Angst hineingezogen. Gott ist für Luther zu jener Zeit völlig unberechenbar und sein Handeln ist ihm verborgen, so wie beim Theologen Oswald Bayer nachzulesen ist:

„Was Gott ist und was der Mensch ist, liegt derzeit noch im Ungewissen“.[7]

Gott ist für Luther derzeit der Feind aller menschlichen Denkweisen, Vorlieben und Handlungen, die stets Zeichen ihrer Überheblichkeit und Egozentrik sind. Dabei hat Gott es sich zur Aufgabe gemacht, diese aus dem Menschen auszutreiben und ihn davon zu befreien. Offensichtlich ist, dass Luther eine beklemmende Furcht davor hatte , Gott nicht gefallen oder genügen zu können. Dies ist aus seinen Worten nicht zu übersehen, wie in jener Äußerung:

„Immer also müssen wir der Sünde fürchten, immer uns vor dem Angesicht Gottes anklagen und richten.“[8]

Aus lauter Angst vor dem ewigen Höllenfeuer ist Luther in seinen Aussagen über den Ewigen mit kritischen Aussagen i.d.R. sehr zurückhaltend. Viel betont er seine Gerechtigkeit und Unantastbarkeit aber es ist ihm gleichwohl anzumerken, wie sehr er sich über Gottes angebliche Hartherzigkeit ärgert. Wie später noch zu sehen sein wird, verweist Luther ausdrücklich auf den (blinden) Gehorsam, den Anweisungen Gottes aus der Schrift gegenüber.

Wie er Gott einzuschätzen habe, weiß Luther nicht so recht. Wenn er an seinen Charakter denkt, so kommen ihm viele entgegengesetzte Eingenschaften in den Sinn (Leben und Tod; Liebe und Hass; Lebensgewährung und Lebensversagung; böse und gut, sowie Unglück und Glück) die im Allgemeinen sowohl Gott als auch dem Teufel zugeschrieben werden. Gottes Wesen muss Luther daher schlussendlich unbegreiflich bleiben. Das Negative, das Dunkle und unendlich Ferne, was er an ihm sieht, sowie die Bedrängnis, die er bei ihm wahrnimmt, bereiten Luther Angst. Ungewöhnlich direkt wird Luther in einer dramatischen Formulierung, bei welcher er beschreibt, dass ihm ohne Christi Gott zum Feind, ja gar zum Dämon wird. Gott, so glaubt Luther, könne nicht er selbst sein, wenn er nicht im Voraus zum Teufel wird.[9] c

3.2. Das frühe Promissioverständnis im Zusammenspiel mit Demut und Glauben

Es ist ersichtlich, wie sehr Luther darauf eingeht, mit welcher Haltung oder welchem Verhalten der Gläubige auf die Gnade hoffen kann. Dabei geht in seinen Argumentationen meist alles Bedeutende vom Gläubigen aus. Er „muss“ dies oderjenes tun, er „muss“ jene Einstellung haben, etc.

Dazu ist folgender Vers exemplarisch, weil er veranschaulicht, was vom Menschen erwartet wird, um der Rechtfertigung teilhaftig zu werden:

„Wer glaubt, d.h. wer sich selbst richtet, wird selig, d.h. wird nicht mehr gerichtet.“[10]

Dieser Bibelvers mit seiner hinzugefügten Erklärung beschreibt das frühe Promissioverständnis Luthers. Er hebt die absolute Willensbekundung des Menschen hervor, welche sich durch Sündenbewusstsein, Bittgebet und Eigenanklage ausdrückt. Nur durch den Vollzug dieser Handlungen, darfder Mensch hoffen, einen barmherzigen Gott vorzufinden.

Noch fehlt es an der Gewissheit des Glaubens. Um das Heil zu erlangen wird gefordert, sich selbst völlig zu entäußern und sich aller weltlichen Vorlieben zu entledigen. Ob allerdings das Maß an Hingabe und Entsagung reicht, bleibt offen.

„Kann aber der Sünder des Heils nur gewiß sein, indem er in unendlichem Regress via negationis auf sich selbst reflektiert, ist die Sündenvergebung identisch mit seinem Sündenbekenntnis, dann ist er des Heils faktisch gerade nicht gewiß.“[11]

Von einer festen Gewissheit oder Zusage (promissio) kann mitnichten gesprochen werden, alles ist noch reichlich unsicher und diese Unsicherheit schimmert durch viele seiner Aussagen.

Auch die Buße des Gläubigen für all sein Fehlverhalten erwirkt vor Gott noch keinerlei Sicherheit. Eine Rechtfertigung kann nur erhofft werden. Ob sie wirklich eintrifft, hängt auch davon ab, inwiefern der Mensch zu täglicher Selbstverleumdung und Selbstanklage bereit ist.

Eine Rechtfertigung und damit einhergehende Heilsgewissheit allein aus Glauben, ist für Luther derzeit noch völlig undenkbar. Vielmehr käme ihm dann der Gedanke auf, die erlangte Sicherheit würde im Gläubigen Gleichgültigkeit und Lauheit im täglichen Kampf gegen die Sünde erzeugen. Ein solcher Frieden aber wäre trügerisch und könnte sich beim gerechtfertigten Menschen leicht in Stolz oder Übermut umschlagen. Unsicherheit und Unruhe sind für Luther zu jener Zeit alles andere als negative Begleiterscheinungen im Leben des Christenmenschen. Vielmehr sind sie sogar Kennzeichen eines wahren und echten Glaubens und sollen angestrebt werden.[12] Denn der wahre Christ befindet sich stetig im Kampf mit den weltlichen Lüsten, ist von ihnen allezeit umgeben und bedrängt. Sicherheit müsste dann darauf zurückzuführen sein, dass sich der Gläubige zu sehr der sündhaften Welt angepasst und ihr in Denken und Handeln gleichförmig geworden ist. Bis zum letzten Gericht bleibt somit für den Gläubigen noch völlig offen, ob seine Demut den Anforderungen Gottes genüge getan hat:

„Darum kann es keine Gewißheit geben, sondern nur Ungewißheit und in ihr Klage und Jammern um Barmherzigkeit.“[13]

Professor Dr. Matthias Kröger beschreibt, es sei eben gerade der Wille Gottes, den Christenmenschen in eine Ungewissheit zu führen, da nur die Furcht vor Gott (und seinen Entscheidungen) die Sünden nicht anrechnen wird. Eine von Gott gegebene Sicherheit ist für Luther aus diesem Grund absolut ausgeschlossen.

Demjenigen, der in dieser Furcht ist, ist die Gnade verheißen und darf darauf hoffen, dass seine Tränen einst von Gott abgewischt und in Freude verwandelt werden.[14]

Zunächst klingt es paradox, wenn gesagt wird, dass gerade der GLÄUBIGEd sich seiner Rechtfertigung nicht sicher sein, d.h. nicht glauben, darf.e Doch würde dieser davon ausgehen, vollkommen vor Gott gerechtfertigt zu sein, könne er nach Luthers damaligem Verständnis keineswegs wahrhaft demütig sein. Er vertraut und glaubt aber insofern Gott und seinem Wort, dass er die Sünde (an-)erkennt und somit seine Bedürftigkeit vor Gott eingesteht.

Wenn der Christ begreift, dass er durchweg sündhaft, schlecht und verdorben ist, fühlt er sich erst recht nicht würdig, der Annahme Gottes teilhaftig zu werden und ist daher voller Ungewissheit. Hierin zeigt sich der Mensch nun demütig und kann darauf hoffen, von Gott gerechtfertigt zu werden. Nur wenn die Demut ungewiss ist, also mit ihr keine Absicht verfolgt wird, gilt sie als rein. Eine Demut dagegen, die im Sinn hätte, aus sich heraus und aufgrund ihrer selbst Gott gefallen zu können, wäre keineswegs echt, sondern letztlich nur Mittel zum Zweck.

Treffend beschreibt Kroeger Luthers damaliges Glaubensverständnis wenn er sagt, dass ein echter Glaube ungewiss sein muss, damit Gott seine gnädige Rechtfertigung erweisen kann und Gott hierin einem solch demütig Glaubenden Gnade schenken wird. Dies, so Kroeger, sei in der Römerbriefvorlesung die unangezweifelte Voraussetzung für die Rechtfertigung.[15]

3.3 Das Gericht

ln dieses Geflecht von Demut-Glauben-Ungewissheit muss auch notwendigerweise der Begriff 'Gericht' einbezogen werden. Luther versteht das Gericht als etwas überaus positives, sozusagen als den Ausdruck von Gottes Gnade, mit welchem er den Menschen von der durch und durch bösartigen Welt befreien möchte. Wie oben bereits beschrieben, begreift sich der Mensch als völliger Versager, der aus sich heraus zu nichts gutem fähig ist, voller eitler Gedanken und letztlich in seinem Denken und Handeln ein Werkzeug des Teufels ist. ln diesem Geständnis darf der Gläubige schließlich auf Gottes Erbarmen hoffen.

Der Weg zur Erlösung führt dementsprechend nur über das (Selbst-) Gericht und ist insofern überaus gut, befreiend und rettend oder wie Lohse es erklärt:

„Die Gnade heiße Gericht und Gerechtigkeit, weil sie den Glaubenden richtet und rechtfertigt. Sie tut dies, indem sie alles Unsrige als abscheulich und verdammlich enthüllt und so zur wahren Demut führt“.[16]

3.4 Luthers früherSchrîftzugang

Eng verbunden ist dieser Zusammenhang auch mit dem Schriftverständnis Luthers zu jener Zeit. In ihr findet er bestätigt, dass der Sünder gerade in Tod, Gericht und Sünde Gottes Gnade erfahren kann und ihm Leben spendet. Darin, d.h. in Tod/Gericht/Sündef erhält der Christenmensch durch die Schrift einen Zugang zu Hoffnung und Trost, die darin bestehen, ihm Zuversicht für das ewige Leben zu vermitteln und ihn für die hiesige Zeit zu ermutigen.

Zum jetzigen Zeitpunkt vernimmt Luther der Heiligen Schrift noch keine feste Zusage auf Heilsgewissheit. Er kann ihr noch kein

Gnadenversprechen entnehmen, sondern zeigt dem Gläubigen, wo die Gnade zu finden ist und legt die oben beschriebene Kontrarität Gottes, dass Gott nur dem Sünder gnädig ist, dar.[17]

Weitere Gesichtspunkte des lutherischer Schriftzugangs werden in den Folgekapiteln erklärt, hierfür müssen zuvor aber noch andere Aspekte betrachtet werden.

3.5 Die Selbstkasteiung und derKampfgegen das sündige Fleisch

Für Luther, so beschreibt er es in seiner ersten Psalmvorlesung, ist das Gericht bereits jetzt in der Welt. Dieses vollzieht sich dadurch, dass der HERR die Gläubigen vom Bösen absondert. Der alte Mensch, die alte Natur des Christen, soll hierbei täglich neu gekreuzigt und durch Zucht und Strenge gemaßregelt werden. „An der Seele aber vollzieht sich das Gericht durch Gnade“.[18] Der Gläubige hat die Aufgabe sich immer wieder neu zu richten und selbst anzuklagen, denn er muss leer vor Gott sein, erst dann kann Gott ihn mit Gnade und Barmherzigkeit füllen. Je mehr er zur Eigenanklage bereit ist und je rigoroser er dabei mit sich selbst ins Gericht geht, er sich buchstäblich selbst geißelt, desto mehr kann er dann die Güte Gottes empfangen. Er soll sich sich in einem ständigen Prozess der Demütigung befinden, in welchem er lernen muss sich und seine Begierden mehr und mehr zu verleugnen, so dass sich sein Wille völlig mit dem des HERRN deckt. Allem menschlichen Hochmut, aller Selbstüberzeugung, allem Stolz und aller Arroganz soll sich der Christ entledigen. Dann und nur dann kann der Mensch der Gnade Gottes teilhaftig werden.

„Luther radikalisiert einen wesentlichen Aspekt des mönchischen
Selbstverständnisses, nämlich den mönchischen Gehorsam mit seiner
strikten Ablehnung jedes Eigensinns und jeder Eigenmächtigkeit.

Gehorsam und demütig unterwirft sich der Mönch dem Urteil seines
Priors als Stellvertreter Christi und tötet seinen sensus proprius, den
eigenmächtigen Anspruch seines Ichs.“[19]

In der Selbstanklage befindet sich nach Luther das Gericht und hierin soll sich der Gläubige selbst verabscheuen, sich bestrafen und sogar Schmerzen zufügen, da er zutiefst unwürdig, unvollkommen sowie schlecht und sündig ist.

So, wie Christus einst verleugnet, verachtet und schließlich gekreuzigt wurde, so soll auch der Gläubige zu selbiger Pein bereit sein. Denn in schlimmer Weise lebt in ihm, d.h. in seinem Fleisch, die Begierde auf und um ihn die Welt mit seinen Lüsten sowie der Teufel mit seinen Verlockungen.[20]

Solche Geringschätzungen sollen vom Gläubigen auch äußerlich, etwa durch Fasten, Trübsal, Angst oder Verachtung zum Ausdruck gebracht werden. Mehr noch: Der Christusnachfolger soll Freude an der eigenen Demütigung haben und sie suchen und bejahen. Wer dagegen die Erniedrigung scheut, „und nach Entgegengesetzten strebt, ist noch nicht im Gericht und folglich nicht in der Gerechtigkeit Gottes“.[21]

Ohne Exkommunizierung würde der Mensch vor Gott nicht bestehen, da er immer noch glaubt, aus sich selbst heraus gut und gerecht sein zu können und somit Gott ohne dessen Hilfe gefallen zu können.

Nach Luther blicken die Christen einerseits voller Furcht in das Angesicht eines richtenden Gottes, welchem der Stolz der Menschheit völlig zuwider ist, andererseits hoffen sie auf seine Barmherzigkeit, welche sich in Christi Tod manifestiert hat und all denjenigen, die in Demut und Glauben bußfähig sind, zur Geltung kommt.

Mit großer Akribie arbeitet Luther in seiner ersten Vorlesung von den Psalmen heraus, dass es unter keinen Umständen einen Menschen geben kann, der sich nicht vor dem HERRN in irgend einerWeise schuldig gemacht hat. Er zählt dabei jede Möglichkeit der Verfehlung auf, von der Unterlassungssünde und der Übertretung der zehn Gebote, bis zu dem Aspekt, die Sünden der anderen nicht zu den eigenen gemacht zu haben. Luthers Vorgehen soll den Menschen kleinmütig machen, soll ihn erniedrigen. Hochmut und Eigenliebe sollen gebrochen werden, so dass der Mensch schließlich mit ganzem Herzen zur Reue bereit ist.

Der Gläubige soll der Demut mit ganzer Entschlossenheit nacheifern und täglich mit ganzer Hingabe seine alte Natur, sein Fleisch, kreuzigen und demzufolge alles Eigene völlig verdammen.

„Deshalb gilt es, vor allem nach der Demut zu streben und den sensus proprius (dies meint den menschlichen Eigensinn - Hinzufügung des Autors) zu fürchten. In dem der Mensch solches im Glauben tut, wird das Werk Gottes in ihm wirksam. Denn der Glaube schließt den sensus proprius aus und züchtigt, kreuzigt und schwächt das Fleisch.“[22]

Luther hebt mit großem Nachdruck immer wieder hervor, wie wichtig es sei, den Kampf gegen die Sünde mit aller Kraft und Beharrlichkeit zu führen. Mit glühendem Eifer ruft er die Christenheit dazu auf, hierin bloß nicht lau zu werden, sondern beständig brennend und mit ganzem Ernst dem Selbstgericht zu verfallen, damit sie hierdurch dem Strafgericht Gottes entgeht.

[...]


a Es handelt sich um eine freie und ausgeschmückte Nacherzählung von Lk 15,11-32

[b] In wissenschaftlichen Arbeiten ist es üblich, Zitate mit Rechtschreibfehlern mit einem eingeklammerten "[sic!]" zu kennzeichnen. Hierauf möchte ich allerdings beim zitieren von Luther Äußerungen verzichten, da diese aus einer anderen Zeit stammen und demzufolge gar nicht der aktuellen Schreibweise unterliegen können.

[1] O.H. Pesch: Art. „Gnade als theologischer Grundbegriff“, in: Neues Handbuch theologischer Grundbegriffe, 255.

[2] O.H. Pesch: Art. „Gnade als theologischer Grundbegriff“, in: Neues Handbuch theologischer Grundbegriffe, 255.

[3] V. Gäckle : Art. „Gottes Geschenk und Gottes Wille“, in: Evangelisches Lexikon für Theologie und Gemeinde, 782.

[4] M. Wriedt: Gnade und Erwählung, 69.

[5] Vgl. O.H. Pesch: Art. „Gnade als theologischer Grundbegriff“, in: Neues Handbuch theologischer Grundbegriffe, 256-8.

[6] Vgl. D. Sänger (Vf.): Religion in Geschichte und Gegenwart, Bd 3, Tübingen 2000, 1026.

[7] O. Bayer: Promissio. 340.

[8] K.-H. Zur Mühlen: Nos Extra Nos. 59.

[9] Vgl. O.Bayer: M.Luthers Theologie, 2.

c Luther stellte sich die Frage, wieso es den Teufel und demzufolge Böses in der Welt gibt, wenn doch ein guter Gott über alles die Macht habe. Dr.Theobald Beer: Anfang der Theologie Luthers. http://www.siewerthakademie.de/dokumente/8 Im Ringen um die Wahrheit.pdf (Abgerufen am: 15.10.2012)

[10] O.Bayer: Promissio, 342.

[11] O.Bayer:Promissio,342.

[12] Vgl. B. Lohse (Hrsg.) : Der Durchbruch der Reformatorischen Erkenntnis bei Luther, 15.

[13] B. Lohse (Hrsg.) : Der Durchbruch der Reformatorischen Erkenntnis bei Luther, 16.

[14] Vgl. B. Lohse (Hrsg.) : Der Durchbruch der Reformatorischen Erkenntnis bei Luther, 17. d Der „Gläubige“ ist im Sinne eines Christen, bzw. Christenmenschen zu verstehen.

e Die Bedeutung von 'Glauben' ist der Definition des Hebräerbriefs 11,1 zu entnehmen („Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“)

[15] Vgl. B. Lohse (Hrsg.) : Der Durchbruch der Reformatorischen Erkenntnis bei Luther, 19.

[16] B. Lohse (Hrsg.) : Der Durchbruch der Reformatorischen Erkenntnis bei Luther, 3.

f Sünde bedeutet hier: Sündenbewusstsein

[17] Vgl. B. Lohse (Hrsg.) : Der Durchbruch der Reformatorischen Erkenntnis bei Luther, 26.

[18] Vgl. K. Aland: Luther deutsch, 22.

[19] K.-H. Zur Mühlen: Nos ExtraNos, 33.

[20] Vgl. K. Aland: Luther deutsch, 39.

[21] Vgl. K. Aland: Luther deutsch, 47.

[22] K.-H. Zur Mühlen: Nos ExtraNos, 33.

Details

Seiten
65
Jahr
2012
ISBN (Buch)
9783656354031
Dateigröße
671 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v207170
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Evangelische Theologie
Note
Schlagworte
luthers gnadenverständnis kontext wende

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