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Jugend und Bildung im gesellschaftlichen Wandel

Möglichkeiten und Grenzen der non-formalen Jugendbildung im 21. Jahrhundert

Bachelorarbeit 2012 55 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsvezeichnis

1 Einleitung

2 Jugend im gesellschaftlichen Wandel
2.1 Zum Begriff Jugendphase
2.2 Entwicklungsaufgaben in der Jugendphase
2.2.1 Die psychoanalytische Perspektive nach Erikson
2.2.2 Die soziologische Perspektive nach Bronfenbrenner
2.3 Die Auswirkungen des gesellschaftlichen Wandels auf den Verlauf der Jugendphase
2.3.1 Ausdehnung der Jugendphase
2.3.2 Individualisierung
2.4 Gegenwärtige Problemlagen der Jugendphase

3 Jugend und Bildung
3.1 Bedeutung von Bildung
3.2 Formale Bildung - Schulische Bildung
3.3 Non-formale Bildung - Außerschulische Jugendbildungsarbeit
3.3.1 Zum Begriff der außerschulischen Jugendbildung
3.3.2 Aufgaben und Prinzipien der Jugendbildungsarbeit
3.3.3 Bildungsanspruch und Bildungsleistungen der außerschulischen Bildungsarbeit
3.4 Bedeutung der außerschulischen Jugendarbeit für die jugendliche Entwicklung im Vergleich zur Schule

4 Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Der soziale Wandel sowie die gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse forcierten in den vergangenen Jahren immer wieder den Diskurs über das Bildungssystem und die Bildung. Nicht zuletzt durch die Deutsche Klassik schwer aufgeladen, wird der Begriff der Bildung heute unter der Frage der eigentlichen Aufgabenzuschreibung zunehmend in der Öffentlichkeit thematisiert. Grund hierfür ist vor allem der PISA-Schock und die damit entbrannte bildungspolitische Diskussion, die jedoch nicht allein auf eine Reform des Schulwesens abzielte. Als Konsequenz der Ergebnisse der PISA-Studie wurde die gesamte Bildungslandschaft mit ihren einzelnen Institutionen auf die bildende Funktion hinterfragt. Einhergehend damit wurde auch die Jugendbildung wieder in den Fokus der Bildungslandschaften gesetzt.

Ausgehend von den Bildungsdebatten, die mit dem Pisa-Schock im Jahr 2000 neuen Aufwind erfuhren und bis heute noch andauern und meinem eigenen Interesse, entwickelte sich die Fragestellung, welche Bildungsaufgaben der formale sowie non-formale Bereich der Bildung abdecken kann und wo sich die Grenzen der jeweiligen Gebiete befinden. Unter der Berücksichtigung des gesellschaftlichen Wandels sowie den Modernisierungsprozessen und den Auswirkungen auf die Jugend, möchte ich darüber hinaus der Frage nachgehen, welchen Anforderungen die Jugendarbeit aufgrund des sozialen Wandels gerecht wird und welche Herausforderungen sie sich zukünftig noch stellen muss. Ziel und Thema dieser Ausarbeitung ist jedoch nicht, die Bildungswirkung der Jugendarbeit praktisch in Form von Evaluationsergebnissen zu belegen, sondern vielmehr den Bildungsauftrag der Jugendarbeit im Vergleich zur Schule zu hinterfragen.

Eine zeitgemäße Auseinandersetzung mit den Fragen der Bildung kann in Anbetracht der aktuellen Problemlagen der Jugendlichen nicht ohne Bezug auf die damit verbundenen sozialen und historischen Kontexte erfolgen – zu starke Auswirkungen hatte der soziale Wandel für die Jugendphase der Heranwachsenden. Daher baut die Ausarbeitung auf dem ersten Kapitel auf: dem gesellschaftlichen Wandel und den daraus resultierenden Folgen für die Jugendphase. Neben der Individualisierung und der Pluralisierung der Lebenslagen werden im ersten Kapitel zudem die Entwicklungsaufgaben der Jugendlichen sowie die aktuellen Problemlagen der Heranwachsenden erörtert.

Der zweite Teil der Ausarbeitung beschäftigt sich vor allem mit der Thematik der Bildung. Neben einer allgemeinen Begriffsdefinition sollen hierbei vor allem die Bildungsorte Schule sowie Jugendarbeit und ihre jeweiligen Möglichkeiten und Grenzen beschrieben werden, um nachfolgend auf die Bedeutung der außerschulischen Jugendbildung einzugehen. In der Schlussbetrachtung werden ein Überblick über die Gesamtheit der vorliegenden Ausarbeitung sowie ein Ausblick auf die zukünftigen Herausforderungen der Jugendarbeit unter Berücksichtigung der Fragestellungen dargestellt.

2 Jugend im gesellschaftlichen Wandel

Die mit den 1960er Jahren einhergehenden gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse hatten unmittelbare Folgen auf die Jugend als gesellschaftliche Gruppe. Die soziale Modernisierung, zusammengefasst auch unter dem Begriff des Sozialen Wandels bekannt, sollte unter anderem eine Verbesserung der Bildungsvoraussetzungen, einen Abbau von ungleichen Lebensverhältnissen sowie die Chancengleichheit ermöglichen (Hafeneger 2011a, 18). Die Jugend wurde somit wieder zur Adressatin, da die soziale Modernisierung der Lebensverhältnisse, vorangetrieben durch die Erweiterung und Modernisierung des Jugendkonzepts, ausschlaggebend für die ökonomische Modernisierung war. Deutlich wird dies unter anderem durch die Bildungsreformpädagogik der 1960er Jahre sowie der Erweiterung des Konzepts der Jugend (Hafeneger 2011a, 18).

Im Folgenden wird daher der Begriff der Jugendphase sowie deren Entwicklungsaufgaben erläutert. Anschließend wird auf dieser Grundlage auf die Folgen des gesellschaftlichen Wandels auf die Jugend und die daraus resultierenden aktuellen Problemlagen eingegangen.

2.1 Zum Begriff Jugendphase

Ähnlich zu allen Lebensphasen wird auch die Phase der Jugend nicht allein an biologischen Faktoren festgemacht, sondern definiert sich über eine Vielzahl unterschiedlicher kultureller, biologischer, wirtschaftlicher und generationsbezogener Faktoren (Hurrelmann 2010, 13).

Inzwischen gilt die Jugendforschung als begehrtes Forschungsobjekt der verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen - doch kann sie bis heute keine einheitliche Begrifflichkeit für die Jugendphase finden (Schulze-Krüdener 2008, 16). Die Beiträge der verschiedenen Wissenschaften Soziologie, Psychologie, Biologie und die Soziale Arbeit beschreiben die Besonderheiten und somit die zentralen Charakteristika des Jugendalters unterschiedlich, so dass je nach der jeweiligen Fachrichtung unterschiedliche Schwerpunkte der Jugendphase markiert werden (Schulze-Krüdener 2008, 16f).

So wird aus Sicht der Soziologie von der Jugend als eine aufgrund historischer Entwicklungen entstandene Phase gesprochen, die sich altersbedingt von anderen gesellschaftlichen Gruppen dadurch abgrenzt, dass sie unter anderem über eigene jugendkulturelle Modestile verfügt (Schulze-Krüdener 2008, 17). So wird die Jugend als eine Zwischenphase bezeichnet, in der die Individuen sich zwischen den Anforderungen des Kindes- und des Erwachsenenalters befinden und keine der beiden Anforderungsbereiche als solche vollständig gelten. Darüber hinaus erklärt die soziologische Perspektive die Jugend als permanent wandelnden Faktor, der sich aus den historischen und gesellschaftlichen Entwicklungen heraus gebildet hat (Schulze-Krüdener 2008, 17).

Die biologische Sichtweise hingegen verwendet für den Begriff der Jugend die Pubertät, wenn die biologischen Veränderungen des Körpers beispielsweise in Form von dem Wachsen sowie Reifen der sexuellen Funktionen beschrieben werden ( Schulze-Krüdener 2008, 18).

In der Entwicklungspsychologie wird statt dem Begriff der Jugend häufig von der Adoleszenz gesprochen. Hintergrund dieser Begrifflichkeit ist, dass man das Individuum in einem Rahmen eines Entwicklungsmodells betrachten muss, welches die Besonderheiten des psychischen Erlebens sowie der Gestalt thematisiert. Hierbei wird die Adoleszenz häufig in drei Gruppen geteilt: die Gruppierungen der Prä-Adoleszenz, welche das Alter von zehn bis zwölf Jahren beschreibt, die frühen Adoleszenz, welche das Alter zwischen 13 bis 15 Jahren thematisiert und die Post-Adoleszenz, die auf das Alter zwischen 21 bis 25 Jahren eingeht (Schulze-Krüdener 2008, 17). Versucht man hierbei die „eigentliche“ Adoleszenz zu finden, platziert man sie zwischen der frühen und der Post-Adoleszenz, welche sich dementsprechend in der Altersspanne von 15 bis 17 Jahren befinden müsste (Schulze-Krüdener 2008, 17).

Aus der Perspektive der Sozialen Arbeit hingegen beschreibt Schulze-Krüdner (2008) die Jugend als Raum für die Entwicklung von Bewältigungsstrategien sowie als Experimentierraum. Darüber hinaus wird hierbei betont, dass die Jugendphase sich bei jedem Individuum sowohl biographisch als auch sozial unterschiedlich gestaltet und jedes Individuum eigene Bewältigungsmuster entwickelt. Für die Soziale Arbeit gilt die Integration Jugendlicher als Ziel. Hierbei bedient sie sich verschiedener sozialpädagogischer Handlungswege wie beispielsweise der erzieherischen Hilfen zur Lebensbewältigung (Schulze-Krüdener 2008, 18).

Nach dem 7§ des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (KJHG) ist die Bestimmung der Begrifflichkeit „Jugendliche“ eindeutig formuliert. Demnach ist ein Jugendlicher eine Person, die zwar bereits 14 Jahre alt ist, aber das 18. Lebensjahr noch nicht erreicht hat. Unterschieden von der Gruppe der „Jugendlichen“ werden im 7§ KJHG zudem die Gruppe der Kinder (alle Kinder bis 14 Jahre), die jungen Volljährigen (18. bis zur Vollendung des 26. Lebensjahres) sowie die jungen Menschen (alle Menschen bis zur Vollendung des 26. Lebensjahres). Diese statischen Angaben des Gesetzestextes decken sich jedoch nicht vollständig mit der erlebten Wirklichkeit von Jugendlichen. Demnach wird im Allgemeinen unter einem Jugendlichen das Individuum verstanden, das durch äußere Erscheinungsform, sprachlichen Ausdruck sowie soziales und körperliches Verhalten verdeutlicht, dass es sich dieser Altersgruppe zugehörig fühlt (Koditek in Schröer, 2002).

Laut der UN-Generalversammlung gelten alle Personen, die sich zwischen dem 15. und 25. Lebensjahr befinden, als Jugendliche. Hierbei wird nochmals in die Gruppe „Teenager“, welche zwischen 13 und 19 Jahren alt sind, und den „jungen Erwachsenen“, die sich zwischen dem 20. Und 24. Lebensjahr bewegen, unterschieden. Hintergrund für diese Einteilung stellen die unterschiedlichen Anforderungen und Erwartungen auf psychologischer, soziologischer und gesundheitlicher Ebene in der jeweiligen Altersgruppierung dar. Alle Statistiken ab 1985 basieren auf diesen Angaben der UN zu der Begrifflichkeit von Jugend (http://www.unesco.org/ 12.06.2012).

Bezogen auf die nachfolgende Ausarbeitung wird von der Jugend als ein bestimmter Lebensbereich, also als individueller Teil der Biographie zwischen Kindheit und Erwachsenenalter, gesprochen. Die Begrifflichkeit der Jugend orientiert sich am Wörterbuch der Sozialen Arbeit und an den gesetzlichen Vorgaben gemäß 7§ KJHG (Hornstein u.a. 2005, 443). Da die Begriffsbestimmung des KJHGs für die Darstellung der Jugendarbeit im weiteren Verlauf von besonderem Interesse ist, werden nachfolgend mit Jugendlichen junge Menschen gemeint sein, welche noch nicht das 27. Lebensjahr erreicht haben. Hierbei werden die Jugendlichen als gesellschaftlich und historisch gewachsene Gruppe verstanden, die sich in einem stetigen Wandel befindet (Hornstein u.a. 2005, 443).

2.2 Entwicklungsaufgaben in der Jugendphase

Der Begriff der Entwicklungsaufgaben versteht die spezifischen Anforderungen und Erwartungen, die an Individuen in einer bestimmten Lebensphase gestellt werden. Ursprünglich aus dem Bereich der Entwicklungspsychologie entstanden, soll es die Umsetzung der individuellen Verhaltensprogramme der psychischen, physischen, sozialen und ökologischen Ansprüche an das Individuum verdeutlichen (Tenorth, Tippelt 2007, 188). Robert J. Havighurst definierte im Jahr 1948 erstmals Entwicklungsaufgaben, indem er davon ausging, dass sich Menschen im Verlauf ihres Lebens fortwährend unterschiedlichen Aufgaben zu stellen haben, die es zu bewältigen gilt. Abhängig vom jeweiligen Lebensabschnitt, in welchem sich das Individuum befindet, steht es vor altersspezifischen Aufgaben und Anforderungen, die von unterschiedlichen Faktoren bestimmt werden, welche sowohl ineinander als auch aufeinander einwirken (Tenorth, Tippelt 2007, 188). Unter den inneren Faktoren versteht Havighurst hierbei die biologischen, naturgemäßen und individuellen Anlagen des Individuums. Unter den äußeren Faktoren versteht er hingegen das physische und soziale Umfeld des Individuums.

Diese Aufgaben der Entwicklung beschreiben somit für jedes Individuum die vorgesehenen Bewältigungsschritte, mit denen es sich durch die Auseinandersetzung innerer und äußerer Ansprüche konfrontieren lassen muss (Hurrelmann 2010, 26). Die einzelnen Entwicklungsaufgaben werden hierbei nicht isoliert betrachtet, sondern können sich berühren oder sogar ineinander übergehen. Somit besteht auch die Möglichkeit, dass Beziehungen im Verlauf der einzelnen Entwicklungsphasen bestehen bleiben und nicht mit Beendigung einer Entwicklungsaufgabe abgebrochen werden (Hurrelmann 2010, 26).

Das Feld der Entwicklungsaufgaben ist sehr weitläufig und ihm sind vielfältige Theorien zugeordnet. Aufgrund der Komplexität und der Kontext des Katalogs von Entwicklungsaufgaben nach Havighurst von 1952, können die Entwicklungsaufgaben nicht universal zeitlos auf alle Jugendlichen gleichermaßen bezogen werden, sondern bedürfen einer zeitgemäßen Überprüfung (Göppel 2005, 73). Als Havighurst seine zehn Entwicklungsaufgaben Mitte des 19. Jahrhunderts aufstellte, galten sie dem amerikanischen Nachwuchs im Alter von zwölf bis 18 Jahren. Mitte der 1980er Jahre jedoch wurden die Aufgaben einer Generalüberholung durch Dreher und Dreher unterzogen, worauf Fend im Jahr 2000 in seinem Lehrbuch der Entwicklungspsychologie des Jugendalters auch auf das Konzept der Entwicklungsaufgaben zurückgriff und diese erneut aktualisierte (Göppel 2005, 73). Erneut aufgegriffen und überarbeitet wurden die Entwicklungsaufgaben zuletzt von Hurrelmann, welcher ebenso auch auf Fend und Havighurst verweist.

Um ein umfassendes Verständnis der Jugendphase und den damit verbundenen Anforderungen und Herausforderungen an die Heranwachsenden zu erhalten, wird in der nachfolgenden Ausarbeitung die psychoanalytische Perspektive der Identitätsbildung nach Erikson und das soziologische Modell nach Bronfenbrenner erörtert. Während hingegen Erikson die Begriffe des psychosozialen Moratoriums - bezeichnend für die Jugend - und der Identitätsbildung prägte, beschreibt Bronfenbrenner mit seinem theoretischen Ansatz des sozialökologischen Modells den umfangreichsten Ansatz im Bereich der Entwicklungsaufgaben, da er nicht nur für einen, sondern für alle Lebensbereiche des Individuums Anwendung findet.

2.2.1 Die psychoanalytische Perspektive nach Erikson

Das Konzept der Identität gilt in der Entwicklungspsychologie als Schlüsselbegriff. Mit dem Begriff der Identität wird die Selbstwahrnehmung im Verlauf biografischer Umstände eines Individuums beschrieben. Der Psychoanalytiker Erikson hat eine Theorie der Identität als lebenslangen Prozess aufgestellt. Im Allgemeinen versteht er unter dem Begriff die Antwort auf die Frage nach der eigenen Person. Nach Erikson durchläuft die Identität hierbei im Laufe des Lebens acht Krisen, welche durch die veränderten sozialen und physischen Umweltbedingungen beeinflusst werden. Dabei berücksichtigt er, dass es sich bei der Entwicklung einer Person um einen lebenslangen Prozess handelt. Mit der erfolgreichen Bewältigung einer früheren Krise kann das Individuum in die nächste Krise eintreten und diese durch die gesammelten Erfahrungen vorheriger Krisen erneut positiv bewältigen. Die Krisen bauen somit aufeinander auf und sind in einem Grundplan der individuellen Entwicklung miteinander verbunden (Gudjons 2008, 114).

Beginnend vom Säuglingsalter bis hin zum Schuleintritt durchläuft jede Person, so Erikson, bereits vier Krisen und entwickelt hierbei die ersten Anzeichen von Autonomie. Jede der Krisen kann dabei sowohl positiv als auch negativ verarbeitet werden. Die positive Folge wäre, bei der erfolgreichen Absolvation demnach zur nächsten Krise überzugehen oder auch in die nächste Stufe der Entwicklung zu gelangen – während hingegen ein negativer Ausgang zu Scham-, Schuld- oder Minderwertigkeitsgefühlen des Individuums führen kann. In der fünften Krise, welche vor allem im Jugendalter auftritt, kommt es zu einem Konflikt zwischen Identität und Identitätsdiffusion (Grob 2003, 43). Demnach entwickeln Kinder zwar bereits Vorformen einer eigenen Identität, diese können sie jedoch noch nicht bewusst wahrnehmen. Im Jugendalter ist nach Erikson die kognitive Entwicklung erstmals so weit entwickelt, dass sich das Individuum selbstständig wahrnehmen und verstehen kann (Hurrelmann 2010, 61). Neben den körperlich prägenden Veränderungen, befindet sich das Individuum in der fünften Krise in der stetigen Auseinandersetzung mit sich selbst in Bezug auf die eigene Identität.

Auf die Antwort der Frage „Wer bin ich?“ benötigt die Person in der fünften Krise sowohl die Erfahrungen der biografischen Vergangenheit als auch die Erwartungen der eigenen Zukunft. Ein Zusammenführen von den Erlebnissen der Vergangenheit, Gegenwart sowie auch Zukunft, bildet die Grundlagen für die Beständigkeit der eigenen Identität. Eine negative Bewältigung dieser Krise würde in einer Identitätsdiffusion münden, eine positive Lösung in der Festigung und Stabilität der eigenen Identität (Gudjons 2008, 114).

In seinem nachfolgenden Verlauf der Entwicklung steht das Individuum vor den Herausforderungen des Erwachsenenalters, welche vor allem in den Bereichen der Intimität, der eigenen Familiengründung und dem Rückblick sowie der Akzeptanz der eigenen Lebensbiografie stattfinden (Gudjons 2008, 114).

Da Jugendliche sich erstmals in der Jugendphase selbst bewusst wahrnehmen können, spitzt sich die Identitätskrise in der Jugendphase besonders zu. Für die Entwicklung der eigenen Identität sind hierbei auf kultureller Ebene die gesellschaftlichen Anforderungen von Bedeutung. Ebenso werden aber auch diese gesellschaftlichen Erwartungen von den Jugendlichen kritisch hinterfragt. Eine besonders intensive Auseinandersetzung findet vor allem bei den Themen rund um die berufliche Zukunft sowie politischen Themen statt. Neben der Entwicklung persönlicher Standpunkte, übernehmen die Jugendlichen in diesen Bereichen verantwortungsvolle Aufgaben, welche die Integration in die Gesellschaft maßgeblich unterstützten (Grob 2003, 43).

Eine nicht erfolgreiche Bewältigung der Krise in Form einer Identitätsdiffusion kann sich so äußern, dass es dem Jugendlichen nicht gelingt, seine bisherigen biografischen Erfahrungen in Verbindung zu seinen Erwartungen für die Zukunft zu setzen. Weitere Merkmale einer Identitätsdiffusion können zudem der Aufbau einer Pseudoidentität oder auch Arbeitslähmung sein (Grob 2003, 43).

2.2.2 Die soziologische Perspektive nach Bronfenbrenner

Während Erikson besonders die Rolle des sozialen und kulturellen Kontexts des Individuums hervorhebt, beschreibt der amerikanische Sozialpsychologe Urie Bronfenbrenner über die Bedeutung der Identität des Individuums hinaus die Wechselwirkungen zwischen den sozialen Kontexten, die für die Entwicklung des Menschen maßgeblich mitbestimmend sind.

Im Allgemeinen beschreibt Bronfenbrenner die menschliche Entwicklung als einen Prozess, bei dem das Individuum mit der Zeit immer differenziertere Vorstellungen über seine Umwelt erhält (Hurrelmann 2010, 56). Demnach definiert Bronfenbrenner die Entwicklung als die „dauerhafte Veränderung der Art und Weise, wie die Person die Umwelt wahrnimmt und sich mit ihr auseinandersetzt“ (Bronfenbrenner 1989, 19).

Sein bio-ökologisches Modell der Entwicklung erhält seine Bezeichnung vor allem durch die Beschreibung eines Ökosystems, bestehend aus den jeweiligen Entwicklungskontexten, welche in Interaktion miteinander stehen (Woolfolk, Schönpflug 2008, 92). Das Individuum wird als Bestandteil des Systems betrachtet, bei dem auch andere Mitglieder in unterschiedlichen Rollen auf die Entwicklung einwirken. Hierbei arbeitete Bronfenbrenner heraus, dass die unterschiedlichen Teilsysteme nicht isoliert, sondern in wechselseitiger Beziehung zueinander betrachtet werden müssen.

Diese erweiterte Umweltvorstellung beschreibt ein Zusammenwirken verschiedener topologischen Strukturen, welche als Mikro-, Meso-, Exo, Makro- und Chronosysteme bezeichnet werden (Bronfenbrenner 1996, 76). Das Individuum lebt nach Bronfenbrenner im Zentrum des Ökosystems, dem Makrosystem. Das Mikrosystem fungiert als Teil des Mesosystems. Dieses ist wiederrum in das Exosystem integriert ist, welches aus vielen kleineren Systemen, die ebenfalls Mikrosysteme sind, besteht. Alle Bestandteile der Beschreibung befinden sich untergeordnet und strukturiert im Makrosystem, in dessen Mittelpunkt sich letztlich das Individuum befindet (Woolfolk, Schönpflug 2008, 92).

Das Mikrosystem beschreibt hierbei das Muster von Tätigkeiten und die Rollen einer Person. Hier sind die Beziehungen sowie Tätigkeiten einer Person zu finden. Dies kann für einen Jugendlichen beispielsweise die Familie, der Freundeskreis oder auch die Schule sein. Die Beziehungen im Mikrosystem beschreiben eine wechselseitige Beziehung (Woolfolk, Schönpflug 2008, 92). Bronfenbrenner beschreibt hierbei einen Lebensbereich, bei dem das Individuum in direkten Kontakt mit anderen Personen gelangt (Bronfenbrenner 1998, 76). So beeinflussen Jugendliche beispielsweise ihren Freundeskreis und dieser beeinflusst sie ebenso.

Das Mesosystem beschreibt alle Wechselwirkungen zwischen den Segmenten des Mikrosystems, an denen das Individuum aktiv beteiligt ist (Bronfenbrenner 1998, 77). Damit sind beispielsweise die Interaktionen der einzelnen Cliquen-Mitglieder und der Familienmitglieder untereinander gemeint. Auch hierbei stehen die einzelnen Beziehungen wieder in Wechselwirkung zueinander. So können die einzelnen Interaktionen der Mitglieder untereinander das Individuum beeinflussen (Woolfolk, Schönpflug 2008, 92).

Das Exosystem beschreibt die einzelnen Lebensbereiche, in denen das Individuum nicht aktiv beteiligt ist, die den Lebensbereich des Individuums beeinflussen oder davon beeinflusst werden könne (Bronfenbrenner 1998, 77). Beispiele des Exosystems können die Arbeitswelt der Eltern oder Freunde sein, der Bekanntenkreis der Eltern oder auch die Religionszugehörigkeit der Freunde.

Das Makrosystem beschreibt die gesamte Gesellschaft mit ihren Werten, Normen sowie Traditionen und Gesetzen. Es beinhaltet die vorangegangenen Systeme als Teilsysteme (Woolfolk, Schönpflug 2008, 92). Diese wiederum lassen sich in verschiedenen, beispielsweise politischen oder kulturellen, Zusammenhängen betrachten.

Der Begriff Chronosystem beschreibt die zeitliche Entwicklung des Individuums. Bronfenbrenner beschreibt diese Entwicklung als Lebensübergang, bei dem „eine Person ihre Position in der ökologisch verstandenen Umwelt durch einen Wechsel ihrer Rolle oder ihres Lebensbereichs verändert“ (Bronfenbrenner 1998, 77). Dies können nach Bronfenbrenner sowohl normative Chronosysteme sein, wie beispielsweise der Schuleintritt, oder auch non-normative Chronosysteme, wie zum Beispiel der Verlust eines Angehörigen.

Die Entwicklung des Individuums wird nach Bronfenbrenner also als eine Entwicklung in der Umwelt betrachtet, bei der Mensch und Umwelt nicht voneinander isoliert betrachtet werden, sondern in einer fortlaufenden Wechselwirkung zueinanderstehen. Die hier beschriebene ökologische Sozialisationstheorie geht davon aus, dass sich das Individuum nicht nur durch die Eindrücke, die die Umwelt auf das Individuum hinterlässt, entwickelt, sondern sich als wachsende Einheit versteht, die sich die Gegebenheiten der Umwelt annimmt und sie umformt (Bronfenbrenner 1998, 76). Da jedoch auch die Umwelt Einfluss auf das Individuum hat, geht Bronfenbrenner davon aus, dass es sich bei der Entwicklung um einen gegenseitigen Prozess der Anpassung handelt, bei dem die Interaktionen zwischen dem Individuum und der Umwelt stets auf Wechselwirkungen aufbaut (Bronfenbrenner 1998, 76). Als weiteres zentrales Charakteristikum bezeichnet Bronfenbrenner zudem die Vielfalt verschiedener Lebensbereiche, in welchen das Individuum den Entwicklungsprozess erfährt. Neben dem unmittelbaren Lebensbereich einer Person beschreibt er darüber hinaus auf verschiedenen Ebenen weitere Segmente, die in Verbindung zueinander stehen, und äußere Einflüsse, die aus der weiteren Umwelt stammen.

Für die weitere Ausarbeitung sind die zwei unterschiedlichen Ansätze deshalb von besonderem Interesse, da jeder Ansatz einen anderen Blick der jugendlichen Entwicklung beschreibt. Während die psychoanalytische Perspektive von Erikson vor allem die Identitätsbildung und die damit verbundenen Anforderungen und Herausforderungen der Heranwachsenden beschreibt, erörtert die soziologische Perspektive von Bronfenbrenner hingegen eine Theorie, die vor allem für den lebenswelt- und sozialraumorientierten Ansatz der Jugendarbeit interessant ist. Da die Perspektive Bronfenbrenners das gesamte Umfeld von sozialen Beziehungen eines Individuums in den Blick nimmt und die wechselwirkenden Verknüpfungen der einzelnen Systeme zueinander veranschaulicht, wird auf diesen Blickwinkel dementsprechend häufig in der sozialraumorientierten Jugendarbeit zurückgegriffen. Letztendlich beschreibt die Theorie Bronfenbrenners somit auch den Kontext, in welchem sich Heranwachsende befinden, sowie die Herausforderungen, die damit verbunden sind. Die Theorie Eriksons verdeutlicht hingegen die Besonderheit der Identitätsbildung. Die daraus resultierenden Erkenntnisse lassen sich letztendlich in dem Angebotscharakter sowie den Prinzipien und Grundlagen der Jugendbildung, wie sie im späteren Verlauf der Ausarbeitung noch beschrieben werden, wiederfinden.

2.3 Die Auswirkungen des gesellschaftlichen Wandels auf den Verlauf der Jugendphase

Im Verlauf der letzten Jahrzehnte vollzog sich ein grundlegender gesellschaftlicher Prozess des Wandels. Die Verhältnisse zwischen Individuum und Gesellschaft durchliefen hierbei eine Vielzahl unterschiedlicher Veränderungen. In Folge dessen wurden alle Altersgruppen und gesellschaftlichen Lebensbereiche gleichermaßen betroffen, beispielsweise Familie, Partnerschaft, Freizeit sowie auch Bildung und Beruf (Hurrelmann 2010, 50). Die Auswirkungen dieser Veränderungsprozesse beziehen sich hierbei zum größten Teil auf inhaltliche Ausformungen der Gesellschaft, auf leitende Werte- und Zielvorstellungen sowie Normen und Perspektiven (Klawe 1996, 35).

Für diese Ausarbeitung jedoch besonders interessant sind die Auswirkungen des gesellschaftlichen Wandels auf den Verlauf der Jugendphase, da sie die Grundlagen, Perspektiven und Rahmenbedingungen der Jugendarbeit maßgeblich beeinflussen. Beginnend mit der Ausdehnung der Jugendphase wird deswegen im weiteren Verlauf des Kapitels auf die Individualisierung, die Pluralisierung der Lebenslagen und die daraus resultierenden Probleme und Folgen für die Jugend im Allgemeinen sowie für die Bildung und Erwerbstätigkeit im Speziellen eingegangen.

2.3.1 Ausdehnung der Jugendphase

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts veränderte sich die Zusammensetzung der Gesellschaft nach Altersgruppen in Richtung einer immer älter werdenden Gesellschaft. Aufgrund von einer geringeren Geburtenrate und einer besseren medizinischen Versorgung schrumpft die jüngere Bevölkerung, während hingegen die Anzahl der älteren Bevölkerung ansteigt. Grund für die Ausdehnung der Jugendphase sind unter anderem die veränderten Bedingungen von Familiengründungen. Während etwa im 19. Jahrhundert Kinder als Garanten für die Übernahme der elterlichen Betriebe und somit als Absicherung der Altersvorsorge galten, wurden Kinder im Laufe der Industrialisierung mit der wohlfahrtsstaatlichen Absicherung zu einer luxuriösen Investition (Hurrelmann 2010, 13 f).

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Details

Seiten
55
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656364535
ISBN (Buch)
9783656365112
Dateigröße
593 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v207021
Note
1,3
Schlagworte
jugend bildung wandel möglichkeiten grenzen jugendbildung jahrhundert

Autor

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Titel: Jugend und Bildung im gesellschaftlichen Wandel