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Der Film im Geschichtsunterricht

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 23 Seiten

Didaktik - Geschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theorie
2.1. Einfluss des Mediums Film
2.2. Filmgattungen
2.2.1. Das Filmdokument
2.2.2. Der Dokumentarfilm
2.2.3. Der Spielfilm
2.3. Zeitebenen im Film

3. Didaktisch methodische Reflexion
3.2. Sachanalyse
3.3. Unterrichtsplanung
3.3.1. Unterrichtsreihe: Vom Mauerbau zur Wiedervereinigung
3.3.2. Unterrichtsstunde

4. Reflexion des Fachpraktikums

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Film und Fernsehen stehen hoch im Kurs bei Jugendlichen. Auf der einen Seite produziert die Fernsehindustrie zunehmend Filme, Dokumentationen und andere Formate mit historischen Themen. Die Kinoindustrie bedient sich zunehmend historischer Themen und verfilmt Geschichte anschaulich und kompakt in Form von Blockbustern wie Troja (2004) oder 300 (2007), die uns die atemberaubenden Geschichten der Helden erzählen. Auf der anderen Seite rezipieren die Zuschauer die Geschichten als wahre Geschichten. Dass keine objektive Darstellung von Geschichte stattfinden kann, und historische Fakten nicht immer allzu ernst genommen werden, liegt in erster Linie daran, dass die Film- und Fernsehindustrie natürlich möglichst viele zahlende Menschen in die Kinos locken und diese unterhalten will. Fakt ist, historische Themen und Formate scheinen die Menschen so zu begeistern wie noch nie zuvor. Sie werden von allen Seiten mit Geschichten bombardiert, und zwar mit fertigen Geschichten im Sinne von Narrationen, die bestimmte Geschichtsbilder transportieren. Allerdings bedeutet dies auch, dass die Vermittlung von Geschichte nicht mehr überwiegend in den Klassenzimmern der Institution Schule stattfindet. Sie ist vor allem durch das Medium Film Teil einer Geschichtskultur geworden, die sich außerhalb der Schule abspielt und somit das Geschichtsbild der Gesellschaft massiv beeinflusst. Kann der Geschichtsunterricht dem entgegenwirken, indem Filme im Geschichtsunterricht gezielt behandelt werden?

Die vorliegende Arbeit soll den Nutzen und die Notwendigkeit des Filmeinsatzes im Geschichtsunterricht untersuchen, indem zunächst der Einfluss verdeutlicht wird, den das Medium bereits besitzt. Im Anschluss werden die verschiedenen Filmgattungen vorgestellt und beurteilt, um ihnen so einen möglichen Wert für den Geschichtsunterricht zuzuschreiben. Dieser erste, theoriebezogene Teil, soll dann auf die Praxis angewendet werden, indem zunächst das Unterrichtsvorhaben des Filmeinsatzes im Unterricht unter didaktischen Aspekten beleuchtet wird. Konkret geschieht dies anhand des Films Good Bye, Lenin!, der im Rahmen einer Unterrichtsreihe zur Wirtschaft und zum Sozialleben in der DDR, analysiert wird.

2. Theorie

2.1. Einfluss des Mediums Film

Dass die Mehrheit der Jugendlichen ihr Geschichtswissen, aber vor allem ihre Geschichtsbilder aus dem Medium Film bezieht, ist in der Forschung unumstritten. Spielfilme und Dokumentationen haben längst die langweilige Interpretation von Texten abgelöst und üben einen bisher nicht erforschten, massiven Einfluss auf das Geschichtsbewusstsein seiner Rezipienten aus.[1]

Bereits Heinrich Muth (1955) ging davon aus, dass der filmische Einfluss auf das Geschichtsbewusstsein mit den Jahren immer mehr an Bedeutung gewinnen würde:

[…] dass es offensichtlich heute noch an klaren Vorstellungen über das Ausmaß des Einflusses fehlt, den er in mannigfaltiger Weise auf die Bildung des Geschichtsbewusstseins in den breiten Massen des Kinopublikums ausübt.[2]

Ein halbes Jahrhundert später hat sich das Medienverhalten der Jugendlichen tatsächlich so entwickelt, dass sie den Großteil ihrer Freizeit vor dem Bildschirm verbringen „Die Zeit, die Kinder und Jugendliche vor dem Bildschirm verbringen, ist lang und nimmt weiterhin zu. 74 Prozent aller Kinder sehen täglich fern“.[3] Dem entsprechend ging Bodo von Borries bereits 1983 davon aus, dass das Fernsehen historisches und politisches Interesse, Wissen, Verständnis und Bewusstsein mehr als die Schule beeinflusse.[4] Als Hauptursache für diesen Trend sieht Bernd Schneider die Attraktivität, welches das Medium Film den Zuschauern bietet.

Es gibt keine Quelle, es gibt kein Medium, das hinsichtlich seiner Intensität, seiner Faszination, Suggestivität, Ausdrucksstärke und Erlebnisqualität, aber auch Genauigkeit und Realitätsnähe dem Film gleichkäme.[5]

Auf die Folgen, die sich allerdings daraus ergeben, musste die Geschichtsdidaktik reagieren und hat bereits einige Zugänge ermöglicht, welche im zweiten Teil der Arbeit weiter erläutert werden sollen. Denn dadurch, dass Geschichte heute nicht mehr überwiegend durch den Unterricht vermittelt wird, sondern als „Geschichtskultur“, die sich überwiegend im Medium Film manifestiert, haben nun die Kino- und Filmindustrie als Produzenten das Monopol über das historische Material und nicht mehr die Historiker. Während es vorher noch zu ihren Aufgaben zählte, schwer zugängliches Material zusammenzustellen, zu deuten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, ist es nun ihre Aufgabe mit dem Material zu arbeiten, welches der Öffentlichkeit bereits zugänglich gemacht worden ist.[6] Peter Meyers verweist darauf, dass die Analyse der Darstellungsart wichtiger sei, als die Überprüfung der historischen Richtigkeit im Film. Der Film solle demnach verstärkt auf die Aussage des Filmes hin analysiert werden, da darin das transportierte Geschichtsbild deutlich erkennbar werde.[7] Denn wie bereits erwähnt, ist sich die Forschung dahingehend einig, dass das Geschichtsbewusstsein der Zuschauer durch historische Filmproduktionen mehr beeinflusst wird, als durch literarische Geschichtsschreibung oder Schule.

2.2. Filmgattungen

Wie Gerhard Schneider festgestellt hat, hat sich zur „fachspezifischen Nutzung des Films als Unterrichtsmedium […] bislang noch keine einheitliche, allgemein akzeptierte Terminologie durchgesetzt.“[8] Tatsächlich wurden in den letzten Jahrzehnten verschiedene Kategorisierungen von Filmgattungen vorgenommen, wobei bis heute keine allgemein gültige Unterscheidung in der Geschichtsdidaktik stattgefunden hat. Schneider selbst unterscheidet zwischen dem kommentiertem Dokumentarfilm, dem Filmdokument und dem Historischen Spielfilm.[9] Während er dem kommentierten Dokumentarfilm keinen künstlerischen Anspruch zuweist und ihm lediglich eine für Bildungszwecke geschaffene Funktion zuspricht, versteht er unter dem Filmdokument etwa Wochenschauen oder andere gleichzeitig mit den gefilmten Ereignissen hergestellte Dokumentationen. Historische Spielfilme dagegen seien Dokumente für eine bestimmte Zeitsicht historischer Ereignisse, sowie Ausdruck eines bestimmten Zeitgeschmacks oder Zeitgeistes.[10]

Für ihn besteht kein „didaktischer Qualitätsunterschied“ zwischen diesen Filmgattungen, zumal diese nur im Zusammenhang mit den didaktischen Überlegungen zu Beginn einer Unterrichtseinheit als Lehrmittel legitimiert werden. Norbert Zwölfer schlägt dagegen eine Einteilung vor, die davon ausgeht, „[...] dass bestimmte Typen von Filmen durch die hauptsächliche Verwendung ihres Materials bestimmt werden und dies Konsequenzen für die unterrichtliche Arbeit hat.“ Die Einteilung macht sich die Perspektive der Filmemacher zu Eigen. Demnach kann man drei Typen unterscheiden: Die filmische Fiktion, die filmische Rekonstruktion und den Archiv- bzw. Dokumentarfilm.[11]

Karsten Fledelius teilt die Filme entsprechend ihrem Faktualitätsgrad auf, also dem Maß ihres Tatsachengehalts, angefangen bei den Trickfilmen mit dem geringsten Faktualitätsgrad, hin zu Zufallsaufnahmen, mit dem höchsten Faktualitätsgrad.[12]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In eine ähnliche Richtung geht ebenfalls die Unterteilung von Michael Sauer und Peter Meyers, welche die unterschiedlichen Filmgattungen in Hinblick auf ihren Authentizitätsgrad differenzieren, und so zu vier Gattungen gelangen. Das Filmdokument, der Dokumentarfilm, der Spielfilm und der Unterrichtsfilm. Diese sollen im Folgenden genauer vorgestellt werden.[13]

2.2.1. Das Filmdokument

Beim Filmdokument handelt es sich um „filmisches Quellenmaterial mit dem höchsten Authentizitätsgrad“[14] Hier sind Aufzeichnungen der Vergangenheit gemeint, deren Originalcharakter nicht verfälscht sein dürfen. Das bedeutet, dass diese nicht nachträglich modifiziert werden dürfen, etwa durch nachträgliche Kommentare oder Musik. Es darf also keiner Montage stattfinden. Im Gegensatz zu Schneider, legt Meyers den Fokus auf die Authentizität des Filmdokuments, da erster ebenfalls Aufnahmen aus der Wochenschau als Filmdokument bezeichnete, welche jedoch eindeutig nachträglich bearbeitet worden sind. Das Moment der Montage birgt nämlich eine Manipulationsgefahr, zumal der Produzent die einzelnen Bilder und Schnitte so wählt, dass sie seine Aussage unterstützen. Jeweils „[m]it dem Grad der Bearbeitung nimmt die Authentizität und Wirklichkeitsnähe der Aufnahmen zu oder ab.“[15] Beim Filmdokument steht der Film als Quelle besonders im Vordergrund. Dennoch darf das Dargestellte aber nicht fälschlicherweise als abgebildete Realität betrachtet werden, da der jeweilige Filmemacher bereits vorher entscheidet, welche Objekte in seine Darstellung kommen und welche er auslässt. Folglich ist der subjektive Charakter der Quelle auch dem Filmdokument nicht abzuschreiben.

2.2.2. Der Dokumentarfilm

Im Gegensatz zum Filmdokument steht beim Dokumentarfilm „eine Reproduktion von Wirklichkeit unter bestimmten thematischen Aspekten im Mittelpunkt“, die durch eine Zusammensetzung und Interpretation verschiedener Filmdokumente im Sinne der inhaltlichen Zielsetzung des Filmemachers erfolgt.[16] Dabei unterscheidet er zudem zwischen zwei Realitätsebenen. Zum einen nennt er die unmittelbare Dokumentation von Wirklichkeit, wie sie beispielsweise in Nachrichtensendungen erfolgt. Dem Gegenüber stellt er jene Dokumentationen, welche in der Absicht entstanden sind, an bestimmte Ereignisse (Realitäten) zu erinnern. Letztere haben sich unter dem Begriff Kompilationsfim durchgesetzt. Der rekonstruktive Charakter, der den Kompilationsfilmen inne wohnt, wird bereits von Bodo von Borries stark kritisiert. So hält er achtzig Prozent der Filme eher für schädlich, als für nützlich, zumal den Zuschauern unter dem Deckmantel des Dokumentarischen, eine höchst darstellende und interpretatorische Art der Geschichte geboten wird, da meist in einem größeren Zeitabstand zum Ereignis rekonstruiert wird und so bestimmte Intentionen des Filmemachers verfolgt werden. Er spricht den Kompilationsfilmen damit eine äußerst manipulierende Wirkung zu.[17] Derselben Meinung ist auch Meyers, indem er sagt, dass der Filmemacher eben nicht die Wirklichkeit, sondern mit Hilfe bestimmter Präsentations-, Darstellungs- und Verstehensmuster nur Ansichten von ihr zeige.[18]

[...]


[1] Utz, Hans. Zu kurze Filme- zu lange Texte. Film-Ausschnitte im Unterricht. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 59 (2008). Hrsg.: Rohlfes, J.; Schulze, W. S.28 f.

[2] Muth, Heinrich. Der historische Film. Historische und filmische Grundprobleme. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 6 (1955). Hrsg.: Rohlfes, J.; Schulze, W. S.751

[3] Baumann, Heidrun: Der Film, in: Schreiber, Waltraud (Hg.): Erste Begegnungen mit der Geschichte. Grundlagen historischen Lernens. Erster Teilband, Neuried (1999). S. 533.

[4] Borries, Bodo von: Geschichte im Fernsehen- und Geschichtsfernsehen in der Schule. In: Geschichtsdidaktik 8 (1983). S.221.

[5] Schneider, Gerhard. Filme. In: Handbuch Medien im Geschichtsunterricht. Pandel, Hans-Jürgen; Schneider, Gerhard (Hrsg.) S.370.

[6] Hoffmann, Hilde. Geschichte und Film- Film und Geschichte. In: Geschichte und Öffentlichkeit : Orte - Medien – Institutionen. Horn, Sabine ; Sauer, Michael (Hrsg.) S.135.

[7] Meyers, Peter. Film im Geschichtsunterricht. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 52 (2001). Rohlfes, J.; Schulze, W. (Hrsg.) S.246-259.

[8] Schneider, Gerhard. Filme. S.367.

[9] Ebd. S.367 f.

[10] Ebd. S.368.

[11] Zwölfer, Norbert: Filmische Quellen und Darstellungen. In: Geschichts-Didaktik. Praxishandbuch für die Sekundarstufe I und II. Günther-Arndt, H. (Hrsg.) S. 129.

[12] Fledelius, Karsten. Der Platz des Spielfilms im Gesamtsystem der audiovisuellen Geschichtsquellen- und die Frage seiner Verwendbarkeit in historischer Forschung und im Unterricht. In: Van Kampen, W.;Kirchhoff, G. (Hrsg.) Geschichte in der Öffentlichkeit. S.296.

[13] Sauer, Michael. Geschichte unterrichten. Eine Einführung in die Didaktik und Methodik. S.218f; Meyers, Peter. Film Film im Geschichtsunterricht. Realitätsprojektionen in deutschen Dokumentar- und Spielfilmen von der NS-Zeit bis zur Bundesrepublik- geschichtsdidaktische und unterrichtspraktische Überlegungen (1998). S.37-53.

[14] Meyers. Filme (2001) S.249.

[15] Rohlfes, Joachim: Geschichte und ihre Didaktik (2005) S.339.

[16] Meyers. Film (2001) S.249.

[17] Borries, Bodo von. Was ist dokumentarisch am Dokumentarfilm? Eine Anfrage aus geschichtsdidaktischer Sicht. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 4 (2001). Rohlfes, J.; Schulze, W. (Hrsg.) S. 222 f.

[18] Meyers. Film (2001). S.250.

Details

Seiten
23
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656338697
ISBN (Buch)
9783656339892
Dateigröße
573 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v206646
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
1.7
Schlagworte
Filme Geschichtsunterricht Geschichtsdidaktik Good Bye Lenin

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Titel: Der Film im Geschichtsunterricht