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Die Darstellung des Löwen in Hartmanns von Aue ´Iwein´

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 16 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Löwe aus zoologischer Sicht

3 Der Löwe in der Antike

4 Die Löwendarstellung im „Iwein“ des Hartmann von Aue

5 Der tierische Freund des Menschen von heute- der Hund

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Faszination des Menschen für den Löwen reicht bis in die Antike zurück. So wurde ihm wohl nicht ohne Grund der Titel „König der Löwen“ zugedacht. Der gleichnamige Zeichentrickfilm von Walt Disney ist der bisher kommerziell erfolgreichste Film in seinem Genre und wurde zuletzt noch einmal in der 3D-Variante in die Kinos getragen und begeistert zudem in einer Musical-Fassung die Menschen. Die deutsche Schriftstellerin Felicitas Hoppe hat den mittelalterlichen Artus-Roman Iwein von Hartmann von Aue in eine Kindergeschichte umgestaltet und sich dabei dieses Interesse der Menschen für den Löwen, im Besonderen bei Kindern, zunutze gemacht. So bekommt der König der Tiere, der mit seiner Mähne und seinen Klauen zumeist stark und Angst einflößend erscheinen mag, in diesem Roman die Rolle des Begleiters, ja gar des Freundes von dem Ritter Iwein zugeschrieben. „Danach ging er [Iwein] langsam in die Knie und legte sich auf die Lichtung. Seinen Kopf legte er in den Nacken des Löwen, dahin, wo es ihm am bequemsten war, zwischen Mähne und Schultern.“[1] Hier ist keine Spur von Angst bei Iwein zu sehen.

Aber nicht nur in der an einigen Stellen überspitzen Kinderversion des Hartmann-Romans wird dem Löwen eine wichtige Rolle in der Geschichte beigemessen, sondern auch in dem mittelalterlichen Original. So möchte ich im Folgenden diese Beziehung zwischen Iwein und seinem Begleiter, dem Löwen im „Iwein“ von Hartmann von Aue untersuchen und hierbei die Löwendarstellung analysieren. Verwenden werde ich hierbei eine Ausgabe aus dem Jahr 2001, die von Thomas Cramer übersetzt wurde.[2] Dabei werde ich zunächst den Löwen kurz aus zoologischer Sicht beschreiben und seine Bedeutung in der Antike darstellen. Der heutige „beste Freund“ des Menschen ist der Hund. So soll auch ein Vergleich zwischen ihm und dem Löwen aus dem Iwein gezogen werden.

2 Der Löwe aus zoologischer Sicht

Der Löwe (Pathera Leo) gehört taxonomisch gesehen zu einer Unterfamilie der Familie der Katzen, den Großkatzen. Neben ihm beherbergt diese Unterfamilie noch drei weitere Arten, den Leopard, den Jaguar und den Tiger. Letzterer ist dem Löwen aus anatomisch-physiologischer Sicht sehr ähnlich, obwohl das äußere Erscheinungsbild anderes vermuten lässt. Der Knochenbau der beiden Tiere jedoch ist nahezu identisch. Da aber bei einer Kreuzung die männlichen Nachkommen unfruchtbar wären, handelt es sich trotz aller genetischer Übereinstimmungen um zwei verschiedene Arten. Unter den vier Arten der Großkatzen hat der Löwe das lauteste Gebrüll.[3] Obwohl der Vergleich der Lautstärke des Gebrülls zu anderen Tieren hier fehlt, darf man behaupten, dass diese Tatsache wahrscheinlich auch zudem Bild des starken Löwen, des Königs der Tiere beigetragen hat. In dieser Hinsicht soll kurz auf die Mähne eingegangen werden. Als wohl das auffälligste Merkmal neben dem Gebrüll, welches die Stärke des (männlichen) Löwen symbolisiert, hat sie in der Wissenschaft lange Zeit für viel Unklarheit über ihre Bedeutung und ihr Nutzen gesorgt. Je länger und dunkler die Mähne ist, umso besser sollen der Hormonstatus aber auch der allgemeine Gesundheitsstatus des Löwen sowie die Wirkung auf das andere Geschlecht sein. Zudem schützt die lange Mähne bei Prankenhieben rivalisierender Männchen.[4] Die Mähne kann also eine selektive Bedeutung für die Evolution.

Unter allen Katzen sind die Löwen überdies die einzigen, die in Gesellschaften leben.[5]

3 Der Löwe in der Antike

Schaut man sich die Abbildungen auf Vasen, Tempeln und Mauern aus griechischer und römischer Zeit an, findet man zuhauf Löwendarstellungen. Oftmals wird das Tier dort im Kampf mit einem anderen Tier präsentiert, wobei immer der Löwe als Sieger aus diesem Zwist hervorgeht. Der Löwe wurde also schon damals als der stärkste Vertreter im Tierreich gesehen. Er wurde zudem meist als bösartig erscheinendes Wesen gezeigt. Darüber hinaus gab es viele Abbildungen, in denen der Kampf zwischen Mensch und Löwe geschildert wurde. Der Mensch war zumeist ein Herrscher oder König und so wurde durch dessen Sieg über den Löwen die Größe und Stärke sowie seine Herrschaft über das Tierreich legitimiert. Der Herrscher über die Menschen bezwingt den Herrscher über die Tiere. Oftmals schmückte sich der Kampfessieger dann auch mit dem Löwenkopf und dem Löwenfell.[6] Ist das schon ein Vorbote für die Schmückung des Namens mit einer Löwenbezeichnung bei Herrschern im Mittelalter?

Zuhauf wurden die besiegten Löwen dann auch als bildliche Bewacher von Tempeln instrumentalisiert. Ihr drohendes Antlitz sollte Eindringlinge abschrecken.[7] Bei diesem Aspekt kann man dem Löwen schon eine gewisse Hilfsfunktion zuschreiben, wie sie auch im Iwein zu finden ist. Gerade in antiken Schriften wird diese freundlichere Attribution mit dem Löwen offenkundig. Dort war natürlich auch die Boshaftigkeit des Löwen das entscheidende Merkmal und wie in den Abbildungen musste zumeist ein Herrscher den König der Tiere erledigen um seine Stärke zu zeigen, aber es wurde auch deutlich gemacht, dass die Zähmung des Löwen vorkam, um mit diesem als „Sklaven“ seine Größe zu präsentieren und überdies diesen im Kampf für sich kämpfen zu lassen.[8] Diese von mir als „freundlichere“ beschriebene Löwendarstellung in der antiken Schrift ist natürlich von der „freundschaftlichen“ Beziehung zwischen dem Löwen und Iwein noch weit entfernt. Bei den Schilderungen aus der Antike muss gewiss immer auf die Unterscheidung von Mythos und Wahrheit geachtet werden, gerade auch weil es meist keine eindeutigen Belege für das eine oder das andere gibt. Dass viele bildliche Darstellungen aus der Antike göttlichen Beiklang haben, schließt natürlich darauf, dass es sich um mythische Schilderungen handelt, zumal Kreaturen wie Kentauren und Hydras wohl nicht wahrhaft existiert haben. Doch Erwähnungen, dass Löwen in Kriegen eingesetzt wurden, könnten gewiss der Wahrheit entsprechen. Dass sie, wie auch berichtet wird, plötzlich zur Hilfe kamen, scheint dagegen wieder unrealistisch.

In homerischen und vergilischen Werken tritt der Löwe als Gleichnis auf. Einem Kämpfer werden die Eigenschaften oder Vorgehensweisen eines Löwen zugeschrieben und so geht er auch immer siegreich aus dem Kampf.[9] Wie Usener es an einer Stelle interessant schildert, „überträgt [der Löwe] dem Helden mithin nach des Dichters Willen (somit nicht aus sich selbst heraus) und indirekt seine Stärke, er ´begleitet´ ihn also lediglich ideell und metaphorisch-imaginär, nicht allerdings – wie in den wenigen historischen Situationen der Antike oder später in mittelalterlichen Erzählungen – auch physisch.“[10]

4 Die Löwendarstellung im „Iwein“ des Hartmann von Aue

Wir haben uns also den Löwen aus biologischer Sicht vor Augen geführt und ihn im Betrachtungsspektrum der Antike behandelt, sodass nun der Blick auf seine Bedeutung im „Iwein“ gerichtet werden soll. Dabei werde ich die Gesamthandlung nicht widergeben, da das für unser Thema nicht von vorrangiger Bedeutung ist, sondern werde nur wenn nötig auf vorige oder spätere Ereignisse des Gesamttextes eingehen. Als Quelle dient die in Anmerkung 2 aufgeführte „Iwein“-Ausgabe aus dem Jahr 2001.

Zum ersten Mal in Erscheinung tritt der Löwe, als Iwein ihn mit dem Drachen zunächst nur kämpfen hört und kurz darauf auch zum Ort des Geschehens kommt. (v. 3828-3845) Zunächst unsicher, welchem von beiden er helfen soll, entschließt sich Iwein dafür den „edelen tiere“ (v. 3849) zu unterstützen. Warum ist der Löwe edler als der Drache? Aufgrund seines Erscheinungsbildes oder weil er der König der Tiere ist? Diese Frage bleibt im Text unbeantwortet. Iwein zögert zunächst noch weiter, da ihn die Angst ergreift, der Löwe könnte ihn anfallen, nachdem Iwein den Drachen getötet hat. Hartmann begründet diese Furcht erstaunlicherweise nicht mit der Tatsache, dass der Löwe ein wildes Tier ist und demnach unberechenbar, sondern nennt einen menschlichen Vergleich, dass ja eine fremde Person, der man hilft, auch im Nachhinein einen hintergehen könnte (v. 3845- 3860). Iwein ist aber ein „vrum man“(v. 3861), darum hilft er dem Löwen und tötet den Drachen. Der Löwe legt sich danach aus Dankbarkeit zu seinen Füßen und zeigt ihm Zuneigung, „als er von sînem sinne aller beste mohte und einem tiere tohte.“(v. 3874- 3876). An dieser Stelle relativiert Hartmann den Menschen-Vergleich, den er noch vorher in den Zeilen 3845- 3860) benutzt hat. Die Möglichkeit des Löwen Zuneigung zu zeigen und im Allgemeinen sein Verstand ist aufgrund seines Tierstatus limitiert. Der Erzähler greift dann voraus, indem er berichtet, dass der Löwe Iwein fortan überall hin begleiten und bei Gefahr beistehen würde (v. 3877- 3882). Die erste „Gefahr“ lauert dann direkt, als sie gemeinsam jagen. (v. 3883- 3903). Hier lässt sich bei Althoff ein interessanter Aspekt finden, der nämlich schildert, dass die Jagd zur „Sphäre der friedfertigen Geselligkeit [gehörte], zu der man eigentlich aufbrach, um seine Verbundenheit zu stärken.“[11] Solche „Handlungen zeichenhaften Charakters“ waren laut Althoff typisch für das Leben im Mittelalter.[12] So scheint sich an dieser Stelle bereits eine freundschaftliche Beziehung zwischen Iwein und dem Löwen anzudeuten. Nach sättigender Mahlzeit schlafen Iwein und sein Pferd, während der Löwe die beiden bewacht.[13] Danach reiten sie zwei Wochen durch die Wälder, bis sie – wie der Zufall es will[14] – an der Quelle in Laudines Land einfinden. Iwein gerät so in tiefer Bestürzung über den Verlust seiner Frau und seiner Ehre, dass er besinnungslos wird, von seinem Pferd stürzt und sich dabei unglücklich an seinem eigenen Schwert verletzt. Der Löwe nimmt an, dass Iwein tot sei und versucht Selbstmord zu begehen, indem er das Schwert an einen Strauch stellt und sich dann erstechen will. Iwein kommt ihm jedoch zuvor und hält ihn davon ab (v. 3923- 3959). Es wird nicht direkt klar, ob der Löwe diesen Schritt des Suizids aus tiefer Freundschaft zu Iwein wagt, oder weil er sich Iwein unterworfen hat und es ihm nun schuldig ist, da er ihn vor dem Drachen gerettet hat. Beide Möglichkeiten schreiben dem Löwen aber wieder menschliches Denkvermögen zu. Ebenso hat die Vorgehensweise, wie der Löwe diesen Selbstmord fabrizieren will, auch menschlichen Charakter: Er stellt das Schwert auf, in das er sich stürzen will. Darüber hinaus, welchem Tier käme wohl der Gedanke an Selbstmord? Dieser Versuch des Löwen hat eine wichtige Funktion für die Geschichte, denn er zeigt Iwein auf, welche Tugend er verloren hat und auf seinen „aventuiren“ zurückgewinnen muss: „nû gît mir doch des bilde dirre lewe wilde, daz er von herzeleide sich wolde erstechen umbe mich, daz rehtiu triuwe nâhen gât“ (v. 4001- 4005).

[...]


[1] HOPPE, Felicitas: Iwein Löwenritter. Erzählt nach dem Roman von Hartmann von Aue, Frankfurt a.M., Fischer 2008, S. 134.

[2] Hartmann von Aue: Iwein, Text der siebenten Ausgabe von G.F. Benecke, K. Lachmann u. L. Wolff, Übersetzung und Nachwort von Thomas Cramer(4., überarbeitete Aufl.), Berlin, de Gruyter 2001.

[3] Vgl. DRIESCH, Angela von den: Das Verhältnis Mensch-Löwe aus der Sicht einer Archäozoologin, in: Die Romane von dem Ritter mit dem Löwen, hrsg. Von Xenja von Ertzdorff (Chloe. Beihefte zum Daphnis, Bd.20), Amsterdam, Rodopi 1994, S. 5ff.

[4] Vgl. AMREHN, Birgit: Warum haben männliche Löwen eine Mähne? http://www.planet-wissen.de/natur_technik/naturschutz/serengeti/maehne.jsp, [12. 03. 2012].

[5] Vgl. DRIESCH, S. 7.

[6] Vgl. MARTINI, Wolfram: Die Magie des Löwen in der Antike, in: Die Romane von dem Ritter mit dem Löwen, hrsg. Von Xenja von Ertzdorff (Chloe. Beihefte zum Daphnis, Bd.20), Amsterdam, Rodopi 1994, S.21- 61.

[7] Vgl. Ebd.

[8] Vgl. USENER, Knut: Löwen in antikem Mythos und Gleichnis, in: Die Romane von dem Ritter mit dem Löwen, hrsg. Von Xenja von Ertzdorff (Chloe. Beihefte zum Daphnis, Bd.20), Amsterdam, Rodopi 1994, S. 63- 75..

[9] Vgl. USENER, S. 78- 90.

[10] Ebd. S. 91.

[11] ALTHOFF, Gerd: Verwandte, Freunde und Getreue. Zum politischen Stellenwert der Gruppenbindungen im Frühen Mittelalter, Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1990, S. 185.

[12] Ebd.

[13] Hartmann, v. 3912- 3916: „der lewe wachet unde lief umb sîn ors unde umb in. Er hete die tugent und den sin daz er sîn huote zaller zît, beidiu dô unde sît.“

[14] Ebd. v. 3923: „dô truoc in diu geschiht.“

Details

Seiten
16
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656338451
ISBN (Buch)
9783656339540
Dateigröße
593 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v206905
Note
1,3
Schlagworte
darstellung löwen hartmanns

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