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Die "edelen herzen" im Tristan von Gottfried von Straßburg

Seminararbeit 2003 22 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Zur Etymologie des Wortes edel

2 Grundlegende Überlegungen zum Wort edel
2.1 Edel bei Gottfried
2.2 Herze bei Gottfried
2.3 Die edelen herzen

3 Die Liebeskonzeption bei Gottfried

4 Bedeutungswandel der Minne durch den Prolog

5 Betrachtung des Prologs

6 Esoterischer Kreis der edelen herzen

7 Schusswort

Literatur:

Einleitung

Diese Arbeit, noch dazu in so kurzer Zeit, zu schreiben, war für mich kein leichtes Unterfangen. Ich hatte weder den Tristan vollständig gelesen, noch hatte ich Zeit, mich schon mit meinem Thema auseinanderzusetzen. Als erstes begann ich also den Tristan zu lesen, und zwar auf Mittelhochdeutsch. Dass ich damit nicht so schnell vorankam, wie bei neuhochdeutschen Texten, ist klar. Jedoch wiegte mich schon der Prolog in eine so angenehme Stimmung ein, dass ich das Lesen fast zu genießen begann. Da ich mich selbst als einen romantischen Typ sehe, war ich nach kurzer Recherche sehr zufrieden mit meinem Thema und stellte mich der Problematik der edelen herzen.

Als erstes versuchte ich für mich ein Licht auf die damaligen Bedeutungen der Einzelwörter dieser Phrase zu werfen. Schon dabei wurde mir die Schwierigkeit bewusst, welche die Beurteilung der Bedeutung des Wortes edel aufwerfen würde. Die Bedeutung von edel würde auch die Bedeutung von herze stark beeinflussen.

Ich habe nun versucht, mich etwas durch die Sekundärliteratur zu kämpfen, um von den Ideen der Autoren über diese Begriffe inspiriert zu werden. Freilich habe ich mir nach der Lektüre des Prologs und nach meinen Empfindungen dabei, Gedanken über die Aussagen und die möglichen Ziele Gottfrieds gemacht. Ich habe meine eigenen Gedanken mit der Sekundärliteratur verglichen, mich entweder auf falschen Wegen gesehen oder bestätigt gefühlt.

Weiters habe ich versucht, die Kernüberlegungen der einzelnen Autoren etwas zu präsentieren, miteinander zu vergleichen und gegeneinander abzuwägen.

1 Zur Etymologie des Wortes edel

Das Wort edel stammt vom althochdeutschen Wort edili und veränderte sich im Mittelhochdeutschen zu edele. Grimm geben als Synonyme für edel Wörter wie nobilis und igenuus an, wobei sie aber einräumen, dass edel mehr ist als nobilis, da nobilis „nur“ gleichzusetzen ist mit ausgezeichnet, erkennbar, bekannt und kund.

Weiters findet sich hier „edel = edel geboren, von adel, entspricht der in dem subst. edeling enthaltenen vorstellung. stimmt auch zu adelich, adlich, nur daß dieses auf den stand eingeschränkt bleibt, nicht die hernach verhandelte allgemeinere bedeutung annimmt.“[1] Schon hier wird man auf eine umfassendere Bedeutung hingewiesen, die auch noch durch die Tatsache erklärt wird, dass Adelige zwar edel seien, ein Edler aber nicht unbedingt adelig sein muss. Grimm erwähnen auch die Wandlung des Wortes edel hin zu einer Bedeutung, die etwas mit innerer Einstellung und Tugendhaftigkeit zu tun hat. Schließlich wird edel auch für vornehm eingesetzt, wobei vornehm als etwas rein Äußerliches verstanden wird. Edel können auch Weine oder Speisen sein, daneben wird von edlen Künsten gesprochen. In diesem Zusammenhang meint man etwas von vorzüglicher Herkunft, ein Produkt, welches durch ausgereifte Kennerkunst und Begabung hergestellt wurde.

Im Mittelhochdeutschen Wörterbuch von Benecke, Müller, Zarncke gibt es unter edel keine Übersetzung, sondern nur den Hinweis auf den Eintrag adel. Neben ahd. adal steht hier „geschlecht, von welchem man abstammt“[2]. Dies gelte auch für die Tier- und Pflanzenwelt. Diese Übersetzung mag für adel stimmen, wird aber dem Wort edel nicht gerecht.

Andere Nachschlagewerke bringen mit Einträgen wie „Zugehörigkeitsbildung zu Adel, also eigentlich ´zum Adel gehörig, vornehm´ später meist übertragen gebraucht[3] und „´adelig, vornehm´ ist von dem unter Adel behandeltem Substantiv abgeleitet und wurde seit dem Mittelalter zunehmend auf geistige und seelische Eigenschaften übertragen“[4] auch keine neuen Informationen zu Tage.

2 Grundlegende Überlegungen zum Wort edel

Wie schon oben erwähnt, bedeutet das Wort edel im Mittelalter vor allem, dass man adeliger Abstammung oder Herkunft ist. Im Laufe der Zeit hat es eine Bedeutungsveränderung hin zum Sittlichen durchgemacht. Im Neuhochdeutschen trennen wir nun die Begriffe edel und adelig. Wann hat aber der Wandel stattgefunden? Im 13. Jahrhundert gibt es bereits Textstellen, die belegen, dass edel schon im Sinne einer inneren Einstellung verwendet wurde. Gottfried von Straßburgs Tristan ist etwa zwischen 1200 und 1210 entstanden. Es scheint nicht unerheblich zu wissen, in welchem Sinn Gottfried den Begriff edel gebraucht hat, um die Frage nach den edelen herzen beantworten zu können.

2.1 Edel bei Gottfried

Sayce hat die Häufigkeit, mit der edel im Tristan vorkommt, gezählt und die Textstellen untersucht. Insgesamt kommt sie zu der Auffassung, dass edel hier in seiner ursprünglichen Bedeutung verwendet wurde und mit nichts anderem als mit dem höfischen Stand in Verbindung zu bringen sei. Sie argumentiert, dass sowohl Publikum als auch Personen des Werkes adelig sind und untermauert dies mit Textstellen, in denen edel im Kontext mit Geburt steht. Auch wird edel in Verbindung mit Gegenständen bzw. Dingen des höfischen Lebens verwendet, wie kleider, sîde, sporen, leich, usw. Hier bezieht sich edel auf die Gegenstände und meint soviel wie kostbar und von hoher Qualität. Wird etwas künstlerisches beschrieben, wie leich oder seitspiel, ist künstlerische Vollendung wohl der passenden Ausdruck.[5] Bei den Ausdrücken edeliu zunge, von maneger edelen hant und edelen oren sieht Sayce einen klaren Fall von Transposition vorliegen. Es handelt sich immer um die Hand, die Zunge oder die Ohren eines adeligen Menschen; ein Teil wird für den ganzen Mensch eingesetzt. Der Hinweis darauf, dass sich das Adjektiv im Grunde auf die Person bezieht, scheint für Sayce auch ausschlaggebend bei der Beurteilung des edelen herze. Indem das Adjektiv edel also eine adelige Person meint, findet sich Sayce auch hier wieder bestätigt. Sayce steht nicht im Konsens mit anderen Literaturwissenschaftlern. Spiewok Wolfgang hat Sayce Beweismaterial unter die Lupe genommen und ist zu der Ansicht gekommen, dass edel eine viel weitreichendere Bedeutung hat, als Sayce zu sehen bereit ist.

„Das Attribut „edel“ will jedoch dieses Publikum (Anm.: Publikum des Dichters) nicht im mindesten auf die Angehörigen der herrschenden Klasse beschränken; Gottfried bezieht in die Schar jener, die er der Erkenntnis seines Liebesideals für fähig hält, auch den Bürger ein.“[6]

Indem Spiewok edel für eine Geisteshaltung hält, derer nicht nur Adelige sondern auch Bürgerliche fähig sind, verfolgt er hier die These, Gottfried vertrete den „Standpunkt des Bürgertums“[7]. Ich erkenne allerdings nirgends Hinweise für eine Auseinandersetzung mit der Problematik Adel und Bürgertum. Gottfried misst der Frage, ob jemand aus dem Bürgertum stammt oder von adeliger Herkunft ist, keinerlei Wichtigkeit bei. Als Tristan an den Hof Markes kommt, erwähnt er nicht einmal, dass es ebenfalls adeliger Abstammung ist. An keiner Stelle aber wird thematisiert, warum er das verschweigt. Es scheint nicht von Bedeutung zu sein. Rual wird an Markes Hof ebenso respektvoll und freundlich wie zuvor sein Ziehsohn aufgenommen, obwohl er in abgenützten Kleidern und gezeichnet von der langen Suche Markes Hof erreicht. Dass der Begriff edel oder edelez herze sich also nicht nur auf den Adel beziehen, hat meiner Meinung nach nichts damit zu tun, dass Gottfried seine „Verbundenheit mit dem Bürgertum[8] zeigen will. Vielmehr bin ich der Ansicht, Gottfried setzt sich hier weniger für irgendwelche gesellschaftlichen Klassen sein, sondern spricht vielmehr von Geisteshaltungen, die nichts mit Klassenzugehörigkeiten zu tun haben.

[...]


[1] Grimm, Jacob und Wilhelm. Deutsches Wörterbuch. Bd. 3. Deutscher Taschenbuchverlag: München; 1984.

[2] Benecke, G. F., W. Müller et F. Zarncke. Mittelhochdeutsches Wörterbuch. Hirzel Verlag: Stuttgart, 1990.

[3] Kluge, F . Etymologisches Wörterbuch. Walter de Gruyter Verlag: Berlin, 2002.

[4] Drosdowsky, G. Duden. Das Herkunftswörterbuch. Dudenverlag: Mannheim, 1963.

[5] vgl. auch: Spiewok, Wolfgang . Zum Begriff „edelez herze“ bei Gottfried von Strassburg. In: Weimarer Beiträge, Jg. IX. 1963, Bd. 1. S 32

[6] ebd. S 34

[7] ebd. S 38

[8] ebd. S 41

Details

Seiten
22
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638244664
Dateigröße
695 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v20641
Institution / Hochschule
Universität Wien – Institut für Germanistik
Note
Gut
Schlagworte
Tristan Gottfried Straßburg

Autor

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