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Terrorismus oder Freiheitskampf? – Zur Problematik der Bewertung revolutionärer Bewegungen am Beispiel Che Guevaras und der M-26-7 in Kuba

Hausarbeit 2011 19 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Warum bewerten? Die Bedeutung des Normativen für Politik und Politikwissenschaft

2. Methodische Annäherung an die Themenfrage: Der Kategorische Imperativ bei Kant und Marx
2.1 Grenzen wissenschaftlicher Begriffsdefinitionen
2.2 Sinnvoller: Findung eines Maßstabs für Moral – der Kategorische Imperativ
2.2.1 bei Kant: Formaler und intersubjektiver Weg zur Moral
2.2.2 bei Marx: Übertragung des Prinzips auf gesellschaftliche Veränderungen

3. Terrorismus oder Freiheitskampf? - Zur Problematik der Bewertung revolutionärer Bewegungen anhand des Beispiels Che Guevaras und der M-26-7 in Kuba
3.1 Öffentlich vorherrschende Rezeptionen der Kubanischen Revolution
3.1.1 Che Guevara als Person: Mythologisiertes Pop-Idol
3.1.2 Kubanische Revolution bzw. postrevolutionäres Kuba: „Umsturz statt Befreiung“
3.2 Schaffung des „neuen Menschen“: Die revolutionäre Theorie Che Guevaras
3.2.1 Warum Revolution? – Übertragung des marxistischen Klassenkampfes auf die Situation in Lateinamerika
3.2.2 Humanistischer Anspruch Guevaras
3.3 Die „praktische Seite“ der Revolution: Ausgangslage, Umsturz, postrevolutionäres Kuba
3.3.1 Die Ausgangslage: Der „Neokolonialismus“ der USA und das Batista- Regime
3.3.2 Der Verlauf der Revolution unter Anleitung Fidel Castros
3.3.3 Sozialismus als Entwicklungsmotor: Das postrevolutionäre Kuba
3.4 Versuch einer moralischen Bewertung gemäß der Ausgangsfrage: „Terrorismus oder Freiheitskampf?“
3.4.1 Handeln der Revolutionäre: Maxime für ein allgemeingültiges Gesetz?
3.4.2 Schaffung von freiheitlichen Verhältnissen? – Beurteilung gemäß des Marx'schen Kategorischen Imperatives
3.4.3 Zusammenfassung: Komparatistische Perspektive auf die kubanische Revolution

4. Konsequenzen für Politik und Politikwissenschaft

5. Literaturverzeichnis

1. Warum bewerten? Die Bedeutung des Normativen für Politik und Politikwissenschaft

Die Frage nach dem „Guten“ und „Bösen“, nach „Richtig“ und „Falsch“, kurz: die moralische Wertung spielt zweifelsohne eine große Rolle, wenn man den Menschen an sich und sein Verhalten untersuchen möchte. Große Philosophen von der Antike bis in die Neuzeit behandelten in ihrem Denken vor allem ethische Fragen nach der Moral; und immer schon liegt diesen Gedanken das Ziel zugrunde, eine möglichst objektive Regel für die Unterscheidung von Gutem und Bösen zu finden. Es scheint so, als würde der Mensch in seinem Innersten von dem tiefen Wunsch der Orientierung und der Bestätigung, dass das, was er tut, „richtig“ oder „gut“ ist, getrieben.

Auch Politik ist in ihrem Kern nichts anderes als menschliche Interaktion – wer handelt, ist politisch.[1] Im Umkehrschluss stellt sich also auch für politisches Handeln die moralische Frage. Nun ist die Beantwortung dieser Frage in der modernen, komplexen und vernetzten Welt des Politischen aber ungleich schwieriger, als wenn nur eine einzige Handlung betrachtet wird; nichtsdestotrotz drängt sie sich uns Menschen förmlich auf. Auch und gerade für eine Gesellschaft, die den mittelalterlichen Manichäismus überwunden und ein differenzierteres Weltbild vor sich hat, ist das Moralische (und das Normative, das sich letztlich am Moralischen orientiert), ein wesentlicher Leitfaden zur Perzeption der Realität.

Revolution und staatliche Willkür, Terrorismus und Freiheitskampf; all das sind normativ aufgeladene Begriffe, die einerseits für die wissenschaftliche Betrachtung ungeeignet scheinen, sich andererseits aber doch als kaum ernsthaft ersetzbar erweisen. Jedoch lassen sich schnell historische und aktuelle Beispiele finden, für die ein genaues „Labeling“ mit einem dieser Begriffe unerwartet schwer fällt: War die russische Revolution Befreiung von der Zarenherrschaft oder wissentliche Vorbereitung für das später folgende stalinistische Regime? Waren die Geschehnisse vom 20. Juli 1944, als Graf Stauffenberg staatliche Amtsträger töten und das bestehende politische System überwinden wollte, ein terroristisches Attentat? Wenn nein, warum sind es dann die Anschläge vom 11. September 2001?

Man erkennt an diesen Beispielen zwei Dinge. Erstens fällt die moralische Bewertung historischer, politikwissenschaftlich relevanter Ereignisse ungleich schwerer, als man es intuitiv vielleicht erwarten würde. Zweitens aber hängen von dieser Bewertung wichtige politische Entscheidungen ab, die die Welt wiederum grundlegend verändern können; hätten die Protagonisten der französischen Revolution den Absolutismus und den Feudalismus nicht als „böse“, als erklärtes Feindbild, erkannt, wäre die Geschichte ebenso anders verlaufen, wie wenn die amerikanische Regierung den 11. September nicht als terroristischen Angriff auf die westliche Zivilisation, sondern beispielsweise als bloßen Akt organisierter Kriminalität verstanden hätte.

Gerade revolutionäre Bewegungen sind in dieser Hinsicht essentiell von ihrer Bewertung durch die Gesellschaft abhängig. Dabei müssen sie einerseits auf die Suggestivkraft ihrer eigenen Propaganda vertrauen, während sie andererseits der Beeinflussung durch die Medien und den Informationsapparat des Systems, das sie bekämpfen, ausgesetzt sind. Erfolg oder Scheitern einer solchen Bewegung lässt sich fast schon direkt proportional mit der Zustimmung bzw. der Wirksamkeit von Rechtfertigungsmethoden innerhalb der Bevölkerung und – in der jüngsten Zeit mehr und mehr – der internationalen Gemeinschaft korrelieren. Die aktuellen Geschehnisse in der arabischen Welt, z.B. in Libyen, führen dies eindrucksvoll vor Augen und zeigen die Aktualität der Thematik auf.

Es stellt sich also auch aus wissenschaftlichem Interesse die eingangs erwähnte, jahrtausendealte Frage nach dem Guten und Richtigen, wenn das Handeln von politischen Akteuren betrachtet wird. Diesem normativen Charakter von Politikwissenschaft, der heute häufig von der deskriptiven Dimension in den Hintergrund gedrückt zu werden scheint, könnte man daher eigentlich sogar eine primäre Position zusprechen; nicht umsonst ist die moderne Politikwissenschaft schließlich direkt nach dem zweiten Weltkrieg entstanden, als der Schrecken und die Fassungslosigkeit über die Verbrechen der Nazi-Diktatur kaum eine sozialwissenschaftliche Disziplin unverändert ließ. Im Folgenden soll dieser Tradition nachgekommen werden und die Problematik der Bewertbarkeit von politischen Bewegungen anhand eines vieldiskutierten Beispiels untersucht werden: dem kubanischen Revolutionär Ernesto Che Guevara und der M-26-7. Ferner soll überprüft werden, ob eine solche Bewertung überhaupt durch eine objektive Methode erfolgen kann und was dies sowohl für die Politikwissenschaft als auch für die Politik selbst bedeutet.

Zum Zweck der Untersuchung wurden zunächst Standardwerke von Immanuel Kant[2] und Karl Marx[3] [4] herangezogen, um einen methodischen Zugang zur Fragestellung zu finden. Mit Blick auf die Kubanische Revolution erwies sich der Sammelband „Cuban Socialism in a New Century“[5] von Max Azicri und Elsie Deal als hilfreich, zudem wurde zur Betrachtung des postrevolutionären Kubas auch auf die Arbeiten „Kuba unter Castro – Das Dilemma der dreifachen Blockade“[6] von Susanne Gratius sowie „Der kubanische Entwicklungsweg“[7] von Horst Fabian, die Erörterungen zum Thema „Kuba“[8] von Leo Huberman und Paul M. Sweezy und Knud Krakaus Abhandlung „Die kubanische Revolution und die Monroe-Doktrin“[9] zurückgegriffen. Die Betrachtung der Person und des Werkes Che Guevaras erfolgte mithilfe einer Auswahl dessen eigener Werke vor allem innerhalb des Bandes „Che Guevara und die Revolution“ von Heinz R. Sonntag[10]. Abschließend wurden die Quellen durch entsprechende Zeitschriftenbeiträge oder auch dem Menschenrechtsreport von Amnesty International ergänzt.

2. Methodische Annäherung an die Themenfrage: Der Kategorische Imperativ bei Kant und Marx

2.1 Grenzen wissenschaftlicher Begriffsdefinitionen

Als die am naheliegendste Methode zur Beantwortung der Frage nach der Wertung revolutionärer Bewegungen erscheint ein Abgleich, inwiefern deren konkretes, reelles Vorgehen mit den Definitionen entsprechender Begrifflichkeiten (z.B. „Terrorismus“, „Freiheitskampf“) übereinstimmt oder divergiert. Aus Sicht des Autors ist diese Herangehensweise jedoch unbefriedigend; zum einen sind eben jene durch den Alltag stark normativ geprägten Begriffe keineswegs eindeutig zu definieren, zum anderen würden solche, bewusst von moralischer Konnotation befreite und bloß deskriptive Definitionen in keiner Weise das eigentlich ins Auge gefasste Ziel einer normativen Bewertung erfüllen. Ebenso gut könnte man den Begriff „Terrorismus“ dann durch die mit bestimmten Eigenschaften ausgestattete Variable „a“ ersetzen; der Erkenntnisgewinn der Untersuchung würde über die Beantwortung der Frage, ob z.B. die kubanische Revolutionsbewegung „a“ entspricht, nicht hinausgehen.

2.2 Sinnvoller: Findung eines Maßstabs für Moral – der Kategorische Imperativ

2.2.1 bei Kant: Formaler und intersubjektiver Weg zur Moral

Um nun die Untersuchung über eine solche deskriptive Zuordnung zu vorher definierten Begriffen hinauszuführen, muss eine Regel gefunden werden, nach welcher das Handeln von Revolutionsgruppen möglichst einwandfrei moralisch beurteilt werden kann. Blendet man unwissenschaftliche, dogmatische Beispiele für solche „Regeln“ aus, wie sie etwa Religionen oder Ideologien liefern, so stößt man schnell auf den philosophisch begründeten und zu Weltruhm gekommenen Maßstab für moralisch gutes Handeln, den Immanuel Kant 1785 in seinem Werk „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ formuliert hat: den Kategorischen Imperativ.

Dieser lautet in der verbreitetsten von zahlreichen Formulierungen folgendermaßen:

„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“[11]

Was diese Regel in ihrer Bedeutsamkeit – auch hinsichtlich unserer Fragestellung – so bahnbrechend macht bzw. sie von obengenannten religiösen oder sonstigen rein dogmatischen Einteilungen von „Gutem“ und „Bösen“ unterscheidet, ist die Kopplung von Ethik und Moral allein an die Vernunftbegabtheit des Menschen und damit die Loslösung selbiger aus der bloßen Subjektivität. Sie ist auch deshalb undogmatisch, weil sie keine inhaltliche Aussage über das, was ethisch „gut“ ist, trifft, sondern einen rein formalen Weg zum Urteil des Moralischen darstellt.

[...]


[1] Vgl. Arendt, Hannah, Vita Activa oder Vom tätigen Leben, München 20108, S. 34f.

[2] Kant, Immanuel, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Akademie-Ausgabe Kant Werke IV.

[3] Marx, Karl/Engels, Friedrich, Werke, Band 1, Ostberlin 1976.

[4] Marx, Karl/Engels, Friedrich, Manifest der Kommunistischen Partei, Stuttgart 1999.

[5] Azicri, Max / Deal, Elsie (Hrsg.), Cuban Socialism in a New Century. Adversity, Survival, and Renewal, Gainesville e. a. 2004.

[6] Gratius, Susanne, Kuba unter Castro – Das Dilemma der dreifachen Blockade. Die kontraproduktive Politik der „Demokratieförderung“ seitens der USA und der EU, Opladen 2003.

[7] Fabian, Horst, Der kubanische Entwicklungsweg. Ein Beitrag zum Konzept autozentrierter Entwicklung, Opladen 1981.

[8] Huberman, Leo / Sweezy, Paul M., Kuba. Anatomie einer Revolution, Frankfurt 1968.

[9] Krakau, Knud, Die kubanische Revolution und die Monroe-Doktrin. Eine Herausforderung der Außenpolitik der Vereinigten Staaten, Frankfurt/Berlin 1968.

[10] Sonntag, Heinz Rudolf (Hrsg.), Che Guevara und die Revolution, Frankfurt 1968.

[11] Kant, Immanuel, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, S.421.

Details

Seiten
19
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656332862
ISBN (Buch)
9783656333456
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v206178
Institution / Hochschule
Universität Regensburg – Institut für Politikwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
terrorismus freiheitskampf problematik bewertung bewegungen beispiel guevaras m-26-7 kuba

Autor

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