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Theodor W. Adornos Begriff der „Kulturindustrie“ – Analyse und zeitkritische Anwendung auf die Gegenwart

Hausarbeit 2011 16 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Theodor W. Adorno als herausragender Philosoph der Moderne

2. Theodor W. Adornos Begriff der „Kulturindustrie“ - Analyse und zeitkritische Anwendung auf die Gegenwart
2.1 Drei Dimensionen von „Kulturindustrie“ in Theodor W. Adornos und Max Horkheimers „Dialektik der Aufklärung“
2.1.1 Kulturindustrie als autoritäres Moment: Vereinheitlichung
2.1.2 Kulturindustrie als Affirmation bestehender Herrschaft: Der Massenbetrug
2.1.3 Vermehrung von Kapital als Sinn von Kultur: Kunst als Ware
2.2 Übertrag von Adornos „Kulturindustrie“-Begriff auf die Gegenwart: Aktualität der Adorno'schen Zeitkritik
2.2.1 Fortschreitende Kommerzialisierung und Materialisierung von Kultur
2.2.2 Vereinheitlichung und Herrschaftsstabilisierung durch Medien und Kultur: Dialektik des Pluralismus
2.2.3 Eine Gegenperspektive: Subversion und -kultur - Das Internet

3. Philosophieren als Zeitkritik - Leistung und Grenzen

4. Literaturverzeichnis

1. Theodor W. Adorno als herausragender Philosoph der Moderne

„Seit je hat Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils“

Mit diesen Worten beginnt die Fragmentsammlung „Dialektik der Aufklärung“ von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno. Sie weisen nicht nur auf die Grundlage der Untersuchung der beiden Autoren hin, sondern markieren gleichzeitig die Ausgangsposition für Adornos gesamtes philosophisches Werk; es ist der dialektische Widerspruch, welcher der Möglichkeit von Nationalsozialismus und Massenvernichtung in einer scheinbar aufgeklärten, mündigen Welt innewohnt; es ist die Implikation des Autoritären im Demokratischen, die mehr als nur bloßer Anstoß für Adornos Denken ist.

Theodor Ludwig Wiesengrund-Adorno, geboren am 11. September 1903 in Frankfurt als Sohn eines jüdischen Weinhändlers und einer französischstämmigen Sängerin, erlebte bereits in früher Kindheit die in der Bevölkerung weit verbreiteten proto- faschistischen Ressentiments gegen den jüdischen Teil der Bevölkerung, die später von den Nazis geschürt werden und ins Unheil führen sollten1. Als philosophischen Haupteinfluss gab er selbst die Kant-Lektüre mit seinem Mentor und Freund Siegfried Kracauer an, der er „mehr verdanke als [seinen] akademischen Lehrern.“2 Das breite Wirken Adornos kann nicht zuletzt durch seine ebenso breit gefächerten Talente erklärt werden; so war Adorno nicht nur Philosoph und Soziologe, sondern auch Musiker und Autor, Pädagoge, Psychologe und Kulturkritiker3.

Bekanntheit erlangte Adorno schließlich an seiner Hauptwirkungsstätte, dem Institut für Sozialforschung der Universität Frankfurt, das von seinem engen Freund und Kollegen Max Horkheimer geleitet wurde4. Mit ihm gemeinsam entwickelte er die Kritische Theorie, eine in der Tradition von Marx und Freud stehende philosophische Schule, der auch der Vordenker der Studentenrevolten in den 1960er Jahren, Herbert Marcuse, und Jürgen Habermas angehörten. Nicht zuletzt aufgrund dieser ganz und gar antiautoritären Denkrichtung emigrierte das gesamte Institut in die USA, als sich in Deutschland die unglückselige Herrschaft der Nazis endgültig abzeichnete.

Aus dieser Zeit stammen auch Adornos wichtigste Schriften, in denen er sich mit der „Einsicht der demokratischen Gesellschaft in ihre eigene Ambivalenz“5 beschäftigte:

„Nach Adorno besteht der innere Widerspruch der Kultur darin, daß sie ihr Versprechen von Humanität auf der Basis einer inhumanen, repressiven Gesellschaftsformation gibt […].“6

Adornos Kulturkritik, die er in der „Dialektik der Aufklärung“ im Kapitel „Kulturindustrie. Aufklärung als Massenbetrug“ niederlegt, gilt als besonders einflussreich nicht nur in der Philosophie, sondern auch in benachbarten wissenschaftlichen Disziplinen wie etwa der Medientheorie. Gnadenlos und zynisch scheint Adorno die kulturelle Welt und ihren „autoritäre[n] Charakter gerade im demokratischsten Land“7 zu entlarven, wenn er etwa von der perfekt kalkulierten Massenunterhaltung aus Hollywood oder dem immergleichen harmonischen Aufbau eines Songs in der Popularmusik spricht, den „fertige[n] Clichés, beliebig hier und dort zu verwenden, und allemal völlig definiert durch den Zweck“8 ihrer Verkaufstauglichkeit.

Aus heutiger Sicht scheint die Frage interessant, inwiefern Adornos Kulturkritik des Spätkapitalismus sich auf das 21. Jahrhundert anwenden lässt. In vielen Bereichen gerade der Unterhaltungsbranche scheinen für die damalige Zeit völlig undenkbare neue Superlative erreicht und sämtliche Tabus gebrochen worden zu sein. Philosophie als Zeitkritik - inwiefern kann sie prophetische Züge tragen und nicht nur erklären, wie die Welt beschaffen ist, sondern auch prognostizieren, wie sie beschaffen sein wird?

Zum Zwecke der Untersuchung wurde neben dem Werk Adornos, in dem er seine Kulturkritik hauptsächlich formuliert, nämlich der gemeinsam mit Max Horkheimer verfassten „Dialektik der Aufklärung“, auch erläuternde Literatur verwendet. Als besonders hilfreich erwiesen sich die Monographien „Theodor W. Adorno zur Einführung“ von Gerhard Schweppenhäuser sowie „Theodor W. Adorno“ von Rolf Wiggershaus. Zum Versuch eines Abgleichs Adornos Positionen mit der Gegenwart bot „Pop Kultur Industrie“ von Roger Behrens eine gute Orientierung; ergänzend wurden einzelne Internetquellen herangezogen, um entsprechende Aktualität gewährleisten zu können.

2. Theodor W. Adornos Begriff der „Kulturindustrie“ - Analyse und zeitkritische Anwendung auf die Gegenwart

2.1 Drei Dimensionen von „Kulturindustrie“ in Theodor W. Adornos und Max Horkheimers „Dialektik der Aufklärung“

Was Adorno in dem von ihm verfassten Kapitel der „Dialektik der Aufklärung“ mit dem Begriff der „Kulturindustrie“ bezeichnet, lässt sich nicht eindeutig und endgültig paraphrasieren; dieser Umstand lässt sich auch und vor allem auf Adornos dialektische Methode zurückführen, die eine unerschütterliche Definition nahezu ausschließt.

Vielmehr werden mit diesem Begriff zahlreiche Thesen subsumiert, die laut Adorno charakteristisch für die kulturelle Sphäre der aufgeklärten Gesellschaft sind. Im Folgenden soll versucht werden, die wichtigsten Thesen unter drei „Dimensionen“ der kritischen Betrachtung Adornos zu fassen, um später eben diese Dimensionen zeitkritisch auf die Gegenwart anzuwenden: Kulturindustrie als antipluralistisches bzw. autoritäres Moment, als Affirmation bestehender Herrschaft sowie als ökonomisches Spiel, dessen Hauptsinn in der Kumulation des Kapitals liegt.

2.1.1 Kulturindustrie als autoritäres Moment: Vereinheitlichung

Eine der Kernaussagen Adornos betreffend der „Kulturindustrie“ ist die Tatsache, dass sie per se ein ordnendes und kanonisierendes, ja autoritäres Moment impliziert. Er attestiert, dass schon die bloße Bezeichnung Kultur „die Erfassung, Katalogisierung, Klassifizierung, welche die Kultur ins Reich der Administration hineinnimmt“9, enthält. Die Idee, die noch in der bürgerlichen Kunst das Kernprodukt menschlicher Kreativität war, verkommt zur „Registraturmappe und stiftet Ordnung, nicht Zusammenhang“10. Jeder Bereich der Kultur ist „einstimmig in sich und alle zusammen“11, und „die ästhetischen Manifestationen […] verkünden gleichermaßen das Lob des stählernen Rhythmus“12. Doch nicht nur metaphorisch assoziiert Adorno Parallelen zu Diktatur und Autokratie;

[...]


1 Vgl. Schweppenhäuser, Gerhard, Theodor W. Adorno zur Einführung, Hamburg 2003³, S. 7f.

2 Tiedemann, Rolf / Adorno, Gretel / Buck-Morss, Susan / Schulz, Klaus (Hrsg.), Gesammelte Schriften, Bd. 11, Frankfurt a. M. 1970-1986, S. 388.

3 Vgl. Schweppenhäuser, Gerhard, Theodor W. Adorno zur Einführung, S. 8.

4 Vgl. Ebenda, S. 9.

5 Ebenda, S. 12.

6 Ebenda.

7 Ebenda, S. 13.

8 Adorno, Theodor W. / Horkheimer, Max, Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt a. M. 200415, S. 133.

9 Adorno, Theodor W. / Horkheimer, Max, Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt a. M. 200415, S. 139.

10 Ebenda, S. 134.

11 Ebenda, S. 128.

12 Ebenda.

Details

Seiten
16
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656332879
ISBN (Buch)
9783656334330
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v206175
Institution / Hochschule
Universität Regensburg – Institut für Philosophie
Note
1,0
Schlagworte
theodor adornos begriff kulturindustrie analyse anwendung gegenwart

Autor

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Titel: Theodor W. Adornos Begriff der „Kulturindustrie“ – Analyse und zeitkritische Anwendung auf die Gegenwart