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Nudges als neues Instrument in der Verbraucherpolitik

Wie weit darf der Staat in Verbraucherentscheidungen eingreifen?

Hausarbeit 2012 18 Seiten

BWL - Wirtschaftspolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Problemstellung

2 Grundlagen
2.1 Definition Nudges
2.2 Begriffsklärung libertärer Paternalismus
2.3 Begriffsklärung harter Paternalismus

3 Verbraucherleitbilder beeinflussen politische Aufgabenzuweisungen
3.1 Balance zwischen Eigenverantwortung und staatlicher Absicherung
3.2 Nudge als Instrument in der Verbraucherpolitik - eine neue Chance

4 Diskussion

5 Zusammenfassende Schlussbetrachtung und Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb.1: Sichtweisen der Verbraucherpolitik über den Konsumenten

1 Problemstellung

Konsummuster und Verbraucherpolitik in den Bereichen Gesundheit, Ernährung und Soziales sind einem kontinuierlichem Wandel unterworfen. Konsumenten haben sowohl als Bürger als auch als Verbraucher Zugang zur Partizipation am politischen und wirtschaftlichen Geschehen, doch werden diese auch genutzt?

Der Wertewandel und die sich wandelnde Auffassung des Verbrauchers führen zu einer Ver- schiebung des Konsumentenbildes (vgl. Halbes 2003, online). Sie stellen neue Herausforde- rungen und neue Forschungsgebieten an die Politik und erzeugen Konflikte in der modernen Marktgesellschaft. Das vorherrschende Leitbild in der Ökonomie geht von einem unrealisti- schen Menschenbild des Homo Oeconomicus aus, ohne dabei die psychischen Faktoren des Menschen zu berücksichtigen. Durch die Erkenntnisse der Verhaltensökonomie, der sogenannten “Behavioural Economics“ werden Grundpfeiler der neoklassischen Lehrbuch- Mikroökonomik infrage gestellt und ebenso die Vorstellung, dass jeder Mensch selbst am besten weiß, was für sein eigenes Wohlergehen am Dienlichsten ist (vgl. Schnellenbach 2012, online).

Ziel der vorliegenden Hausarbeit ist es, die verschiedenen Verbraucherpolitischen Instru- mente zum Schutz der Konsumenten aufzuzeigen. Hauptdiskussionspunkt ist dabei die Fra- ge, in wie weit der Staat in die Verbraucherentscheidungen eingreifen darf und die damit verbundene Problematik der Konsumentensouveränität. Hierzu wird hauptsächlich der Text von Richard H. Thaler und Cass R. Sunstein “Nudges - Wie man kluge Entscheidungen an- stößt" aufgegriffen. Zusätzlich wurden eigene Literaturrecherchen vorgenommen und aktuel- le politische Themen aufgegriffen. Nach der Problemstellung folgen im zweiten Kapitel die theoretischen Grundlagen, die einen Überblick über den verhaltensökonomischen Aus- gangspunkt des liberalen und harten Paternalismus geben. Es werden die Begriffe “Nudges“, “libertärer Paternalismus” und “harter Paternalismus“ erläutert, sowie die Autoren Thaler und Sunstein des Buches “Nudge - Wie man kluge Entscheidungen anstößt“ vorgestellt. An- schließend folgen im dritten Kapitel die Beschreibung der Verbraucherleitbilder und deren Auswirkungen auf politischen Aufgaben. Dabei steht der Konsument immer zwischen Eigen- verantwortung und staatlicher Absicherung. Im Anschluss wird konkret auf Nudges als In- strument in der Verbraucherpolitik eingegangen und gezeigt, welche neuen Möglichkeiten sich dadurch eröffnen. In Kapitel vier werden die neuen Methoden kritisch reflektiert und auf ihre Wirksamkeit hin diskutiert. Abschließend erfolgt im fünften Kapitel eine zusammenfas- sende Schlussbetrachtung mit einem Fazit.

Aufgrund der besseren Lesbarkeit wird im Text die männliche Sprachform gewählt. Es sind jedoch stets beide Geschlechter gemeint.

2 Grundlagen

Die Grundlage zum weiteren Verständnis der Hausarbeit liefert das Buch “Nudge: Wie man kluge Entscheidungen anstößt” von Richard Thaler und Cass Sunstein (2008). Die beiden Autoren beschäftigen sich mit wirtschaftlichem Handeln und sozialphilosophischen Themen (vgl. Kaube, 2009, online). Der Ökonom Thaler (Universität Chicago) und der Jurist Sunstein (Harvard Law School) sind Vertreter der Behavioral Economics und zettelten mit der Veröf- fentlichung ihres Werkes in den Vereinigten Staaten eine Debatte an und prägten den Begriff des “libertären Paternalismus” (vgl. Fehr 2010, online). Um auf die Strategie des Staates einzugehen, einen Stups zu geben und Nudges anzuwenden, wird zunächst erläutert, wie der Mensch Entscheidungen trifft.

Jede Entscheidung die getroffen wird, findet nicht unabhängig von anderen Faktoren statt. Die Interdependenz von Entscheidungen führt dazu, dass teilweise bewusste und teilweise unbewusste Faktoren mit einwirken. Wie also kann ein rational mündiger Konsument regelmäßig gegen seine guten Vorsätze verstoßen, indem er z.B. nicht aufhört zu rauchen, obwohl er weiß, dass es für ihn schädlich ist?

Dies lässt darauf schließen, dass der Mensch bei manchen Entscheidungen nicht immer in der Lage ist, die beste Lösung zu wählen (vgl. ebd., online). Hinzu kommt, dass Menschen stark dazu tendieren, auf einmal getroffene Entscheidungen zu beharren und diese nur sel- ten zu überdenken. Die Erkenntnisse aus der Psychologie soll nun in der Politik Anwendung finden, um maßgeblichen Einfluss auf die Ausgestaltung von Situationen zu nehmen. Die Professoren Thaler und Sunstein bezeichnen dieses Konstruieren von Entscheidungen als “Choice Architekten” zu Deutsch “Entscheidungsarchitektur” für die verschiedene Instrumen- te zur Verfügung stehen. Beispielweise ist eine “Default-Option” ein Programm, welches ei- nen Standard festlegen und diesen als Regel macht (vgl. Kistle² 2011, online). Bei Software- anwendungen, im Handy oder am Computer, wird zu einem Default auch Standardeinstel- lung gesagt (vgl. Schumacher 2009, online). “Opting-in” ist eine explizite Aufforderung an etwas teilzunehmen oder etwas zu tun. “Opting-out” hingegen ist eine Regelung, bei der eine Person explizit austreten muss (vgl. Fehr 2010, online).

Ein weiters wichtiges Instrument sind Nudges.

2.1 Definition Nudges

Der Begriff “Nudge“ stammt aus dem Englischen und bedeutet so viel wie “Schubs” oder “Stups”. Die Autoren Thaler und Sunstein des Buches “Nudge: Wie man kluge Entscheidun- gen anstößt” verstehen unter einem Nudge einen kleiner Schubser in die richtige Richtung. Dabei handelt es sich weder um einen Befehl, noch um ein Verbot. Vielmehr sollen die Bür- ger zu einem längeren, besseren und gesünderen Leben angehalten werden. Ein Nudge soll dabei als sanfte Entscheidungshilfe dienen (vgl. Ludszuweit 2012, online).

Ein einfaches Beispiel, wie ein Nudge funktioniert ist, wenn die Reihenfolge der Speisen am Buffet gezielt geändert wird und dadurch die Konsumenten gesündere Mahlzeiten wählen (vgl. Bucher 2012, online).

2.2 Begriffsklärung libertärer Paternalismus

Die Worte “libertärer Paternalismus” erscheinen zunächst paradox, da “libertär“ extrem frei- heitlich bedeutet und “Paternalismus” das Streben Andere zu bevormunden. Die beiden sich gegensätzlich erscheinenden Wörter werden in der Verbraucherpolitik als “weiches” Instru- ment genutzt, um die Verbraucher zu schützen und gleichzeitig deren Entscheidungsfreiheit aufrecht zu erhalten. Die Grundidee des “libertären Paternalismus“ oder auch “weichen Pa- ternalismus“ geht davon aus, dass Menschen durch gezielte Maßnahmen in ihrer persönli- chen Entscheidung beeinflussbar sind. Durch staatliche Eingriffe soll das Verhalten der Men- schen ohne Zwang in die richtige Richtung gelenkt werden, da Menschen häufig irrationale Entscheidungen gegen ihre eigenen Präferenzen treffen und Spätfolgen außer Acht lassen (vgl. Reiter 2012, online).

Allerdings ist damit nicht gemeint, dass Verbraucher keine mündigen Konsumenten sind und Märkte nicht effizient funktionieren können. Dennoch weckt es Zweifel an der These, dass in erster Linie Informationsasymmetrien verringert werden müssen (vgl. Strünck 2010, S.9). Somit enthält dieses Konzept einen Versuch der Öffnung.

In der Verbraucherpolitik werden Ziele wie z. B. Umweltbewusstsein, angemessene Altersvorsorge, Bildung und finanzielle Achtsamkeit verfolgt und nur dann realisiert, wenn die Verbraucher durch äußerliche Anstöße in eine gewisse Richtung geleitet werden (vgl. Ludszuweit 2012, online).

Thaler und Sunstein definieren den libertärer Paternalismus in der Verbraucherpolitik als „(…) Schritte (...) ergreifen, die den schwächsten Mitgliedern der Gesellschaft helfen und dabei gleichzeitig dem Rest der Gesellschaft die geringsten Lasten aufbürden“ (vgl. Sunstein, Thaler 2009, S. 106). Die Verbraucher sollen vor der Profitgier und den Täuschungsversuchen der Unternehmen geschützt werden, da diese die Schwächen der Verbraucher ausnutzen (vgl. Strünck 2010, S. 6).

2.3 Begriffsklärung harter Paternalismus

Der harte Paternalismus ist das Gegenteil des weichen Paternalismus. Hierunter ist zu ver- stehen, dass die Regierung strenge Maßnahmen ergreift, um das Handeln der Bürger in eine bestimmte Richtung zu lenken. Ein klassisches Werkzeug hierzu sind Steuern (vgl. Bayertz 2010, S.15). Der traditionelle Ansatz beinhaltet eine echte Einschränkung der Wahlfreiheit, denn bei der Intervention, die darauf aus ist, unmittelbar Einfluss auf die Menge zu nehmen, werden die zur Verfügung stehenden Alternativen reduziert (vgl. Schnellenbach 2012, online). Ein Beispiel für einen harten Paternalismus ist die in Ungarn eingeführte Fettsteuer, mit der versucht wird Einfluss auf das Essverhalten der Bürger zu nehmen (vgl. Alemanno 2012, online).

3 Verbraucherleitbilder beeinflussen politische Aufgabenzuweisungen

Verbraucherpolitik fungierte historisch betrachtet als Teilbereich der Wirtschaftspolitik und hatte in erster Linie das Funktionieren der Märkte und nicht den einzelnen Verbraucher im Auge. Verbraucherpolitik passt sich an gesamtwirtschaftliche Veränderungen an und zielt darauf ab, dass Wachstum zu steigern, weil davon ausgegangen wird, dass steigende Pro- duktivität zu steigendem Lebensniveau führt (vgl. Reisch 2003, S. 10). Bis vor wenigen Jahren war das ökonomische Leitbild von Menschen klar definiert. Der Mensch galt als rationales Wesen, welches seine Entscheidungen gut überlegt trifft um sei- nen Nutzen zu maximieren. Als souveräner Verbraucher weiß er, was richtig ist und kennt seine eigenen Präferenzen. Er trifft bei finanziellen Angelegenheiten die Wahl, die für seine Ersparnisse optimal erscheint, um im Ruhestand optimal versorgt zu sein (vgl. Fehr 2012, online). Allerdings unterliegt das Verbraucherverhalten sowohl individuellen als auch gesell- schaftlichen Einflüssen, Trends und Modeerscheinungen. Die Strategien und Instrumente der Verbraucherpolitik variieren je nachdem, ob vom souveränen oder schutzbedürftigen Verbraucher die Rede ist (vgl. Weber 2010, online). Leitbilder sind keine statischen Werte- vorstellungen, sondern in ihren Grundsätzen wandelbar. Sie sind ambivalent und generieren sowohl moralisch erwünschtes als auch inakzeptables Verhalten (vgl. Reisch 2003, S. 6). Die verschiedenen Leitbilder stützen sich oft auf traditionell vorherrschende Denkansätze, die sich im Diskurs von Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit etabliert haben. Diese Model- le dienen zur Orientierung und sind oft handlungsleitend (vgl. Strünck 2010, S.1). Es gibt keine eindeutige Grenze zwischen Verbraucher und Bürger. Überschneidungen zwi- schen privaten Marktentscheidungen und öffentlichen Versorgungsangeboten und Dienst- leistungen sind im Alltag gegenwärtig. Der Verbraucher ist immer Marktteilnehmer, Bürger und Teilnehmer der informellen Lebenswelt zugleich. Das bedeutet, dass die Verbraucher als konsumierende Marktteilnehmer den Produzenten gegenüber stehen und auf deren In- formationen angewiesen sind. Als Bürger einer demokratischen Lebenswelt nehmen sie Ein- fluss auf die politische Entwicklung und die gesetzlichen Rahmenbedingungen für den Markt. Als Teilnehmer der informellen Lebenswelt werden sie von Kultur, Politik und Ökonomie be- einflusst (vgl. Reisch 2003, S. 3 f.). Die aktuelle Verbraucherpolitik, die in gleicher Weise Konsumenten- und Produzenteninteressen fördern will, setzt vor allem auf wettbewerbspoli- tische, rechtliche, bildende und informierende Maßnahmen sowie auf Verbrauchererziehung, 4 -beratung, -aufklärung und -information (vgl. Halbes 2003, online). Wettbewerbs- und Kon- sumfreiheit können als zwei Seiten der Medaille betrachtet werden und sind interdependent (vgl. Reisch 2003, S. 26). Zwischen den beiden Extremen des souveränen Verbrauchers und des schutzbedürftigen Konsumenten setzt die Kritik der Freiheitseinschränkung und Beteili- gung an.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1.: Sichtweisen der Verbraucherpolitik ü ber den Konsumenten.

Quelle: eigene Darstellung

Es wird nach einer Lösung gesucht, die beide Pole berücksichtigt. Dieser Mittelweg zwischen den beiden Extremen des strengen Paternalismus und des ungezügelten Liberalismus soll durch einen libertären Paternalismus realisiert werden.

Bei dieser Vorgehensweise werden freie Entscheidungen zugelassen und gleichzeitig sind kleine Schubser erlaubt, die das Verhalten der Menschen in die richtige Richtung drängen (vgl. Stampfl 2012 online). Wird von einem souveränen Konsumenten ausgegangen so liegt das Leitbild des Homo Oeconomicus zugrunde. Die Grundidee der Konsumentensouveränität besagt, dass Konsumenten durch ihre Kaufentscheidungen ein Zeichen für Produzenten setzten. Sie sanktionieren die Anbieter, deren Waren sie wegen überhöhter Preise, nicht ansprechender Eigenschaften oder schlechter Qualität nicht kaufen. Durch diese Funktion bestimmen Verbraucher die Produktionsergebnisse auf den Märkten mit. Allerdings ist seit längerem bekannt, dass die Konsumentensouveränität nur eingeschränkt ist und neben den zur Verfügung stehenden Angeboten auf dem Markt auch die Konkretisierung ihres Bedarfs von den Anbietern beeinflusst wird (vgl. Weber 2010, online).

Bei dem schutzbedürftigen Verbraucher verfolgt die Politik strenge Maßnahmen und greift mittels Verbote und Steuern in die Wirtschaftsabläufe ein. Die Reaktionsmöglichkeiten die den Verbrauchern zur Verfügung stehen sind entweder ihren Bedarf einzuschränken, den Hersteller zu wechseln oder Widerspruch deutlich zu machen, indem sie sich direkt beim Anbieter oder über Medien und Verbraucherorganisationen Gehör verschaffen (vgl. ebd., online). Verbraucherorganisationen wie beispielsweise Verbraucherzentralen, Footwatch oder Greenpeace setzten sich für die Interessen der Verbraucher ein (vgl. Strünck 2010, S.1).

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Details

Seiten
18
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656338864
ISBN (Buch)
9783656340034
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v206500
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Institut für Wirtschaftslehre des Haushalts und Verbrauchsforschung
Note
1,7
Schlagworte
nudges instrument verbraucherpolitik staat verbraucherentscheidungen

Autor

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Titel: Nudges als neues Instrument in der Verbraucherpolitik