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Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Trennung von Politik und Religion als Königsweg?! – Entstehungund Merkmale des Laizismus

3. Atatürks Vision von einer neuen Türkei?! – Entstehung und Auslegung des Laizismus bzw. Kemalismus

4. Die Abkehr von der Vision?! – Ausübung und Verständnis des

Laizismus heute

5. Kontrollorgan oder Religionsbeschützer?! – Das Diyanet und seine Aufgaben

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der Geschichte der Türkei zeichnete sich seit der Staatsgründung der Republik 1923 eine westliche Orientierung ab. Diese Haltung herrscht bis heute vor und wird durch die Bitte zum EU-Beitritt untermauert. Atatürk bewirkte damals eine radikale Umwälzung des Systems, weshalb es „scheint [, dass die türkische Republik] als einziger Staat der Region mit dem islamischen Erbe gebrochen [hat].“[1]

Der Laizismus wurde in der Verfassung verankert und spielt „eine wichtige Rolle als Element der kemalistischen Staatsideologie, Leitlinie für Reformmaßnahmen und Objekt politischer Diskussionen und Auseinandersetzungen“[2]. Allerdings kommt es durch die Ausübung des Laizismus zu zwei Spannungslinien. „[Zum einen] die Einbindung der demokratisch legitimierten islamischen Bewegungen in die türkische Politik […] [und zum anderen] die gleichzeitige Beibehaltung der streng kemalistisch-laizistischen Staatsdoktrin.“[3] Die Ausübung des Laizismus und der Versuch den muslimischen Glauben damit zu verbinden, war für die Regierungen nach Atatürk immer eine Gratwanderung.

Dem derzeitigen Premierminister Recep Tayyip Erdoğan wird takkiye, „die Verschleierung des Glaubens durch Täuschung“[4] vorgeworfen, was bedeutet, dass religiöse Einflüsse in der Politik wiederzufinden sind, die dem Laizismus widersprechen und dadurch eine heimliche Islamisierung des Staatsapparates vollziehen.

Daher soll in dieser Arbeit der Frage nachgegangen werden „Wie laizistisch ist die Türkei tatsächlich?“. Um diese Fragestellung zu beantworten wird zunächst allgemein betrachtet, wie sich Laizismus definiert und wie er entstanden ist. Danach wird verdeutlicht, wie der Laizismus in der Türkei eingeführt wurde und welche Ziele der damalige Staatsgründer Atatürk damit verfolgte, „weil [dieser] die Politik der frühen Phase der Türkischen Republik prägte und [seine Auslegung des Laizismus] auch heute noch (theoretisch) als das offizielle Laizismusverständnis gilt“[5]. Anschließend erfolgt eine Darstellung der heutigen Ausübung und des politischen Verständnisses der Türkei um dann im letzten Analyseteil dieser Arbeit die Aufgaben des Diyanets, dem Präsidium bzw. Amt für religiöse Angelegenheiten, dass die Religionsausübung im Land überwacht, genauer zu veranschaulichen. Im Fazit werden dann noch einmal die wichtigsten Punkte zusammengefasst und versucht, die Forschungsfrage zu beantworten.

2. Trennung von Politik und Religion als Königsweg?! - Entstehung und Merkmale des Laizismus

Der Begriff Laizismus stammt vom griechischen laikos ab, was so viel bedeutet wie die, die zum Volk gehören oder Nicht-Geistliche, also einfache Menschen, weshalb man Laizismus mit „Herrschaft der Nicht-Geistlichen“ übersetzen kann[6]. Diese Bewegung entstand im 19. Jahrhundert, „um die Geistlichkeit von allen nicht unmittelbaren kirchlichen Angelegenheiten auszuschließen“[7]. Vorreiter waren die Franzosen, die sich vor allem von der katholischen Kirche und ihren Geistlichen abgrenzen wollten. Daraus entstand das Trennungsgesetz von 1905, dass als Beginn der Ausübung des Laizismus zählt[8]. In diesem Trennungsgesetz regelte die französische Republik das Verhältnis zwischen Staat und Religion, weshalb es in der Verfassung von 1958 heißt: „Frankreich ist eine unteilbare, laizistische, demokratische und soziale Republik. Sie garantiert die Gleichheit vor dem Gesetz für alle Bürger, unabhängig von Herkunft, Rasse oder Religion. Sie respektiert jede Glaubensrichtung“[9].

Unter Laizismus versteht man allgemein „eine antiklerikale Weltanschauung und Ideologie, die auf säkularen Prozessen basiert. Er sieht die strikte institutionelle Trennung von Staat und Religion, also von politischer und religiöser Autorität, vor. Demnach hält sich der laizistische Staat […] aus religiösen Belangen komplett heraus.“[10] Dabei sollte Religion oder die Kirche keinen Einfluss auf das öffentliche Leben ausüben. Moralische Fragen, die das Zusammenleben und richtige Handeln betreffen, sollen ohne Bezug auf eine bestimmte Religion oder Gottheit diskutiert werden[11]. Der Laizismus ist nicht gegen Religionsausübung an sich, sondern verlangt nur, dass Religion die Privatangelegenheit eines jeden Bürgers für sich selbst ist und ein anderer durch ihre Ausübung nicht beeinträchtigt werden darf[12]. Dadurch verschwinden auch religiöse Symbole aus dem öffentlichen Leben wie Kruzifixe oder das Kopftuch, die außerhalb des privaten Bereichs nicht gezeigt werden dürfen.

Eine Begriffsdefinition von Laizismus wurde jetzt festgelegt, weshalb im nächsten Punkt der Arbeit auf die Entstehung des Laizismus bzw. Kemalismus in der Türkei eingegangen wird.

3. Atatürks Vision von einer neuen Türkei?! - Entstehung und Auslegung des Laizismus bzw. Kemalismus

„Unter Führung des späteren Republikgründers Mustafa Kemal Pascha (Atatürk) begann im Mai 1919 der nationale Unabhängigkeitskampf“[13], der schwerwiegende Folgen für das Land und die türkische Bevölkerung nach sich zog. „Ideologische und praktische Basis des Unabhängigkeitskampfes war der Islam, der alle ethnischen Gruppen islamischer Religionszugehörigkeit zu einer Solidargemeinschaft zusammenfasste.“[14] Die Folge davon war die Neugründung des türkischen Staates als laizistisch verfasste Republik. Vorbild war die französische Republik, die als erstes Land den Laizismus einführte und von den Kemalisten[15] als laiklik verwendet wurde[16]. Durch die Umwälzung des Systems sollte der Vielvölkerstaat vor dem Auseinanderbrechen bewahrt und ein einheitliches Bürgertum geschaffen werden[17]. Außerdem sollte „jeder, unabhängig von seiner ethnischen, religiösen oder sprachlichen Herkunft, […] „Türke“ und somit gleichberechtigtes Mitglied der türkischen Nation sein.“[18]

Die Begründung für die enormen Veränderungen sah Atatürk in der „Geisteshaltung“, die er folgendermaßen erläuterte: „Der unanfechtbare Grund für alle unsere Elendserscheinungen ist das Problem der Geisteshaltung. […] Alle Bemühungen einer Gesellschaft, deren Geisteshaltung schwach, unhaltbar, fehler- und mangelhaft ist, sind vergebens. Ich muß gestehen, daß die islamischen Länder vom Osten bis zum Westen unter den Füßen der Feinde zermalmt wurden und in die Fesseln der Unterdrückung des Feindes gerieten, weil in den Gesellschaften der islamischen Welt nur lauter falsche Geisteshaltungen vorherrschten.“[19] Weiterhin merkt er in dieser Rede an, dass eine große Gefahr von fanatisch islamischen Gelehrten ausgeht, die den Islam zur Machtausübung instrumentalisieren[20].

Gerade die Abschaffung des Kalifatsamtes 1924, die daraus resultierte, war einschneidend für den sunnitischen Islam, weil so „eine sich religiös, erbcharismatisch legitimierend rekrutierende Machtelite aus dem Hause der Osmanen ausgeschaltet, verbannt, deprivilegiert und enteignet [wurde]“[21]. Dies bedeutete auch, dass man die weltliche Vertretung Allahs auf Erden absetzte[22]. Atatürk wurde durch sein Bestreben eines neuen türkischen Nationalverständnisses erster Präsident der Türkischen Republik, die 1923 ausgerufen wurde. „Unmittelbar nach der Staatsgründung (1923) begann die kemalistische Kulturrevolution und Erziehungsdidktatur mit dem Ziel der Verwestlichung, die in ihrer Radikalität kein anderer muslimischer Staat erlebt hat.“[23] Drei große Veränderungen wurden dabei durchgeführt: Zum Ersten war der Islam nicht mehr Staatsreligion, zweitens wurde die Religionsausübung in den privaten Bereich verwiesen und drittens sollte der Laizismus die Modernisierung der türkischen Gesellschaft antreiben[24]. Bei dieser Modernisierung des Systems wurde u.a. das Bildungssystem reformiert und säkulare Schulen wurden eingeführt, die einheitliche nationale Lerninhalte lehrten[25]. „[Es] wurden alle Koranschulen [und] religiöse Orden […] geschlossen.“[26] Daher gab es zwischen 1933 und 1948 keine Möglichkeit zum Religionsstudium. „[Weiterhin wurde] das islamische Recht [die Scharia] ersetzt durch das schweizer Zivilrecht, das deutsche Handels- und Wirtschaftsrecht und das italienische Strafrecht; die arabische Schrift wurde durch die lateinische ersetzt und die islamische Zeitrechnung durch den gregorianischen Kalender; das aktive und passive Frauenwahlrecht wurde eingeführt, ebenso die allgemeine Schulpflicht; Vorschriften zur Förderung eines westlichen Bekleidungsstils wurden erlassen und das Tragen von religiöser Kleidung in öffentlichen Räumen verboten […].“[27] Außerdem erfolgte die Abschaffung des 2. Artikels der Verfassung „„Die Religion des Staates der Türkei ist der Islam“, was als eindringliches Zeichen gewertet werden kann“[28]. Diese Veränderungen sollten die religiöse Identität schwächen und gleichzeitig eine neue nationale Identität schaffen. „Zwar gab es – teils heftigen – Widerstand gegen die Reformen, vor allem im kurdischen Südosten des Landes, dennoch entwickelte sich keine landesweite Massenbewegung daraus, die das kemalistische Zivilisationsprojekt ernsthaft hätte gefährden können“[29]. Die Mehrzahl der Bürger hatte die Unterwerfung der Religion unter den Staat anerkannt. Weitere Änderungen waren auch das Staatsmonopol auf Alkohol, das Verbot von religiösen Inschriften an öffentlichen Gebäuden und die Verlegung der Hauptstadt nach Ankara[30].

[...]


[1] Jung, Dietrich: Staat und Islam im Mittleren Osten, in: Minkenberg, Michael; Willems, Ulrich (Hrsg.): Politik und Religion, Politische Vierteljahresschrift, Sonderheft 33/2002, Wiesbaden 2003, S. 207-227 (216)

[2] Wedel, Heide: Der türkische Weg zwischen Laizismus und Islam, Opladen 1991, S. 11

[3] Karakas, Cemal: Türkei: Islam und Laizismus zwischen Staats-, Politik- und Gesellschaftsinteressen, HFSK- Report 1/2007, Frankfurt am Main 2007, S. 1

[4] ebd., S. 31

[5] Wedel, Der türkische Weg zwischen Laizismus und Islam, S. 13

[6] Müller-Neuhof, Jost: Was ist Laizismus? (24.10.2010), http://www.tagesspiegel.de/politik/staat-und-religion-was-ist-laizismus/1965070.html (aufgerufen am 30.07.2012)

[7] Laizistische Organisation: Laizismus-Laïcité-Laicismo, http://www.laizismus.de/ (aufgerufen am 30.07.2012)

[8] Müller-Neuhof, Was ist Laizismus?

[9] France.fr: Die Trennung von Kirche und Staat als Grundwert und wesentliches Prinzip der Republik gilt als französische Erfindung, http://www.france.fr/de/institutionen-und-werte/fiche-synthetique/laizismus-und-religionsfreiheit (aufgerufen am 30.07.2012)

[10] Karakas, Türkei: Islam und Laizismus, S. 8

[11] vgl. Was ist Was: Laizismus – Trennung von Staat und Kirche, http://www.wasistwas.de/geschichte/die-themen/artikel/link//d69c970885/article/laizismus-trennung-von-staat-und-kirche.html (aufgerufen am 30.07.2012)

[12] vgl. ebd.

[13] Künnecke, Arndt: Umgang mit Minderheiten in der Türkei, in: Gieler, Wolfgang; Henrich, Christian Johannes (Hrsg.): Politik und Gesellschaft in der Türkei. Im Spannungsverhältnis zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Wiesbaden 2010, S. 103-124 (107)

[14] Adanir, Fikret: Geschichte der Republik Türkei, Mannheim 1995, S. 27

[15] Kemalisten: Anhänger Atatürks und seiner Doktrin

[16] vgl. Wedel, Der türkische Weg zwischen Laizismus und Islam, S. 11

[17] vgl. Gümüş, Burak: Werte und Normen im Kemalismus, in: Gier, Wolfgang; Henrich, Christian Johannes (Hrsg.): Politik und Gesellschaft in der Türkei. Im Spannungsfeld zwischen Vergangenheit und Gegenwart, S. 27-52 (31)

[18] Künnecke, Umgang mit Minderheiten in der Türkei, S. 109

[19] Wedel, Der türkische Weg zwischen Laizismus und Islam, S. 17, aus: Atatürk’ün Söylev ve Demeçleri (SD), Bd. 2: T.B.M.M. ve CHP Kurultayları dışıbda olarak devlet merkezinde ve memleket içinde 1906-1938, Istanbul 1952

[20] vgl. Wedel, Der türkische Weg zwischen Laizismus und Islam, S. 17f.

[21] Gümüş, Werte und Normen im Kemalismus, S. 36

[22] vgl. Özdemir, Cem: Die Türkei. Politik, Religion, Kultur, Weinheim 2008, S. 61

[23] Karakas, Türkei: Islam und Laizismus, S. 9

[24] vgl. Wedel, Der türkische Weg zwischen Laizismus und Islam, S. 26f.

[25] vgl. Agai, Bekim: Islam und Kemalismus in der Türkei, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B33-34/2004 (9. August 2004), S. 18-24 (18)

[26] Karakas, Türkei: Islam und Laizismus, S. 9

[27] ebd.

[28] Dumanlı, Çiğdem: Das Verständnis von Volk, Staat und Religion der Türkei. Laizismus versus Islamismus 1839-2006, Marburg 2008, S. 88

[29] Karakas, Türkei: Islam und Laizismus, S. 9

[30] vgl. Koenig, Matthias: Religiosität in laizistischen Staaten Europas, S. 401

Details

Seiten
21
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656327264
ISBN (Buch)
9783656327844
Dateigröße
582 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v205828
Institution / Hochschule
Technische Universität Kaiserslautern
Schlagworte
laizismus türkei

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Titel: Laizismus in der Türkei