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Hilary Putnam - Vom Realismus zum Antirealismus

Seminararbeit 2012 21 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung – Putnams philosophische Entwicklung

2. Putnam und der Realismus

3. Putnam und die Kritik am „metaphysischen Realismus“
3.1 MTA – Das Modelltheoretische Argument
3.2 Ein Gedankenexperiment – „Die Gehirne im Tank“

4. Putnam und der „interne Realismus“
4.1 Der Weg zum „internen Realismus“
4.2 Was heißt „interner“ Realismus?
4.3 Putnams Wahrheitsbegriff im internen Realismus

5. Putnam und der „Common-Sense-Realismus“

6. Zusammenfassung

7. Quellen.

1. Einleitung – Putnams philosophische Entwicklung

Hilary Putnam (*1926 in Chicago, USA) zählt zu den einflussreichsten Philosophen unserer Zeit. „Sein Werk fällt namentlich durch die außerordentliche thematische Bandbreite auf – hat er doch Arbeiten zur Logik, zur Philosophie der Mathematik, zur Interpretation der Quantenmechanik, zur Wissenschaftstheorie, zur Philosophie des Geistes, zur Sprachphilosophie, zur Erkenntnistheorie, zu ethischen Fragen und zur neuen Philosophiegeschichte verfasst.“[1] Gleichzeitig ist sein Werk auch eines der meist diskutierten. Dabei ist er selbst einer seiner größten Kritiker, wie sich im Laufe der vorliegenden Arbeit zeigen wird.

Die Frage nach wahrer Erkenntnis hat ihn, wie viele andere Philosophen aller Zeiten, stark beschäftigt. Schon Descartes forderte „Gewissheit“ und wurde damit zum Vorreiter der neuzeitlichen Philosophie. Auch Kant konnte und wollte die Wissenschaftlichkeit der Newtonschen Physik nicht nur aufgrund ihrer praktischen Erfolge akzeptieren[2], sondern erst „wenn ihre Prinzipien sich als unbezweifelbar herausgestellt hätten“[3].

Aber was ist „wahres Wissen“, was „richtige Erkenntnis“? Immer wieder wurden neue Eigenschaften eingeführt, andere wieder verworfen, doch eine für alle Seiten zu akzeptierenden Definition konnte nicht gefunden werden. „Einig war man sich nur im Negativen: das alltägliche Denken, Urteilen und Wahrnehmen durfte getrost vernachlässigt werden – seine Ergebnisse würden immer zweitrangig sein.“[4]

Putnam arbeitete zunächst ebenfalls an dieser realistischen Wissenschaftstheorie. Von ihr wendete er sich Mitte der neunzehnhundertsiebziger Jahre ab. Nach Burri lässt sich der Gesinnungswandel genau auf das Jahr 1976 datieren, hier verfasste er den Aufsatz „Realism and Reason“.

Die vorliegende Arbeit wird zunächst auf Putnams realistische Standpunkte eingehen, er nannte sie selbst später metaphysischer Realismus. Im weiteren Verlauf wird sie Putnams Kritik an eben diesem verdeutlichen. Die Ablösung vom Positivismus wurde in seinem Wissenschaftsbild deutlich, welches „immer mehr von der formalistischen Komponente in Carnaps Ansatz abzuweichen begann. Stattdessen orientierte er sich zunehmend an der Realität der wissenschaftlichen Arbeit, deren historische Dimension Putnam nun ernst zu nehmen begann.“[5] In dieser Arbeit sollen das modelltheoretische Argument sowie das Gedankenexperiment der „Gehirne im Tank“ Putnams Kritik am metaphysischen Realismus verdeutlichen.

Die neue Position, die Putnam internen Realismus nennt, geht neben der Notwendigkeit eines Realismus innerhalb einer Theorie, von der Existenz mehreren gleichwertiger Beschreibungen der Wirklichkeit aus. Handelt es sich also um eine antirealistische Position? Zur Erläuterung und Unterstützung seiner neuen Vorstellungen zieht er zum einen das besagte modelltheoretische Argument heran. Mit diesem versucht er zu beweisen, dass es „Wahrheiten, die uns selbst unter idealen Forschungsbedingungen entgehen würden“, nicht geben kann.[6] Zum anderen nutzt er das Gedankenexperiment der „Gehirne im Tank“ um zu beweisen, dass eine ideale Theorie nicht falsch sein kann.

Um seine neue Position zu begründen argumentiert er zu Gunsten äquivalenter Beschreibungen DER WELT und will hier zeigen, dass die Eigenschaften der Welt theorie-relativ sind.

1994 vollzieht Putnam eine neuerliche Wende zurück zum Realismus oder hin zu einem neuen Realismus, dem Common-Sence-Realismus. Die Gründe für diesen erneuten „Seitenwechsel“ und die inhaltlichen Veränderungen gegenüber dem ursprünglichen Realismus sollen in einem weiteren Kapitel dieser Arbeit zusammengefasst werden.

In meiner Arbeit möchte ich die verschiedenen realistischen Positionen Putnams zeigen. Es soll deutlich werden, weshalb in der Literatur immer wieder auch von einer antirealistischen Denkweise Putnams die Rede ist. Dabei soll die Entstehung seiner Positionen inhaltlich beleuchtet werden. Wichtig für das Verständnis der Entwicklung seiner Philosophie wird sich dabei vor allem Putnams eigene Kritik an seinem Werk erweisen.

2. Putnam und der Realismus

In den Jahren vor 1976 vertritt Putnam einen Realismus, den er später selbst „metaphysischen Realismus“ nennt. Dieser Realismus ist durch die Annahme gekennzeichnet, dass auch theoretische Begriffe (die sich nicht auf etwas Beobachtbares beziehen) sich dennoch auf real existierende Entitäten beziehen.[7] Im Gegensatz dazu geht der logische Empirismus davon aus, „dass theoretische Begriffe nichts bezeichnen, sondern nur zur Vereinfachung und Systematisierung der Aussagen über beobachtbare Dinge eingeführt werden.“[8] Die Aufgabe von Theorien ist es, laut Putnam „wahre Aussagen über die von ihnen beschriebenen theoretischen Entitäten zu machen“[9].

Dabei geht Putnam davon aus, dass Wahrheit und Realität genau übereinstimmen. Der so genannten Korrespondenztheorie zufolge, die schon auf Aristoteles zurückgeht, ist Wahrheit eine Sprach-Welt-Beziehung. „Ein Satz ist wahr, wenn die von ihm aufgestellte Behauptung mit einer Situation in der Welt (auch: Sachverhalt, Tatsache) übereinstimmt.“[10]

Für den metaphysischen Realismus bedeutet das, dass eine Relation zwischen jedem Eigennamen (in einer bestimmten Sprache) und dessen Entität und auch zwischen jedem einstelligen Prädikat der Sprache dem Element des Ausmaßes dieses Prädikats besteht.[11] Selbiges gilt auch für jedes mehrstellige Prädikat.

Putnam beschreibt dies wie folgt: „ Der metaphysische Realist behauptet, dass wir so von Dingen reden und an sie denken können, wie sie sind, unabhängig von unserem Geist, und dass wir dazu dank einer >Entsprechungsbeziehung< zwischen den Ausdrücken unserer Sprache und gewissen Arten von geistunabhängigen Entitäten in der Lage sind.“[12] Das bedeutet, dass wir uns auf die Dinge (vor allem materielle Dinge) beziehen können wie sie sind.

Die oben genannte Korrespondenztheorie ist für Putnam die Vorraussetzung für die Annahme des metaphysischen Realismus. Danach muss es genau eine wahre Theorie geben und damit genau eine wahre Beschreibung der Welt. Dafür bedarf es einer Objektivität, die dem Menschen nicht möglich ist. Diese externalistischen Perspektive, so bezeichnet Putnam sie, gleicht dem „Auge Gottes“[13]. Hier handelt es sich neben der Korrespondenz, um das Kriterium der Einzigkeit.

Putnam führt zwei weitere Kriterien für den realistischen Wahrheitsbegriff an, Unabhängigkeit und Bivalenz. Unter Unabhängigkeit ist zu verstehen, dass die Wahrheit unabhängig davon ist, „was wir durch die wissenschaftliche Forschung faktisch herausfinden oder potenziell herausfinden könnten“.[14] Putnam geht von Rahmenprinzipien aus, die unrevidierbar sind weil sie relativ zu einem bestimmten Erkenntnisstand sind. Diese Prinzipien können nicht einfach durch neue Erkenntnisse aus Beobachtungen verworfen werden, sondern nur durch eine neue dem Erkenntnisstand gerecht werdende Theorie.[15]

Die Bivalenz schließt mehr als zwei Wahrheitswerte aus, jeder Satz kann also nur wahr oder falsch sein. Daraus folgt, dass auch jede Theorie nur wahr oder falsch sein kann.

Das wissenschaftliche Weltbild entwickelt sich fortwährend, diese vier Merkmale dienen dem metaphysischen Realismus daher als methodologische Prinzipien. Sie sind aber auch metaphysische Annahmen, „die die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Lösung aller philosophischer Probleme gewährleistet“.[16] Als Begründung hierfür erklärt Burri, dass der metaphysische Realist von der Idee ausgeht, die Lösung aller philosophischen Probleme bestehe in der Konstruktion eines bessern wissenschaftlichen Weltbildes.

Die Annahme dieser Kriterien und eines radikal nicht-epistemischen (erkenntnisunanhängigen) Wahrheitsbegriffes, führt einerseits dazu, dass Aussagen in Wirklichkeit wahr oder falsch sein können, auch wenn wir dies mit unserer Erfahrung nicht überprüfen können. Andererseits ist es möglich, dass Aussagen die wissenschaftlich gründlich überprüft und möglicherweise mehrfach bestätigt wurden in der realen Welt (also außerhalb unserer Erfahrungswelt) dennoch falsch sind. Marcus Willaschek beurteilt dies wie folgt:

„Eine Theorie, die durch alle vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Beobachtungen bestätigt wird und die zudem allen theoretischen Anforderungen wie Konsistenz, Einfachheit usw. genügt, müssen wir rationalerweise für wahr halten. Dennoch könnte sie dem metaphysischen Realismus zufolge in Wirklichkeit falsch sein, ohne das wir dies jemals entdecken könnten, da die Wahrheit und das, was wir dafür halten, prinzipiell voneinander unabhängig sind.“ [17]

[...]


[1] Burri, Alex: Hilary Putnam. Frankfurt/New York 1994, S.9.

[2] Ambrus, Valer: Vom Neopositivismus zur nachanalytischen Philosophie – Die Entwicklung von Putnams Entwicklungstheorie, Frankfurt am Main 2002, S.3

[3] Kant: Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik in Ambrus: Vom Neopositivismus zur nachanalytischen Philosophie, Frankfurt am Main 2002, S.3

[4] Ambrus (2002), S.4

[5] Ambrus (2002), S.46

[6] Willaschek, Marcus: Die neuere Realismusdebatte in der analytischen Philosophie. In: Ders. (Hrsg.): Realismus. Paderborn 2000, S.23

[7] Vgl.: www.philosophie-woerterbuch.de: UTB Online Wörterbuch Philosophie

[8] Ebd.

[9] Ebd.

[10] www.gavagai.de: „Was ist Wahrheit?“- Überblick zu aktuellen Wahrheitstheorien veröffentlicht in Aufklärung und Kritik 1 (2002). 96–103

[11] Vgl.: Putnam, Hilary: Das modelltheoretische Argument und die Suche nach dem Realismus des Common sense. In: Willaschek, Marcus (Hrsg.): Realismus. Paderborn 2000, S. 125 – 142, hier S.126.

[12] Putnam, Hilary: Von einem realistischen Standpunkt. Schriften zu Sprache und Wirklichkeit (Hrsg.

v. Müller, Vincent C.). Reinbek bei Hamburg 1993, S.174.

[13] Putnam, Hilary: Vernunft, Wahrheit und Geschichte, S.75

[14] Burri (1994) S.120

[15] www.philosophie-woerterbuch.de: UTB Online Wörterbuch Philosophie: Putnam, Hilary

[16] Burri (1994) S.120

[17] Willaschek (2000), S.22f

Details

Seiten
21
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656330929
ISBN (Buch)
9783656331711
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v206121
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Philosophisches Institut
Note
1,4
Schlagworte
hilary putnam realismus antirealismus

Autor

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Titel: Hilary Putnam - Vom Realismus zum Antirealismus