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Eine queere Welt

Queerparties und -veranstaltungen - Mittel zum Zweck oder Entpolitisierung der Szene?

von Federica Tosi (Autor)

Hausarbeit 2011 21 Seiten

Geschlechterstudien / Gender Studies

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Begriffsklärung und Geschichte

3. Queer Politics
3.1. Queermainstreaming
3.2. Diskriminierungen im Queerdiskurs

4. Queer Feminism

5. Queere Räume als Mittel zur Übertragung queeren Gedankenguts
5.1. Queere Veranstaltungen und queere Politik
5.2. Eindrücke von queeren Veranstaltungen
a) Queerparties Sabot°age und Gegen
b) 33.ster CSD Berlin
c) Transgenialer CSD 2011 Berlin
d) Das Queer Festival in der Villa Vegan, Milano
e) Das radikale unkommerzielle queere film festival entzaubert

6. Fazit

7. Literatur

1. Einleitung

"Won't that make a queer combination?" inquired Kiki.

"The queerer the better," declared Ruggedo.

(The Wizard of Oz, Lyman Frank Baum)

Sucht man nach der Bedeutung des Worts im Internet, kommen auf Foren Kommentare wie „schwul, homosexuell, lesbisch“ oder eine Auflistung der ursprünglich abwertenden Bedeutungen die Queer einst hatte. Selbst auf ausschlaggebenden Webpages findet mensch oft keine eindeutig politische Stellungnahme.

Ich nehme an, dass ein Großteil der Bevölkerung das Wort Queer mit den Postern der queeren Veranstaltungen assoziiert, und nicht weiß, dass politische Gedanken dahinter stehen. Ob die Veranstalter_innen dieser Parties, Festivals und Veranstaltungen nur ein bestimmtes Publikum unterhalten wollen, oder ob sie damit noch etwas anderes bezwecken, will ich später klären.

Als ich selbst auf queeren Veranstaltungen gearbeitet habe, habe ich oft von erschrockenen, vielleicht homophoben, Besuchern zu hören bekommen: „Ist das eine Schwulen Party?“, einige wollten daraufhin ihr Geld zurück und suchten das Weite. Bei einer Party die zusammen mit einer Drum´n`Bass Veranstaltung stattfand, war ein Türsteher um das Wohl der Besucher_innen besorgt, es schien er mache sich Sorgen, dass eine_r der Gäste der queeren Veranstaltung, die durchschnittlich jüngeren Teilnehmer_innen der anderen Veranstaltung „abschleppen“ würde.

Ich denke queere Veranstaltungen werden organisiert um Menschen wachzurütteln, oder um etwas zu verändern. Um herauszufinden ob dem so ist, habe ich Warbear[1], einen bekannten italienischen Queerpartyveranstalter, Aktivisten und DJ befragt, war auf einigen queeren Festivals und Veranstaltungen um Eindrücke zu gewinnen, und habe Texte einiger Autor_innen die sich zum Thema queere Kultur / queere Räume äußern zu Rate gezogen.

Hinter dem Wort Queer steht mehr, als das was die weit verbreitete Meinung - die damit oft nur die LGBT[2] Szene damit in Verbindung bringen - der Gesellschaft ist. Ist der queere Grundgedanke bis heute erhalten geblieben, oder hat eine völlige Entpolitisierung des Begriffs durch seine Nutzung als Partymotto stattgefunden und inwieweit wurden Ausgrenzungen durch queere Politik abgeschafft? Woltersdorf schreibt dazu, dass dieses Phänomen, in Deutschland, mit der Eindeutschung des Bregriffs einhergegangen ist, dass durch diese der „politisch- kritische Unterton verloren“ gegangen sei (Woltersdorff 2003:920).

2. Begriffsklärung und Geschichte

„Alles was der jeweiligen gesellschaftlichen Norm nicht entspricht, ist Queer.“

(Annemarie Jagose, 2001)

Für Warbear, der seit 15 Jahren in Rom mit „Phag off“[3] und seit 2010 in Berlin mit den Parties „Gegen[4] aktiv ist, beinhaltet das Wort „Queer den Geist einer Revolution in kritischem Maße, nicht nur in der Sprache der heteronormativ Mächtigen, aber in einer ganz simplen Sprache, welche den Unterdrückten eine Macht verleiht, die einen Gegenspruch der Identität“ beinhaltet. Woltersdorff äußert sich dazu ähnlich in einer Veröffentlichung der Rosa Luxemburg Stiftung (vgl. Woltersdorff 2003:40).

Für die Organisator_innen des entzaubert queer DIY Filmfestivals am Schwarzen Kanal bedeutet „Queerness […] auch (Eroberung von) positiven Einstellungen und Ausdruck von Sex, Identität, Körper, Gender und auch der Umgang mit Mißbrauchserfahrungen.[5]

Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Queer war eine sehr negative, aus dem Englischen direkt übersetzt bedeutet es „gefälscht, sonderbar, fragwürdig, krank, etwas verderben, jemanden irreführen, seltsam, verrückt ect.“ (Czollek et al 2009: 33) Eine positive Bedeutung des Wortes entwickelt sich Ende der 1980´er Jahre in den USA, als Bezeichnung des politischen Aktivismus und als LGBT Denkrichtung, aus den separatistischen Bewegungen heraus. Queer wird heute auch als „Sammelbecken für alle nicht-normgerechten Sexualitäten“ (Rauchut 2008:48) genutzt.

Das Wort wurde gewählt weil es all diejenigen bezeichnet die nicht in die Wertvorstellungen der „moral majority“ passen. Wichtig für die Entwicklung der Queertheory ist auch der Poststrukturalismus ausschlaggebend, der nicht zu einer endgültigen Wahrheit führen will, der radikal gedankliche Hierarchien abbauen will. Queer lebt von beständig neuer inhaltlicher Füllung und darf nicht abschießend definiert werden (vgl. Woltersdorff 2003:915-916). Jagose schreibt, es gäbe über die Definition von Queer keinen Konsens, und die Grundzüge werden immer wieder skizziert und debattiert, auch wenn der Begriff immer wieder gerne als Zusammenfassung von schwul-lesbischer Identitäten genutzt wird (vgl. Jagose 2001:14-15).

Queer will nicht nur Heteronormativität[6] kritisieren, sonder darauf aufmerksam machen, dass es verschiedene Genderformen[7] gibt die als eine Variable neben Frau und Mann bestehen: „intersexuelle Menschen, Transsexuelle, Transgender“ (Czollek et al 2009:33).

Der Begriff Queer verliert laut einiger Theoretiker_innen im Deutschen seinen ursprünglich pointierten Charakter, da viele bei Queer nicht wie im Englischen an die ursprünglich sehr negative Bezeichnung denken, sondern ihn mit „quer“ in Verbindung bringen. So ginge die politische Kraft des Begriffs verloren. Einige Theoretiker_innen fordern dazu auf „pervers[8] an die Stelle von queer zu setzen um der wahren Bedeutung des Wortes so nahe wie möglich zu kommen (vgl. Rauchut 2008:75-81).

Im International Code of Diseases (ICD10) gibt es bis heute ein Kapitel zu „Störungen der Geschlechtsidentität“ unter den Psychischen Erkrankungen. Dort wird bis heute Transsexualität als psychische Störung aufgelistet.[9] Weltweit engagieren sich queere Aktivisten-Gruppen dagegen, beispielsweise findet der Internationalem Aktionstag „Stopp Trans Pathologisierung 2012“, auf dem die „Streichung der Diagnose Geschlechtsidentitätsstörung aus den Krankheitskatalogen!“[10] gefordert wird. Bis 1990 war auch Homosexualität als Krankheit im Vorläufer des ICD10[11] aufgelistet. Der Begriff homosexuell wird darum nur ungern als Selbstbezeichnung verwendet, da er mit der Pathologisierung in Verbindung steht (vgl. Jagose 2001:95).

Wenn es heute kaum noch diskriminierende Gesetze (im westlichen Raum) gibt, dann ist dies auch der politischen Aufklärungsarbeit vieler queerer Gruppen und Aktivist_innen seit ihrer Entstehung zu verdanken. Aktivist_innen arbeiten bereits seit den 1970er Jahren durch Aufklärungsarbeit, Aktionismus und anderen Mitteln gegen Homophobie und für die Gleichberechtigung Homosexueller, Transsexueller und Intersexueller Menschen. Wie diese Gruppen entstanden sind, wie sie arbeiten, welche ihre Ansprüche waren, welche sie heute sind, will ich kurz klären.

3. Queer Politics

„It was a strategy, not an identity. Put differently, the message of queer activism was that politics could be queer, but folk could not.” (Morland und Willox 2005)

Seit dem Beginn der Entwicklung des Worts Queer mit seiner heutigen Bedeutung, verbirgt sich dahinter ein politischer Gedanke der für Gleichberechtigung, unabhängig von sexueller Orientierung, gesellschaftlichen oder biologischen Geschlecht oder der Angepaßtheit an die Gesellschaft.

Queer Politics entstanden vor allem durch die AIDS-Krise in den USA, versuchten die betroffenen marginalisierten Gruppen zu unterstützen. Es entstand eine neue Form der Bündnispolitik, die auch als Regenbogenkoalition[12] bezeichnet wurde. 1990 entstand die Gruppe Queer Nation und 1992 Lesbian Avengers (lesbische Rächerinnen), die ihre Rechte als Staatsbürger_innen einforderten. Diese Gruppen veranstalteten vor allem kulturell subversive Aktionen in der Öffentlichkeit. Queer Nation wurde jedoch alsbald als eine nationalistische Bewegung von ausschließlich weißen Schwulen und Lesben kritisiert (vgl. Woltersdorf 2003:915).

Brill vergleicht die heutige queere Subkultur und Politik mit anderen Subkulturen, und fordert eine „multidimensionale Perspektiven welche auf Mikro- und Makroebene `Politiken´“ ermöglicht (Brill 2009:121). Vor allem stellt sie den Anspruch, daß sich queere Politik mit den gesellschaftlichen Problemen im Allgemeinen beschäftigen soll, und nicht den Fokus ausschließlich auf die Diskriminierung aufgrund von Sexualität beschränken soll. Vor allem innerhalb der queeren Szene sollen „Unterdrückungsverhältnisse auf den Achsen gender, age, race/nactionality und class“ betrachtet werden; Themen die im LGBT- Mainstream vernachlässigt werden (Brill 2009:116).

Perko schreibt jede_r habe ein Recht auf Selbstbestimmung und Selbstpositionierung ohne Fremdzuschreibungen, darum haben sich verschiedene Gruppen zusammengeschlossen um ihre Meinungen in die Öffentlichkeit zu tragen. Sie schreibt, dass „queere Politik eine Politik der Autonomie“ ist. Bezugnehmend auf das antike Griechenland leitet sie ab, dass Politik überall dort stattfindet, wo sich Menschen dialogisch versammeln, und den öffentlichen Ort als politischen Ort neu konstruieren (vgl. Perko 2005:67-77). Ich würde davon ableiten, dass also große Veranstaltungen, Parties, Theater, Performances und andere öffentliche Projekte an denen sich Menschen versammeln die queeres Gedankengut vertreten, damit öffentliche Orte zu politisch queeren Orten machen.

[...]


[1] Warbear (dt. Kriegsbär) ist ein Künstlername, der so gewählt wurde, weil in der Queer Community ein Bear einen großen, kräftigen, behaarten, bärtigen, homo- oder bisexuellen Mann bezeichnet, die Bears haben sich selbst diese Bezeichnung gegeben. Das Interview mit Warbear wurde auf seiner Muttersprache Italienisch geführt, die Übersetzung habe ich selbst vorgenommen.

[2] Abkürzung für Lesbian-Gay-Bi-Transgender

[3] “Phag Off” ist ein Partyprojekt das von Warbear zusammen mit anderen in Rom von 2003-2008 bestand, im Internet finden sich auf verschiedenen Seiten Eindrücke von den Veranstaltungen.

[4] Der Namen „Gegen“ soll für die queere Wertvorstellung als eine Gegenkultur eintreten.

[5] Aus dem Programmheft des fünften ENTZAUBERT queer DIY Filmfestival 2011, erhältlich und herausgegeben vom „Schwarzen Kanal e.V.“ auf dem Filmfestival.

[6] Bezeichnet das allgemein populäre und „normale“ Geschlechtersystem zwischen Frau und Mann, geprägt wurde der begriff von Michael Warner in seinem Artikel „Fear of a Queer Planet“ (Warner 1991).

[7] Gender (engl. Geschlecht), Judith Butler beschreibt in „Gender Trouble“ ausführlich, dass Menschen nicht mit einem Geschlecht geboren werden, sondern, dass Menschen ein Geschlecht anerzogen wird, sie spricht davon, dass dies sowohl für das biologische (sex) als auch für das gesellschaftliche Geschlecht, die Geschlechtsidentität (gender) gilt (Butler 1991:26).

[8] Widernatürlich empfindend, geschlechtlich krankhaft veranlagt,, vom lat. perversus „verdreht, verkehrt, schlecht“, aus Wahrig (1986), S. 982

[9] ICD 10 von 2011 online auf http://www.dimdi.de, am 15.06.2011

[10] Informationen auf http://www.transinterqueer.org, am 15.06.2011

[11] ICD 9 West vor 1990 online auf http://www.dimdi.de, am 15.06.2011

[12] Bis heute symbolisiert die Regenbogenflagge die LGBT- community.

Details

Seiten
21
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656343066
ISBN (Buch)
9783656343516
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v207138
Institution / Hochschule
Alice-Salomon Hochschule Berlin
Note
1,3
Schlagworte
Queer Gender Diversity

Autor

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    Federica Tosi (Autor)

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