Lade Inhalt...

Systemische Sozialarbeit - Case Management in der Arbeit mit Suchtkranken

Hausarbeit 2012 19 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

-Inhalt-

1. Einleitung

2. Fiktiver Fall

3. Systemtheorie
3.1. Was sind Systeme?
3.2. Worin lassen sich Systeme unterscheiden?
3.3. Wodurch kennzeichnen sich Systeme?
3.3.1. Komplexität
3.3.2. Kontingenz
3.3.3. Autopoiesis
3.3.4. Emergenz
3.4. Konstruktivismus
3.5. Systemisches Handeln im Kontext der Sozialen Arbeit

4. Case Management
4.1. Was ist Case Management?
4.2. Essentials des Case Managements
4.2.1. Indikationen
4.2.2. Kontinuität in der Fallintervention und Fallverantwortlichkeit
4.2.3. Zeitliche Begrenzung
4.2.4. Querinterventionen
4.2.5. Advocacy- und Support-Funktion
4.2.6. Konsequentes realisieren der Case Management Phasen
4.2.6.1. Phasen nach WENDT- Vorklärung
4.2.6.2. Phasen nach WENDT- Einschätzung/ Assessment
4.2.6.3. Phasen nach WENDT- Zielsetzung
4.2.6.4. Phasen nach WENDT- Durchführung/ Monitoring
4.2.6.5. Phasen nach WENDT- Evaluation
4.2.7. Pragmatisches Dienstleistungsparadigma
4.2.8. Partner- und Kundengebundenheit
4.2.9. Kontraktgebundenheit
4.2.10. Ressourcenorientierung

5. Arbeit mit Suchtkranken

6. Gesprächssequenz mit Analyse

7. Fazit

Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Im Rahmen eines bundesweiten Modellprojekts erprobten zwischen 1995 und 2000 31 Fachkräfte die Effektivität des Handlungskonzeptes Case Management im Bereich chronisch mehrfachbeeinträchtigter Abhängiger. Anders als im traditionellen Case Work lag der Aufgabenschwerpunkt der Fachkräfte bei der Organisation und Koordination bedarfsgerechter Hilfen. Im Rahmen der Studie konnten 1.660 Klienten mit unterschiedlichen Problemlagen und Abhängigkeiten betreut werden. Die Ergebnisse der Studie zeigten, dass in unerwartetem Maß Ziele im Bereich „Konsum“ umgesetzt werden konnten. Hierbei gelang es den Klienten mithilfe des Case Management ihren Suchtmittelkonsum einzuschränken, risikoärmere Konsumformen anzuwenden, weniger unterschiedliche Drogen zu konsumieren und sogar den Suchtmittelkonsum komplett zu beenden. Eine Gesamtübersicht weist außerdem darauf hin, dass rund die Hälfte der Klienten (insg. 47%) eine Verbesserung erlangten und etwa 20% der Klienten ihre Situation stabilisieren konnten (vgl. Internetquelle).

Die vorliegende Hausarbeit soll das Case Management als Handlungskonzept der systemischen Sozialarbeit in Bezug auf die Arbeit mit Suchtkranken thematisieren. Dabei wird zuallererst ein fiktiver Fall dargestellt. Um ein Fundament zu den Begrifflichkeiten zu schaffen, kommt im Anschluss daran die Systemtheorie zur Sprache. In diesem Zusammenhang wird zunächst erläutert, was Systeme sind, worin sich Systeme unterscheiden und wodurch sich Systeme kennzeichnen. Auch werden der systemisch-konstruktivistische Ansatz und die Bedeutung der Systemtheorie für die Soziale Arbeit erläutert. Daraufhin wird das Case Management beschrieben und anhand der Essentials nach WIßMANN verdeutlicht. Es folgt eine Beschreibung zur Arbeit mit Suchtkranken sowie eine Gesprächssequenz und –analyse zum fiktiven Fall. Die Hausarbeit schließt mit einer Kritik am Konzept ab.

2. Fiktiver Fall

Herr J. ist 28 Jahre alt und arbeitete bis vor Kurzem in einem Friseurstudio als ausgebildeter Friseur. Durch seine polytoxikomane Suchterkrankung blieb er immer häufiger der Arbeit unentschuldigt fern. Dies war für seinen Arbeitgeber untragbar, worauf Herr J. eine fristlose Kündigung erhielt. Durch die plötzliche Kündigung kam es zu ersten Schulden durch ausbleibende Miet- und Stromzahlungen. Dies nahm Herr J. weiterhin nicht zum Anlass, etwas an seiner Situation zu verändern. Weiter ging er mit Freunden aus der Drogenszene und seinem homosexuellen Partner in die Berliner Clubs und feierte die Nächte durch. Herr J.`s Lage eskalierte, als er sich auf einer Party mit einem anderen Mann einließ, sich mit dem HI-Virus ansteckte und sich sein Partner, den er als Liebe seines Lebens bezeichnete, von ihm trennte. Er versuchte seinem Leben ein Ende zu bereiten, indem er unter Drogeneinfluss auf die S-Bahngleise in Berlin sprang. Durch ein Starkstromkabel kam es dabei zu starken Verletzungen mit Verbrennungen dritten Grades. Die S-Bahn erwischte ihn zum Glück nicht. Dennoch lag er rund vier Wochen im Koma, wodurch er dem kalten Entzug entging. Als er nach Wochen aus dem Koma erwachte, wurde er sich erstmals seiner Situation bewusst und fasste den Entschluss etwas zu verändern.

3. Systemtheorie

3. 1. Was sind Systeme?

Wer nach einer Definition des Begriffes „System“ bezogen auf die Soziale Arbeit sucht, bekommt eine Vielzahl unterschiedlicher Auslegungen. Nach einer Definition von BUCKLEY sind Systeme ein Komplex von Elementen oder Komponenten, welche direkt oder indirekt in einem Netz kausaler Beziehung zueinander stehen. Dabei verhalten sich die einzelnen Komponenten mehr oder minder stabil zueinander (vgl. Prewo/ Ritsert/ Stracke 1973, S. 13). Nach HALL und FAGEN ist „Ein System [...] eine Menge von Objekten zusammen mit Beziehungen zwischen diesen Objekten und zwischen ihren Merkmalen.“ (ebd., S. 12). Einfacher noch ist die Beschreibung von G. W. ALLPORT, welcher schreibt: „Nun, ein System – ein jedes System – wird schlicht als ein Komplex von Elementen in Wechselbeziehungen definiert“ (ebd., S. 13). PARACELSUS gibt darüber hinaus noch an, dass ein System ein zusammengesetztes Ganzes ist, welches mehr ist als die Summe seiner Teile (vgl. Mücke 2009, S. 29). Grob zusammengefasst handelt es sich bei einem System also um eine Menge von Elementen, welche irgendwie aufeinander einwirken.

3.2. Worin lassen sich Systeme unterscheiden?

Wichtig ist zunächst die Unterscheidung zwischen toten, trivialen Systemen wie z.B. Maschinen und lebenden, nichttrivialen Systemen wie z.B. Leben, Bewusstsein und Kommunikation (vgl. Lambers 2010, S. 190). Während sich triviale Systeme nicht verändern, verändern sich nichttriviale Systeme durch die Konfrontation mit den umgebenden Systemen. Dabei verfügen sie über eine unendlich große Bannbreite an Verhaltensmöglichkeiten, welche von außen nicht genau analysiert werden können (vgl. Schlippe/ Schweizer 2007, S. 55).

Nach dem ökosystemischen Ansatz von BRONFENBRENNER lassen sich Systeme außerdem durch ihre Reichweite unterscheiden. Dabei wird von Mikro-, Meso-, Exo-, Makro- und Chronosystemen gesprochen. Das Mikrosystem ist das primäre Bezugssystem eines Klienten. Dort „...sind die unmittelbaren Beziehungen und Aktivitäten einer Person angesiedelt. Für ein Kind können das die eigene Kernfamilie, Freunde, auch Lehrer sein und die Spiel- und Schulaktivitäten.“ (Woolfolk 2008, S. 92). Bezogen auf den fiktiven Fall ist J. das Betrachtungs- bzw. Bezugssystem. Sein primäres Mikrosystem sind beispielsweise seine Kernfamilie und seine engen Konsumbekanntschaften. Das Mesosystem bezeichnet die Wechselwirkungen und die Beziehungen zwischen den Komponenten des Mikrosystems. Sowohl die Beziehungen innerhalb des Mikrosystems als auch die innerhalb des Mesosystems sind reziprok, bestehen also beidseitig (vgl. Hurrelmann/ Grundmann/ Walper 2008, S. 338). In unserem fiktiven Fall interagieren demnach die Mikrosysteme „Konsumfreunde“ und „Eltern“ und bilden somit das Mesosystem. Das Exosystem bezeichnet die sozialen Umwelten ohne direkte Auswirkung auf das Referenzsystem. BRONFENBRENNER schreibt selbst: „Unter einem Exosystem verstehen wir einen oder mehrere Lebensbereiche, an denen die sich entwickelnde Person nicht selbst beteiligt ist, in denen aber Ereignisse stattfinden, die diejenigen in ihrem Lebensbereich beeinflussen oder von ihnen beeinflusst werden.“ (Bronnfenbrenner 1989, S. 224). Dies ist beispielsweise der Fall, wenn die Mutter von J. zu einer Suchtberatungsstelle geht, um sich dort informieren zu lassen. Zwar ist J. als Referenzsystem nicht teil dieser Beziehung, doch wirkt sich die Beratung der Mutter indirekt auch auf J. aus, indem diese sich beispielsweise von ihm entfernt, um der Co-Abhängigkeit zu entgehen. Ein Exosystem kann darüber hinaus auch zu einem Meso- bzw. Mikrosystem werden, indem sich beispielsweise J. von seiner Mutter überreden lässt zur Beratung zu gehen und die Beratung ein direkter Bestandteil seines Lebens wird. Das Makrosystem bezeichnet das Gesellschaftssystem und damit gesellschaftliche Normen, Traditionen, Moralvorstellungen, religiöse Ansichten, den rechtlichen Rahmen etc. (vgl. Woolfolk 2008, S. 92). Das Chronosystem wird auch als zeitliche Dimension bezeichnet, welche Individuum und Umwelt gleichermaßen beeinflusst. Diese Systemebene wurde jedoch erst in späteren Arbeiten Bronfenbrenners systemisch mitgedacht. Alle genannten Systemreichweiten stehen zueinander in Beziehung und können nicht getrennt voneinander betrachtet werden (vgl. Hurrelmann/ Grundmann/ Walper 2008, S. 338).

Neben der Unterscheidung zwischen lebenden und nichtlebenden Systemen, sowie die zwischen den Systemreichweiten gibt es noch eine dritte Möglichkeit, die hier erläutert werden soll. Denn nach SCHLIPPE und SCHWEIZER werden Systeme außerdem durch ihre Ebenen unterschieden. Hierbei wird von Subsystemen gesprochen, also kleineren Systemteilen. Diese werden gebildet, um die Stabilität des Systems zu gewährleisten. Die Hierarchie der einzelnen Systemteile muss dabei nicht zwangsweise von außen nach innen erfolgen. Als Sozialarbeiter ist es wichtig zu untersuchen, welche Subsysteme vorhanden sind und welche Beziehungen für die Fallbearbeitung relevant sind. Bezogen auf unseren fiktiven Fall wäre J. das Referenzsystem mit seinen eigenen Wechselwirkungen. Demnach kann J. beispielsweise nach längerer Konsumpause entzügig werden was ihm schlechte Laune bereitet. Er und seine Familie mit Mutter, Vater und Schwester bilden ein Familiensystem. Hierbei wirken sich die Wechselwirkungen innerhalb der Familie auf das Referenzsystem J. aus und auch J. beeinflusst seine Familie. Innerhalb des Familiensystems bilden sich Subsysteme, um die Stabilität zu gewährleisten. Beispiele für solche Subsysteme könnten ein Geschwistersystem von J. und seiner Schwester sein oder ein Elternsystem. Jedes System nimmt dabei auch wieder Einfluss auf die anderen Systeme.

3.3. Wodurch kennzeichnen sich Systeme?

Weiter Bedarf es vier wichtiger Begriffe, um die Systemtheorie zu verstehen und zwar die Komplexität, die Kontingenz, die Autopoiese und die Emergenz.

[...]

Details

Seiten
19
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656332619
ISBN (Buch)
9783656333142
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v206002
Institution / Hochschule
Fachhochschule Lausitz in Cottbus – Methodische Grundlagen der Sozialen Arbeit
Note
1,0
Schlagworte
Casemanagement Sucht Suchtkranke Systemische Sozialarbeit Systemtheorie Soziale Arbeit Sozialarbeit Case Management

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Systemische Sozialarbeit - Case Management in der Arbeit mit Suchtkranken